Wer ist hier der Chef?

Frohen Mutes schreite ich zur dritten Chemo. Meinen Onki frage ich, ob sich wohl die Tumorzellen um die Chemo kümmern, wenn schon mein „gesunder“ Körper nicht gross darauf reagiert? Wenn die sich auch nicht um das bisschen Eibengift scheeren, ist das Ganze für nichts. Er beruhigt mich (oder versucht es zumindest), dass man dies nie vorher sagen kann. Erst das PetCt am Ende der Chemo wird zeigen, wie ich darauf angesprochen habe. Die Tumormarker werden ohnehin regelmässig getestet, und diese seien schon zurück gegangen.

Entspannt liege ich am Tropf, ein Kaffee zu meiner Rechten sowie Wasser, und ein Druckereierzeugnis, welches mich auf den neuesten Stand über die Skandale der europäischen Königshäuser bringt, in den Händen. Carolines Mann ist immer noch untergetaucht (Glück oder Pech für die Frau?), die Brieten warten auf Nachwuchs, die Schweden sind friedlich – allerlei wichtiges lese ich hier.

Es wird warm. Es wird sehr warm. Es geht von unten rauf los. Und während ich noch überlege, ob ich das jetzt mal melden sollte, oder ob ich die Chemodamen bei ihrer Arbeit nicht stören sollte wegen ein bisschen warm, stehen sie schon bei mir.

Von hier weg weiss ich nur noch, dass ich mich aufgerichtet habe und gesagt „Helft mir, ich kriege keine Luft mehr“. Die Infusion wird unterbrochen, Kortison, gespritzt, ein Antiallergikum, irgendwas zur Beruhigung auch. Plötzlich steht auch Onki neben mir. Oha, trotz des reduzierten Sauerstoffzuflusses in mein Hirn realisiere ich: Gefahr in Verzug, oder eigentlich schon im Vollzug (Seppolog) – wenn Onki bemüht wird. Er sollte erfahrungsgemäss mit einem Patienten ein Gespräch führen.  Er hält mir etwas in den Mund und befiehlt – durch den Mund atmen – wenn es geht.

Ein Patient zu meiner linken starrt ziemlich unverblümt zu mir herüber, vermutlich ist er froh über die Abwechslung, ist doch das da liegen bei einer Chemo eine eher öde Sache.

Ich meinte, dass ganze hätte rund eine viertel Stunde gedauert – ich werde eines besseren belehrt – rund drei viertel Stunden habe ich rumgezickt. Auch eine Tablette, welche ich unter die Zunge legen muss, kriege ich noch. Und ich werde müde, sehr, sehr müde.

Der Blutdruck wird kontrolliert, die Sauerstoffsättigung der Lunge auch, ich kriege Sauerstoff in die Nase geblasen. Verdrahtet wie ein Roboter…..

Die Natur verlangt ihr Recht – ich muss auf die Toillette. Die Chemodamen halten gar nichts davon, ich soll noch ein wenig liegen bleiben. Ok. Nicht lange später – doch ich muss, sonst gibt es was zum aufputzen. Ich darf aufsitzen. Und dann die erste Kraftanstrengung – die Augen öffnen. Nie im Leben dachte ich, dass dies dermassen anstrengend sein kann, es erklärt aber auch, warum mir bis anhin immer schwarz vor den Augen war.  Wir machen uns auf den Weg, rechts und links eine Dame, hinter mir noch ein Arzt, falls ich kippe. Alle sind sie kleiner als ich. Und ich hämmere mir ein – alles, nur nicht umfallen, egal in welche Richtung ich falle, die betreffende Person würde von mir zermalmt werden.

Es sind rund vier, fünf Meter ins WC – mir kommt es wie ein Dauerlauf vor. Und dass ich nicht auf der Höhe bin stelle ich daran fest, dass es mir durch und durch egal ist, dass ich nicht mal auf dem WC allein gelassen werde.

Irgendwie schaffe ich / schaffen wir es zurück zu meinem Fernsehstuhl. Onki kommt um die Ecke und ruft – noch immer nicht besser? Sehe ich so erbärmlich aus? Ich strecke meinen Daumen in die Höhe – reden geht noch nicht. Vermutlich hat ihn das nicht überzeugt.

Ich muss meinen Vorgesetzten informieren, so wie ich das sehe wird das nichts mehr mit arbeiten heute. Die Chemodamen bieten sich für das Telefonat an. Das schaffe ich noch selber. Wie immer ist er unkompliziert, mein Satz, ich kann heute nicht zur Arbeit kommen, es tut mir leid, reicht ihm völlig. Er wird organisieren. Keine dummen Fragen warum, kein Vorwurf, ob ich das nicht früher gewusst hätte.

Alles in allem liege ich neun Stunden in der Onkologie. Bin eine der Letzten, die nach Hause geht. Mit selber fahren ist natürlich nichts. Mein treuer Fahrdienst kommt, mit einer lieben Kollegin dabei – mein Auto will ja auch nach Hause.

Später erfahre ich, dass Onki noch während meines Anfalls mit Kollegen vom Tumorboard telefoniert hat… Erfahrungsaustausch?

Das also ist eine allergische Reaktion. Passiert mir das zu Hause, wäre ich unweigerlich erstickt (=anaphylaktischer Schock). Wobei, die Chance, dass ich mir zu Hause eine Infusion setze ist ja verschwindend gering.

Ich beginne zu überlegen. Es war ein Antikörper, auf den ich plötzlich heftig reagierte. Wenn ich diesen nun nicht mehr vertrage sehe ich meine Lebenserwartung vor sich hin schrumpfen. Das bringt mich ins grübeln, das macht mir Angst. Zu unbedarft bin ich an meine Krankheit heran gegangen. Dachte keine Schmerzen – alles i. O. Gar nichts ist i. O. Heute wurde mir vor Augen geführt, wie schnell aus dem Körper ein hilfloser Haufen nichts wird.

Onki hat’s erzählt, von wegen allergischer Reaktion. Nur war für mich bis anhin eine allergische Reaktion auch ein Fleck auf dem Handrücken. Ist es nicht. Eine allergische Reaktion ist stets eine lebensbedrohende Situation, welche übel ausgeht, wenn man nicht sofort medizinische Gegenmassnahmen ergreift.

Die Gedanken rotieren, die Angst vor noch früher über den Jordan gehen wächst.

Das erste Mal machen ich Gebrauch von er 24/7 Notrufnummer meines Onkis, Samstags um sieben Uhr abends. Sein Kollege hat heute Telefondienst. Er weiss worum es geht. Er versucht mich geduldig und für meine Angst Verständnis zeigend mit medizinischen Fakten zu beruhigen – es gelingt ihm nur bedingt.

Sehen wir weiter – in drei Wochen….

 

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