Archiv | Juni 2016

Instinkte

Mitten in der Nacht wache ich auf. Warum wache ich auf? Kein Gewitter, draussen könnte man eine Stecknadel fallen hören. Also?

Meine Nase juckt. Ja und? Man kann ja nicht wegen jeder kleinen Juckerei aufwachen, oder? Schlaftrunken mache ich Licht, grapsche nach Taschentücher und halte sie mir unter die Nase. Punktlandung. Es beginnt zu bluten. Mittlerweile regt mich das nicht mehr auf, ich liege auf der Seite, wechsle einmal das Taschentuch, und es hört wieder auf – und weiter geschlafen.

Ob es möglich ist, dass man wie Mütter bei Kindern einen Instinkt entwickelt für seinen Körper? Das man mit der Zeit weiss, wann ein Zipperlein nur ein Alterszipperlein ist – und wann es ernsthaft ist und Onki zu melden?

Zu Beginn meiner Diagnose überkam mich die reine Panik wenn es irgendwo ein bisschen zwickte. Knochenmetastasen – Glasknochen – Knochenbruch…., so mein Gedankengang. Irgendwann wurde mir klar, dass ich davon weg kommen muss. Schliesslich hat jeder in meinem Methusalemalter seine Zipperlein.

Ich habe null Erfahrung mit Bachblüten, Schüssler Salze, Globulis usw. Wenn mir etwas weh getan hat, dann bin ich zum Arzt, zur guten, alten Schulmedizin, und dies hat mir geholfen. Immer.

Eine Kollegin mit Krustentierchen teilte mir mit, dass sie vermutlich  irgendwas komplementäres machen wird, einzig, dass die „guten“ Ratschläge in ihrem Umfeld aufhören. Auch eine Möglichkeit.

Es gibt sie, die lieben Mitmenschen, die einem Tips und Tricks für so eine banales Krustentierchen unaufgefordert zukommen lassen. Nicht selten sind es diejenigen, die Bescheid wissen über jedes Nahrungsergänzungmittel, Erkältungsmittel stets aus dem Naturladen beziehen, grundsätzlich Bachblüten gegen allgemeine Müdigkeit nehmen, sich sehr gesund ernähren (und immer wissen, wann Mc Donalds irgendeine Aktion auf den Markt wirft)  – und nachweislich mehr Kranktage im Geschäft haben als ich. Trotz Chemo, OP und Bestrahlung meinerseits.

Solange es mir körperlich gut geht – die kleinen Wehwehchen sind einzeln zu wenig zum jammern, in der Summe lästig und zeitraubend – lasse ich es laufen wie es läuft.

Vielleicht passt hier in Sachen Komplementärmedizin ein Faust Zitat:

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

 

Dieser Eintrag wurde am 29. Juni 2016 veröffentlicht. 3 Kommentare

Schmieren und salben

… hilft allenthalben.

Und so komme ich nach der Hautpflegeberatung mit zwei zusätzlichen Salben nach Hause. Salben – nicht Cremes. Einmal Aloe Vera direkt nach der Bestrahlung auftragen, plus zwei Mal eine Wund-Heil-Salbe. Deo darf ich benutzen (dachte schon, ich werde diesen Sommer zur einseitigen Stinkbombe – doch nicht).

Zusätzlich darf ich nicht in die Sonne (das Cabi bleibt also zu und ich werde zum Nachtschattengewächs), nicht zu heiss duschen, und auch nicht zu lange, so wie nicht baden, keine engen Kleider, und auch der BH sollte nicht zu eng sein. Zu Hause am besten ganz weg, damit Luft dazu kommt. (Da muss Luft ran – und schon hatte Tom Hanks in Cast away ein Feuer – falscher Gedanke…. falscher Gedanke….)

Dummdreist dachte ich, nach der Chemo wird es lockerer. Gar nix wird lockerer. Abends mache ich auf Junkie und setze mir eine Spritze. Dann werden noch die Füsse eingeschmiert – das Hand-Fuss-Syndrom wird schlimmer, und das ich gestern blöderweise Schuhe mit einem kleinen Absatz getragen habe, hat mir prompt eine Blase bescheert – pro Fuss. Der Kopf verlangt auch nach Hilfe – trockene Haut, juckt wie blöde.

Und morgens geht es weiter, die Füsse schmieren, die bestrahlte Region, den Kopf auch, der Nabel besonders vorsichtig trocknen damit die Narbe von der Bauchspiegelung nicht entzündet, die Calciumtabletten nehmen, die flachsten Schuhe anziehen, die Perücke nicht vergessen, Kompressionsstrümpfe auch – und schon kann der Tag beginnen.

Irgendwie wird das ganze kompliziert.

Netterweise wurde mir auch noch mitgeteilt, dass meine Haut ganz sicher rot, sehr rot, wenn nicht sogar offen wird – da, wie gesagt direkt bestrahlt. Es hätte durchaus gereicht, wenn man mir dies als mögliche Nebenwirkung mitteilt, nicht als „must have“. Ein Grund mehr für mich zu schmieren was das Zeug hergibt.

Wie komme ich nur auf den Gedanken das nichts mehr geschehen kann nach einer Chemo. Immer noch gehe ich vom Besten aus – also rechne ich mal mit ein bisschen rot – und fertig, als Bestrahlung meiner Wahl. Was anderes wird nicht akzeptiert.

 

 

Änderungen

Erst drei Bestrahlungen – und schon wird alles geändert. Will heissen, die ganzen Markierungen – so zwölf an der Zahl – werden entfernt und es wird neu darauf los gemalt als gäbe es kein Morgen. Siebzehn neue Striche, Kreise, Kreise mit einem Kreuz, kommen nun dazu. Manche Zeichen erinnern mich an maritime Zeichen, manche sehen nur aus als ob ein nicht ausgeschlafenes, dreijähriges Kind das erste Mal etwas zum schreiben in den Händen hat. Damit es nicht ganz so traurig aussieht ist das ganze in schwarz, grün und rot gestaltet.

Gezwungenermassen sind meine Ausschnitte bei Kleidern „normal“, nicht übertrieben gross. Waren sie auch nie. Trotzdem ist jetzt mein Ausschnitt auch bemalt. Drei der Markierungen sind unmöglich zu bedecken. Ich denke mal, wenn Fragen auf mich zukommen was das sei werde ich etwas kreatives antworten. Nachbars Kinder haben mich schlafend im Liegestuhl erwischt, z. B. Oder ich sei volltrunken über meinen mit Filzstiften übersähten Bürotisch geknallt. So in etwa. Zu sagen, das seien Bestrahlungsmarkierungen ist öde. Und aus Erfahrung weiss ich, die meisten Leute verstummen betroffen.

Als mir eine Kollegin nach der Brust Opteration über den Weg lief und sie fragte, wie es mir geht meinte ich, es lebt sich nicht schlechter mit einer Brust – war Funkstille. Oh, sie wusste gar nicht, dass ich operiert wurde. Ich muss lernen, differenzierter zu erzählen. Manchmal scheinen die Leute wie paralysiert….

Ich schweife ab…..

All die Markierungen sind mit durchsichtige Klebstreifen fixiert. Und natürlich, die gwöhnlichen sind nicht sooooo gut für mich, da habe ich schnell eine gerötete Stelle, also brauche ich die antiallergischen, welche aber nicht ganz so gut halten. Trotdem, sie können es immer noch mit einen High-Speed-Tape aufnehmen. (Hierbei handelt es sich vereinfacht gesagt um Klebestreifen, die beim verarzten von Flugzeugen benutzt werden.)  Beim entfernen der Klebstreifen habe ich immer das Gefühl eine Haarentfernung light gratis dazu zu kriegen.

Mein Speedmaster ist mir unheimlich. Er dreht, er röchelt, er kommt näher und wieder weg. Die Bildschirme rechts und links ebenfalls. Ständig werden Kontrollaufnahmen gemacht…. Man sieht und riecht nichts. Vielleicht ist es alles nur Scharlatanerie?? Ist ja wie wenn man ein Auto zum Service bringt. Da weiss man auch nicht, ob die überhaupt die Motorhaube geöffnet haben. Und beim Speedmaster sieht man auch keine Strahlen, nichts.

Von Zeit zu Zeit bleibt er verhältnismässig lange in einer Position stehen. Auch genau über mir. Dann frage ich mich, ob so ein Ding schon mal gebrochen ist. Gibt es eine Sollbruchstelle? Und wenn ja, wird einem der Kopf zerschmettert, oder doch nur der Brustkorb zermalmt. Wenn es so wäre, müsste ich mir keine Gedanken über den Verlauf der Bestrahlung machen.

Dieser Eintrag wurde am 26. Juni 2016 veröffentlicht. 5 Kommentare

Auf geht’s

… mit der ersten Bestrahlung.

Pünktlich sitze ich, wo ich sollte. Ein Mitarbeiter kommt mich holen und führt mich auf direkten Weg in eine Umkleidekabine. Oben rum gerne frei machen, heisst es.

Ich komme in das Allerheiligste – wo der Linearbeschleuniger steht. Ich nenne das Gerät lieber meinen Speedmaster. Rechts oben an der Decke hängen zwei Bildschirme wovon ich in einem mein Konterfei sehe – also wird das wohl eher eine seriöse Bestrahlung – und nicht ein verzweifeltes suchen nach der Prostata.

Zwei verhältnismässig junge Mitarbeiter machen sich an mir zu schaffen, für mich sind es meine Photonenhexer. Sie schieben mich hierhin und dorthin – ich darf wieder nicht mithelfen – und bemalen mich noch zusätzlich. Auch Pflaster kommen dazu.

Im Gegensatz zu MRI’s, PetCt’s, Ct’s usw. werde ich nicht in eine Röhre geschoben – der Speedmaster dreht sich um mich. – dreiteilig kommt er näher und wieder weg – ohne mich je zu berühren, und erinnert mich damit an die Bürsten in einer Autowaschanlage. Es klingt irgendwie danach als ob man sehr kleine Nägel in einer Blechbüchse schüttelt.

Irgendein Scherzkeks hat es wohl gut gemeint als er in die Decke einen beleuchteten Himmel mit ein paar Schäfchenwolken und einer Baumkrone montierte – mich erinnert es nur daran, dass heute der erste Hitzetag im Jahr ist – und ich diesen mit einer Bestrahlung beginne.

Im grossen und ganzen ist es eine kurze Sache – ich schätze mal so fünf Minuten.

Es geht runter von der Liege. Ob ich den Speedmaster fotographieren darf? Da müsste ich den Arzt fragen. Hackordnung – will mir fast rausrutschen –  kann es aber noch bremsen.

Mit den zwei Photonenhexer habe ich vermutlich bald mal sämtliche Nationalitäten Europas durch. Und alles sind sie nett und zuvorkommend.

Morgen geht es weiter – Bestrahlung steht nun ausser Sonntag täglich auf dem Plan. Somit muss ich mir keine Sorgen machen wie ich die nächsten Wochen rum kriege.

 

 

Noch etwas klären

Mein Profischlitzer holt mich im Wartezimmer ab. Ob er mich auch MIT Kleider wieder erkennt? Die letzten zwei Mal war ich spärlich bekleidet – einemal auf dem OP Tisch, und einmal in der Dusche. Doch, er kommt direkt auf mich zu. Erleichternd kommt vielleicht noch der  Umstand dazu, dass ich alleine im Wartezimmer sitze.

Noch während er mir die Türe aufhält strahlt er mich richtiggehend an und  meint, er hätte eine gute Nachricht, die Zyste war gutartig, also ein Tumor, ein gutartiger – ich werde sie als meinen Zystenfussball in Erinnerung behalten. Fussball deshalb, weil mein Profischlitzer mehr als einmal meinte, er wäre in etwa diese Grösse gewesen.

Er will sich die Narben noch ansehen. Ein schiefer Blick meinerseits – die seien in Ordnung. Trotzdem will er schauen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass er das letzte Mal auch „mal schauen wollte“ – und ich bin mit einem OP Termin raus spaziert. Sag‘ ihm dies auch. Er lacht, und meint, er will trotzdem kucken. Man, ist der stur.

Also auf die Liege – und er schaut. Er sieht auch meine Bemalungen – für die Bestrahlung die Markierungen – und natürlich will er es wissen. Ich meine sein lassen, dass seien Positionsmarkierungen. Ich weiss noch von der Brust – OP her, wie gerne er Pflaster entfernt – hier bremse ich ihn. Es sieht für ihn alles zufriedenstellend aus und ich darf von der Liege runter.

Eigentlich hätte das ganze eine viertel Stunde gedauert. Nur, irgendwie kommen wir ins plaudern. Weil ich ja nicht weiss, ob hier ein Krankenkassemensch mitliest schreibe ich nicht, wie lange unser Kaffeekränzchen dauerte. Ja, Kaffee wäre sich ausgegangen – mit einem 4-Gänger davor – zeittechnisch gesehen.

Er erzählt mir von schrägen Fällen in seiner Laufbahn,, wie er sich fühlt, wenn er – wieder Mal – eine unheilbare Diagnose überbringen muss, wie sich die Arbeit in den letzten Jahren verändert hat. Er erzählt mir von Falschdiagnosen, Krustentierchen die jahrelang als „Entzündung“ behandelt wurden. Im Stillen danke ich meinem Hausarzt für den bei mir hingelegten Blitzstart.

Ich erzähle ihm wie es mir mit meinem Krustentierchen ergangen ist, von den Tips, welche ich – und nicht nur ich – als Erkrankte erhalten habe. Zum Teil schüttelt er den Kopf, zum Teil kann er mir logische Erklärungen geben, manchmal lachen wir Beide über die zum Teil vorherschende Naivität.

Und irgendwann erzähle ich ihm auch von meinem Kampfgespräch mit der widerborstigen Narkoseärztin. Ich meine zu sehen, dass er auf den Stockzähnen grinst. Hallo? Ich stelle ihn zur Rede, wenn er lächelt – möchte ich auch mitlachen. Ja, er meinte, ich hätte ein paar Killerargumente in’s Feld geführt, die die Ärztin zweifelsohne in die Ecke getrieben hat, und natürlich hat niemand gerne – auch ein Arzt nicht – wenn das Gegenüber mehr weiss. Wobei, ein guter Arzt hört auf den Patienten – immerhin kennt jeder seinen Körper am besten.

Ich teile ihm mit, das mir aufgefallen ist, dass ich eigentlich – trotz allgemeiner Versicherung – von Beginn an immer bei den Chefärzten der betreffenden Abteilung  gelandet bin. Er sieht mich an und meint,  dies sei in einem guten Spital so. Es hat nicht – wie von mir vermutet, oder soll ich schreiben erhofft? – mit meinem netten Wesen zu tun sondern mit meinem ausgewachsenen Krustentierchen. Ich meine, auf diese Sonderstellung hätte ich gerne verzichten können, und das ich ihm damit nicht zu nahe treten möchte. Darauf fällt ihm nichts ein, er lächelt.

Zum Schluss fragt er mich, wo ich den jetzt zur Kontrolle gehe. Ich verweise auf die folgende Bestrahlung, bei welcher ich wöchentlich ein Arztgespräch habe und zusätzlich meine drei-wöchentliche-Antikörpertherapie, die mir erhalten bleibt, so lange die Dinger helfen. Das heisst, auch Onki werde ich noch regelmässig sehen. Dann sei ich in guten Händen meint er.

Wir verabschieden uns mit einem Handschlag. Ich bedanke mich bei ihm – und habe das Gefühl, nie zu vergessen, wie er mich dabei angesehen hat.

 

 

Andere Tage

Manchmal habe ich sie, diese Tage, die wohl jeder ernsthaft Erkrankte von Zeit zu Zeit hat.

Immer dann, wenn ich mich zu Hause eingrabe, kein Antwort auf nichts gebe überkommt mich das Elend. Dann werden die Tränenkanäle ausgiebig gelehrt – man will ja nicht, dass dies im umpassenden Moment passiert.

Wenn immer möglich vermeide ich es heulend rum zu laufen. Ist ja doof. Nutzt  auch  niemanden etwas.

Das Selbstmitleid ist an diesen Tagen die Nummer eins, mir wird klar, dass ich auch niemanden um Hilfe anfragen muss, denn Hilfe gibt es für mein Krustentierchen nicht. Wenn ich den halben Tag mit unproduktiver Heulerei verbracht habe wird der Rest des Tages für Kopfarbeit genutzt. Immerhin bin ich ja nicht die einzige Person auf dieser Welt, der es so ergeht.

Erst mal bin ich dankbar, dass meine Mama nicht mehr lebt. Sie hätte sich – wie vermutlich jede Mutter – in’s Grab gegrämt, eines ihrer Kinder gehen zu sehen. So sehr ich mir einmal Kinder wünschte, jetzt ist es mir mehr als Recht, habe ich keine. Unvorstellbar, wenn ich Kinder zurück lassen müsste. Nun ergibt dies Sinn. Und dann finde ich es gar nicht so tragisch, dass ich Single bin. Ein paar meinten, wie schlimm, dass ich alleine bin. Nein, alleine sein ist nicht schlimm, einsam wäre schlimm, und das bin ich nicht. Eine Kollegin von mir hat mit gut dreissig Jahren ihren Mann an ein Krustentierchen verloren, und sie hat mir erzählt, es ist gar nicht so einfach, immer positiv durch die Gegend zu laufen. Nein, dass will ich auch niemanden zumuten. Was ich hingegen fast ein bisschen morbide finde ist, dass es zu Beginn meiner Diagnose tatsächlich den einen oder anderen Testosteronträger gegeben hat, der plötzlich gesteigertes Interesse an mir zeigte. Ein Mann mit Helfersyndrom – das fehlt mir noch zu meinem Glück.

Danach mache ich mir noch klar, dass ich mich glücklich nennen darf weil immer noch schmerzfrei. Vor chronischen Schmerzen habe ich wirklich Angst. Habe Onki angefragt, ob ich, wenn es öha wird, eine Morphiumpumpe haben könnte – er hat nicht mal mit dem Auge gezwinkert – ja, kriege ich. Aha, also klar, die Schmerzen werden kommen.

Manchmal wird mir auch bewusst, dass es Sachen, Möglichkeiten gibt, die ich verpasst habe, die nie wieder kommen, nie wieder kommen werden. Daran nage ich dann doch etwas länger. Es sind nicht die grossen Sachen, die ich verpasste, mehr so das Beigemüse. Aber was soll’s.

Der nächste Tag kommt, ich muss zur Arbeit, zum Arzt, sonst wohin und dann heisst es wieder:

Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weiter gehen.

 

Dieser Eintrag wurde am 20. Juni 2016 veröffentlicht. 4 Kommentare

In eigener Sache

Ich bin ein 100%-iger DAU – dümmster anzunehmender User.

Diese Seite habe ich mir nicht selber eingerichtet, sondern wurde von zwei sehr aktiven, sehr lieben Kolleginnen während meines ersten Spitalsaufenthaltes quasi in Eigenregie erstellt, nenne sie meinen Creativ Director und meinen Super User. Ich schreibe hier nur.

Und so ist es ziemlich lange gegangen bis ich die Follower bemerkte – dankeschön – und noch länger, bis mir die Kommentare aufgefallen sind.

Wenn ich also so lange nicht geantwortet habe dann nicht, weil es mich nicht interessierte, ich sah es schlichtweg nicht. 😦

Verspreche, in Zukunft schneller Antwort zu geben.

Wer schreiben möchte, und dies nicht veröffentlicht haben möchte – ich kann dies verbergen oder eben veröffentlichen.

Falls jemand ein bisschen vertiefte Infos haben möchte – aus was für einen Grund auch immer – ich gebe gerne Auskunft, wenn ich kann.

Das war’s auch schon – viele Grüsse – Euer Krustentierchen

 

Vermessungen

Ich richte mich her für’s Spital. Je länger je mehr brauche ich Hilfsmittel, damit ich mich unter die Leute mischen kann. Die Perücke, nur ein  Mal musste ich bis jetzt auf der Treppe kehrt machen weil ich frühmorgens ohne zur Wohnung raus bin. Die Brustprothese muss auch mit, da würden sicher ein paar Leute zwei Mal schauen, wenn ich so einseitig daher kommen würde. Und meine Kompressionsstrümpfe – die weg zu lassen wäre schlichtweg dumm.  Es geht nicht mehr so ruck zuck, zack zack wie früher.

Wo sind die Zeiten geblieben, wo meine grösste Herausforderung an einem Tag war, bei Schneefall rund 700km mit dem Auto hinter mich zu bringen. Das geht immer noch gut, auch zwei Tage nach einer Chemo, wenn es sein muss. Jetzr nehme ich es nur viel gelöster. Manchmal, wenn ich die Sorgen rund um mich herum höre denke ich so für mich – du Glückliche/r, wennst sonst keine Sorgen hast. Darf ich natürlich nicht sagen. Ich war ja früher auch nicht anders.

Im Spital angekommen mache ich mich noch schnell auf den Weg zur Radioonkologie – mein Bestrahlungsplan sollte fertig sein. Ist er auch. Überraschenderweise wird auch am  Samstag bestrahlt. Was für mich heisst, kurze Info an meinen Vorgesetzten –  erst Mal  schauen, ob ich das selber geregelt kriege. Er liegt mit einer zünftigen Erkältung darnieder – und da muss er ja nicht wegen mir auch noch Ungemach haben. Meine Kollegen kommen mir entgegen – und so sind die Samstage arbeitstechnisch abgedeckt.

Eine Mitarbeiterin der Nuklearmedizin steht plötzlich neben mir – und holt mich ab. Wir gehen Wege die ein Patient im Spital normalerweise nicht zu sehen kriegt, unterirdisch, an dicken Stromleitungen und Wasserrohren vorbei, irgendwas brummt vor sich hin – interessant, dass Innenleben solch eines grossen Betriebes zu sehen. Hätten wir Zeit – vermutlich hätte ich nach den Notstromaggregaten gefragt – hat ja angeblich jedes Spital für den Notfall.

Ich kenne die Nuklearmedizin bereits von den zwei PetCt’s. In einer Kabine mache ich mich oben rum frei und auf geht’s zur Röhre. Draufgelegen, die Hände über den Kopf und an einem Griff festhalten. Wenn nicht meine Nase zwei cm zu weit rechts im Gesicht ist, liege ich nicht in der Mitte, ich sehe einen grünen (oder war’s ein roter) Lichtstrahl links an ihr vorbei gehen.  Dies wird mir auch gleich bestätigt. (Das ich nicht in der Mitte liege, die Nase ist da wo sie sein soll). Ich erhalte den Auftag ganz entspannt zu liegen und auf gar keine Fall mitzuehlfen – eine Mitarbeiterin wird mich jetzt verschieben. Ja, dann viel Glück, liege also wie ein Mehlsack da (das kann ich prima) und ich habe die zierliche Person unterschätzt – es wird ein wenig an mir rumgezerrt – und schon passt es. Es gibt  zuerst rote Positionsmarkierungen welche mit durchsichtigen Material, fünf an der Zahl, abgeklebt werden. Macht summa summarum mit den Markierungskleber für das Bestrahlungsgebiet und die Verbände der Bauchspiegelung zwölf Kleber auf meinem Oberkörper.

Ich bin mir ziemlich sicher, wäre die Brust Ablation mein einziger medizinischer Eingriff im letzten Monat gewesen, ich würde immer noch die Narbe mit Argusaugen beobachten. Mittlerweile bin ich so weit, dass ich die Pflaster der Bauchspiegelung von letzter Woche runter zupfe – somit ist dies für mich abgeschlossen und mein Fokus liegt auf der Bestrahlung. Man misst einzelnen medizinischen Behandlungen nicht unbedingt einen sehr grossen Stellenwert bei, wenn diese Schlag auf Schlag folgen.

Es werden noch zwei Fotos von meiner Liegeposition gemacht – und ich bin entlassen.

Nun ist der Physiker gefragt, Berechnung der Dosis (hat glaube ich auch etwas mit der Dichte des Körpers zu tun) und den Linearbeschleuniger mit den entsprechenden Daten gefüttert – und schon kann es los gehen

 

 

 

 

Dieser Eintrag wurde am 16. Juni 2016 veröffentlicht. 3 Kommentare

Es wird physisch

Die Pflaster meiner Bauchspiegelung sind noch dran – und ich sitze schon beim Bestrahlungsexperten.

Es mag eigenartig klingen, aber ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Angst habe ich praktisch keine – so eine Bestrahlung wird wohl nicht schlimmer als eine Chemo sein? Und das mein Krustentierchen von Zeit zu Zeit Neuigkeiten für mich parat hat – vergesse ich mal.

Wie bei Chemos gibt es auch allerlei Bestrahlungsarten. Ich kriege eine Allerweltsbestrahlung, die sogenannte perkutane Strahlentherapie. (Perkutan = Haut)

Die stereotaktische Strahlentherapie und Radiochirugie ist ein wirklich giftiges, böses Ding, die Vorbereitungen dauern Stunden, und es wird hochdosiert genau einmal bestrahlt, vor allem beim / am Kopf.  Dann lieber meinen 08/15 Wald- und Wiesen Brüter.

Früher wurde mit der Kobaltkanone bestrahlt welche mit einer Quelle (Uran, zum Beispiel) arbeitete. Heute geschieht dies mit einem Linearbeschleuniger, in welchem die Strahlen (Photonen, elektromagnetische Wellen, welche auf die gewünschte Energie beschleunigt werden) erzeugt werden. Diese werden punktgenau auf die verbleibenden Tumorzellen gerichtet – und sollten / werden diese nach einer gewissen Zeit zum absterben bringen. Gesunde Zellen erhohlen sich von dieser Attacke wieder  – Tumorzellen haben diese Fähigkeit nicht. Vor allem die Narbe meine Brust OP ist prädestiniert dafür, dass dort noch ein paar böse Zellen hängen bleiben – und irgendwann wieder los legen.

Die Strahlen treffen auf die Haut und entfalten rund 3 mm unter der Haut ihre Wirkung. Bei einem inflammatorischen Mammakarzinom liegen die bösartigen Zellen zum Teil höher, praktisch in der Haut. Um die Zellen also auch auf der Haut zur Wirkung zu bringen kriege ich eine Art Silikonmatte auf das zu bestrahlende Gebiet angepasst. Somit werden die Strahlen schon auf der Haut los legen.

Die Nebenwirkungen werden mir auch erklärt, von offener Haut bis Verhärtungen über Spannungsgefühl und Stechen,  Schaden an der Lunge (max. 10%) bis zu Lympödemen, welche mir einen geschwollenen Arm bereiten könnten und ich somit analog zu den sexy Stützstrümpfen an den Beinen wegen meiner Thrombose auch einen Ärmel anziehen müsste. Aber ja, unterschrieben, und los legen. Mit einer kleinen Schädigung würde meine Lunge auch besser zum Rest meines Körpers passen.

Geht nicht so schnell, Vermessung im CT steht noch auf den Termin, die Position muss immer haarscharf die gleiche sein usw. Wird mir wohl am nächsten Tag erklärt werden.

Ist etwas kompliziert, scheint mir. Wenn mein Körper vermessen ist, die Dosis berechnet, die Stellen bestimmt wird das ganze von einem Medizinphysiker in die Steuerung des Linearbeschleunigers eingegeben.

Ein Photo wird auch noch gemacht, also, von meinem Gesicht, nicht vom Rest. Damit man die Patienten nicht verwechselt, zur Absicherung, sozusagen. Ja, eine bestrahlte Prostata würde mir nicht viel nützen.( Die Story würde ich an den Meistzahlenden verticken!).

Vielleicht muss ich meine Zeit ein bisschen einteilen beginnen, ein bisschen arbeiten, ein bisschen bestrahlen, einmal wöchtenlich zum Strahlungsdokti, zusätzlich zur medizinischen Hautpflege und alle drei Wochen zum Onki und in die Antikörpertherapie. Psychoonkologen wollen auch was von mir – aber die werde ich abschütteln. Die Tumortage lassen grüssen…..

Ich bin momentan kein adäquater Anwärter auf eine Misswahl. Abgesehen von der fehlenden Haarpracht. Da hätte ich eine kleine Narbe vom Port einsetzen auf der Schulter, eine doch recht grosse von der Brust OP welche auch noch ein wenig geschwollen ist, vier herzige Schnitte von der Bauchspiegelung schön gleichmässig verteilt und nun bin ich auch noch ein wenig angemalt plus durchsichtige Pflaster, damit die Markierung für die Bestrahlung nicht ab geht. Andererseits – zeitmässig ist es momentan ein bisschen eng bei mir, also ist nicht so schlimm.

Kürzlich war ich auch mal sauer weil ich mir vorstellte, mit baden gehen ist jetzt auch Essig. Und dann habe ich nachgedacht wie oft ich letzten Sommer baden gegangen bin. Genau null mal. Warum möchte man immer das, was man nicht (mehr) hat / kann?

Déjà – vu

Mein privater Anlass war die Hochzeit einer mir sehr nahe stehenden Person, ich durfte Trauzeugin sein. Alles verlief wie am Schnürchen. Wie es sich für meine Familie gehört war es ein gepflegter 24 h Anslass, vom Braut aufwecken um halb fünf morgens, bis Empfang, Kirche, Braut und Bräutigam stehlen, und schlussendlich als Schlusslicht mit den Brautleuten so um halb fünf den Schlüssel drehen. Mein Hand-Fuss-Syndrom hat mich zuverlässig an mein Krustentierchen erinnert und innert kürzester Zeit hatte ich – wie die meisten Frauen – das Schuhwerk gewechselt. Ein WC Gang so gegen ein Uhr  morgens hat mir dank blauer Flecken auf den Oberschenkeln klar gemacht, dass da noch eine Thrombosespritze rein sollte. Zu der täglich geplanten Calciumpille hat es während der Woche nicht gereicht – selbstverständlich sieht dies Onki im Blut und wackelt mit dem Zeigefinger – ich gelobe Besserung. Irgendwie komme ich mir vor ihm nackt vor…., und wenn ich mir noch einen Schal um den Hals wickeln würde.

Wieder zurück geht es weiter mit meiner Behandlung.

Wenn ich alles zusammen zähle in Sachen Kleider komme ich auf die stolze Zahl 2.

Eines davon muss nun her, weiss ja nicht, wie und ob so Narben am Bauch weh tun, und dann ist sicher ein Kleid besser als eine Hose, man wird mit der Zeit pragmatisch.

Wieder geht’s zur Patientenanmeldung, auf die Bettenstation, wo ich zum Teil herzlich begrüsst werden. Auf einer Bettenstation begrüsst werden wie ein alter Bekannter – war nicht mein Ziel. Die Leiterin der Abteilung und ich plaudern noch ein wenig, und irgendwann frage ich, wann denn die OP angesetzt sei. Just in diesem Moment kommt jemand weiss-gewandtetes und will mich holen. Jetzt? Schon? So schnell? Bin noch in Strassenkleidung. Der OP Plan wurde geändert.

Ja dann, ich mache nicht lang, zieh‘ mich um, rein in’s Bett und los geht es. Diesmal direkt in den OP. Dort treffe ich eine Bekannte, die Ärztin vom Anästhesiegespräch von der Brust Ablatio – bin ich denn mit dem Personal des Spitals schon durch? Sie kann sich auch noch an mich erinnern von vor vier Wochen. Wir plaudern, und nebenher sticht sie den Port an. Während es die Chemodamen quasi zwischen Kaffee und Kuchen machen merkt man hier doch, dass es noch nicht an der Tagesordnung steht. Kurz danach nicke ich weg.

Aufgewacht, und wieder fragt mich eine nette Dame wie es denn mit dem Schmerzen steht. Ich kriege ruck-zuck noch Schmermittel und werde ins Zimmer gefahren.

Vier kleine Schnitte – mehr sehe ich nicht. Es tut auch gar nicht weh, nicht beim aufsitzen, nicht beim drehen im Bett. Hm. Da hatte ich mehr erwartet.Es ist eher wie ein Muskelkater. Eine Oberärztin kommt und erzählt von der OP. Alles in allem rund drei Lt. Flüssigkeit abgezogen. Das ist mehr als wir dachten, und es war der linke, und nicht wie angenommen der rechte Eierstock. Total lag ich rund 90 Minuten unter dem Messer. Und es könnte sein, dass ich nächstens noch ein bisschen Schmerzen bis hoch zur Schulter kriege, das Gas zum aufblasen des Bauches sei zum Teil im Gewebe gelandet. Die Schmerzen kommen nie – oder habe ich sie verschlafen?

Am nächsten Tag gehe ich duschen – und könnte meiner Meinung nach nach Hause. Die Ärzte sind nicht meiner Meinung, und so bleibe ich noch eine zweite Nacht.

Wenn sie mich noch einen Nacht länger behalten wollen muss ich aber früh morgens los- meine Antikörpertherapie steht an. Kein Problem, die Papiere werden parat sein. Schauen wir mal.

Tatsächlich, zum Frühstück kriege ich meine Austrittspapiere serviert. Während ich am duschen bin sucht mich mein Profischiltzer. Ich sag‘ der Schwester er kann von mir aus ins Bad kommen – immerhin ist er der Mann der mit Fug und Recht behaupten kann, dass er mich IN- UND AUSWENDIG kennt.

Ich reiche ihm meine nasse Pfote, und während er erzählt beginne ich mich abzutrocknen – weil ich ja zur Therapie muss, müssen wir jetzt multitasking sein, damit ich es noch pünktlich schaffe. Er erklärt mir noch, dass das Gewebe untersucht wird und wir machen einen Folgetermin aus.Er teilt mir auch mit, dass im Normalfall eine solche grosse Zyste nicht mit einer Bauchspiegelung entfernt wird sondern mit einem recht grossen Bauchschnitt. Bei „gesunden“ Personen möchte man nicht riskieren, dass beim absaugen der Flüssigkeit evtl. bösartige Tumorzellen in die Bauchhöhle gelangen. Bei mir spielt das keine Rolle mehr. Die vier kleinen Schnitte sind sehr viel problemloser bei der Wundheilung, und ich danke ihm dafür.  Ich biete ihm an doch grundsätzlich mal alles aus mir raus zu nehmen was er gerne hätte und ich nicht unbedingt brauche, damit ich nicht vier – wöchtentlich bei ihm auf den Tisch lande. Gebärmutter, zweiter Eierstock, zweite Brust, Galle…., er meint schmunzelnt, es könnte unter Umständen immer noch nicht das richtige sein. Aufmuntern sei anders, lasse ich ihn wissen.

Auch hier, mir scheint, ich bin wieder an einen Arzt gekommen, der menschlich top ist – nicht eine Minute fühle ich mich im Eva Kostüm unwohl. Fast bin ich versucht zu sagen, beim krank sein bin ich ein Sonnenkind.

Auf zur Onkologie wo ich von allen Seiten gefragt werde, ob ich Schmerzen habe, nein, auch keinen Spannungsschmerz, nein!, irgendwie habe ich das Gefühl, nicht jeder glaubt mir.

Eine nette Kollegin kommt mich holen und wir beschliessen, noch etwas essen zu gehen.

Ich finde, dass ist ein würdiger Abschluss eines Krankenhausaufenthalts.