Änderungen

Erst drei Bestrahlungen – und schon wird alles geändert. Will heissen, die ganzen Markierungen – so zwölf an der Zahl – werden entfernt und es wird neu darauf los gemalt als gäbe es kein Morgen. Siebzehn neue Striche, Kreise, Kreise mit einem Kreuz, kommen nun dazu. Manche Zeichen erinnern mich an maritime Zeichen, manche sehen nur aus als ob ein nicht ausgeschlafenes, dreijähriges Kind das erste Mal etwas zum schreiben in den Händen hat. Damit es nicht ganz so traurig aussieht ist das ganze in schwarz, grün und rot gestaltet.

Gezwungenermassen sind meine Ausschnitte bei Kleidern „normal“, nicht übertrieben gross. Waren sie auch nie. Trotzdem ist jetzt mein Ausschnitt auch bemalt. Drei der Markierungen sind unmöglich zu bedecken. Ich denke mal, wenn Fragen auf mich zukommen was das sei werde ich etwas kreatives antworten. Nachbars Kinder haben mich schlafend im Liegestuhl erwischt, z. B. Oder ich sei volltrunken über meinen mit Filzstiften übersähten Bürotisch geknallt. So in etwa. Zu sagen, das seien Bestrahlungsmarkierungen ist öde. Und aus Erfahrung weiss ich, die meisten Leute verstummen betroffen.

Als mir eine Kollegin nach der Brust Opteration über den Weg lief und sie fragte, wie es mir geht meinte ich, es lebt sich nicht schlechter mit einer Brust – war Funkstille. Oh, sie wusste gar nicht, dass ich operiert wurde. Ich muss lernen, differenzierter zu erzählen. Manchmal scheinen die Leute wie paralysiert….

Ich schweife ab…..

All die Markierungen sind mit durchsichtige Klebstreifen fixiert. Und natürlich, die gwöhnlichen sind nicht sooooo gut für mich, da habe ich schnell eine gerötete Stelle, also brauche ich die antiallergischen, welche aber nicht ganz so gut halten. Trotdem, sie können es immer noch mit einen High-Speed-Tape aufnehmen. (Hierbei handelt es sich vereinfacht gesagt um Klebestreifen, die beim verarzten von Flugzeugen benutzt werden.)  Beim entfernen der Klebstreifen habe ich immer das Gefühl eine Haarentfernung light gratis dazu zu kriegen.

Mein Speedmaster ist mir unheimlich. Er dreht, er röchelt, er kommt näher und wieder weg. Die Bildschirme rechts und links ebenfalls. Ständig werden Kontrollaufnahmen gemacht…. Man sieht und riecht nichts. Vielleicht ist es alles nur Scharlatanerie?? Ist ja wie wenn man ein Auto zum Service bringt. Da weiss man auch nicht, ob die überhaupt die Motorhaube geöffnet haben. Und beim Speedmaster sieht man auch keine Strahlen, nichts.

Von Zeit zu Zeit bleibt er verhältnismässig lange in einer Position stehen. Auch genau über mir. Dann frage ich mich, ob so ein Ding schon mal gebrochen ist. Gibt es eine Sollbruchstelle? Und wenn ja, wird einem der Kopf zerschmettert, oder doch nur der Brustkorb zermalmt. Wenn es so wäre, müsste ich mir keine Gedanken über den Verlauf der Bestrahlung machen.

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Dieser Beitrag wurde am 26. Juni 2016 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare

5 Kommentare zu “Änderungen

  1. Hallo,

    Ich nochmal. 🙂 Was ich fragen wollte: Was meinst Du mit „Ich muss lernen differenzierter zu erzählen“? (Mir ist nämlich bisher gegen dieses Schweigen noch gar keine Lösung eingefallen. – Insbesondere Witze sind bei manchen Leuten ganz schlecht. Schätze in deren Welt verbringt der brave Krebspatient sein halbes Leben mit heulen.)

    Viele Grüße

    Shrimpy

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    • Hallo Shrimpy
      Ich meine damit, dass ich „gesunde“ Leute nicht so direkt mit meiner Krankheit konfrontieren sollte – sie fühlen sich vielleicht überfordert. Halt ein bisschen drumherum reden. Muss ja nicht sein, dass andere so betroffen reagieren.
      Liebe Grüsse – Dein Krustentierchen

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    • Hallo Shrimpy zum zweiten
      Ja, viele meinen wohl, wir weinen die längste Zeit.
      Mein Onki hat es mir klar und deutlich gesagt – ich muss den Menschen helfen – nicht umgekehrt. Wir sind den Menschen ja auch immer einen Schritt voraus, wir wissen, wie es uns geht, was kommt, besser, schlechter, schlimmer, oder wieder gut. Das weiss unser Gegenüber nicht. Will helfen, weiss nicht genau wie…., und meint es gut, auch wenn sie manchmal ganz schön daneben liegen.
      Wir müssen helfen Shrimpy, umgekehrt wird das nichts…
      Mach’s gut – Dein Krustentierchen

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  2. Hallo,

    Ja, das mit dem helfen seh ich genauso. Ich meine, wir waren schließlich auch geschockt und wie vom Donner gerührt! Dass die anderen das in abgeschwächter Form auch sind, versteh ich gut!!! Und WIR sind die bemitleidenswerten Kranken. WIR dürfen ALLES, während unser Umfeld einen Fettnäpfchen-Slalom aufführt! Ich versuche daher ganz offen zu sein. Die Wahrheit zu sagen. (Nämlich, dass ich krank bin, aber noch derselbe Mensch. Über dieselben Witze lache, mich für dieselben Dinge interessiere usw. Ich erwarte ja gar nicht, dass meine Nachbarin mir den Sinn des Lebens erklärt, wenn ich sie an der Mülltonne treffe.) Und ganz normal mit den Leuten über Wetter, EM und Co zu Smalltalken. Aber was hilft es, wenn ich über dieselben Witze lachen könnte und gern die Frage erörtern würde ob Island oder Wales dieses Jahr die EM gewinnt ;-), wenn um mich herum auf „Na, haste gestern Fußball geguckt?“ nur 30mal nach meinen Nebenwirkungen gefragt oder betreten geschwiegen wird? Und wenn alle blass werden, wenn ich auf die Fragen antworte? Lügen wollte ich auch nicht. Drumherum reden meinst Du?
    Hmm… war noch nie meine Art. Dachte, wer fragt müsse die Antwort ertragen… Würde bedeuten, dass ich NICHT MEHR derselbe Mensch bin… *well* Ich hab schon größere Opfer gebracht. Danke Dir, ich probier’s aus.

    Beste Grüße

    Deine Shrimpy

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    • Hallo Shrimpy
      Je nachdem wer es ist sage ich, dass ich ein Krustentierchen in der Brust habe – und fertig. Ableger in Knochen, Lymphen und Leber sowie unheilbar und die beschränkte Lebensdauer lasse ich dann unter den Tisch fallen.
      Oder dass ich momentan in der Bestrahlung bin, dass ich mit dem Hand-Fuss-Syndrom zu tun habe, immer noch für meine Thrombose spritze, nicht mehr in die Sonne darf, nicht baden gehen, die Nebenwirkungen vermutlich bei mir offene Haut bringen wird da die Haut direkt bestrahlt werden muss da inflammatorisch – lass ich weg. Die meisten würden es nicht verstehen.
      Die ganze Wahrheit schlage ich niemanden um die Ohren, da sind schon ein paar gestandene Mannsbilder bleich geworden bei der Hälfte davon.
      Ist ja mein Problem – wenn ich offensichtlich sehen, dass es mein Gegenüber belastet – sprechen wir von seiner Katze, die kastriert werden muss. Tu‘ ich eh lieber – darüber reden, nicht kastrieren.
      Mach’s gut – Dein Krustentierchen

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