Archiv | September 2016

Planen

Mein Kollege ist nicht zu bremsen. Ruckzuck macht er klar Schiff für Hotels in Tokyo und Narita. Die kleinen, rechteckigen Plastikkärtchen leisten da gute Dienste.  Er meinte, jetzt sei eine gute Zeit zum buchen. Je näher das Datum kommt, umso höher werden die Preise – Kirschblüte steht an. Quasi das japanische Äquivalent zu der Preisentwicklung der Umgebung Monte Carlos während des Grand Prix‘.

Muss ich also meinem Onki klar machen, dass er dafür Sorge zu tragen hat, dass ich während dieser Zeit fit bin. Wehe, er kommt dann wieder mit medizinischen Spielereien, Chemo, Bestrahlung, irgendwas wieder wegoperieren, was weiss ich. So harmlos, wie er mir bei unseren Gesprächen gegenüber sitzt, so hat er es doch medizinisch gesehen faustdick hinter den Ohren. Und manchmal, wenn er mich so ansieht, habe ich das Gefühl, dass er denkt „Oh Mädchen, wenn Du wüsstest“. Nein, ich weiss nicht. Und so ganz alles will ich auch noch nicht wissen. Ich erlebe es irgendwann mal, dass reicht mir schon.

Wenn man Onki auf der Strasse sieht könnte man vielleicht denken  – jemand aus einem sozialen Beruf, keine Spur von kantigen Gesichtszügen. Man muss schon ein paar Mal hinsehen, bis man feststellt, eine Person, die in sich ruht. Und nach und nach überleg‘ ich mir, wie kann man so eine Arbeit machen? Natürlich, er hat sicher auch sehr schöne Erfolgserlebnisse. Aber vermutlich auch das Andere.  Wie schafft man es, trotzdem fröhlich zu bleiben, jeden Patienten ernst zu nehmen, jedem das Gefühl zu geben, man sei als Person einzigartig. Ich zieh‘ den Hut vor solchen Menschen.

Eine Kollegin von mir hat ihren Abschluss als Krankenschwester auf der Onkologie gemacht, auf die Frage, warum sie nicht dort geblieben ist meinte sie „Zu viel Leid“. Und sie ist hart im nehmen.

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Goldige Tage

wie diese sind einfach wunderbar. Sonnig,  schön warm, angenehm von der Temperatur her. Ein Altweibersommer, wie man so schön sagt.

Ich liebe meine Arbeitsstelle. Abgesehen davon, dass mir mein Chef und mein Team den Rücken frei halten in Sachen Behandlungen, sind allerlei lustige und unterhaltsame Leute zusätzlich noch um mich herum. (Und die anderen ignoriere ich….)

Heute nun habe ich rausgefunden, dass ein Kollege auch auf meinem Flieger nach Stockholm sein wird. Während wir zu zweit in dieser Stadt ein wenig rumhängen zieht er weiter Richtung Fernost wo er sich mit einem Kollegen aus Korea treffen wird.

Ein anderer Kollege baut sich ein Haus an der Elfenbeinküste, eine Kollegin ist vor kurzem nach Marokko ausgewandert  – solche Sachen schreien förmlich nach besuchen!

Und immer noch habe ich drei (!) Bekannte, die ein Haus in Florida ihr Eigen nennen. Das wird doch wohl zum schaffen sein – termintechnisch.

Zusätzlich ist immer irgendwer schon dort gewesen, wo man gerade hin möchte. Und dann fragt man nach Tips für Unterkunft, was man gesehen haben muss, Infos über ÖV usw. Was man unter Umständen früher im Reisebüro machte, die meisten wohl jetzt im Internet, mache ich, und wir alle eigentlich hier mit den Kollegen rundherum. Sich ein bisschen schlau machen. Kann auch ziemlich kurz und bündig sein, so eine Aussage. Wie ist es dort? Schön! Reicht schon, dann schaut man sich das mal an.

Und so denke ich mir, wenn ich meinem Krustentierchen seinen Platz in meinem Leben einräume, aber auch nicht zuviel, müsste das eigentlich gehen.

 

Fertig jetzt

mit dem ewigen jammern, sich in Selbstmitleid wälzen.

Wenn ich es klar betrachte habe ich keinen Grund dazu. Keine Schmerzen, keine Geldsorgen, eigentlich gar keine Sorgen. Und was kommen mag – kann mich mal. Nichts und niemand kann einen dazu zwingen, dass man sich schlecht fühlt.

Liege ich heute morgen im Bett, schau‘ zum Fenster raus, blauer Himmel, ein richtiger, goldiger Hebsttag steht an. Was will ich mehr?

Onki hat gemailt und mir schriftlich gegeben, dass das Ende bei mir weit weg sei. Er hat mir schon so viel schlimmes gesagt – ich ihm auch – so hat er hier keinen Grund mehr, schön zu reden.

Er hat mir nicht verschwiegen, dass ich ohne Behandlung nur noch ein paar Monate zu leben habe, dass ich keine alte Frau werde, dass ich schlussendlich alleine bin – und es alleine durchstehen muss, also denke ich, hier wird er schon die Wahrheit gesagt haben.

Was würde ich nur ohne ihn machen???

Aber bis dorthin will ich noch ein wenig leben, geniesen, Geld ausgeben. Das sparen überlasse ich anderen.

Habe  mal eine Woche im April reserviert – Kirschblüte in Japan (und ein Sushi auch, und in den Bergen wellnessen…., muss alles sein), diesmal definitiv, rede ja schon ewig davon. Mein Kollege hat dort gewohnt und gearbeitet, so habe ich meinen persönlichen Guide mit perfekten Sprachkenntnissen.

Mal sehen, ob es mir mein Krustentierchen durchgehen lässt, dass ich so weit hinaus plane. Muss ich ihm gut zureden, dann passt das schon.

 

Dieser Eintrag wurde am 28. September 2016 veröffentlicht. 2 Kommentare

Umdenken

Die Angst muss weg. Die Angst vor den Kopfmetastasen, vor dem Sterben, vor dem, was kommt. Und wenn die Angst geht kommt grösstenteils die Wut. Wut, die mich vor mich hinfluchen lässt, am liebsten alles zusammen schlagen und meinen Frust laut raus schreien lassen möchte.

Als wohl erzogener Mensch mache ich nichts von all dem. Nur manchmal habe ich Angst, dass ich zum äusserst unpassenden Moment ausraste, und keiner der Anwesenden versteht, warum ich austicke. Muss mich also im Griff haben, wenn es geht überall und jederzeit.

Von Zeit zu Zeit führe ich nonverbale Gespräche mit meinem Krustentierchen. Das kann sein von „Was tust du mir an?“,  „Jetzt warst doch lange genug hier, magst nicht weiter ziehen“ bis „Du kleines Scheisserchen, wir werden sehen, wer von uns zweien den längeren Atem hat“. Dann schaue ich auf meine Narbe von der Brustambutation und frage mich, wo es jetzt wohl in meinem Körper rumschleicht. Antwort gibt es nie.

Auch habe ich mir vorgenommen, die Gespräche mit Onki nicht mit der Schilderung meines Seelenzustandes zu verschweden. Er macht diesen Job schon so lange, ich bin ziemlich sicher, dass er alles, was ich ihm hierzu sage schon mehr als einmal gehört hat. Wird ja öde für ihn. Und abnehmen kann er es mir ja auch nicht.

Die Systemumstellung im Geschäft treibt jeden einzelnen von uns schön regelmässig in den Wahnsinn. Ein Kollege meinte kürzlich, in ein paar Jahre kann man uns alle weg sperren. Ich grinse, und meine, mich nicht, da bin ich nicht mehr hier. Er ist überrascht, ich erkläre ihm wieso. Er will gar nichts davon hören, und ich soll nicht so schlimm reden. Ich biete ihn an, mich einmal zu Onki zu begleiten, nur damit er sieht, dass ich doch mit Zuckerguss nach aussen komuniziere. Das will er schon gar nicht. Er führt sich auf, als ob ich ihm den Leibhaftigen auf den Leib schicke.

Ferien stehen vor der Türe. Also Zeit, mal wieder los zu ziehen. Zu Hause hocken und vor sich hin brüten geht ja gar nicht. Und so geht es ein paar Tage in den Norden, ein paar in den Süden, und zum Schluss noch eine Stipvisite bei meiner Familie.

Solange es noch geht, bin ich unterwegs. Sind Erinnerungen, die mir keiner nehmen kann. Auch nicht mein Krustentierchen.

Dieser Eintrag wurde am 26. September 2016 veröffentlicht. 2 Kommentare

Für die Zukunft

Die Therapie war wie immer. Mit Kortison, Antiallergikum, Panadol, Beruhigungsmittel und Antiallergikum nachspritzen ging es mit einem roten Kopf – und sonst keine Nebenerscheinungen – vorbei.

Das Gespräch mit Onki war nahrhaft. Ich möchte wissen, mit was ich noch zu rechnen habe, wie es zu Ende gehen wird. Das kann allerlei sein. Damit gebe ich mich nicht zufrieden und sage ihm gerade ins Gesicht, dass ich ihm nicht glaube. Aber auch, dass ich davon ausgehen, dass er aus Rücksicht schweigt, und nicht, dass ich seine fachlichen Kenntnisse anzweifle.

Und so schiebt er doch noch ein Sahnehäubchen hinterher. Kopfmetastasen sind das Thema. Die Chance besteht, dann wäre Bestrahlung angesagt (und ich hoffe schwer, eine reguläre, und nicht mit dem Gammaknife!). Nach Beschwerden meinerseits wird man eine Untersuchung starten und dementsprechend handeln. Mit Auto fahren wär’s dann Essig. Finanziell gesehen natürlich wird das günstiger, wenn man den ÖV vs. Privatauto rechnet, die Bequemlichkeit ist schon eine andere Sache. Und im Geschäft müsste ich es irgendwie geregelt kriegen, dass ich von der Zeit her mit dem ÖV zur Arbeit könnte. Wobei, spätestens dann würde ich wohl die Arbeit reduzieren.

Ich kippe fast vom Stuhl. Mein Kopf war mir bis jetzt heilig. Natürlich blöd von mir anzunehmen, dass mein Krabbler davor halt macht. Onki meint, für ihn sei das alles noch weit weg. Nur wenn man bis vor einem Jahr als Herausforderung ansah, bei Schneefall noch 700km zu fahren, war dies doch im Verhältnis zu jetzt ein Klacks. Und Onki rechnet in anderen Zeitspannen als ich es bisher machte.

Mein gutes Ansprechen auf die Chemo hat erfahrungsgemäss keinen Einfluss auf meine Lebenserwartung. Nur das – vielleicht – die Schmerzen, Beschwerden länger weg bleiben. Und weil ich nun bald mal rund ein Jahr mit meinem Krustentierchen lebe, zerrinnt mir die Zeit zwischen den Fingern.

Es ist ein elender Mist. Tumorkranken sieht man die Krankheit lange nicht an. Und wenn es dann los geht hoffe ich sehr, es geht schnell vorbei.

Vorbereiten

Die nächste Therapie kommt langsam aber sicher auf mich zu.

Wenn Onki schreibt, man sei nervös, wenn ich am Tropf hänge – sollte ich es wohl auch ernst nehmen. Bis anhin dachte ich, was soll schon sein, wird mir warm, kriege ich einen roten Kopf, rein mit dem Antiallergikum. Und auch wenn Onki sagt, ein Wunder, dass ich mich dazwischen immer so gut erhole – ich stehe auf, und für mich ist’s gut. Nur, wie gesagt, das Kortison hält mich wach.

Nun frage ich mich, was kann ich dazu beitragen. Ich will, dass es klappt. Es muss! Ich will einfach!! Also habe ich wieder mit autogenem Training angefangen. Keine Ahnung, ob es etwas bringt, auf jeden Fall bin ich momentan fleissig am üben. Ist ja ein Witz, dass ich meinen Körper nicht in den Griff kriege. Ich brauche diese Antikörper, sie verlängern vermutlich mein Leben. Vermutlich deshalb, weil man bei Krustentierchen eh nie eins zu eins sagen kann, was kommt, sein wird, wie man auf etwas anspricht. Und auch niemand weiss, wo ich stehen würde, wenn ich diese Therapie nicht machen würde.

Meine (!) Krankenschwester im privaten Umfeld hat mir mal verraten, dass auch ein Antiallergikum mal versagen kann oder zu spät gespritzt werden kann.  Echt jetzt? Ersticken ist kein schöner Tod, auch ohne Erfahrung behaupte ich dies. So sehr ich auch auf Infos stehe in Sachen Krustentierchen, so gar alles müsste es ja dann auch nicht sein. Selber schuld, was frage ich immer.

Jeder hat seine kleinen und grossen Sorgen. Eine Kollegin erzählt mir, sie schläft schlecht, weil eine nahe Bekannte von ihr eine mittlere OP hatte, die sie jedoch gut überstanden hat, nun sei sie soooooo müde.  Jemand anders erzält mir, sie müsse schon wieder operiert werden, etwas  im Unterleib entfernen, dabei hätte sie doch erst letztes Jahr den Blindarm rausnehmen lassen und hätte dann ewig gebraucht, bis sie den Körper entgiftet hatte . Hm, dass ich innert einem Monate zwei Vollnarkosen hatte, plus Antikörpertherapie incl. Kortison und eine Thrombose in Behandlung hatte – verschweige ich und spreche ihr Trost zu. Niemand, kein Mensch, kein Arzt, gar niemand, hat sich dafür interessiert, dass ich zwei Vollnarkosen in relative kurzer Zeit hatte. Ich auch nicht, ehrlich gesagt, hatte andere Sorgen, die Bestrahlung stand an. Da war nicht viel Zeit, um auf kleine Wehwehchen zu achten. Ist wohl auch nicht jeder Mensch gleich.

Mit meinem Schamanen bin ich auf Konfrontationskurs. So ein klein wenig werde ich ihm das Leben schwer machen. Könnte ja auch sein, dass sich das Steueramt für ihn interessiert. Und unterm Strich finde ich ihn schlichtweg gefährlich. Dann hätten wir da noch den Konsumentenschützer, ein Leserbrief in der lokalen Zeitung, da fällt mir schon noch das eine oder andere ein. Wurde vom Gesundheitsamt gefragt, ob sie meinen Namen nennen dürfte, für den Fall das? Aber immer gerne! Bei unserem letzten Kontakt hat er nochmals versucht, mir Angst zu machen. Er merkt, das ich kränker und kränker werde, was nur beweisst, dass mich die Spezialisten der Schulmedizin nicht heilen können. Er hat mich einmal vor rund fünf Wochen gesehn und nie untersucht, wohlgemerkt! Und was mir eine Heilung wert sei. Ach, so viele Steilpässe, die man verwerten muss.

Spannend bis kriminell

Mein Schamane unterhält mich unfreiwillig.

Nachdem ich mehreren Personen von ihm erzählt habe, dass er mir Heilung versprochen hat, ohne meine Diagnose zu kennen, ohne einen Arztbericht gelesen zu haben, ohne mich untersucht zu haben, mir keine Visitenkarte  geben konnt (leider vergessen in der Praxis) und auch keinen Ort seiner Vorträge verrraten hat, war es für mich eigentlich erledigt.

Ich fand‘ es unterhaltsam, zum Teil auch richtig zum lachen. Das der Typ auch nur denken konnte, ich glaube ihm.

Das es meinen Onki nach seine Aussagen „schockiert“ hat, verstand ich nicht. Warum? Onki ist ein Mensch mit Humor.  Bin ja dem Typen nicht auf den Leim gekrochen. Und mit der Zeit ist es mir klar geworden. Natürlich, Onki denkt weiter und um die  Ecke.(Ich bin da wohl eher von der egoistischen Sorte). Da gibt es sicher Personen, die diesem Herrn Geld in den Rachen werfen, für nichts, schlimmstenfalls sogar mit der regulären Schulmedizin brechen und somit in mehrerer Hinsicht geschädigt werden (können).

Ich bin aktiv geworden, und habe meine Erfahrung mit diesem Herrn der zuständigen Gesundheitsbehörde gemeldet. Sie bedankten sich, und meinten, man wird dem nach gehen. Wenn man es nur tut, dachte ich. Man tut. Die Einwohnerbehörde der betreffenden Gemeinde hat den Herrn nicht an der von mir angegebenen Adresse gemeldet. Auch ist er nicht als Alternativmediziner bekannt. Ob ich noch eine Tel. Nr. hätte. Gebe diese weiter, und harre gespannt der Dinge die da kommen. Evtl. wird auch die Polizei eingeschaltet.

Mein Schamane weiss nichts von meiner Homepage, und wenn er hier tatsächlich zufällig mit liest, denke ich trotzdem nicht, dass er gewarnt ist und frühzeitig abtaucht.

Mein Bekannter, welchen ich vor ca 2 Monaten noch im Spital besucht hatte, ist verstorben. Natürlich war er in einem Alter, bei dem man der Hebammen nicht mehr die Schuld in die Schuhe schieben kann. Trotzsdem, er hatte Krebs, so schnell kann es gehen. Ein bisschen durchzieht mich wieder die Angst. Aber es wird kommen, wie es kommen muss.

Vom Büro zu meinem Auto komme ich immer am selben Plakat vorbei. Eine Kirche, welche in meiner nächst grösseren Stadt steht. Mit zwei Mädels besuchte ich diese vor einem Jahr, wir kletterten den Turm hoch, hatten unheimlich viel Spass, herumgealbert ohne Ende. Und ich glaube, ich bin noch nie an diesem Plakat vorbei ohne zu denken, was für eine wunderbar unbeschwerte Zeit ich  doch hatte. So lange bin ich noch nicht krank, noch weiss ich, wie es ist, das Leben, ohne immer und überall an ein Krustentierchen zu denken. Einer Unbeschwertheit, derer man sich vorher nicht bewusst ist, man verliert sie.