Umdenken

Die Angst muss weg. Die Angst vor den Kopfmetastasen, vor dem Sterben, vor dem, was kommt. Und wenn die Angst geht kommt grösstenteils die Wut. Wut, die mich vor mich hinfluchen lässt, am liebsten alles zusammen schlagen und meinen Frust laut raus schreien lassen möchte.

Als wohl erzogener Mensch mache ich nichts von all dem. Nur manchmal habe ich Angst, dass ich zum äusserst unpassenden Moment ausraste, und keiner der Anwesenden versteht, warum ich austicke. Muss mich also im Griff haben, wenn es geht überall und jederzeit.

Von Zeit zu Zeit führe ich nonverbale Gespräche mit meinem Krustentierchen. Das kann sein von „Was tust du mir an?“,  „Jetzt warst doch lange genug hier, magst nicht weiter ziehen“ bis „Du kleines Scheisserchen, wir werden sehen, wer von uns zweien den längeren Atem hat“. Dann schaue ich auf meine Narbe von der Brustambutation und frage mich, wo es jetzt wohl in meinem Körper rumschleicht. Antwort gibt es nie.

Auch habe ich mir vorgenommen, die Gespräche mit Onki nicht mit der Schilderung meines Seelenzustandes zu verschweden. Er macht diesen Job schon so lange, ich bin ziemlich sicher, dass er alles, was ich ihm hierzu sage schon mehr als einmal gehört hat. Wird ja öde für ihn. Und abnehmen kann er es mir ja auch nicht.

Die Systemumstellung im Geschäft treibt jeden einzelnen von uns schön regelmässig in den Wahnsinn. Ein Kollege meinte kürzlich, in ein paar Jahre kann man uns alle weg sperren. Ich grinse, und meine, mich nicht, da bin ich nicht mehr hier. Er ist überrascht, ich erkläre ihm wieso. Er will gar nichts davon hören, und ich soll nicht so schlimm reden. Ich biete ihn an, mich einmal zu Onki zu begleiten, nur damit er sieht, dass ich doch mit Zuckerguss nach aussen komuniziere. Das will er schon gar nicht. Er führt sich auf, als ob ich ihm den Leibhaftigen auf den Leib schicke.

Ferien stehen vor der Türe. Also Zeit, mal wieder los zu ziehen. Zu Hause hocken und vor sich hin brüten geht ja gar nicht. Und so geht es ein paar Tage in den Norden, ein paar in den Süden, und zum Schluss noch eine Stipvisite bei meiner Familie.

Solange es noch geht, bin ich unterwegs. Sind Erinnerungen, die mir keiner nehmen kann. Auch nicht mein Krustentierchen.

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Dieser Beitrag wurde am 26. September 2016 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Umdenken

  1. Hi, keiner kann in seine Zukunft schauen…das ist wahrscheinlich auch besser so…Ich will hier keine altklugen Weisheiten von mir geben. Meine Frau erkrankte im Jahre 2011. Obwohl die Brust schon eine ganze Weile ziemlich übel aussah ging Sie nicht zum Arzt. Im Oktober 2013 wachte sie morgens auf und konnte nicht mehr richtig gucken. Daraufhin ging es erst zum Augenarzt und von dort dann direkt ins Krankenhaus. Diagnose metastasierter Brustkrebs. Streuung in Knochen und Kopf. Okay, das war nicht so überraschend, aber wenn man es dann aufgetischt bekommt, ist es schon eine Katastrophe (wem sage ich das!). Chemo wollte sie nicht, aber zur Bestrahlung ist sie gegangen. „Das Sterben ist eine Sache, aber wenn schon, dann bitte nicht halbblind“ sagte sie. Die Bestrahlung am Kopf lief recht reibungslos – manchmal habe ich sie da abgesetzt und bin von der Klinik aus zurück gejoggt. Sie ist dann manchmal mit dem Auto selber nach Hause gefahren…, dass nur zum Thema Öffentliche Verkehrsmittel. Neben der Bestrahlung und Tamoxifen lief unser Leben genauso weiter, wie zuvor. Meine Frau hatte ein Pferd und ging nahezu (bis ca. 6 Wochen vor ihrem Tod) täglich in den Stall. Wir waren bis auf die letzten 4 Wochen immer guter Dinge. Eine halbe Stunde vor ihrem Tod, fragte sie mich, ob wir noch eine Zigarette rauchen wollen. Kurz danach fühlte ich ihren Puls nicht mehr. Ja, das war echt sch…aber, in erster Linie für mich als Hinterbliebener! Natürlich ist es mit dieser Diagnose nicht einfach im Hier und Jetzt zu leben und logischerweise kannst Du das Kopfkino nicht beliebig ausschalten, aber wenn Deine größte Sorge das besagte Ende ist, kann ich Dich soweit beruhigen. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich richtig neidisch auf meine Frau bin. So wie Sie, würde ich jedenfalls (wenn ich es mir aussuchen könnte) auch gerne aus dieser Welt scheiden. Ergo, hab keine so große Angst vor dem eigentlichen Akt. Aus Deinem Blog geht gut hervor, dass Du die meiste Zeit die Nummer ganz prima und (so weit es geht) humorvoll begehst, mach einfach weiter so und verschwende möglichst wenig Zeit auf das Grübeln der letzten paar Tage- die kommen ja sowieso (und das für uns alle)…
    Viele Grüße sendet Dir Pascal

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    • Hallo Pascal
      Vielen Dank für Deine aufmunternden Worte. Ja, ich Weiss, in letzter Zeit war ich eine ziemliche Jammertasche. Ich gelobe Besserung. Mein Leben ist immer noch wie es immer war. 100% arbeiten, und dazwischen halt ein bisschen Behandlung von allem. Du hast es auch schwer, so wie Du schreibst, und hast Deine Frau verloren? Vor dem sterben selber habe ich auch keine Angst, aber bitte bitte nicht vorher ewig pflegebedürftig. Das wäre mir ein Graus. Mein Onki ist schlichtweg toll – es liegt an mir, wenn ich manchmal die Flinte ins Korn werfen möchte.
      Ich freue mich immer, wenn ich ein Kommentar finde, danke Dir. 🙂
      Liebe Grüsse
      s’Krustentierchen

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