Archiv | Oktober 2016

Nicht erwartet

Nun wage ich endlich den Weg zum Haaredieb.  Weil ich anständig bin erkläre ich ihm, warum ich so aussehe, wie ich aussehe. Er fragt nach, ob die Chemo vorbei ist. Ja, ob ich noch andere Behandlungen haben, ja, Antikörpertherapie. Und die geht so eine halbe Stunde, meint der Herr vom Fach? Nein, vier bis neun Stunden, je nachdem, wie ich reagiere. Wie lange noch? So lange sie wirkt, dannach wieder Chemo – oder auch nicht.  Langer Rede kurzer Sinn, er färbt meine Haare nicht ohne OK von Onki. Er schnitzt und  schnetzelt an meinen Haaren rum, für Farbe ist er nicht zu haben.

Auf dem nach Hause Weg knurre ich vor mich hin. Jedes Kindergartenkind ist selbstständiger als ich.

Und was mache ich in so einem Fall? Genau, ein Mail an Onki. Vermutlich merkt er auch via Mail das ich vor mich hin brumme. Er meint von schwarz bis pink  alles erlaubt. Wusste ich es doch.

Kürzlich hatte ich ein nettes Gespräch mit einer Kollegin. Über dies und das, Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, wenn ein Kleinkind schwer erkrankt, ein Baby stirbt, ein Elternteil verunfallt, all die Sachen, die wirklich tragisch sind. Schliesslich murmelt sie so vor sich hin, wir können froh sein, dass wir gesund sind. Ich seh‘ sie an – und beginn  laut zu lachen. Der Groschen fällt bei ihr – und sie stimmt in mein Lachen ein. Gut für mich.

Ich möchte nicht, dass mich die Leute als Kranke behandeln.

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Zeit läuft

Schon bald mal ein Jahr lebe ich bewusst mit meinem Krustentierchen. Bewusst deshalb, weil es sich gemäss Onki schon vorher ein paar Jahren in mir breit gemacht.

Zurückschauend sage ich aus voller Überzeugung, diese Zeit wünsche ich niemanden.  Die Zeit, als es los ging. Ich weiss nicht mehr, wie ich es hinter mich brachte, weiss nicht mehr, wie ich es bis jetzt geschafft habe, so zu leben, als wäre alles i. O. Ausser den drei-wöchentlichen- Therapien bin ich momentan frei. Frei von Zwängen, die mich im Leben einschränken. Nicht mehr täglich zur Bestrahlung, wöchtlicher Bluttest bei Onki usw.

Und so habe ich Onki gefragt, wie lange er mir frei gibt, ich denke, eine grössere Reise würde mal nötig werden, auf die andere Seite des Erdballs. Onki meint so vier Wochen – aber zählt auf meinen Vorgesetzten und meint, so lange kriege ich eh nicht frei. Dumm gelaufen für meinen Onki, meinen Vorgesetzten habe ich schon eingeweiht – ist auf meiner Seite, würde  mir also die nötige Freizeit geben.

Vielleicht sollte ich mal seriös nachfragen, wie wichtig es ist, mich alle drei Wochen mit Gift aufzufüllen. Andererseits, ich sollte doch mittlerweile eine respektablen Pegel der Medis in mir haben?

Eine Bekannte meinte kürzlich, sie hätte eine Schmerztablette genommen – und musste prompt erbrechen. Eine Tablette?  Ein kleines, rundes oder längliches Ding bringt sie zum erbrechen? Ich kann es mir nicht verkneifen – und lache lauthals los. Sie sieht ein, mir so was zu erzählen kann nur unterhaltsam für mich sein. Ich biete ihr meine Magenschoner an – liegen bei mir zu Hause noch immer verschlossen rum. So wie ich sie einschätze, würde sie von diesen auch erbrechen….

Meine Erinnerungen sind schon mein ganzes Leben lang mit Musik verbunden.Als ein Song läuft, der mich an meine Australienreisen erinnert, krame ich das Fotoalbum hervor – und schwelge in Erinnerungen. Ja, da muss ich nochmals hin. Eine Reisebegleitung habe ich auch schon im Visier – er ziert sich noch ein wenig, habe aber den grössten Teil der Familie auf meiner Seite die ihn noch bearbeiten. Mal schauen.

Die Zeitrechnung habe ich stets im Kopf. Habe Onki auch gesagt, dass ich sehr wohl wisse das ich nun bald mal ein Jahr rumgetrödelt habe, somit ein Jahr weniger Lebenserwartung. Tja, wie gesagt, mein Onki würde nie etwas sagen, von dem er nicht zu 100% überzeugt ist. Und statt mir zu widersprechen meint er, ja, dass halte er für realistisch. Mein guter Zustand jetzt hat überhaupt gar keinen Einfluss auf meine restliche Zeit.

Ja dann, Onki ist kein Schwätzer, ein Grund mehr für mich, noch zu tun was ich möchte – so lange ich noch kann.

Die Zeit läuft.

Wie sag‘ ich’s meinem Kinde?

 

Vereinzelt gibt es Menschenn, die mich direkt fragen, was denn nun genau los sei mit mir. Meist gebe ich wunschgemäss Auskunft. Wenn gewünscht, auch über Behandlung, Lebenserwartung usw.

Vor nicht all zu langer Zeit kam diese Frage nach einem sehr unterhaltsamen Gespräch auf. Ich hatte keine Lust mit medizinischen Fakten um mich zu werfen und bediente mich einer etwas bildlichen Sprache. Auf einer Skala von 1 -10 sei ich vermutlich eine schöne 12 wenn es um krebsbefallene Körper geht.

Das wird angezweifelt, ich bin mir meines Krustentierchens ziemlich sicher und verspreche mit Onki das ganze zu klären.

Ich erkläre Onki die Situation, und wieviel er mir geben würde…. auf der zehnteiligen Kurstentierchen – Skala? Ich lass‘ ihn auch wissen, dass ich ziemlich selbstbewusst von einer 12 gesprochen habe – und ich natürlich nicht als Hypochonder und Wichtigtuer wahr genommen werden möchte.

Nun muss man wissen, dass die Chance  Onki zu einer Aussage zu bringen, von der er nicht 100 % überzeugt in etwa gleich gross ist, wie einen Teenager zu einem Vortrrag vor versammelter Klasse über die Nutzlosigkeit von Smartphones.

Er legt den Kopf schräg und meint, eine neun. Aha? Ich horche auf. Er begründet es auch. Der Kopf sei (noch) nicht betroffen. Damit kann ich leben, sehr gut sogar. Wir haben diesen aber auch noch nie genauer untersucht, schiebt er ganz nach Columbo Manier hinterher.

Manchmal bringe ich bei Onki keine zwei geraden Sätze über das Wetter raus. Dies war wieder so ein Moment. Ich grinse – er auch, alles im Lot.

Ich muss mir mit meinen Haaren etwas einfallen lassen. Erfreulicherweise flächendeckend, weniger erfreulich ist, wie schon mal erwähnt, in einem grässlichen strassenkötergrau nachgewachsen. Ich fühle mich zu jung, um mit einem grauen Kurzhaarschnitt rum zu laufen. Mir scheint, eine Suffragette sieht mich im Spiegel an.

Mal sehen, ob ein guter Coiffeur aus meinem Kopf etwas machen kann, damit ich die Perücke an den Nagel hängen kann. Diese hält nur noch sehr locker, und langsam habe ich es auch satt, damit herum zu laufen.

Und dann stellt sich die Frage, wie lange es wohl geht, bis mich die nächste Chemo wieder in einen Glatzkopf verwandeln wird.

Nichts aufregendes

Wieder Mal zur Therapie bei Onki.

Medizintechnisch gibt es nicht viel zu sagen. Also plaudern wir über dies und das. Er war kürzlich in Stockholm, ich letzte Woche, wie tauschen Erfahrungen aus.

Ich dreh‘ den Spiess um und frage mal über sein Wohlbefinden. Und das ich mir schlichtweg nicht vorstellen kann, wie er nach Hause gehen kann und auf die Pauke hauen, wenn er wieder mal ein Todesurteil überbringen musste.

Er erzählt, ich höre zu. Und ich kann es nachvollziehen, ziehe den Hut vor ihm. Je länger je mehr schätze ich nicht nur den Arzt, auch den Menschen.

Wir kommen zum Fachlichen. Grippeimpfung steht an. Ich sage ihm auf den Kopf zu, dass ich das für Geldmacherei halte, noch nie ein solche Impfung erhalten habe, und meine letzte Grippe ca. 20 Jahre zurück liegt. Erzähle ihm von Bekannten, die jedes Jahr impfen und jedes Jahr  erkranken.

Meine medizinische Diagnose hinkt – meint Onki. Er empfiehlt Impfung bei chronisch Kranken und alten Leuten. Das eine ja, das andere nein.(!!!!). Ich knirsche mit den Zähnen, bei fachlichen Diskussionen ziehe ich aus Erfahrung einen Schuh voll raus. Ja, ja, ich weiss, ER ist der Profi.

Ich liege am Tropf. Wie immer wird mit List und Tücke, sprich mit Kortison, Antiallergikum usw., mein Körper überliestet, damit sich die Allergie in Grenzen hält. Mein dritter Antikörper steht wieder mal an, unter die Haut gespritzt. Ich gebe mich geschlagen, und so kriege ich noch die Grippeimpfung – in den Muskel. Wenn ich zusammen zähle habe ich an diesem Tag rund acht Medis intus. Kortison, Blutverdünner, rezeptpflichtige Schmerzmittel, Antiallergikum, drei Antikörper, eine Grippeimfung – Abends kommt noch eine Schlaftablette dazu (Kortison hält mich wieder mal wach), welche nichts nützt.

So bleibt die Leber fit.

Möchte es vermeiden, bei Onki zu jammern, dass ich den dritten Tag mit über 40° im Bett liege und er denkt – wenn er es auch nie sagen würde – habe ich es doch gewusst.Ich hingegen werde es voll auskosten wenn ich nun trotz Impfung flach liege, und ihm – nochmals – wissen lassen, was ich von Grippeimpfungen halte.  Mal sehen, ob ich als chronisch Kranke auch bei der Grippe vorne mit dabei bin.

 

 

 

 

Da und dort

bin ich nun unterwegs. Wenn schon eine Woche nicht arbeiten, dann werde ich nicht zu Hause sitzen. Solange Krustentierchen mich nicht ins Bett zwingt – mache ich mich auf den Weg.

Stockholm – was für eine wunderbare Stadt. Wir lassen es uns gut gehen, feines Essen, Schiffsrundfahrten, ins Schloss müssen wir selbstverständlich auch.

Mein nächster Weg führt mich Richtung Süden. Am Flughafen miete ich mir ein Auto. Dank südlicher Fahrweise  bin ich ruckzuck hellwach. Ich passe mich an. Der Blinker wird nicht mehr betätigt, man sucht sich sämtliche Sperrlinien und überquert diese, vorzugsweise mit überhöhter Geschwindigkeit, der Abstand zum Vordermann lässt keinen Platz mehr für irgendeinen fahrbaren Untersatz, und mit der Zeit zuckt man nicht mehr zusammen, wenn wieder ein Schatten vorbei flitzt  – Roller die rechts und links überholen. Bei einer roten Ampel kommen diese wie die Fliegen nach vorne, bei einer drei-spurigen Strasse zähle ich sechs Roller – startbereit, sozusagen erste Reihe Mitte.

Mein Weg führt mich zu lieben Bekannten, welche ich schon jahrelang nicht mehr gesehen habe. Ich erzähle von mir, auch von meinem Krustentierchen (sie hören zu, fragen wenig, wie die meisten Leute), sie erzählen, wie es ihnen ergangen ist in den letzten Jahren. Wir schwelgen ein wenig in Erinnerungen. War immer lustig mit ihnen.

Auf dem nach Hause Weg frage ich mich, warum es erst mein Krustentierchen brauchte, damit ich mich meldete?

Werde mich ein bisschen mehr um die Leute kümmern, die mir am Herzen liegen, und ein bisschen weniger um die „da muss ich mich auch wieder mal melden – Fraktion“.

In einer Woche habe ich wieder Therapie – vermutlich wird es nicht viel Neues geben. Mal schauen, was Onki zu erzählen weiss.

Dieser Eintrag wurde am 6. Oktober 2016 veröffentlicht. 2 Kommentare