Archiv | November 2016

Eine Wahl?

Ich vermute, es gibt Menschen, die saugen die Luft irgendwie anders an. Es muss das schlechter durchblutete Hirn sein. Anders kann ich mir nicht erklären, wie jemand der Überzeugung sein kann – und dies auch noch mir gegenüber vertritt – dass alles im Leben ein Sinn hat. Auch das ich einen Krabbler zur Untermiete habe, hat seinen Sinn. Ja, bin allerdings noch auf der Suche nach diesen, gebe ich zu. Damit sind solche Gespräche meist schnell beendet. (Und manchmal denke ich mir, ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung).

Hin und wieder kommen Leute zu mir und meinen, ich würde „das alles“ ganz toll machen. Onki hat auch schon mal – so hin und wieder – etwas in diese Richtung verlauten lassen. Als ob ich eine Wahl hätte. Onki meint, ich hätte mich ganz darauf eingelassen – und nebenher mein Leben weiter gelebt. Und wieder von mir, als ob ich eine Wahl hätte. Was wäre Plan B? Zu Hause sitzen, Rolladen runter und in Selbstmitleid versinken? Ja, manchmal tue ich das, aber längst nicht immer. Jeder Betroffener muss seinen Weg finden damit umzugehen.

Zwei Tage hintereinander gehe ich spazieren – und schon hat mich mein Hand-Fuss-Syndrom wieder im Griff. Aua! Frühmorgens lahme ich wie ein alter Ackergaul. Mir wurde gesagt, dieses Syndrom dauert so lange wie die Chemo. Also müsste ich dies schon längstens hinter mir haben. Ist aber nicht so. Es ist lästig. Und mühsam. Und verleitet mich immer wieder zu – zugegeben etwas bösartigen – Zwiegesprächen mit meinem Krabbler. Es ist davon nicht beeindruckt – aber ich werde ein wenig Frust los. Von einer Win-Win Situation (ja, auch ich kann neudeutsch!) ist hier natürlich nicht zu reden, aber ich bemühe mich.

Es steht wieder Mal Besuch an – und so ist mein Krustentierchen „unter ferner liefen“ present. Reicht auch.

 

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Nicht nur Arzt

Wieder mal war ich am Tropf. Und mir fällt auf, in letzter Zeit schlafe ich dabei wie ein Baby. Noch während mir der Magenschoner gespritzt wird nicke ich weg. Muss nächstens Onki fragen, ob die Medikamente geändert wurden, verstärkt, nehme ich an. Oder ein anderes Antiallergikum? Da gibt es allerlei aus Onkis Trickkiste. Ein doppelter Espresso bringt mich wieder langsam auf Betriebstemperatur bevor ich mich in’s Auto setze.

Die Zeit der Perücke ist vorbei, und auch Onki sagt mir, jetzt musste er zwei Mal hinschauen, ob ich es sei.

Er scheint mir heute anders als sonst, und als ich nachfrage erfahre ich auch, warum.

Mir wird klar, er ist auch Mensch, nicht nur Arzt. All meinen psychischen Schrott, den ich vor der Aussenwelt sorgsam verberge, kriegt er in geballter Ladung ab. Und vermutlich nicht nur von mir. Immer bin ich davon ausgegangen, dass an ihm alles abperlt. Damit muss ich aufhören. Es ist nicht seine Schuld, dass ich ein Krustentierchen zur Untermiete habe.

Und ich finde mich langsam damit ab, dass mein letzter Gang unter Umständen ein Alleingang wird. Auch wenn mir Onki Unterstützung versprochen hat bin ich mir ziemlich sicher, dass es für ihn nicht wie Kaffee trinken wäre.

Dank Kortison geht es erst frühmorgens in’s Bett. Vorher entferne ich noch die Pflaster, eines von der Blutabnahme, eines vom Port, und eines von der Spritze für den Knochenaufbau. Letztere habe ich wohl irgendwie verschlafen, kann mich zumindest nicht daran erinnern.

Nicht wirklich

Ich fall‘ vom Glauben ab. Was sehe ich nach dem duschen? Genau, ein roter Fleck auf meiner Brust. Ne, oder? Bevor ich auch nur irgendwas abklären lasse ist für mich schon klar, abgenommen das Teil, Bestrahlung hinterher und fertig lustig. Lege mir die Argumente schon parat für mein Treffen mit Onki. Nix da mit Vakkumpiobsie, PetCT usw. Aber da schau her – das Ding ist am nächsten Tag wieder weg. Es hat mich nicht nervös gemacht weil ich dachte, es geht los, sondern weil ich dachte, die Behandlungen gehen wieder los. Und das ware lästig.

Bei der Arbeit gehe ich mit einem Kollegen aus einer anderen Abteilung essen. Da zapf‘ ich mal sein Wissen an, denke ich mir, und zwar über die nahen und fernen (Bau) – pläne unseres  Arbeitsplatzes, er sitzt näher als ich an der Quelle. Dies und das frage ich ihn, und er gibt auch bereitwillig Auskunft. Erst auf dem Rückweg fragt er mich wie es mir geht. Es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass er das wissen möchte. Vielleicht auch, weil es für mich Alltag ist, immerhin dauert es schon ein Jahr. Ich sage ihm kurz wie der Stand der Dinge ist. Es kommt keine Antwort, gar nichts. Ich bin verwirrt. Warum fragt er, wenn es ihn nicht interessiert? Oder weiss er nicht, was sagen? Er erscheint mir in diesem Moment sogar ein klein wenig schüchtern.

Mein nächste Therapie steht an – mal schauen, was mir Onki wieder so nebenher alles erzählt.

Ei der Daus

Ich stelle fest, hier lesen doch ein paar Schelme mit.

Voller Freude erzähle ich von meinen langsam Gestalt annehmenden Reiseplänen  – nach Amerika – und flugs kommt der eine oder andere Zeitgenosse und deutet an, welcher Frau ich nun den Mann ausspanne? Nicht, dass es jemand direkt ausgesprochen hätte , nein, aber auf jeden Fall lies man es durchblicken.

Ja, er ist verheiratet, ja, er hat Familie mit drei Kindern, ja, er lebt in einer Beziehung, und ja, es handelt sich um meinen Bruder. Herrschaftseiten!!

Honi soit qui mal y pense.

Vor ziemlich genau einem Jahr ging es los, mit meinem Krustentierchen und mir. Ich darf nicht zu lange daran zurück denken, die unglaubliche Gefühlswelt von damals würde wieder über mich herein brechen, die Angst, die Verzweiflung, das nicht glauben wollen. Im Verdrängen bin ich mittlerweile ziemlich gut.

Und nun ist es schon 12 Monate her seit mein Krustentierchen und ich eine Symbiose eingegangen sind. Ok, nicht ganz freiwillig. Ich wurde nicht gefragt. Aber es ist nun so, und weder ich noch mein Onki, noch sonst jemand kann es ändern. Momentan geht es gut mit uns Zweien, kann ich nicht klagen.

Wie bei allen wichtigen – und auch unwichtigen – Sachen in meinem Leben ist auch mein Krustentierchen mit Musik verbunden. „Der Tanz der Vampire“ läuft rauf und runter, begleitete mich auf meinem ersten Weg vom Hausarzt ins Spital und auch bei meinen ersten Tränen.

„Sie ahnten nicht, dass ich verloren bin, ich glaubte ja noch selbst daran, dass ich gewinn“.

Musik kann er schreiben, und Texte auch, der Steinman.

 

Geht doch

Meine Reisebegleitung für Australien hat zugesagt. Unter Vorbehalt! Erstens geht es nicht nach Australien und zweitens nicht – so wie ich es mir vorstellte – drei Wochen lang. Wir werden in die USA (um politische Gesinnungen kümmere ich mich nicht, und das Land ist im grossen und ganzen immer noch das gleiche), und so um die zehn Tage.

Es war harte Arbeit ihn so weit zu bringen, habe gesäuselt wie mit einem kranken Kälbchen. Wir waren gemeinsam an einer Geburtstagsfeier eingeladen, und da habe ich ihn in Beschlag genommen. Mann kann sich natürlich fragen, warum ich das mache? Er liegt mir sehr am Herzen. Er hat schon lange mal gesagt, er möchte in diese Richtung verreisen. Und wenn man schon zu zweit unterwegs ist macht es schlichtweg mehr Spass, wenn man mit jemanden los zieht, der den Kopf nicht nur hat, damit es nicht in den Hals regnet. Mit einem Kochtopf würde ich nicht verreisen.

Nun noch flugs den Termin festlegen und wie üblich bei Onki vorstellig werden. Er muss dafür Sorge tragen, dass ich an den von mir gewünschten Terminen fit bin. Alle kann ich ihm natürlich nicht im voraus sagen, könnte mir vorstellen, dass er meine Reisepläne bestreikt. Keine schlafende Hunde wecken, ist meine Devisen. Und wenn ich ihm sage, „morgen geht´s nach Lissabon“, was will er da schon sagen? Ein bisschen List kann nie schaden. Ist mein Krustentierchen auf Vormarsch, sieht das ganze natürlich anders aus. Aber das interessiert mich jetzt noch nicht.

Wenn es eng wird, und ich ernsthafte Probleme kriege, weiss ich, auf Onki kann ich zählen. Und werde ich auch, weil ich niemanden kenne, dem ich das ganze Schlamassel zumuten möchte.

Dieser Eintrag wurde am 14. November 2016 veröffentlicht. Ein Kommentar

Seitenwechsel

Mein Besuch ist wieder zu Hause. Wir hatten viel Spass miteinander, was uns nicht davon abgehalten hat, drei Frühstücke lang über die Welt zu politisieren. Jeder von uns wusste es besser, keiner gab auch nur einen Millimeter nach, und so ist es meist in heftige Streitgespräche ausgeartet. Selbstredend, dass keiner von uns eine entsprechende Ausbildung hat (Politikstudium, z. B.) oder sich auch nur nachhaltig über etwas informierte, nein, unser Wissen hätte jeder Stammtischdiskussion zur Ehre gereicht – und wäre für jeden Fachmann wohl äusserst unterhaltsam gewesen.

Am vierten Morgen habe ich die Politik vom Frühstückstisch und aus unsere Gespräche verbannt.

Abends hatten wir nicht mehr genug Kraft für solche Gespräche, da waren wir friedlich weil müde.

Nun bin ich zu Besuch. Meine Gastgeber nennen eine top Musikanlage ihr Eigen, mit Surround und was es da alles Schönes gibt. Wir frühstücken zusammen – und sie ziehen  los um Brötchen zu verdienen. Ich schleiche um die Selbige herum, kriege sie zum laufen (mit vorheriger Instruktion)  – und tobe mich aus. Die Katzen spritzen davon, und ich hoffe die Bausubstanz hält der Lautstärke stand. Mein Gastgeber ist ein Technikfreak, kann sein Haus im grossen und ganzen mit seinem Handy steuern, hat auch so eine widerliches Ding von Kamera aufgehängt. Er meint, diese sei ausgeschaltet. Kann schon sein, oder aber auch nicht. Holzauge sei wachsam.

Normalerweise werde ich mit einer langanhaltenden Massage von meiner Schlummermutter verwöhnt. Seit sie von meinem Krustentierchen und den Knochenmetastasen weiss zickt sie rum. Sie erklärt sich nur nach OK von Onki bereit, mich wieder zu massieren. Ich weigere mich Onki anzuschreiben. Sonst macht er sich noch Sorgen das es mit den Hirnmetastasen bereits los geht. (Kürzlich fragen, ob Haare färben erlaubt sei und nun massieren?).

Sie ist stur, ich will eine Massage. Nun denn, sie schreibt das Mail an Onki selber, und auf Onki kann ich wie immer zählen. Er „schreibt“ keine Antwort – er schickt eine Ampel – mit einem schönen grünen Licht. So habe ich es gerne.

Mit meiner „Besucher-Grundausstattung“ (Hausschlüssel, Auto und PC) bin ich unabhängig. Also ziehe ich los,  einkaufen (und versuchen, etwas essbares für meine schwerwarbeitende Gastgeber auf den Tisch zu kriegen), ein Museum in nächster Nähe besuchen (einem lieben Arbeitskollegen von mir zu Liebe), und einer ehemaligen Arbeitskollegin einen Kaffee raus leiern.

Wie es Onki geschrieben hat – es ist alles im grünen Bereich bei mir.

 

Nichts neues

habe ich zu schreiben.

Die letzte Therapie war tadellos, ok, ich war unglaublich müde, habe  die vier Stunden schlichtweg verschlafen. Das Kortison am Abend vorher hat mich wach gehalten, und so habe ich in der Onkologie den Schlaf nach geholt.

Mit Onki war es lustig, keine Frage. Meist testen wir uns im verbalen Schlagabtausch, und ich muss meine ganze Grütze im Hirn zusammen nehmen, um neben ihm nicht ganz flach auszusehen.

Ich habe es gerne organisiert, oder geplant, wie man auch immer dazu sagen möchte. Und so habe ich ihn gefragt, ob er wohl auch mal privat eine Stunde in mich investieren würde. Er meint, warum nicht.Ich frage ihn, ob er mich auf meinen letzten Weg begleitet.  Er wird sehr, sehr ernst, (eigentlich war er erst einmal so ernst, als es um die Wiederholung meiner Therapie nach der allergischen Reaktion ging und evtl. möglichen Langzeitschäden). Er meint, dass sei für ihn eine grosse Ehre, es sei ein Vertrauensbeweis. Und das ich sehr strukturiert denke. Strukturiert nennt er das? Ich sage ihm, dass ich schlichtweg niemanden zumuten möchte, dabei zu sein, wenn es zu Ende geht. Und wenn immer möglich möchte ich es alleine erledigen. Es sollen andere nicht leiden wegen mir.

Er ist Arzt, er sieht das wohl anders. Für ihn gehört das sterben dazu. Ich weiss nicht, wie lange ich noch unter den Lebenden weile. Wenn ich das Gefühl kriege, es würde ihn ebenfalls belasten – man lernt sich unweigerlich kennen, wenn man sich regelmässig zum Gespräch trifft – dann werde ich wohl diese Möglichkeit auch streichen.

Kürzlich sah ich einen Film, ein Krebskranker kommt im Spital die Treppe hoch und trifft auf zwei weitere Patienenten. Er meinte, als Krebskranker sei man immer im Keller. Ja, kann ich bestätigen, die Bestrahlung war sozusagen unterirdisch. Und die zweite Aussage war, seine Familie sei zu Besuch, erst wenn die Verwandtschaft kommt weiss man, wie krank man ist. Ja, auch da hat er Recht.

Ich habe momentan Besuch von meiner Familie.

Dieser Eintrag wurde am 6. November 2016 veröffentlicht. 2 Kommentare