Archiv | Dezember 2016

Letztes Jahr

Nun kommt es mir in die Quere, dass ich Musik stets mit Vorkommnissen in meinem Leben verbinde.

Eine Weihnachtsschnulze läuft im Radio – und innerst Kürze bin ich am Boden. Warum jetzt das frage ich mich selber? Und dann kommt alles wieder hoch. Die erste Chemo, Haarverlust, Angst vor dem was kommt, Angst vor allem, weinen ohne Ende.

Weihnachten hatte ich immer sehr sehr gerne. Schon in der Kindheit hatte ich es gerne. Soll ja Familien geben, welche an solchen Tagen stets streiten. Ich kann mich nur an einen mit Menschen vollen, grossen, massiven Holztisch erinnern,  Besuch der ein- und ausging, Keksteller, welche von Zeit zu Zeit aufgefüllt wurden, das schmücken des Christbaums – und spätabends die Christmette.

Und jetzt stelle ich fest, Weichnachten ist Angst für mich, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung.

Ob ich diese Konditionierung nochmals aus meinem Kopf kriege? Ich hoffe es, zweifle es aber an.

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Passt so

Irgendwas mache ich falsch. An einem einzigen Tag erhalte ich auf meinem Handy Fotos von Thailand, Dubai und Florida . Selbstredend, dass alle blauen Himmel und angenehme Temperaturen haben. Und was mache ich? Bei minus Grade – es dampft aus den Kanaldeckeln! – und bei dichtestem Nebel kämpfe ich mich frühmorgens zur Arbeit.

Ab morgen wird es für ein paar Tage besser. Ich husche mit einer lieben Kollegin in eine Stadt gen Süden. Gen Süden deshalb, weil ich davon ausgehe, dass es Richtung Norden nur noch schlimmer wird mit der Zahl hinter dem Minus. Das muss ja nicht sein.

Weil mein Krustentierchen ein treuer Begleiter von meinen Gedanken ist habe ich noch Onki angeschrieben. Vielleicht kann er mir die Ergebnisse des letzen Tumormarkertests durchgeben? Ich rechne mit allem – von hervorragend bis keine Zeit mehr, ein 3-Minuten-Ei zu kochen. Ist ein bisschen wie beim Lotto mit meinem Krabbler – alles ist möglich. Auf jeden Fall würde man ein Rezidiv, also das fortschreiten des Tumors, sofort erkennen.

Meine Antikörper Therapie schimpft sich auch „targeted Therapie“, also zielgerichtete Therapie. Die Antikörper blockieren die Wachstumsfaktoren (Her2), was das übertrieben schnelle Wachstum des Tumors hemmen soll. Grundsätzlich habe ich einen besonders aggressiven Brustkrebs, auf Grund obenstehender Therapie ist dieser aber eine zeitlang sehr gut behandelbar. Es müssen mehrer Tests positiv sein damit die extreme hohen Kosten der Medikamente von der Versicherung übernommen werden. Ich habe alle diese Tests mit Bravour bestanden. Wirklich stolz darauf bin ich nicht. Innert Kürze hatte ich die schriftliche Kostengutsprache der Krankenkasse in den Händen. Auch hier, mein Onki trägt dafür Sorge, dass ich mich nicht mit meinem Versicherungsträger herumschlagen muss.

Wenn die Progression eintritt wird mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Chemotherapeutikum eingesetzt. Dieses wird zielgenau an einem der Antikörper „andocken“, und somit – hoffentlich – nur auf Tumorzellen einwirken. Will heissen, keine Nebenwirkung (Haarausfall, etc.). Soweit zur Theorie. Wie ich mich dann entscheinde wenn es wieder rund geht weiss ich noch nicht.Wahrscheinlich werde ich den Vorschlägen von Onki folgen. Es sind immer nur Vorschläge, die Onki bringt. Weil eben jeder Patient anders ist. Und wenn ich auf Onki höre – geht es mir gut. So im grossen und ganzen.

Meine Haare zeigen sich wieder, und kringeln sich auf dem Oberkopf wie bei einem Kälbchen. Aber das viel angenehmere ist, sie geben warm. Sehr viel wärmer als meine schulterlange Perücke. Und auf jeden Fall sind so kurze Haare praktischer als lange. Man dreht sich im Bett – und fertig.

Wenn nicht stets der Gedanke an mein Krustentierchen da wäre (und alle drei Wochen die Therapie) hätte ich ein fast normales Leben. Passt also.

Zukunft

Es geht mir gut, sehr gut sogar. (Ein Hand-Fuss-Syndrom ist kein Grund zum sagen, es geht mir schlecht. Es tut ein bisschen weh, und fertig). Und so gibt es Leute, die sagen, ich mache es noch ewig. Wie gerne würde ich diesen Personen Glauben schenken.

Ja, es gibt Spontanheilungen, aber die sind rar. Und ich persönlich kenne niemanden, dem eine solche widerfahren ist. Die anderen Beispiele kenne ich öfter, auch persönlich. Ich war an einem Geburtstag von einem Betroffenen – und hatte das Gefühl, ich werde ihn nicht mehr lebend sehen – und so war es (Speiseröhrenkrebs). Da war ein Besuch im Spital von einem lieben Bekannten, welcher am nächsten Tag mit der Chemo begonnen hat, kleinzelliger Lungenkrebs, den Sommer hat er nicht mehr erlebt. Einem lieben Bekannten wurde Heilung in Aussicht gestellt, Heilung, nicht so wie mir eine palliative Behandlung, und eineinhalb Monate später war ich auf seiner Beerdigung.

Aber ich will nicht nur das schlechte aufzählen. Eine Person kenne ich, welcher vor rund zwanzig Jahren erkrankt war, gilt nun definitive als geheilt. Kein Rezidiv, keine Progression.

Die Angst, mein ständiger Begleiter, allgegenwärtig, manchmal mehr und manchmal weniger im Vordergrund, aber immer da. Und sie wird nicht mehr weg gehen. So ist es, und ich werde leben damit, denn auch hier – ich habe keine Wahl.

Onki ist kein Schwätzer, kein Wichtigtuer (ohne sich in irgendeiner Form in den Vordergrund zu drängen ist er ohnehin die Nummer eins, wenn er sagt „spring“, frage ich wie hoch, eigentlich die einzige Person, auf die ich je gehört habe und höre). Und das, was er mir sagt, glaube ich grundsätzlich. Er ist hier um mir zu helfen, so gut es geht, was in seiner Macht steht, so viel als möglich. Ich denke mir, es kann auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit sein, wenn ich von Patienten höre, wie sie sich mit dem Arzt anlegen.

Heute vor einem Jahr erfuhr ich von meinem unheilbaren Krustentierchen. Und ich stelle fest, man kann damit leben. Man kann viel – wenn man muss.