Unschön

Irgendwo schnappe ich die Bezeichnung „Behandlung bei fortgeschrittenem, metastasierten Brustkrebs“ auf. Ein unschönes Wort finde ich, zeigt meiner Meinung nach ziemlich deutlich auf, wenn und das es übel um einen steht. Ich bin neugierig und bemaile Onki wieder mal. Ich frage so ganz vorsichtig, ob man denn bei mir auch schon davon spricht / sprechen kann? Neugierig sein ist nicht immer gut. Ein klares ja kommt von Onki, wenn eine Tumorerkrankung bereits Metastasen hat, dann spricht man von einem fortschrittenem Stadium. In meinem Fall „seit wir uns kennen“ – mailt Onki noch hinterher. Nun könnte ich böse sein und mein Krustentierchen direkt mit Onki in Verbindung bringen, so quasi, seit ich ihn kenne – bin ich krank. Was war zuerst, das Ei oder das Huhn, Onki oder Krustentierchen?

So wie ich mich erinnere, habe ich ihm das auch schon mal gesagt, Diplomatie vermissend „Sie sind schuld, seit ich sie kenne, bin ich krank“. Onki ist Profi – und kennt mich. Er weiss, solange ich ein wenig Gift spritze, geht es mir gut. Wenn ich eine Krise schiebe klingt es anders. So schmunzelt er nur, weil er es schon so aufnimmt, wie ich es meine. Kürzlich hatte ich auch mal wieder das Gefühl, meine Meinung kund tun zu müssen. Was er für einen Sch….job hätte, das macht ja keiner freiwillig. Was würde ich nur ohne Onki tun.

Um halb zehn gehe ich von der Arbeit nach Hause. Mir kommt ein Mann, ich nehme mal an, es war Papa, mit einem drei, vier jährigen Kind entgegen. Das Kind hat Augen, so gross, wie Teller. Papa sagt, „Schau‘ da hinten ist sie“, und das Kind ruft „Mami“, läuft los, und ruft noch drei Mal „Mami“. Vor lauter Aufregung läuft es sogar zuerst zur falschen Frau – Papa steuert in die korrekte Richtung. Selten einmal habe ich im Wort Mama soviel Hoffnung – und gleichzeitig Schmerz gehört. Die Frau geht weder in die Knie, noch nimmt sie ihr Kind hoch, sie ist mit einem Koffer unterwegs, von einer Frau, ebenfalls mit einem Koffer bewaffnet, begleitet. Auch die Begrüssung zwischen Mann und Frau ist nicht wie üblich – Papa und Mama – keine Umarmung, kein Kuss, nichts. Es scheint irgendwie, als ob hier eine frische Trennung vorliegt. Und das Kind sieht seine Mama endlich wieder mal. Ich kann mir sonst nicht erklären, warum man um halb zehn noch mit einem kleinen Kind unterwegs ist.

Dieses Bild, das „Mami“ rufende, und ganz schnell laufende Kind geht mir lange nach. Wieviel Kummer und Schmerz kann so ein kleiner Mensch ertragen – ohne Schaden zu nehmen? Ich hoffe, ich habe mich geirrt, aber soooo schlecht ist meine Menschenkentnis nicht.

Wieviel Leid sich Menschen zum Teil antun. Ich finde, es reicht mit schmerzhaften Sachen, die wir eh nicht ändern können.

 

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