Archiv | April 2017

Sticheleien

Es sei jedem gesagt, ein Tag, der mit einem Stich in den Hals beginnt, aus dem kann nichts werden. Ein Tag, durch und durch für die Tonne. War es frühmorgens der Schnee, die Untersuchung, die Arbeit, oder alles zusammen, kann ich nicht sagen. Besser, ich wäre im Bett geblieben, Wohnungstüre nicht nur abschliessen, sonder noch einen Stuhl davor, rein ins Bett, und Decke über den Kopf gezogen.

Aber nur jammern geht gar nicht. Mailand war einfach nur schön. Und man muss sagen, die Italiener haben es noch immer drauf, egal, ob Frau oder Mann, Charme haben sie im Blut. Eine wunderbare Stadt, mit sehr viel mehr Kultur  als ich erwartete. Irgendwie bin ich davon ausgegangen, bei Mailand handelt es sich um eine Industriestadt – dem ist nicht so. Das Zentrum ist sehr schön, und seit der Weltausstelltung 2015 ist es richtig heraus geputzt. Ein Besuch der Scala muss auch sein. Meine Reisebegleitung ist ein Profi wenn es um Opern und deren Häuser geht. So bemerkt sie tatsächlich einen Seiteneingang der Scala, an dem ich im Stechschritt vorbei wäre. Flugs hinein gehuscht – da es regnet eine praktische Sache. Weil die Scala mal ein Privatteather war, ist sie nicht sonderlich gross. Und da es ein Logenteather ist fehlt auch ein pompöser Treppenaufgang. Ich habe schon prunkvollere Opernhäuser gesehen, muss ich zugeben. Edel war es allemal. Auch Michelangelos letztes Abendmahl haben wir uns zu Gemüte geführt. Und es erging mir hier wie bei der Mona Lisa im Louvre – schön, wir können gehen. Vielleicht bin ich aber auch nur eine taube Nuss, wenn es um Kunst geht.

Spätabends wieder zu Hause, und am nächsten Morgen zur Punktion der Schilddrüse. Vorher noch ein Schlenker über die Onkologie gemacht, Thrombozyten und der INR (beim gemeinen Volk auch als Quicktest bekannt) muss getestet werden. Offensichtlich will man sicher sein, bevor man in meinem Hals herum stochert. Den Blutverdünner habe ich vorschriftsmässig abgesetzt. In der Patientenanmeldung schickt man mich zur Radiologie. Als ich das letzte Mal hier war, war Mammographie und Ultraschall meiner noch vorhandenen Brust angesagt. Und damals hies es „Sieht gut aus“. War ja dann doch nicht so gut, wie es sich heraus gestellt hat.

Die Chefärztin selber ultraschallt an meinem Hals rum, rechts habe ich einen Knoten (wo kommt jetzt der her??), links sieht das ganze ein ein wenig undifferenziert aus, da nimmt sie was raus. Aha! Dann mal los.

(Ein Techniker wird gerufen, für das Ultraschallgerät, nicht für meine Schilddrüse, weil das Bild „nicht so sein kann“, meint die Ärztin. Wenn sie sich da mal nicht täuscht…)

Das Schlimmste hätte ich eh schon überstanden, meint sie. Und was meint Frau damit? Chemo? OP’s? Bestrahlung? Alles miteinander. Ich schliesse die Augen, bin nicht scharf darauf zu sehen, welche Nadel genommen wird. 1.5 cm, und schön dünn höre ich trotzdem. Ich bitte noch „nicht hinten wieder raus zu kommen“. Natürlich nicht, heisst es. Der Stich selber tut nicht weh, da haben meine Thrombosespritzen zum Teil mehr geschmerzt. Nach rund 20 Minuten ist alles überstanden. In ein paar Tagen landet das ganze bei Onki auf dem Tisch – und irgendwann werde ich es wohl auch erfahren.

Natürlich würde ich es angenehm finden, wenn es nur eine Entzündung wäre, auch ein Ableger wird akzeptiert (meine Auswahl ist ja nicht sooooo riesig), aber ein neues Krustentierchen, ein Truthahn, ist ein bisschen übertrieben. Andererseits – von all den Untersuchungen, Abklärungen, war bei mir immer das schlechtest als Resultat heraus gekommen. Ob es jetzt anders ist bezweifle ich. Wäre ja ganz was Neues.

FALLS sich mein Truthahn als Entzündung entpuppt – könnten sich Onki und ich meinem undichten Port zuwenden. Vom logischen her denke ich mal, da muss mal reingeschaut werden, und evtl. ersetzt. Terminmässig werde ich hier stur bleiben. wann wir das machen ist mir egal, einfach meine New York Reise findet statt. Loch im Port hin oder her.

 

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Ein Truthahn zu Besuch?

Die Ergebnisse des PetCT’s sind da. Das Gute zuerst. Meine Ableger in Leber und Knochen schlummern friedlich vor sich hin, die Leber ist momentan überhaupt nicht aktiv. Das ist vermutlich meiner drei-wöchentlichen-Antikörpertherapie zu verdanken. Die Knochen sind auch friedlich. Die Lunge als solches auch, nur rundherum wächst es ein wenig. Und die Lymphen frönen dem Wachstum. Mein Knoten am Hals ist sehr gut sichtbar.

Aber, und öfter mal was Neues, die Schilddrüse zickt rum. Wie allgemein bekannt, eine Schilddrüsenunterfunktion kann einen Kropf geben. Also ein hässliches Ding. Ein Truthahn hat auch so ein hässliches Ding. Langer Rede kurzer Sinn, mein evtl. Schilddrüsenkrebs nenne ich meinen Truthahn. Er (der Truthahn) muss punktiert werden. Onki meint, so ein Stich in den Hals sei nicht so unangenehm, wie es sich anhört. Echt? Ich frage ihn, wie oft er schon einen hatte. Ja, was er halt so hört! Onki und die Regentschaft des PetCt’s gehen von einem Krebs aus, nicht von einem Ableger, da Brustkrebs äusserst selten in die Schilddrüse streut – und – das Bild auf dem PetCt sich anders darstellt. Ja brauche ich den Mist auch noch? Bin sauer! Es wird punktiert werden, wie schon erwähnt, wenn es ein eigenständiger Krebs ist fliegt die Schilddrüse raus (man kann auch sagen, wird operativ entfernt) und es gibt eine anschliessende Chemo in Tablettenform.

Kürzlich dachte ich mir mal, ich ware dankbar, wenn es nur ein Ableger wäre. So weit bin ich schon gekommen. Dass ich dankbar bin, wenn es nur neue Ableger gibt. Muss ja nicht gerade ein neuer Krebs sein. Es ist ziemlich wichtig zu wissen, ob Ableger oder neuer Krebs. Denn – klarerweise – die Behandlung ist kreuzverschieden. Sagte ich schon, dass ich sauer bin?

Angst wegen dem Truthahn habe ich keine, der wird mich nicht unter den Boden bringen. Aber lästing, einfach nur lästing, ist der ganze Mist.

Vermutlich würde ein kerngesunder Mensch entsetzt sein über so einen Verdacht. Ich bin nur am fluchen.

Mein Port hat ein Loch, sagt das PetCt..  Antikörper kann man noch darüber reintrichtern, eine Chemo schon weniger. Zytostatika (Krebsmittel) sind äusserst aggresiv, werden mit NaCl Lösung verdünnt, und so in den Blutkreislauf gebracht. Unverdünnt sind diese gelinde gesagt ätzend, jeglichen Kontakt mit Haut und Schleimhäuten ist zu vermeiden, soll sofort abgewaschen werden. Wenn also ein Chemomittel über den Port verabreicht wird, darf dieser unter keine Umständen leck sein. Daher wird auch immer kontrolliert, ob Blut aus dem Port gezogen werden kann.

Habe bei einem Kollegen mal einen defekten Port gesehen. So etwas sieht übel aus.

Die Chemo von meinem Truthahn wird in Tablettenform sein – wenn ich eine brauche – die Chemo für meine gewachsenen Ableger – wenn es nötig werden wird – wird wieder intranvenös sein. Ich nehme an, spätestens bis dann sollte mein Port wieder funktionieren.

Also, dass heist nach Adam Riese: Schilddrüsenpunktion, evtl. OP, Port reparieren, Chemo in Tablettenform,und wenn es übel kommt gleichzeitig Chemo für die Ableger. Ob das rund läuft mit zwei verschiedenen Chemos weiss ich auch noch nicht.

Prima, dazwischen kann ich noch ein bisschen reisen (Mailand und New York), ein bisschen arbeiten, und das was übrig bleibt – bin ich bei den Weisskitteln.

Sauer ist gar kein Ausdruck für meine momentane Gemütslage.

Dieser Eintrag wurde am 23. April 2017 veröffentlicht. 5 Kommentare

Einmal mehr

lande ich im PetCt.

Diesmal harzt es ein wenig. Zuerst  Mal wollte man mit der falschen Nadel meinen Port anstechen. Ich weiss mittlerweile, wie lang das Ding sein muss, (die Nadel, nicht der Port)  werfe einen Blick drauf, und meine „Die wird zu kurz sein“. Ich weiss auch nicht warum, aber grundsätzlich wird mir nicht geglaubt, wenn ich den weissen Herrschaften etwas sage (Ausser Onki, er nimmt mich für voll). Also flugs mein Protokoll vom Port hervor geholt – darauf steht es klar und deutlich – eine längere Nadel muss her. Die Nadel ist drinnen – aber es kommt kein Blut. Ich weiss, hierfür muss ich mich auf die rechte Seite drehen, hoch das Köpfchen, und einatmen wie bei einer Besteigung eines Berges. Es kommt noch immer nix. Ich will nicht immer dreinqatschen, meine trotzdem ganz, ganz höflich, dass man zuerst meist den Port spühlt. Aha, also Nadel wieder raus, eine neue Nadel muss her, die Zuleitung aufgefüllt mit Spüli – und wieder rein damit. Es spült – es blutet, wie es sein soll.

Währenddessen versucht man an meinem Mittelfinger Blut zu kriegen. für Blutzucker und Nierenwerte. Offensichtlich habe ich heute gar keine Lust, freiwillig etwas von meinem Saft herzugeben. Oder vielleicht habe ich auch gar keinen mehr, bin quasi leer? Wer weiss??

Der rechte Mittelfinger gibt nichts her, man massiert und drückt auf meiner Hand rum, dass es schon weh macht. Mann versucht es links, auch hier, massieren und quetschen. Weil ich ja nüchtern erscheinen musste, habe ich heute noch nichts getrunken. Die Niere braucht gewissen Druck (?), und wenn man nichts drinkt holt sie sich diesen mittels Blut. So ganz verstehe ich das auch nicht, aber das wurde mir so erklärt. Auf jeden Fall, Blutzucker und Nierenwerte sind top!! Immerhin

Ich weiss jetzt auch, warum ich immer mit so wunderbar vorgewärmten Decken zugedeckt werde, wenn es in’s PetCt geht. Hat der Mensch kalt, beginnen die Muskeln zu zittern, und so würde die Glucose von den Muskeln verbraucht werden – und sich nicht in den Tumorzellen anreichern.

Ich höre Diskussionen vor der Türe. Irgendwas will nicht wie es soll. Dabei döse ich dank warmer Decken schon fast ein. Die Türe geht auf, und ein Mitarbeiter der Radioonkologie kommt mit einem kleinen Metallkoffer herein. Aha? Der Infusionsautomat will nicht, also wird mir die Glucose von Hand gespritzt. Sie befindet sich in einem messingfarbenen Metallzylinder. Mir scheint, der Mitarbeiter hat ziemlich Respekt vor dem Medi. Na geh, wegen ein bisschen Radioaktivität? Wieviele Leute wissen, dass es natürliche Radioaktivität gibt? Und das bei jedem Flug die Strahlung erhöht ist??

Nach rund 50 Minuten geht es auf zur Röhre – nur, diese ist noch nicht auf Betriebstemperatur. Als sie hochgefahren wird, klingt es wie die Beschleunigung eines Autos, Fliegers, jedenfalls etwas mit einem Verbrennungsmotor. Ich weise auf meinen Knoten am Hals hin, und dass man dort vielleicht ein bisschen besser kucken sollte. Mal schauen.

Nach rund einer halben Stunde ist’s erledigt  – und ich fahre nach Hause. Nun also warten. Wieder einmal.

Kontrollieren

Ich bereite die Unterlagen für das PetCt vor, und stelle fest, dass es mit mir – auf dem Papier zumindest – bergab geht. Allergie? Ja (Antikörper), Blutverdünner (ja, seit meiner Thrombose vor einem Jahr, und weil es meine Zweite war, bleiben mir die Blutverdünner erhalten, so lange ich noch auf dieser Welt wandle), Asthma (in Abklärung). Kurz bevor mein Krustentierchen loslegte sagte ich mal zu einer Kollegin, dass man meiner Meinung nach mindestens ein halbes Jahrhunderg lang auf dieser Welt gesund bleiben sollte. Ziel nicht erreicht!

Oh Elend, was habe ich wieder grenzenlose Angst vor dem Ergebnis dieser Untersuchung. Auch wenn ich mittlerweile wahrlich genug Zeit hatte / habe, mich auf solche Unterredungen, solche Ergebnisse vorzubereiten. So ist es doch jedesmal – sagen wir mal – kein Grund für mich zu feiern.  Und ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr bei Onki zu heulen, sondern die Flennerei zu Hause zu erledigen. Denn, da bin ich ziemlich überzeugt davon, nichts, was ich ihm sage, wenn ich ihm von meiner Not erzähle, ist neu für ihn Alles hat er sicher schon mehrmals gehört, auch wenn er es irgendwie schafft, einem den Eindruck zu vermitteln, er höre alles das erste Mal. Beherrschung lautet die Devise. Er kann nichts dafür, niemand kann etwas dafür.

Das mit dem Schlaf wird wohl überbewertet. Jedenfalls klappt das bei mir momentan nicht wirklich gut. Ob ich mich noch auf den Jetleg von Tokio rausreden kann?

Habe ein Buch gelesen über Tschernobyl, von direkt betroffenen Personen, geschrieben von der russischen Friedensnobelpreisträgerin Alexijewitsch Swetlana. Es ist unfassbar tragisch, was die Einwohner zu erleiden hatten und haben. Ganz klein bin ich mir vorgekommen, und habe mir dabei gedacht, dass ich absolut nicht, nie nicht, dass Recht zu jammern habe, wenn ich lese, was mit diesen Menschen passiert ist, wie mit ihnen umgegangen wurde, wie sie belogen und betrogen wurden. Und das Schlimmste an allem – es hätte nicht sein müssen.

Habe in Tokio eine Tasche erstanden. Und wie ich sie mir zu Hause so ansehe, denke ich mir, die lasse ich messen. Mit einem Geigerzähler. Also flugs im betreffenden Institut angerufen. Ja, kann ich machen, kostet aber etwas. Egal, zahle ich. Als der Herr merkt, dass ich wirklich gewillt bin, dafür Geld hinzublättern lenkt er ab. Er sei mit 99.99 prozentiger Wahrscheinlichkeit sicher, dass meine Tasche sauber sei. Dafür hätte sie schon zur Zeit des Unfalls in Fukushima länger im Freien stehen müssen. Nun, dass hat sie wohl eher nicht. Und dann erwähnt er noch so nebenbei, dass Radon, ein natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas sehr viel mehr Sorgen machen könnte. Nicht das Radon selber ist gefährlich, sonder z. B. Polonium, ein Zerfallsprodukt. (Vielleicht kann sich der eine oder andere Leser noch an Alexander Litwinenko erinnern? Journalist, einen Strahlentod gestorben, hervorgerufen durch Polonium, extrem kurzwellig, daher schwer nachzuweisen, wenn man nicht gezielt danach sucht). Und dies sammelt sich gerne und oft in Keller mit Naturboden an. Ich kann mich erinnern, dass ich mal eine Messung des Radons im Haus hatte. Das Testgerät mussten wir rund einen Monat im Keller liegen lassen und wieder einschicken. War alles ok. Wir haben damals gar nicht nachgefragt, wozu dass Ganze gut war.  Und man geht davon aus, dass rund 300 Personen im Land daran sterben – Lungenkrebs. Oh! Einen Brustkrebs könnte ich anbieten – aber nein, der hat nix damit zu tun. Ist auch irgendwie klar – das Ganze wird ja eingeatmet.

Mal Onki fragen, was er zur Radon / Polonium Theorie meint.

Soll noch einer sagen, dass reisen nicht bildet! Hätte ich nie erfahren, wenn ich nicht mein Täschchen hätte testen lassen wollen.

 

Zurück

Sieben Nächte Tokio – und wieder zurück. Tokio ist einfach nur gross. Enorm gross, riesig, der grösste Ballungsraum der Welt, schlägt sogar Mexico Stadt. 34 Millionen Menschen – sagt das Internet. Mein persönlicher Reiseführer, welcher zwei Jahre in Tokio gelebt hat, und auch japanisch kann, hat sich in den Kopf gesetzt, mir alles zu zeigen. Ich brauche keinen Schrittzähler, um zu fühlen, dass ich die empfohlenen 10 000 Schritte täglich locker schaffe – am Vormittag. Ich sehe Schilder, auf denen die nächste U-Bahn-Station in 1000 m kommt, wir laufen Strassenzüge ab, welche nur Küchenmaterial verkaufen, ganze Stadtgebiete, mit nur elektronischem Zeug (Electronic town), Spielhöllen, mit einem Lärmpegel, der jedes Gespräch überflüssig macht. (Glücksspiel ist in Japan verboten, also kann man seinen Gewinn gleich nebenan in mehr oder weniger unnötige Sachen eintauschen.)  Meine Grösse kommt mir auch hier zu Gute, obwohl es hier von Fussgängern nur so wimmelt, habe ich meinen Reiseführer immer im Blick – ich schaue einfach mal oben drüber, und suche den Herrn mit ohne Haare. Es findet mich auch leicht, da gross und blond. Eine zweite Blondine habe ich in der ganzen Woche nicht gesehen. Das Essen ist wunderbar, wir landen in Nudelküchen, wo man zusehen kann, wie die Nudeln gemacht wird, in Restaurants, die einem vor den Augen das Stück Fleisch schneiden und vor dem braten zeigen, einmal gibt es Take away, und wir landen unter Kirschblüten, Picknick unter lauter Japanern.

Es gibt Liebeshotels, in welchen sich Paare treffen, um für sich zu sein. Die Wohnungen sind ja meist zu klein für zwei Personen. Auf Tafeln sieht man die Preise – short, medium, long stay. Ich stelle mir das beschränkt romantisch vor, wenn mich mein Partner beim Essen fragt, ob wir danach in ein solches Etablissement gehen wollen.

Irgendwie denke ich, Japaner sind ein wenig verklemmt, und andererseits fast ein bisschen abartig. Comicpornos sind der Renner, mit sehr fragwürdigem Inhalt, kleine Mädchen, usw…..

Es war interessant, auf jeden Fall. Doch als schön würde ich Tokio nicht bezeichnen. Keine Strassencafes wie in Wien, keine breiten Boulevards mit Bäumen gesäumt wie Paris, keine Medicivillen wie in Florenz, keine Strassengaukler wie auf Barcelonas‘ Ramblas, keine engen Gässchen, durch die sich eine Strassenbahn zwängt, wie in Lissabon.  Nein, in Tokio geht man in einen Park, oder man ist zwischen Häussern und Strassen. Der Verkehr hält sich übrigens in Grenzen. Wer keinen Parkplatz in Tokio nachweisen kann, darf auch nicht mit dem Auto fahren. So ist der Verkehr immer fliessend, man sieht viele Taxis, meist leer, die Preise hierfür sind horrend.

Der ÖV ist top ausgebaut. Und wenn man weiss, mit welcher U-Bahn Gesellschaft (es gibt deren zwei), oder mit welchem Zug (auch hier gibt es zwei Anbieter), und wenn man noch japanisch lesen kann, dann ist das Ticket kaufen kein Problem. Oder wenn man seinen persönlichen Reiseführer dabei hat.

Wieder in heimischen Gefielden mache ich mich auf den Weg zur Fusspflege. Sie rüsselt ein wenig rum, meine Hornhaut sei gerissen, ich muss mehr cremen. He! Habe in Tokio gecremt und massiert wie verrrückt. Wer weiss, sonst wären mir meine Füsse vielleicht noch ganz abgefallen. Seit der Chemo machen mir meine Geher Probleme. Zuerst keine Hornhaut, so dass ich innert Kürze eine Blase hatte, und nun haben sich meine Nägel verändert, wachsen quasi rund. Alle drei Wochen trabe ich daher bei Frau Podologien an.

Ich bin nicht die Einzige, die sich herum treibt. Eine Kollegin ist in Neuseeland, (weiter weg geht nicht mehr), ein Kollegenpaar ist in Thailand, (Wärme tanken), eine Bekannte ist nach Florida (schauen, ob alles in Ordnung ist), ein lieber Kollege gibt mir Antwort aus Boston. (Er ist stets geschäftlich unterwegs, wenn er nicht arbeitet ist er ein Stubenhocker. Als ich in Singapur war, war er ferienhalber auf den Seychellen, und in zwei Monaten wäre er in Tokio, habe ihn wissen lassen, dass ich in einem Monat in New York bin. Irgendwo werden wir wohl mal einen Kaffee schaffen).

Wie immer melde ich mich brav bei Onki via Mail zurück. Meist ist unser Mailverkehr unterhaltsam, manchmal etwas klärend, und ganz selten dient er der Planung. Nächstens steht das PetCt an, und kurz darauf Besprechung mit Onki. Mir graut jetzt schon davor. Je nachdem, wie mein Krustentierchen auf dem Vormarsch ist, habe ich Onki grünes Licht gegeben. Kann er gleich mal den neuen Antikörper und die dazu gehörende Chemo bestellen, und wir legen los. Ich tue ja ohnehin was er sagt, also können wir genausgut gleich damit beginnen. Vielleicht, vielleicht, ist es auch noch nicht nötig. Wir werden sehen. Das ich nicht wirklich gut schlafe, führe ich auf den Jetleg zurück, nicht auf die aufkommende Angst vor dem Ergebnis der Röhre.

Ein Kollege erzählt mir von seinen Problemen, Asthma und Heuschnupfen. Ich bin beeindruckt, er schafft es, darüber eine viertel Stunde zu sprechen. Und er muss alle vier Wochen zum Arzt (Respekt!!). Ich werfe ein, es sei sicher lästig, aber tut immerhin nicht weh…., und merke, er hat was anderes erwartet. Also krame ich mein ganzes Mitgefühl hervor, dessen ich fähig bin, und alle sind zufrieden.

Kontrollieren

Es ist wie ich es vermutete – Onki weicht nicht mit dem Termin  und so werde ich nächstens wieder Mal in die Röhre kucken. Er geht davon aus – oder soll ich sagen – er hofft, dass es auch dieses Mal so ist wie vor drei Monaten. Jetzt bestätigt er mir, was ich vor drei Monaten schon bemerkt hatte – er hatte sich damals sehr, sehr grosse Sorgen gemacht wegen der erhöhten Tumormarker. Ja, ich hatte es ihm angemerkt, auch wenn er versuchte, sich zu verstellen, wie ein Polizeihund. Und nun hofft er eben, dass es auch dieses  Mal (noch) nicht brennt. Das hoffe ich eigentlich auch.

Ich habe es schon ein öfters erklärt – wenn mein Krabbler auf Vormarsch ist, gibt es einen neuen Antikörper plus Chemo dran gehängt. Und Diese dann bis auf weiteres.

Bei einem Kaffeeklatsch erwähne ich meine nächsten Reiseideen. Nach Prypjat möchte ich gerne. Ich stelle es mir eindrücklich, lehrreich und äusserst interessant vor. Eine Dame, welche mich nur flüchtig kennt, und vermutlich von meinem Krabbler nichts weiss,  meldet gesundheitliche Bedenken an, von wegen Strahlung usw. Und wie immer in solchen Situationen wandern die Blicke am Tisch mehr oder weniger auffällig zu mir – was tue ich, weinen, lachen? –  erleichtert stimmen alle in mein Lachen ein. Das Gesicht der betreffenden Dame wird länger, je mehr sie von meinem Krustentierchen erfährt. Offensichtlich herrscht noch immer die Meinung, dass krebskranke Menschen ausgemergelte, kahlköpfige Figuren sind. Nein, dass sind wir nicht, Vielfach sieht man es uns erst im Endstadium an – vorher nicht.

Die Sonne lacht vom Himmel, Zeit, eine Ausfahrt zu machen. Möchte einen Schausteller auf einen Markt in einer grösseren Stadt besuchen. Gemäss Internet handelt es sich um eine „Grossstadt“, ich muss schmunzeln, wir sprechen von ca. hundert tausend Einwohner.  Auf direktem Weg lande ich in der Fussgängerzone, was gut ist. Schlecht hingegen ist, dass ich immer noch im Auto sitze. Die Betreiberin eines Geschäftes schliesst dieses gerade, ich meine höflich, dass ich hier wohl falsch bin? Ja, bestätigt sie mir. Sie ist sehr, sehr nett – steigt flugs zu mir ins Auto, und zeigt mir den Weg ins Parkhaus persönlich.  „Jetzt fahre ich auch endlich mal Cabrio“ meint sie zufrieden. Wir plaudern noch ein wenig, und dann ziehen wir Beide unseres Weges. Wenn ich nicht ein Krustentierchen hätte, würde ich fast sagen – das Leben ist schön.