Archiv | Mai 2017

Zwischendurch

Mein Hausarzt will mich nochmals sehen – wegen den Bronchien und Verdacht auf Asthma. Er horcht an meinem Rücken, fragt, wie es mir geht. Beschwerden hatte ich ja eigentlich nie wegen den Bronchien – ausser in der Nacht manchmal aufwachen und tief nach Luft schnappen. Die Bronchien sind fast wieder in Ordnung, also Entwarnung. Einen neuen Asthmaspray kriege ich zusätzlich – für Notfälle. Kann nicht schaden.

Onki meinte übrigens, es ist gut möglich, dass das Ganze eine Nebenwirkung von meinen Therapien ist. Tja, das war ja die Thrombose auch. So von Zeit zu Zeit muss da schon was aussertourliches kommen, sonst könnte ich ja noch vergessen, dass ich einen Untermieter habe.

Die Reiserei von diesem Jahr ist langsam überschaubar. Noch nach Forenz, zur Kollegin nach Miami, zum Tattoo in Edingburgh, und nach Prypjat. Und schon ist fertig. Muss es nur noch mit meiner Arbeit hinkriegen.

Morgen geht es wieder – hopp hopp – zur nächsten Therapie, und somit auch zum Gespräch mit Onki. Dann wird auch raus kommen, was nun meine Schilddrüse genau ist, Ableger oder eigenes Krustentierchen. So oder so – es ist lästig.

Als ich Onki letztens fragte, wie er es mit mir sieht, meinte er, er kann sich nicht vorstellen, dass es Ende Jahr zu Ende sei – aber ausgeschlossen hat er es auch nicht. Es ist doof, mit so einem Wissen zu leben – und doch nie zu wissen, was kommen wird. Da muss ich durch….

 

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Wenn einer eine Reise tut

Die USA stehen an. Wir wollen noch ein bisschen am Flughafen rum lümmeln, also wird eine etwas frühere Abfahrt geplant. Nach einer gemütlichen Dusche riskiere ich – aus lauter Gewohnheit – einen Blick auf mein Handy. Drei Nachrichten von Kollegen zeigen mir – mein Flug ist storniert. Das geht doch nicht!

Während meine Reisebegleitung – mein Bruder – tiefenentspannt frühstückt habe ich einen Ruhepuls von 200+. Buche einen Flug mit umsteigen in einer Stadt, trommle unser Taxi raus, dass wir früher los müssen, und verlassen die Wohnung fluchtartig.

Immerhin, wir landen pünktlich in New York, Einreiseformalitäten sind mit einer Stunde fast normal, die Taxifahrt dauert dafür gut zwei Stunden – Freitag Abend, Rushhour.

Wir lassen es uns gut gehen. Essen, wo es uns passt, dass Hotel ist auch eine nette Absteige, ein Musical gönnen wir uns, 9/11 Memorial ebenso wie Freiheitsstatue, welche ich irgendwie grösser erwartet habe. Ein Schlummerbecher muss auch immer her – und so vergehen die Tage zügig.

Auf zum Flughafen und nach Buffalo geflogen, dort in den Mietwagen, bei welchem ich feststelle, dass das von mir bestellte Navi fehlt. Also nochmals hoch zur Vermietung, zuerst mal höflich fragen, und als das nichts nützt Zähne zeigen. Das hilft – und ich erhalte ein Navi. welches praktisch unbrauchbar ist. Als wir über die kanadische Grenze fahren gibt es ziemlich schnell den Geist auf, will heissen, kein Kartenmaterial geladen.

Naja, mein Bruder navigiert, ich fahre, wobei man ehrlicherweise sagen muss, Bruder und Navi werden keine Freunde. Trotzdem finden wir das Hotel an den Niagarafällen ziemlich schnell – mit Blick auf die Fälle. Es regnet nicht rein in unser Zimmer, auch sonst passt die Einrichtung – und so gefällt uns das.

Wir spazieren rum, und überlegen uns – hinter die Fälle spazieren, mit dem Boot zu den Fällen oder mit dem Heli über die Fälle fliegen – was wir morgen machen wollen. Das Boot macht das Rennen. Der obligate Regenschutz darf nicht fehlen, und es geht. los. Was für ein Getöse, was für ein Lärm. Und die Gischt, von oben, von unten, von überall her.

Nach 20 Minuten ist der Spuk vorbei – es reicht, zum ordentlich nass werden. Beeindruckend was es allemal.

Am Abend fahren wir in das nächste Kaff, klein und herzig. Wir finden ein wunderbares Lokal, in welchem wir auch lecker essen. Noch ein Spaziergang zum See, und wieder Richtung Hotel.

Am nächsten Tag ziehen wir mit dem Auto los. Mein Gedanke war, entlang dem See Richtung Süden zuckeln. Die Idee als solches war nicht schlecht, einzig, dass die Seestrasse regelmässig gesperrt – da privat – ist, bringt uns ein wenig in die Bredouillen. Aber WENN wir am See entlang fahren finden wir es wunderbar. Wirklich schöne Behausungen, kann man nicht meckern.

Uns plagt der Hunger, also Halt gemacht im nächtsten Dorf. Eine Ladenbesitzerin empfiehlt uns ein Lokal – in welchem wir essen – und der Wirt von diesem Lokal kennt ein nettes B&B.

Ach ja, mein Portemonnaie vermisse ich mittlerweile, was mich grenzenlos wütend macht. Wie kann man nur so ungeschickt sein?!?!?

Im B&B sitzen wir mit den Besitzern zusammen – und sind beeindruckt. 60ha Grund, mit neun Fussballplätzen darauf, Catering für bis 150 Leute, eine Backstube, für die sie täglich um halb vier aufstehen, eine eigene Gasquelle haben sie auch. Sie sind noch voll im Arbeitsprozess – und 75 Jahre alt!!! Wir wären sicher daran vorbei gefahren, wenn man uns nicht darauf hingewiesen hätte. Es war sehr schön, sehr nette Gastgeber, schönes Zimmer, wunderbares Frühstück.

Am nächsten Tag geht es retour – wir müssen zum Flughafen – auf nach Boston.

Wir halten bei unserm Hotel an den Wasserfällen, und fragen, ob man ein Portemonnaie gefunden hat? Nein, leicher nicht. Auch nicht in unserem Frühstückslokal. Wir durchsuchen noch die Abfallkübel  – vielleicht hat jemand das Geld raus genommen und den Rest weg geworfen. Wie Landstreicher vom Dienst….., ich auf der einen, mein Bruder auf der andern Seite der Strasse. Natürlich nichts.

Bleibt nur noch der Weg zur Polizei – sonst klemmt die Versicherung mit der Zahlung für Reiseeffekten. Bei der Polizei gebe ich artig meinen Namen an, die Polizistin fragt, in welchem Hotel ich war, und der nächste Satz lässt mein Gesicht runter fallen. „They found your vallet“. Man hat mein Portemonnaie gefunden? Ich glaube es nicht, bis ich es in den Händen halte. Und alles drinnen, auch das Bargeld. Ich will die üblichen 10% Finderlohn geben (ich hätte auch das ganze Bargeld abgegeben), die Polizistin nimmt nichts an. Man wisse nicht, wer es gefunden hat, es wurde vor zwei Tagen abgegeben. Ich bin komplett von der Rolle – und weiss nicht was sagen.

Zurück im Auto fragt mein Bruder, was Sache ist. Ich zeige ihm meinen kleinen, wieder gefundenen Schatz. Er ist ebenso sprachlos wie ich.

Entspannt trudeln wir am Flughafen ein, geben das Auto ab und ab geht es Richtung Boston.

Im Hotel schnell die Koffer auf’s Zimmer gebracht und eine Bar gesucht – ein Schlummerbecher muss her, es ist abends um  zehn Uhr. Wir landen im Cheers – vielleicht kennt jemand die Serie?

Am nächsten Tag spazieren wir durch Beacon Hill, die Nobelhobelwohngegend von Boston, und bestaunen die Tag und Nacht brennenden Gaslampen, schmunzeln bei den vielen Eichhörnchen im Bosten Commen, machen eine Hop on – hop off Bustour, und landen am Quincy  Market. Strassenkünstler dort und da – wir bummeln rum, lassen uns treiben. Mein Bruder will ein Eis – und wir stellen fest, alles ist in den USA grösser, auch die Kugeln beim Eis.

Auf geht es, zum Flughafen, und schon bald sitzen wir im Flieger – Richtung Heimat.

Schlafen ist Glücksache. Mein Bruder liegt ins Bett – und weg ist er. Während der ganzen Reise warte ich darauf, dass er mal einschläft, bevor er das Bett erreicht. Er schafft es immer bis zum Bett.

Ich werde treu von meinem Krustentierchen  – und den Gedanken drumherum – begleitet. Vielleicht ist es auch dem Schlafrythmus nicht dienlich, wenn man Schicht arbeitet, alle drei Wochen wegen Kortison nicht schlafen kann, und sich einmal im Monat in einer anderen Zeitzone herum treibt.

Zurück melde ich mich wie immer bei Onki. Ich frage ihn nicht mehr, was die Laboruntersuchungen von meiner Schilddrüse sagen. Ich denke, ich muss akzeptieren, dass es schlechte Nachrichten nicht via Mail kommunizieren möchte. Er muss ja mit meinen Launen auch klar kommen. Er will es noch genauer untersucht haben – ob ganz sicher Ableger – dann müssen die Gewebeproben Her2 positiv sein – oder doch eigener Krebs.

Die Versicherung für meine Krankentaggelder will auch was von mir – also mal schauen, was die Damen und Herren meinen.

Davonrennen geht nicht, dass ist mal klar. Mein Krustentierchen ist immer da.

 

 

Ansichtssache

In der Pause treffe ich auf einen Kollegen, mit welchem ich vor langer Zeit gearbeitet habe. Schon damals machte er jährlich an die zwei, drei Monate Ferien. Momentan schafft er es auf zehn Wochen – jährlich. Trotzdem schiebt er eine  Schimpftirade vor sich her, und kein Ende in Sicht. Das arbeiten generell stinkt ihm, es sind alles geistig Minderbemittelte (also Idioten), und das Leben hier stinkt ihm usw. usf. Ich hör‘ mir das eine Weile lang an, und eine Weile kann sehr lang sein, wenn es ein solch sinnloser, gejammerter Sprechdurchfall ist. Es endet nicht – ich nehme gegenüber von ihm Platz. In zwei Sätzen mache ich ihm meine Situation klar, ohne Zuckerguss, und ich weiss mittlerweile, was richtig schockiert, und beende das Ganze mit – und jetzt kannst Du weiter jammern!  Die Augen sind gross geworden, der Mund blieb offen. Ja, wenn man es so sieht, hätte ich Recht. Ist nicht wahr….

Ich kann es langsam nicht mehr hören, diese Pauschaljammerei, die Leute an den Tag legen wegen lächerliche Sachen. Und der arme Kerl hat nun die ganze Ladung Frust erhalten. Ansonsten schweige ich – und höre mir die verschiedenen Probleme an – und tröste.

Meine Reiseplanung für New York ist abgeschlossen. Nun muss ich nur noch meinen Hals auf Vordermann bringen. Habe festgestellt – leider, muss ich dazu sagen – dass ich ziemlich schnell Scherereien habe, wenn ich nur die Spur kalt habe. Und vor kurzem war da eine kühle Klima in der Nähe. Selber Schuld, ich weiss es ja mittlerweile.

Meine Bronchien werden nächstens untersucht werden. Dei drei-Wochen-Testphase mit dem Spray ist ja schon länger vorbei. Ich tippe schwer auf Asthma – denn das leise Röcheln ist wieder hier, und auch schon bin ich in der Nacht aufgestanden, und habe mir eine Dosis Spray gegönnt – sonst hatte ich schlichtweg das Gefühl, zu wenig Luft zu kriegen.

Na ja, wie lange kann ein Körper funktionieren, wenn er an fünf Stellen Ablegern hat? Irgendwo beginnen die Zipperleins – und werden mal grösser werden.

Ja dann

Die Warterei nervt, ich frage Onki per Mail an, was Sache ist. Er schreibt nicht gerne über Diagnosen im Mail, ich stell‘ ihn an die Wand.

Meine Schilddrüse ist ein Ableger. Wäre es ein eigenständiger Krebs gewesen, wäre die Behandlung zielgerichteter – Operation und Chemo. Nun, mit Ableger läuft es einfach mit. Das die Brust in die Schilddrüse streut überrascht mich da ungewohnt. Auf jeden Fall zeigt es, dass meine Ableger munter vor sich hin wachsen. Für mich stellt sich die Frage, wie lange kann ein Körper funktionieren, wenn sich bösartige Zellen breit machen. Ich vermute, ernst wird es, wenn es ans Innere geht – Magen, Darm, z. B. Noch habe ich keine Schmerzen, noch kann ich essen und trinken, die Verdauung funktioniert, ich kann aufstehen. Meine Maslow Pyramide harzt schon ganz unten, da ist alles weiter oben unter ferner liefen.

Von Zeit zu Zeit werde ich gefragt „wie ich das mache“. Ja, wie soll man sowas machen? Jeder halt auf seine Seite. Manche wollen gar nichts wissen von der Diagnose, ich frage nach Unterschied von Magenschoner und Protonenpumpenhemmer. (Ja, da ist ein Unterschied).

Die Zeit läuft….