Natürlich

Pünktlich vor meinem nächsten Städtetrip meldet sich mein Hand-Fuss-Syndrom zurück. Knapp vorbei an den Blasen tun mir beide Füsse wieder weh, ich laufe mit Gelkissen unter dem Fussballen herum. Wird sicher prima in der Stadt. Aber ich will nicht jammern, als ich das letzte Mal in dieser Stadt war, hatte ich noch mit offener Haut als Bestrahlungsschäden zusätzlich zu kämpfen. Frau sieht, es könnte schlimmer sein.

Es ist empirisch belegt, wenn es um längere Unterstützung geht, kann man sich nur auf die Familie verlassen, lese ich irgendwo. Macht irgendwie schon Sinn. Dass die liebe Kollegin mal für zwei Wochen zum Teekochen und zudecken kommt, kann man sich vorstellen, Bei einem halben Jahr sieht dies schon anders aus. Ich überlege mir langsam, wen von meiner Familie ich da mal belästigen könnte. Onki meinte vor längerer Zeit schon, man müsste sich überlegen, wie das wird, wenn ich pflegebedürftig werde. Ha, ich kann ihn mit meiner Antwort verblüffen. Entweder werde ich zu einer lieben Kollegin ziehen, sie hat ein Haus und somit genug Platz, oder aber jemand kommt zu mir in die Wohnung, um darauf aufzupassen, dass ein Bein nicht ewig aus dem Bett raushängt, weil ich es selber nicht mehr rein kriege, oder eine Palliativ-Abteilung des Spitals meines Vertrauens. So wie Onki dreinkuckt muss ich davon ausgehen, dass er auf diese Frage nicht oft drei Möglichkeiten erhält. 1:0 für mich.

Ich schreddere den linken Rückspiegel meines Autos ab. Vermutlich ist die Säule im Parkhaus ohne Vorwarnung aus dem Boden geschossen. Es gibt Leute, die behaupten, die war schon immer da. Solange niemand meine Aussage widerlegen kann, gilt diese als unumstössliche Wahrheit. Traurig hängt der Rückspiegel noch an einem Kabel befestigt nach unten. Auf der Autobahn baumelt er fröhlich hin und her, und ich mache mir Sorgen, ob er noch ganz abbricht. Der Motorradfahrer hinter mir macht sich diese Sorgen offensichtlich nicht, er klebt mir richtiggehend am linken Hinterrad. Mein Spiegel hält wacker mit und wehrt sich vor dem absoluten Tod, wenn ich das Auto schliesse klappt er auch noch ein, was recht trist aussieht. Langer Rede kurzer Sinn: Auto kommt in die Werkstatt, ich kriege einen Ersatzwagen, die Versicherung wird informiert, und in rund fünf Tagen soll alles wieder gut sein. Mühsam ist, dass ich nun lange Zähne auf meinen Ersatzwagen gekriegt habe. Er hat allerlei, meiner Meinung nach schon zuviel, elektronischen Schnickschnack: Kollisionswarnung, Rückfahrkamera, Navi sowieso, aber mein liebstes Teil ist der „Cross-Traffic-alert“. Ob ich wissen möchte, wenn in zwei Sekunden ein 40-Tonner in die Fahrertür crashed? Eher nicht. Nun kommt mein geiziges Wesen zum Vorschein. Soll ich nun das Geld noch ausgeben, und schlimmstenfalls nur noch ein paar Monate damit wichtig tun? Es ist ein Jeep-Verschnitt, und weil man erhöht sitzt, kann man wunderbar auf Porsche, Ferrari & Co. runterschauen. Ein- und aussteigen ist auch sehr bequem. Manchmal würde ich gerne planen, als ob es kein Ende gäbe, und manchmal rechne ich in Wochen, bestenfalls Monaten. Und manchmal bin ich auch nur sauer auf Krustentierchen.

Eine Kollegin sagt mir fadengerade in’s Gesicht, dass sie ohnehin davon ausgeht, dass ich nächstens zusammen breche, weil ich keine Psychopharmaka nehme und zu keinem Psychologen gehe. Sie kann nicht wissen, dass mich so Aussagen äusserst modivieren,  nicht zu schnell klein beizugeben. Ich finde es aufmunternder wenn man sagen würde, erstaunlich, dass ich noch nicht zusammen gebrochen bin.

Einmal mehr bitte ich Onki um einen privaten Gefallen, der so gar nichts mit seiner Arbeit zu tun hat. Und wie immer, willigt er ein. Onki und ich, nach eineinhalb Jahren kennen wir uns gut und können uns aufeinander verlassen, würde ich behaupten.

 

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