Treffen

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich bei der Therapie jemanden treffe, den ich kenne. Und so war es. Ich sehe die Dame im Wartebereich sitzen und sprich sie an „Dich kenn‘ ich“. Grosse Augen schauen mich an. Ok, mit schulterlangen Haaren habe ich wohl anders ausgesehen. Ich gebe mich zu erkennen, und bei ihr fällt der Groschen. Wir haben uns an die fünf Jahre nicht mehr gesehen. Weil wir wissen, wir haben nicht ewig Zeit, die beiden Onkis sind recht gut im Zeitplan einhalten, erzählen wir uns jeweils einen kurzen Abriss, was in den letzten Jahren passiert ist. Sie ist hier wegen vermuteter Blutarmut, Onkis Praxis behandelt auch Blutkrankheiten, was vermutlich ein Schnellschuss ihres Hausarztes war. Mit ein paar Eiseninfusionen ist sie wieder auf Vordermann gebracht worden. Der Eisenmangel scheint mir übrigens momentan bei Frauen sehr im Aufwind. Dann komme ich an der Reihe. Sie fragt, ich gebe kurz Bescheid, sie meint „Aha“. Wie schon so oft ist es dem Gegenüber gut anzumerken, dass das Gesagte nicht alle Hirnwindungen durchläuft, es wird nicht realisiert, was ich sage. Macht nichts, ich muss zur Blutabnahme, sie macht sich auf den Nach-Hause-Weg, wir wünschen uns alles Gute.

Mein letztet Städtetrip hat mich einmal mehr das Fluchen wie ein Bierkutscher gelehrt. Nach einem Tag habe ich trotzt Blasenpflaster und Silikonkissen an den Fussballen Blasen, das es schöner nicht mehr geht. Ewiges, missliches, elendes Hand-Fuss-Syndrom. Aber, muss man sagen, die Stadt war einmal mehr wunderschön, nicht zu heiss, gerade passend. Am liebsten würde ich ohnehin nur in Strassencafes rumsitzen und Leute beobachten, mache ich leidenschaftlich gerne. Und nicht den Kopf in ein Smartphonedisplay versenken. Aber jeder wie er will.

Kaum wieder zurück fange ich mir eine Erkältung ein, vermutlich war es das zu lange auf dem Balkon rumsitzen. Das Fieber kommt, und ich bleibe von der Arbeit zu Hause. Melde es auch bei Onki, ob ich trotz Fieber meine Globulis reintrichtern lassen kann? Er meint, es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn ich es schaffe, zur Therapie zu kommen, ansonsten ist er flexibel, wir könnten auch schieben. Nach zwei Tagen geht es mir schon wieder recht gut, und ich schwinge mich in’s Auto. Etwas überrascht sieht mich Onki im Wartebereich, schüttelt mir die Hand und fragt „ob es geht?“, ja, sonst wäre ich nicht hier. Mein Blut wird noch zusätzlich auf Entzündungswerte getestet. Onki runzelt die Stirn. Das war nicht nur eine Erkältung, er murmelt etwas von Antibiotika. Mit der mir angeborenen Diplomatie lasse ich ihn wissen, dass ich davon gar nichts halte, und ich sowieso finde, das diese Dinger viel zu schnell verschrieben werde. Treffer! Welcher Arzt hat nicht gerne so besserwisserische Patienten. Später werde ich mich für diesen Satz noch bei ihm entschuldigen. ich frage ihn, wie er denn darauf kommt, dass da noch was sei? Meine Blutwerte schlagen Alarm. Ein Erkältung wäre so um die 12, 14, (die Einheit hat er mir nicht gesagt, und ich habe nicht gefragt), ich bin bei 44 angekommen. Aha! Aber, es geht mir doch schon besser. Mein Körper wird noch an die zehn Tage brauchen, um sich zu erholen, meint er. Hallo? Wir sprechen von einer Erkältung! Er sieht mir in die Augen, und ob ich mir vorstellen könnte, woher das kommt? Klar, der Balkon war’s. Er fragt mich im Laufe des Gesprächs drei Mal nach dem Grund. Das ich nicht zur Arbeit bin überzeugt ihn vollends, dass es mir nicht gut ging, weil „sie gehen ja immer arbeiten“. Was sieht der Mann, was ich nicht spüre?

Und sowieso, mein Leukozyten sollen ihre Arbeit tun, dafür sind sie schliesslich hier, Entzündungen zu bekämpfen. Immer nur auf der faulen Haut liegen kann es ja auch nicht sein.

Er fragt, ob ich ein Arztzeugnis brauche, danke, aber das gibt ohnehin immer Sammelzeugnisse über ein, zwei Monate hinweg.

Die Röhre, sprich das PetCt, wird nicht geplant. Grund, nun werde ich nach meiner Befindlichkeit behandelt. Da haben wir sie also, die palliative Behandlung in Reinformat. Nichts tun, was den Patienten belastet, und ohnehin keine Besserung mehr bringt. Einerseits bin ich froh, jetzt bin ich gefragt. Geht es mir gut, habe ich bis auf die drei-wöchentliche-Antikörpertherapie Ruhe. Andererseits bin ich nun vollends in der Warteschleife. Nur zu denken, ich habe ja keine Schmerzen, also alles palletti, so naiv bin ich schon lange nicht mehr. Hatte ja noch nie Schmerzen, dass hat mir auch nichts geholfen, und Chemo, Ablatio, Bestrahlung Thrombose nicht verhindert.

Bis anhin wurde die Bahndlung den Laborwerten, PetCt-Auswertungen, Tumormarkertests angepasst. Jetzt wird man auf mich reagieren. Weiss nicht, ob gut oder schlecht, aber so ist es.

Ich gebe es zu, ich nage ein wenig an dieser Entwicklung. Frage Onki auch, warum es einmal so, und einmal so heist? Das stresst mich zugegebenermassen. Ja, dass kann recht häufig ändern, in so einem Fall wie bei mir.

Der Kopf weiss das schon.

Und dann denke ich wieder, prima, nun kommt mir Onki nicht mehr mit irgendwelchen hinterlistigen Behandlungen, solange bei mir alles im Grünen weiter läuft. Aber Onki ist mindestens so hinterlistig wie seine Behandlungen. Muss ich auf der Hut sein.

 

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Dieser Beitrag wurde am 4. August 2017 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Treffen

  1. Hi Heidi

    Habe inzwischen alle Deine Blogs gelesen und finde ich echt ganz gut und Du hast eine einmalige, spezielle und humorvolle Art zu schreiben 😀! Auch wenn das ganze Thema ja nicht wirklich lustig ist!
    Dieter hat mir erzählt, dass Du ein Buch schreibst, finde ich super!
    Bei uns sonst alles im grünen Bereich und machs guet,

    liebe Grüsse
    Bernadette

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    • Hallo Bernadette
      Bin da wirklich etwas nachlässig, und habe erste heute gesehen, dass Du ein Kommentar abgegeben hast.
      Ja, das Geschreibsel gibt es nächstens in Buchform. Mal schauen, wie ich mich als Ladenhüter mache.
      Ich Grüsse Dich – Heidi

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