Archiv | September 2017

Neuigkeiten

Eine medizinische Sendung im Fernsehen verspricht Neuigkeiten über den Brustkrebs. Das muss ich sehen. Für ein paar Tausend Euro hätte man einen Test entwickelt, welcher bestimmen kann, ob Chemo nötig ist und auch ob diese nützt oder nicht. Für mich stellt sich die Frage, ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Nicht jeder kann auf die Schnelle ein paar tausend aus dem Ärmel schütteln. Vom logischen her müsste die Kosten übernommen werden. Immerhin kann so ein Test die sehr viel teure Chemo sparen. Aber ob man hier mit Logik rechnen darf? Und dann werden auch noch die Krebsarten erwähnt, welche eine Chemo unumgänglich machen – unter gewissen Voraussetzungen – der Hormonlastige, oder wenn der Her2 Wachstumsfaktor, welcher für das unkontrollierte Wachsen der Tumorzellen verantwortlich ist, vorhanden ist. Immer wieder schön, festzustellen, dass mir Onki keinen Unsinn erzählt hat. Somit waren die Neuigkeiten für mich nicht wirklich spannend. Sowieso war der Beitrag für mich nicht gerade bahnbrechend informativ. Es könnte aber auch sein, dass ich nach eindreiviertel Jahren den einen oder anderen Fachausdruck ohnehin schon intus habe, und gezwungenermassen ein kleines bisschen mehr von dem ganzen Zeugs weiss.

Es herbstelt, die Blätter färben sich. Letztes Jahr habe ich mich gefragt, ob ich das nochmals erleben darf. Und ich darf. Vielleicht habe ich mein Krustentierchen sowieso überschätzt? Überschätzt – in die negative Richtung. Hoffentlich liest es hier nicht mit, und glaubt, es muss sich beweisen….

Ferienplanung für das nächste Jahr steht an, geschäftlich. Ich möchte rund drei Wochen lostraben. Aber natürlich, meine Anti-Körper-Therapie kreuzt da durch meine Pläne. Husch ein Mail an Onki, ob ich diese evtl. auch mal ausfallen lassen kann, vorausgesetzt ich brauche bis dann keine Chemo, Methadon, Bestrahlung, was auch immer? Wäre das erste Mal seit der ganzen Zeit, dass ich nicht regelmässig am Tropf hänge. Onki antwortet kurz und knackig, dass heisst, er hat zu tun. So gut kenne ich Onki schon. Für ihn ist es ok, unter der selben Prämisse. Und es sind diese kleinen, feinen Aussagen von ihm, welche mir zeigen, dass er so wie ich, stets mit einem fortschreiten der Krankheit rechnet, dies nie aus den Augen verliert und die nächsten Behandlungsschritte immer gegenwärtig sind.

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Änderungen

Wehmut überkommt mich von Zeit zu Zeit. Wehmut, weil eine meiner treuen Reisebegleitungen bald keine Zeit mehr für mich hat. Allerlei haben wir unsicher gemacht. In Irland wären wir fast ohne Benzin stehen geblieben, in Schottland ein wunderbares B&B entdeckt, in Wien froren wir bis auf die Knochen, in Salzburg Frühstück mit einem lieben Bekannten, in Rügen den Quallen ausgewichen, in Singapore ein Dachterrassenfrühstück bei Sonnenaufgang und nächstens noch Rom. Aber keine Frage, es ist ein sehr persönlicher und wunderschöner Grund, warum sie keine Zeit mehr für mich hat.

Dafür freue ich mich auf Rom. Mit drei Mädels ziehe ich los. Wobei Mädels ist grosszügig benannt, jede einzelne schon über dreissig. Und weil ich dazu die alte Glucke bin, werde ich auf den Trupp aufpassen und die guten Sitten hoch halten.

Habe in letzter Zeit ziemlich viel Spätschicht, und das bringt meinen ohnehin nicht vorhandenen Tag-Nacht-Rythmus noch mehr durcheinander. Will heissen, irgendwie rutscht alles nach hinten. So bin ich nun meist bis drei Uhr morgens wach und schlafe ziemlich in den Tag hinein. Vermutlich wird der nächste Frühdienst mit schlafloser Nacht beginnen, und mich wird es durch den Tag schleudern.

Manchmal, wenn ich an den Freitagen so vor mich hin lümmle, werde ich ein bisschen streitsüchtig. Und überlege mir, wen könnte ich ein bisschen ärgern. Mein momentanes Opfer ist ein Herr Notar. Er hat mir vor relativ langer Zeit eine zu hohe Rechnung gestellt. Nun telefoniere ich im grossen und ganzen seit rund vier Monaten hinter ihm her. Es ist ja nicht so, dass mich die geschuldete Summe in die schwarzen oder roten Zahlen bringt, und ihn wohl auch nicht, aber es geht ein wenig um’s Prinzip, finde ich. Ich gestehe jedem Respekt zu, allerdings fehlt mir jegliche Ehrfurcht vor Notaren, Anwälten, Ärzten, usw., sind nicht besser oder schlechter als ich, haben schlichtweg eine andere Ausbildung und fertig. Somit ist er auch nicht der Herr Notar Soundso sondern lediglich der Herr Soundso. Klar, habe ich schon gemerkt, dass er es gerne anders hätte. Egal. Er hat bei mir auch ziemlich schnell die gnädige Frau weg gelassen, sondern nur noch Frau Soundso. Nun, nachdem das ganze telefonieren nichts nützte, habe ich mal ein Mail an sein Büro geschrieben, und damit es auch bemerkt wird, an die allgemeine Mailadresse. Weil mich gerade ein Flow beflügelte, hatte ich zum Schluss meiner Rechnung noch fünfzig Euro Telefonspesen auf die Rechnung gepackt. Am nächsten Tag um acht Uhr klingelte das Telefon. Zumindest gemäss meinem Anrufbeantworter. Ich bin nett und rufe nachmittags zurück. Es geht ans Eingemachte, ich schmunzel ein wenig vor mich hin. Er müsste wegen Mehrkosten etwas mehr verrechnen als meine Rechnung besagt. Worin die Mehrkosten bestanden, kann er mir aber nicht sagen, also ziemlich willkürlich, finde ich. Meine Aussage kommt nicht gut an. Dann sei es die Mehhrwertsteuer, die wohl kaum 100% ausmachen kann, finde ich. Und ich hätte viel zu lange mit dem Ganzen gewartet. Na ja, warum er erst nach einem halben Jahr Rechnung gestellt hätte? Das sei so bei ihm, er hätte auch noch andere Klienten. Prima, ich habe auch besseres zu tun, als meinem Geld nachzulaufen. So wie er reagiert habe ich den Eindruck, dass er es nicht gewöhnt ist, klaren Widerstand zu spüren. Die Summe, welche er mir zurück erstatten möchte lehne ich klar ab. Ich verweise auf die Telefonkosten. Er hätte auch Mehrkosten, meint er. Ach, welche? Na, wir telefonieren bereits mehrere Male. Ja, und zwar auf meine Kosten. Seine Zeit sei halt kostbar, meine ist auch nicht gratis, somit bleibe ich auf den Telefonkosten sitzen.

Hätte er auf mein Mail nicht reagiert, wäre meine nächste Aktion ein Fax an sein Büro gewesen. Eine Kollegin hat mir mal das Ganze erzählt. Sie war für die Rechnungen, bzw. die Ausstände der Firma zuständig, und sie hatte ziemlich radikale Sachen drauf. Mit der Zeit hatte es sich herum gesprochen, dass es schon mal sein kann, dass sie im Büro eines Geschäftsherrn steht und höchstpersönlich die Schulden einforderte. Jetzt bin ich mal gespannt, wieviel der Herr Notar springen last.

Warum ist es so, dass es Menschen gibt, die einzig wegen ihrem Beruf denken, sie wären cleverer, müssten sich nicht an die Regeln halten und könnten sich erlauben, unseriös zu arbeiten?

Meinen Knochenmetastasen zuliebe nehme ich täglich Calcium. (Der Genauigkeit halber sollte ich vielleicht sagen, wegen meiner Anti-Körper-Spritze muss ich meinem Körper Calcium zufügen, da ansonsten ein Mangel desselben entsteht oder entstehen könnte).  Aus Nachlässigkeit habe ich es verpasst, mir das letzte Mal bei Onki eine neue Packung zu besorgen. Wohl oder übel trabe ich los, und besorge mir diese in der Apotheke. Die Dinger sind ordentlich teuer, stelle ich fest. Nun würde mir Onki ungesehen ein Rezept ausstellen, damit ich es von der Krankenkasse zurück fordern kann. Wenn ich jedoch an die mehr als stolze Summe denke, welche meine Behandlung bis jetzt verschlungen hat, denke ich mal, diese Kosten kann ich investieren.

Und ein böser, böser Gedanke kommt mir. Wenn ich sehe, wieviel die Pharmaindustrie alleine an meinen Medikamenten verdient, wie gross kann das Interesse dieser Multikonzerne sein, Menschen wie mich wirklich zu heilen?

Südlich warm

Ein paar Tage im Süden, und schon scheint man wieder aufgewärmt. Ich besuche eine Leidensgenossin. Sie hat momentan das Schlimmste überstanden. Im Gegensatz zu mir macht sie eine Hormontherapie, welche sie leidlich gut verträgt. Wir waren Beide mal Langhaardamen, und sind uns nun einig, so kurze Haare sind sehr viel praktischer.

Bei einem Abendessen sehe ich einen Herren, welcher damals noch ein Junge war. So wird man alt, und aus dem Buben ein attraktiver Mann. Wir lassen es uns gut gehen mit essen und trinken, spazieren durch Städte und geniesen das Treiben um uns herum.

Autos sind hier praktisch alle mehr oder weniger verbeult. Es ist kein Statussymbol wie in anderen Ländern. Und niemanden stört es, dass die Stossdämpfer bei jeder Unebenheit ein Vater unser beten, solange Gas und Bremse funktionieren, wird gefahren.

Zurück und bereits am nächsten Tag sitze ich wieder bei Onki. Es gibt nichts aufregendes betreffend meines Gesundheitszustandes zu besprechen, und so verfallen wir ins plaudern. Wie kann man sich nur für die Onkologie entscheiden, frage ich ihn. Es gibt doch wahrlich schönere Fachrichtungen in der Medizin? Er erzählt von seinem Studium, von seinen Erfahrungen als Assistentz- und Oberarzt, wo er überall war, und von Zeit zu Zeit kommt auch eine kleine Anekdote. War für ein aussergewöhnlicher Mensch, denke ich mir einmal mehr.

Er erzählt mir auch, dass es sehr gut möglich sei, dass mir ein anderer Arzt schon längstens eine andere Behandlung empfohlen hätte. Ja, gut möglich. Und wer sagt mir, sagt ihm, was besser wirkt? Wir wissen es nicht. Niemand weiss es. Ich erzähle ihm dies und das, was ich so höre von Kolleginnen, welche auch mit Krustentierchen leben müssen, und die Erfahrungen, die sie mit Ärzten machen. Die Herren Professoren überzeugen mich nicht wirklich. Mir scheint, sie sind verhältnismässig oft gar nicht für den Patienten verfügbar. Da lobe ich mir Onki. Mit der 24/7 Telefonnummer ist er oder sein Kollege stets erreichbar.

Die Umstände, jemanden kennen zu lernen sind nicht immer die schönsten, doch trotzdem können es tolle Menschen sein, die man unverhofft trifft.

Die dritte

Blase züchte ich mir bei meinem letzten Trip an meinem linken Fuss heran. Bevor sie ganz hoch fährt kann ich das gröbste mit einem Blasenpflaster abwehren, aber sie ist da. Das wird mir wohl erhalten bleiben – diese Geschichte mit den Blasen an den Füssen.

Egal, es gibt Schlimmeres.

Mein Trip war wunderbar. Spaziergang am Strand, und was sehen wir? Ein rosarotes Glubberding. Vorsichtig drehe ich es um. Tatsächlich. Quallenalarm. Erst zu Hause stelle ich fest, dass es sich um Ohrenquallen handelt, absolut harmlos. Wussten wir am Strand natürlich nicht. Ich fordere meine Reisebegleitung auf, mal anzufassen, und falls es weh tut, würde ich ganz selbstlos erste Hilfe leisten. Sie verweigert. Angsthase. Abends machen wir uns auf die Suche nach einem passablen Lokal. Wir sind auf einer Insel und fragen uns, ob hier überhaupt Wildwechsel möglich ist, die Schilder sehen wir. Und schon haben wir Wild auf der Strasse, Wildschweine, eine Bache mit drei Frischlingen. Sie steht, die Kleinen im Gänsemarsch hinter ihr stehen auch, sie schaut rum, dreht sich um 180° und läuft zurück, die Kleinen hinterher. Somit hat sich die Frage nach Wildwechsel auch erübrigt. Wir werden fündig betreffend Restaurant und speisen vorzüglich. Es dauert ein wenig, aber wir sind in den Ferien, also kein Problem. Auf der Rückfahrt zum Flughafen trödeln wir rum, und finden ebenfalls einen Augenschmaus von Lokal zum essen, sitzen im Garten, und geniesen die nicht mehr heisse, aber immer noch angenehm warme Sonne. Wir stellen fest, es gibt unendlich viele Ort, die es wert sind, entdeckt zu werden.

Nächstens geht es mal wieder in den Süden. Ich freue mich auf feines Essen, auf das Meer, vielleicht noch baden, mal sehen, wie das mit meinem Ersatzbusen funktioniert, und auf gute Gespräche. Besuche eine Leidensgenossin von mir, bei ihr ist es rund zehn Monate nach mir los gegangen. Jetzt hat sie das schlimmste überstanden.

Ich muss Onki Bescheid geben, falls der Retourflug aus irgendeinem Grund ausfällt, wird es eng mit der nächsten Therapie, eigentlich würde ich sie verpassen. Er kommt mir entgegen und meint, ein Plätzchen würden sie auch später noch für mich finden. Auf Onki kann ich zählen, wie immer.

Mir scheint, der Herbst schleicht langsam in’s Land. Die ersten Maisfelder sind bereits geerntet. Und untrügliches Zeichen für mich, Kürbisstände sieht man an den Strassen. Spät abends fahre ich nach Hause, und die Autos auf der Gegenfahrbahn halten an. Eine Panne, denke ich. Nein, ein Igel läuft kreuz und quer, scheint verwirrt zu sein. Wäre wohl auch verwirrt, wenn so ein Monstrum von Auto auftaucht und noch Scheinwerfer  hat. Wir sind geduldig, und nach einer gewissen Zeit findet er den Ausgang, sprich den Strassenrand.

Ich frage mich, ob ich übertreibe, oder übertrieben habe, mit meiner Angst, meinen Zukunftsgedanken?

Das Brustbein tut weh, ein Knoten in der rechten Armbeuge, tut aber nicht weh, irgendwas schmerzt im Rücken, als ob mir jemand eine Münze rein trückt, die Beine tun eh immer weh, und mein treues Hand-Fuss-Syndrom. Aber das sind nur Wehwehchen. Vielleicht werde ich nur alt?

Irgendwann wird wohl die Zeit kommen, und ich werde mich nicht mehr auf mein Alter rausreden können.