Archiv | November 2017

Durchputzen

Bevor wir an meinem Port rumschnetzeln, werden wir versuchen, diesen zu entkalken. Wir werden es machen wie bei einer Kaffeemaschine, Entkalker rein, (in meinem Fall ein Mittel, welches man auch kriegt, wenn man einen Herzinfarkt hatte), einwirken lassen, und mal schauen. Vielleicht tut das Krümelmonster danach wieder? Krümelmonster weil ich mir denke, da verstopft ein Kekskrümel, oder doch Krebskrümel, die Leitungen. Muss auf jeden Fall weg, egal wie.

Es weihnachtet, und somit Zeit für mich, den einen oder anderen Weihnachtsmarkt unsicher zu machen. Ich weiss, es ist meist der gleiche Kitsch, der überall angeboten wird, mit hoffnungslos überteuerten Glühwein, welcher schon fertig eingekauft wird. Obendrein friert man auch immer. Das muss so  sein. Sonst wäre es ja kein Weihnachtsmarkt. Trotzdem finde ich es toll. Der Duft, die Stimmung, das Glitzern – kann gar nicht kitschig genug sein für mich.

Habe einen Blick riskiert auf die Wettervorhersage. Oi, minus (!) zehn Grad, gefühlt minus (!) zwanzig Grad. Das schreit nach warmen, lange Unterhos und Pudelmütze. Egal, wie es dann aussieht. Werde anziehen, was mein Kleiderschrank hergibt. Neben Hunger ist das frieren etwas, dass ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Wehret den Anfängen.

 

 

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Jedes Wort

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich mich denn noch erinnern kann, damals, als es los ging. Mit tiefster Inbrunst kann ich sagen, ja, genauer, als mir lieb ist.

„Ja, es ist Krebs, aber davon sind wir ja ausgegangen“. Diesen Satz vergessen? No way. „Eine alte Frau werden sie nicht“, lässt Onki verlauten, er kann Komplimente machen, diesen Satz würde ich eher nicht dazu zählen.

Momente, die immer gegenwärtig sind, die ersten Tränen, das Telefonat, in welchem mir Ableger bestätigt wurden, das Fortschreiten (wohin eigentlich?) der Krankheit, den Laien wird dies unter Progredienz bekannt sein, der erste Blick in den Spiegel mit ohne Haare.

Es ist eigenartig, bis vor meiner Diagnose wusste ich nicht mal, was ein Onkologe ist. Nun weiss ich von dem ganzen Glump mehr als je erwünscht. Wäre es nicht praktisch, wenn man eine Sprache auch so nebenher erlernen könnte?

Viele, sehr viele Gedanken, Sätze, Momente, Begegnungen, sind allgegenwärtig. Und im Gegensatz zu meiner üblichen Erfahrung, das beim zurück schauen, etwas doch nie ganz so schlimm war – funktioniert das ausgerechnet bei Krustentierchen nicht. Im Gegenteil. Immer und immer wieder muss ich mir sagen, versuche ich mir einzutrichtern, erkläre ich mir selber mit logischen Worten, es geht mir gut, also sei zufrieden.

Aber, mag sein, dass ich es schon mal flüchtig erwähnte, dass ganz grosse Plus bei der Geschichte ist mein Onki. Auf eine mir unerklärliche Weise schafft er es, dass ich mich bei unseren Gesprächen nie unwohl fühle, und mich – so eigenartig es klingen mag – auf diese freue. Ok, gebe zu, wenn es ans Eingemachte geht, würde ich einen Gynäkologenbesuch mit gleichzeitiger Wurzelbehandlung dem Gespräch mit Onki vorziehen. Ist nicht immer einfach.

 

Geschreibsel

Nun mache ich mal ein bisschen Werbung in eigener Sache.

Also, wer das hier geschriebene gerne in Buchform hätte, kann es ab jetzt bestellen. Das ganze gibt’s  bei

http://swiboo.ch/Krustentierchen,detail,1111393324.html

Und für alle, die hier in meiner Gegend sind, im Januar gibt es dann auch noch eine Buchvernissage, Ort, Datum und Zeit werdet Ihr noch erfahren.

Klar werde ich hier noch ein wenig vor mich hinbloggen, so lange ich noch mag, so lange ich noch etwas zum schreiben habe.

Das war’s auch schon.

Dieser Eintrag wurde am 22. November 2017 veröffentlicht. 4 Kommentare

Will nicht

Sitze bei Onki, und wir erzählen einander ein wenig von unseren Reisen. Es macht so viel mehr Spass, mit ihm über Gott und die Welt zu plaudern – als über mein Krustentierchen. Es wächst linear, dass wissen wir. Und wir überlegen, ob und wann ich wieder in die Röhre sollte. Eines ist sicher – ein Röhrenbesuch wir mir einmal mehr panische Angst bereiten, zumindest dass, was sie wieder raus finden. Onki weiss das. Und ich weiss, er wird – wie immer – sein Bestes geben. Wir warten noch damit. Was nützt es mir, zu wissen, wo es wächst? Unterm Strich nicht wirklich viel.

Das Gift will heute nicht in meinen Körper. Ganz genau, mein Port will nicht. Alles in allem wird er vier Mal angestochen, und es passiert rein gar nichts. Kommt nichts raus, und es geht auch nichts rein. Die Chemodame setzt dermassen Druck auf die Kochsalzlösungspritze, dass die Verbindung zwischen Spritze und Leitung reisst – und ich eingenieselt werden vom Kochsalzdrink. Nun denn, machen wir es auf die altmodische Art – über die Venen. Und wie gewohnt, auch hier muss zwei Mal gestochen werden, die erste Vene platzt. Die Antikörper sind eigentlich nichts anderes als Eiweiss, (ich nenne es trotzdem „mit Gift auffüllen“) somit schaden diese den Venen nicht, das anstechen ist halt lästig. Wenn aber wieder Chemo gefragt ist, muss der Port seinen Dienst tun. Chemo verbrennt mir mit der Zeit meine Venen. Nun, in diesem Jahr haben sich die Unregelmässigkeiten im Rahmen gehalten, da darf schon mal was kommen. Wenn das kleine Krümelmonster beim nächsten Mal auch nicht tut, wird geröngt, und entschieden. Ich rechne mit auswechseln.

Nebel, nichts als Nebel, wie immer um diese Jahreszeit. Ich bräuchte das eigentlich nicht. Sonne und kalt macht viel mehr Spass. Mitte Dezember bin ich mit der Kollegin in Helsinki – dort wird vermutlich von Beidem genug sein – Sonne UND Kälte.

Sprachlos

Was packt frau zuallererst ein, wenn sie auf Reisen geht? Wäsche? Kaum. Reiseunterlagen? Schon eher. Dokumente? Macht Sinn. Bei mir ist es meine Medikamentenkarte plus mein Therapieblatt und die Medis.. Das es auch Sinn macht, den Reispass dabei zu haben, merke ich auf dem Flughafen. Eine Spritztour mit dem Taxi nach Hause bringt Abhilfe dieser kleinen Ungeschicklichkeit.

In Kiev angekommen haben wir uns für die feige Variante des Tranportes in die Stadt entschieden – ein Flughafenshuttle. Geld müssen wir auch noch machen, es war zu Hause keine ukrainische Währung aufzutreiben, auch bestellen gehe nicht, wie mir die Bank sagte. Und ich spreche nicht von einer kleinen, kuscheligen Filiale einer Regionalbank. Schon eher eine ausgewachsene Bank die den lieben langen Tag grösstenteils Fremdwährungen hin und her schiebt.

Am Bankomaten am Flughafen Kiev stellen wir fest, Limit liegt bei ungefähr 200 Euronen, mehr kann man auf einmal nicht abheben. Ja dann.

Das Hotel passt, wir gehen essen, in ein Lokal, welches uns vom Hotel empfohlen wird. Das Essen war sehr gut, der Kellner nett, und die Preise für uns günstig. Später werden wir erfahren, dass wir vermutlich die „Touristenkarte“ mit den entsprechenden Preisen erhalten haben. Ich kenne Orte in Spanien, welche dies auch tun. Sind aber touristenmässig hoffnunglos überlaufen. Ob es für Kiev gut ist, wenn man schon zu Beginn des Tourismus die doofen Touristen abzockt bezweifle ich.

Die Stadt selber ist sehr sauber, ein bisschen hügelig, aber längst nicht so wie Frisco, sehr schöne Gebäude, vor allem die Kirchen sehen zum Teil aus wie aus Zuckerguss.  Wir laufen uns die Füsse ab. Und ich will auch gar nichts schreiben über meine Geher – zuverlässig habe ich am Abend Blasen. Um dies zu vermeiden müsste ich einfach zu Hause bleiben.

Frühmorgens stehen wir am Hauptbahnhof von Kiev, dort sollte der Bus für den Trip nach Tschernobyl stehen. Andere Reisemitglieder finden wir (irgendwie spürt man Touristen, wenn man selber einer ist), nur den Bus nicht. Ich sehe die gelben, abgeschramten Buse des öffentlichen Verkehrs, sie sehen genauso aus, wie damals, als man Prypjat evakuiert hat. Es wuselt wie in einem Ameisenhaufen, Kiev Rush hour, die Leute müssen zur Arbeit. Schlussendlich hilft uns ein Eingeborener mittels Google Maps, und der Bus ist gefunden. Wir zahlen den restlichen Betrag des Ausflugs wie gewünscht cash, und zwar in Pfund, Dollar oder Euro. Warum wohl kann man nur einen Teil vorauszahlen und der Rest muss bar in Devisen beglichen werden? Hm??? Den bestellte Geigerzäler kriegen wir auch in die Hand gedrückt.

Nach rund zwei Stunden Fahrt sind wir beim ersten Check Point, die 30 km Zone. Unsere Reiseführerin muss etwas unterschreiben lassen, einzeln werden wir aufgerufen, und mit unserem Pass bewaffnet dürfen wir die magische Grenze überschreiten. Weiter gehts. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft sie raus musste, und irgendwas unterschreiben lassen.

In einem Dorf, den Namen habe ich leider vergessen, dürfen wir in ein Haus. Es war das Doktorhaus. Die Möbel sind grösstenteil weg. Plünderer hätten sich ansonsten daran gütlich getan, und somit die Radioaktivität über die Sperrzone hinaus verbreitet. Zeitungen sieht man überall rum liegen, sie waren Allheilmittel für alles. WC Papier, zum Lebensmittel einwickeln, nasse Schuhe damit ausstopfen, Fensterritzen abdichten, und natürlich, um Nachrichten zu lesen. Nie hat man Zeitungen weggeworfen. Einen Kindergarten schauen wir an. Man sieht noch die Stockbetten der Kinder – aus Eisen – stehen. Männer einer anderen Reisegruppe machen Faxen vor den Betten und Fotos. Ich finde es ziemlich pietätlos. Auch habe ich keine Lust, mit meinem Geigerzähler 20 cm über den Boden mich an erhöhter Strahlung zu erfreuen.

Wir dürfen auch Duga 1 bestaunen. Eine russische Abhöranlage zur Überwachung des Luftraumes, falls sich Interkontinentalraketen auf den Weg nach Russland machen. Reichweite angeblich bis über New York. Für die Funker unter uns – Woodpecker lässt grüssen. Seit drei Jahren darf dieses Areal bestaunt werden, wann es genau geschlossen wurde, weiss man nicht. Eine Altlast des kalten Krieges.  Obwohl es vermutlich jeder in der Region wusste, hatte es niemanden interressiert, Das Leben war zu gut, Lohn für Kraftwerkmitarbeiter bis zu zehn Mal höher als der Durchschnitt. Da fragt man nicht lange nach, was das für ein Metallgebilde ist, welches in monströser Grösse rumsteht. Wieviel wohl immer noch passiert, das vor der Öffentlichkeit verheimlicht wird?

Hunde streunen rum, handzahm, jedoch sollte man diese nicht anfassen. Sie wohnen und leben im verseuchten Gebiet und werden mit grosser Wahrscheinlichkeit strahlungstechnisch nicht die saubersten sein.

Mittagessen gibt es in der Werkskantine des Reaktorgelände. Zuerst geht es durch eine Strahlenkontrolle. Und um ehrlich zu sein, das Gerät sieht mir nicht danach aus, als ob es seriös gewartet wird, oder neueren Datums sei. Das Essen ist ok. Wir essen brav auf, weil wir es daneben finden, wenn versnobte Westtouristen sich zu gut finden für ein Essen, welches Arbeiter, und vermutlich schwer arbeitende Arbeiter, täglich zu sich nehmen.

Wir ziehen eine Runde um Reaktor vier. welcher seit rund einem Jahr mit dem neuen Sarkophag abgedeckt ist. Noch ist dieser nicht versiegelt, da noch dies und das erledigt werden muss. Unsere Reiseleiterin hat ein glasklares Englisch mit einem Affenzahn drauf. Und vermutlich sind ihr Fachausdrücke geläufig, die ich kaum auf Deutsch kenne. Nun stehen wir also hier, im Zentrum des Bösen. In mir ist nur Leere.

Weiter geht es nach Prypjat. Die Stadt mit kanpp 50 000 Einwohnern war gerade mal 17 Jahre alt, als sie evakuiert wurde, 3km entfernt vom Unglück. Im Bus sehen wir einen Film, wie es mal aussah. Breite Prachtsstrassen, keine überhöhten Gebäude, Rosenbüsche. Ziel war, ein Busch pro Einwohner. Als wir am sogenannten Hauptplatz aussteigen, sind wir von Bäumen und Büschen umringt. Man sieht quasi die Stadt vor Bäumen nicht mehr. Wir spazieren rum, und plötzlich stehen wir vor einem Basketballständer  – mitten im Wald. Es ist eine beklemmende Situation. Man stelle sich vor, innerhalb von zwei Stunden heisst es, Sachen zusammen packen für rund drei Tage, die Stadt wird evakuiert. 1300 Buse werden aufgeboten, geschlossener Kolonenverkehr, überwacht vom Militär, welches mit Gasmasken rum läuft.

Auf dem Rückweg bleiben wir noch an einer Ausstellung stehen, die die verschiedenen Roboter zeigt, welche auf dem Reaktor zur Räumung einsetzt wurden. Das deutsche Wertprodukt hat rund 40 Sekunden gehalten, dann hat es dank Strahlung den Geist aufgegeben. Den anderen Geräten ging es nicht viel besser. (Die Infos über die Strahlung wurde von den  betreffenden Behörden grosszügig abgerundet, somit war kein Hersteller der Roboter über die tatsächlichen Umstände informiert).  Schlussendlich wurden „Bio-Roboter“ eingesetzt, auch Mensch genannt, und bekannt geworden als Liquidatoren.

Auf der Rückfahrt werden wir noch zwei Mal kontrolliert, will heissen, wir müssen noch zwei Mal durch einen Strahlencheck, wieder mit etwas vorsintflutlichen Gerätschaften. Bei uns allen kein Problem, aber unser Bus wird aufgehalten. Während wir schon ausserhalb der Grenze stehen, und sich einige von uns mit einem Kaffee wärmen, steht unser Bus noch auf der falschen Seite, und Militär schleicht drum herum. Es ist kalt. Allen ist anzusehen, dass sie frieren. Nach über einen halben Stunde habe ich die Nase voll und frage einen Mann, ob er mitkommt, ich gehe mal fragen, was los ist. „No, they have guns“. Feigling! Ich ziehe alleine los. Ich mache es dem Militär gleich und stehe einfach mal um den Bus rum. Sie schauen, ich schaue zurück. Die Reiseführerin kommt und fragt, ob ich wohl zurück zur Gruppe gehen könnte, das Militär hätte darum gebeten. (Wer’s glaubt, pah, gebeten, im Leben nie!) und es dauere nur noch 10 Minuten. Ich frage, wo das Problem liegt. Unser Bus sei kontaminiert und das müsse gereinigt werden. Aha. Immerhin, eine Info, mehr wollte ich nicht. Ich troll mich. Nach rund einer viertel Stunde ist der Bus tatsächlich frei gegeben. Na bitte, geht doch.

Noch ein Wort zur Dekontamination. Das hat schlichtweg geheissen, die Häuser wurden abgewaschen, und das Erdreich zum Teil abgetragen. Holzhäuser wurden dem Erdboden gleich gemacht, da das Holz die Radioaktivität zu fest aufgenommen hätte.  Ein paar Schritte neben der Strasse hat der Geigerzähler zackig ausgeschlagen, vor allem im roten Wald.

Auf der Rückfahrt schlummern wir, im Bus ist es mollig warm. Im Hotel angekommen wärmen wir uns unter der Dusche auf. Die Kleider des Tschernobyl Besuches lassen wir im Hotel, incl. Schuhe.

Und zurück geht es in eine Welt, in der man sich genervt fühlt, wenn Ende Oktober schon Weihnachtssachen zum Verkauf angeboten werden.

Onki weiss natürlich von meiner Reise, an Heilung wegen Ganzkörperbestrahlung glaubt er eher nicht. Könnte schon sein, immerhin habe ich gerade mal 0.003 Millisievert an diesem Tag abgekriegt, praktisch nichts. Bleibe ich also meinem Onki weiterhin treu.

 

 

Dieser Eintrag wurde am 6. November 2017 veröffentlicht. 2 Kommentare