Archiv | Februar 2018

Wiederholen

Onki lässt durchklingeln. Meine angesetzten Proben haben wohl Negatives angezeigt. Auf jeden Fall werde ich innert drei Monaten dank meines Kellergewölbes zu einer zweiten Antibiotikakur verdonnert. Vor diesen Dingern habe ich Respekt. Während ich die ersten 48 Jahre meines Lebens mit genau einer Kur hinter mich gebracht habe (nach einem Katzenbiss), beginne ich mein 49-stes mit deren Zwei. Kann mich noch erinnern, dass ich bei Onki schon mal Antibiotika verweigert habe, und das dies nicht sonderlich clever von mir war. Also bin ich nun folgsam und bitte, mir das Rezept an die Apotheke meines Vertrauens zu faxen.

Auf dem Nachhauseweg mache ich einen Schlenker über den Giftladen. Mir scheint, bei Antibiotika sind die Giftmischer stets ein wenig heikel. Bis sie das Rezept auftreiben werde ich nach anderen Medis gefragt, aber ja, sicher nehme ich diese. Ob das mein Arzt weiss? Klar. Und ob ich eine Allergie hätte, natürlich, auch hiermit kann ich dienen. Mein Arzt wisse dies? Ja das hoffe ich doch schwer. Und Blutverdünner? Auch das, und ja, mein Arzt weiss es. Als sie schlussendlich das Rezept in den Fingern hält, wird sie zusehends handzahmer. Einmal mehr mache ich die Erfahrung, so ein kleines Wort „Onkologie“ auf einem Rezept macht ziemlich was her. Da geht man schon irgendwie davon aus, der „Patient“ weiss, was er will und nimmt. Oder so.

Und auch Instruktionen kriege ich, wie die Dinger zu nehmen sind. Eine Stunde vor, oder zwei Stunden nach dem Essen, und fünf Tage und nicht länger, damit keine Resistenz eintritt. Heikle Sache, scheint mir. Meine herkömmlichen Medis, welche ich Tag für Tag verschlucke, bewegen sich in einem Zeitrahmen von 12 Stunden. Und zu meiner Verteidigung, irgendwo ist immer sechs Uhr abends, so gesehen schlucke ich alles brav pünktlich.

Während viele Personen, die ich kenne, schon mal eine Blasenentzündung hatte (oder halt irgendwo da unten etwas nicht gepasst hat), und anscheinend unter ordentliche Beschwerden litten, bemerke ich dies nur weil optisch gar unschön. Vermutlich wäre mir Onki so oder so auf die Schliche gekommen, auch wenn ich nichts davon erzählt hätte. Immerhin wird mir immer etwas von meinem Lebenssaft abgezapft und durch die Geräte in seiner Praxis gejagt. Da kann man nicht viel verbergen. Und ich bin der festen Meinung, ich habe mir die Entzündung nicht wegen Kälte geholt, könnte mich nicht erinnern wo, sondern gehe schon davon aus, dass mein Krustentierchen da die Finger im Spiel hat.

Wie ich aber schon sagte, alles, nur noch keine Chemo bitte.

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Und wieder

bin ich bei Onki für meine Therapie.

Weil er ja bei meiner Lesung dabei war, sprechen wir auch über diese. Er sagt mir klar ins Gesicht, dass er und die zwei Chemodamen, sich köstlich amüsiert hat. Klar, er kennt doch all die Geschichten von mir, und hat schon bevor ich diese zu Ende erzählt hatte, gewusst wie sie ausgehen. Und während sich der Rest meiner Zuhörer wohl nicht ganz sicher waren, ob lachen angebracht war, wusste es diese Triumvirat ganz genau, lachen ist mehr als ok.

Ich kann sagen, ich bin überwältigt von der positiven Resonanz über mein Buch, über meine Lesung, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Ich kriege viele aufmunternde Mails, mündliche Komplimente, sogar einen handgeschriebenen Brief erhalte ich. Es freut mich sehr. Viele meinen, ich würde Zuversicht und Kraft vermitteln, ich meine, ich habe vor mich hingeschrieben, mir nicht gross was ausdenken müssen, einfach meine Gedanken versucht zu Papier (oder zum Blog und später zum Buch) zu bringen.

Bei Onki wird es doch auch wieder medizinisch, klar, dafür ist er, sind meine Gespräche mit ihm eigentlich auch hier. Wie schon letzten Monat machen meine Nieren Sorgen. Das, was ich im WC sehe stimmt mich nicht sehr zuversichtlich. Nachdem ich letzten Monat deswegen Antibiotika schlucken musste, wollen wir dieses Mal ein wenig zuwarten. Ich muss eine Probe abgeben, diese wird nun über Nacht quasi in einen Brutkasten gewärmt, mit irgendwas angesetzt, und wenn da was wächst ist mein nächster Stop beim Urologen. Auch wieder was Neues, diese Gattung Ärzte kenne ich noch  nicht. Mal schauen, was mir Onki sagen wird.

Zum Schluss plauschen wir noch ein wenig, Onki und ich. Eigentlich finde ich daran viel mehr Gefallen, mit ihm über dies und das zu plaudern, als über meinen leidigen Körper, welcher je länger je mehr Baustellen aufweisst. Und doch weiss ich, irgendwann wird mein Körper die Nummer eins, und wir werden alles andere weg lassen. Andereseits denke ich mir, so weit darf ich es nie kommen lassen, ich will nicht.

Anders

Einmal mehr trabe ich zu meiner Podologin. Meine Zehen zicken rum Sie meint, die Nägel seien seit der Chemo spröde geworden, und das ist mit ein Grund, dass ich so Probleme habe damit. Sie sieht sich meine Geher also wieder mal an und schlägt (bildlich gesprochen) die Hände über den Kopf zusammen. Ja, was hat sie denn? Ob mir das nicht weh tut? Was denn? Ja, da seien ja drei Zehen unter Eiter. Ach, echt jetzt? Nö, kann nicht gross klagen wegen Schmerzen. Sie meinte, da krabbeln andere schon auf alle vieren zu ihr rein. Sie schüttelt den Kopf. Nachdem meine Geher wieder auf Vordermann gebracht wurden muss ich ihr versprechen, dass ich Onki mitteile, dass (ihrer Meinung nach) meine Schmerzgrenze weit über dem normalen liegt. Hm, kann ich nicht beurteilen, ich weiss ja nicht, wie es bei anderen ist..

Onki hat da schon mal was gemurmelt, dass das bei mir sowieso anders ist…. Mein verstopfter Port ist ja von selber wieder aufgegangen. Und das nun die rechte Schilddrüse voller Ableger ist, links aber fast keine mehr ist auch irgendwie nicht die Regel. So sinngemäss meinte er, weil bei mir der Rest so gut im Schuss sei, geht es immer noch so gut mit mir. Nicht dass er das so gesagt hätte, er murmelt da mehr vor sich hin, so als ob er zu sich selber sprechen würde. Mir ist ziemlich egal, warum es mir immer noch gut geht, solange es mir auch gut geht. Angegriffen in irgendeiner Form sind Leber, Lunge, Niere, Schilddrüse, Knochen, Lymphen, in Ordnung sind immer noch Herz, Kopf, Verdauung, Bauchspeicheldrüse. Muss ich aufpassen dass das Verhältnis nicht kippt. So ich dies überhaupt beeinflussen kann.

Auf jeden Fall habe ich Onki die Bemerkung von meiner Podologin weiter gegeben, und dass dies wohl für ihn zum Wissen gehört, welches er gleich wieder vergessen kann, oder was auch immer. Habe meine Schuldigkeit getan, und so kann mir niemand sagen, ja, hättest es halt damals gesagt. Weiss eh nicht, was das wem nützen sollte.

Kriege nächstens wieder mal Besuch von meinen Geschwistern was mich natürlich sehr freut. Wird wohl Zeit, dass ich mal wieder mit dem Hochdruckreiniger durch die Wohnung spaziere, so Staubflusen im Teller sind doch sehr lästig.

Vorbei

Meine Buchvernissage ist Geschichte.

Es ist ziemlich widersinnig, so etwas zu machen. Während Onki bemüht ist, dass ich noch ein bisschen beschwerdefrei leben kann, bin ich ziemlich sicher, dieser Abend hat mir einen respektable Zeit meiner Lebensspanne genommen. Drei Tage zuvor war essen für mich nicht mehr wichtig, Magenschmerzen sowieso, und geschlafen, sagen wir, so drei, vier Stunden. Und all die „netten“ Ratschläge, die man in einer solchen Situation erhält. Wobei, der mit der Line Koks hat mir noch am besten zugesagt. Auch auf Onki kann ich mich nicht verlassen. Lasse ihn wissen, wenn er kommt,,und er hat etwas dabei zu Beruhigung, ich würde alles schlucken. Zur Antwort erhalte ich ein Whiskeyglas. Das geht nicht. Meine Leber ist auf Medis eingestellt, nicht auf Alkohol..

Und was alles schief gehen kann. Rede ich zu langsam, zu schnell, verliere ich den Faden, stottere ich, langweile ich die Leute. Was habe ich mir nur angetan. Hier kommt mir nun in die Quere, dass ich oft, oft vorher rede, und dann überlege, was das überhaupt bedeutet. Und das ganze steht mir nun noch zwei Mal bevor. Meine Lebenserwartung schrumpft zusehends.

Einen kurzen Moment dachte ich, he, das wird eine Firmenparty. Überraschend viele von der Arbeit sind gekommen, was mich sehr, sehr freut. Mein Chef ist auch hier, und meine Chefchef. Es gibt Auftrieb, zu sehen, dass doch Interesse vorhanden ist. (Ok, vielleicht sind ein paar auch gekommen, weil ich jeden zugetextet habe, der nicht schnell genug um die Ecke war, wenn ich ihn gesehen habe).

Allerdings sinkt mein Mut zusehends, als ich sehe, wie viele Leute sonst noch kommen, Stühle werden noch aufgestellt. Wir, die Bibliotheksleiterin und ich, wir rechneten mit rund 60 Personen, und so viele Stühle sind auch aufgestellt, es werden die Hälfte mehr.

Vermutlich bin ich wie ein nervöses Huhn rum geflattert. Was daran gelegen sein mag, dass ich nervös war, nicht zu knapp, eigentlich fast zum Sterben. Und so beginne ich das ganze mit dem klärenden Satz „Falls ich zittere, bedeutet dies nicht, dass ich nun auch Parkinson habe“. Nicht, dass sich jemand noch unnötig Sorgen macht. Sonst wäre zur Not auch mein Onki unter den Zuhörern, er weiss, was Sache ist, wenn ich ein Problem hätte.

Und dann beginne ich, und denke, mir geht die Luft aus. Ich schnaufe, als ob ich gerade in den dritten Stock hoch musste. Hören das die Leute durch das Mik, frage ich mich? Es wird mit der Zeit besser. Irgendwann schaue ich auf die Uhr, und stelle fest, ich muss abkürzen, sonst wird dies zu lange.

Auch will ich es auf jeden Fall vermeiden, dass hier irgend jemand mit düsteren Gedanken nach Hause geht. Es reicht, wenn ich von Zeit zu Zeit übel dran bin wegen meinem Krustentierchen, dass muss niemanden sonst Kummer bereiten. So versuche ich, es nicht ganz toternst werden zu lassen. Später wird mir gesagt, dass es eine kleine Gruppe von Leuten gab, welche ziemlich oft und meist am ehesten gelacht hatten. Klar, mein Onki und die zwei Chemodamen. Sie wissen und wussten ja wie ich es meine, während andere sich vielleicht nicht im klaren waren, ob es „passend“ ist, zu lachen.

Nach der Lesung kauft doch der eine oder andere tatsächlich noch ein Buch und ich signiere. Als ich fertig bin, stelle ich fest, dass schon recht viele gegangen sind. Schade, ich wollte auch noch ein wenig mit den Leuten plaudern, irgendwie hatte ich keine Zeit hierfür.

Ich hatte treue Helfer für den heutigen Abend und bin einmal mehr dankbar, dass ich Leute an meiner Seite haben, die mir in meiner Situation beistehen.