Archiv | März 2018

Vorbereiten

Der Entscheid steht, wir starten mit der zweiten Chemo. Wobei, Onki gibt den Auftrag zum reintrichtern, und ich lasse reintrichtern. Bei solchen Sachen kommt es doch sehr darauf an, auf welcher Seite man steht, auch wenn es eigentlich ein gemeinsamer Entschluss ist. Was soll’s, ich wusste es immer schon, seit dem ersten Tag meiner Diagnose hat mich Onki darauf vorbereitet, wenn die Progression weit (genug) fortgeschritten ist, steht wieder Chemo an. Wie schon mehrmals erwähnt, es handelt sich um eine zielgerichtete Therapie, soll angeblich nur die bösen Zellen – so gut es geht – zerstören. Und hoffentlich, oder vielleicht, auch ohne Nebenwirkungen. Meine zwei Perücken liegen sauber gewaschen im Schrank, falls ich wieder zum Glatzkopf mutiere sind diese wieder schnell im Einsatz. Man könnte auch sagen, zu meinen drei Antikörpern kommt wieder ein Medi dazu, eben, ein Zytostatika. Wird schon gut gehen, muss auch. Denn, Riga steht auf dem Plan, und bald danach das Okavango Delta. Notfalls mache ich mich mit einem Rollator auf den Weg. Ich will, ich will einfach dort hin.

Mit dem Methadon werde ich später beginnen. So wie ich von Onki gehört habe, hat dieses Mittelchen die Gabe, jeden in einen Kotzbrocken zu verwandeln. (Hört man natürlich nie in den Medien, dort wird immer nur das Beste, und noch ein bisschen Besser, mitgeteilt.) Dass ist nun etwas, was man auf Reisen nicht braucht, erbrechen.  Sonst eigentlich auch nicht. Versuchen werde ich es auf jeden Fall, Methadon, nicht erbrechen,  mit ganz, ganz kleinen Tröpfchen beginnend, und wenn dies gut geht, darf es mehr werden. Eigentlich habe ich einen Rossmagen. Während sich andere schon übergeben habe ich, wenn überhaupt, ein leichtes Völlegefühl. Also wird das wohl auch mit diesem mistigen Methadon funktionieren.

Im CT war ich auch. Es ist mir nicht ganz klar, warum ich in ein CT muss, bevor mit der Chemo los gelegt wird, immerhin war ich vor kurzem im PetCt. Und dies ist für mich eigentlich das Mass aller Dinge wenn es um bildgebende Untersuchungen geht. Muss ich Onki fragen, er wird mir das schon erklären können. War in zweieinhalb Jahren alles in allem neun Mal in der Röhre, MRI, PetCT, CT, das ganze Programm, und so war es auch dieses Mal nichts aufregendes. Eigentlich eine kurze Sache. Beim betreten der Umkleidekabine verweise ich auf meinen Port und meine Rollvenen. Die Augen der jungen Krankenschwester beginnen zu strahlen, und hören damit wieder auf, als sie erfährt, dass der Port nicht angestochen ist. Dumm gelaufen, weiss ich doch nicht, dass niemand hier fähig ist, diesen anzustechen. Eine altehrwürdige Krankschschwester kommt rein. Sie meint, sie versuche es nun einmal mit meinen Venen, und wenn es nicht klappt, sollte ich doch bitte zur Onkologie, um den Port anstechen zu lassen, sie will mich nicht plagen.  Für mich kein Problem. Sie ist diese Art von Schwester, die Gutmüdigkeit und Vertrauen ausstrahlt, und einem gleichzeitig Respekt abverlangt, da würde niemand zurückmaulen, bin ich mir sicher.  Sie tastet meinen linken Arm ab, ohne hin zu sehen. Sie muss die Vene spüren, nicht sehen, meint sie. Links läuft schon mal nichts. Sie versucht es rechts, mein Arm ist abgebunden, dass es schon richtig weh tut. Aber, ich schweige, Grund, siehe oben. Sie meint, etwas zu finden, sticht, stochert, wühlt unter der Haut, und es kommt und kommt und kommt kein Blut, sie wühlt weiter, und es läuft wie am Schnürchen, Ziel erreicht. Die Röhre selber dauert nur ein paar Minuten.

Danach ist meine Schwester im Plaudermodus. Ob ich noch bestrahlen muss? Schon erledigt, und Chemo? Die erste fertig, die nächste steht an. Ja, aber nun sei alles gut? Nein, ist es nicht, es wächst, und darum kommt die nächste Chemo. Sie will es wissen, sie ist vom Fach, also erzähle ich ihr kurz von meinen Ablegern. Und ich muss sagen, für einen Profi schaut sie doch ziemlich kariert drein. Werde doch nich die erste sein, die ihr so was erzählt? Was ich nun mache, Onkologie? Oder nach Hause? Nein, zur Arbeit, habe Spätschicht. Die Karos in ihrem Gesicht werden grösser. Wenn sie einen Arztbesuch hätte, sei der Tag für sie gelaufen. Na ja, kommt doch darauf an, was zu tun ist. Nur mal schnell auf einen CT – Schlitten liegen ist ja nun nicht wirklich die grosse Anstrengug, meine ich. Sie sieht das anders. Jeder wie er mag.

Nun also wieder warten bis zum nächsten Onki Besuch, und dann geht es weiter. Das neue Medi ist seit rund drei Jahren zugelassen, so denke ich, meine Behandlung ist nach wie vor top – und auch dementsprechend teuer. Das beruhigt mich ein wenig, noch lieber wäre es mir natürlich schon, wenn ich nicht in den Genuss dieser top Behandlung kommen würde.

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Vorsichtig

Ich muss aufpassen, was ich Onki erzähle. Letzhin bin ich reinmaschiert, und habe ihm gesagt, dass ich weiss, woran ich sterben werde. Die Lunge wird aussteigen. Seit rund vier Monaten huste ich mich durch die Nächte. Und das Luder will und will nicht aufhören damit. Auch nicht mit meinem Asthmaspray. Und wie es mir gut bekannt ist, meine Lunge hat Bestrahlungsschäden, Ableger und die Bronchien sind beleidigt.

Und Onki meint tatsächlich, vielleicht wäre jetzt Zeit, mit der Chemo zu beginnen, vorher noch ein CT. Ich mag noch nicht, nicht jetzt. Habe noch Reisepläne bis und mit Juni. Und ich weiss ja nicht, wie ich das Mistding vertrage. Und wenn ich einmal damit begonnen habe – kriege ich sie nicht mehr los. Diese Chemo wird bis auf weiteres reingetrichtert.

Andererseits ist es mit den Sachen, wann immer ich Onki davon erzähle, ein bisschen wie beim Zahnarzt. Sitzt man im Wartezimmer beim Zahnarzt tut nichts mehr wei. Erzähle ich Onki von einem Bebelie, hört dieses nach drei, vier Tagen auf, auch wenn ich davor ein paar Monate rum gemacht habe. Onki findet es toll, wenn ich auf diese weise meine Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Ich zweifle dran. Viel eher komme ich mir wie ein Hypochonder vor.

Und einmal mehr bin ich am grübeln, was ich tun soll.

Dieser Eintrag wurde am 23. März 2018 veröffentlicht. 4 Kommentare

Unglaublich

Vor nicht all zu langer Zeit habe ich mich hier gedanklich ausgetobt über das Gesundheitswesen in den Ländern im allgemeinen, und im speziellen. Wie es der Zufall will erfahre ich von einem lieben Kollegen, bei welchem erst zwei Monate nach der Krebsoperation weitere Untersuchungen angestellt wurden, und dabei hat man festgestellt, dass er einen sehr aggresive Krebs hat, welcher nun über verhältnismässig lange mit einer Imuntherapie behandelt werden muss.  Ich bin sprachlos! Wie kann man zwei Monate mit einer Untersuchung warten, wenn die Möglichkeit besteht, einen aggresiven Tumor zu haben. Wut überkommt mich, Wut, über Weisskittel, die doch nun wahrlich genug verdienen, auch im Ausland, nehme ich mal an. Die sollen gefälligst ihren Job machen, und zwar innert nützlicher Frist.

Wenn ich Onki von solchen Vorfällen erzähle schüttelt er nur den Kopf. Er hat auch schon mal durchblicken lassen, ob ich wohl ein bisschen übertreibe? Nein! Ich übertreibe nicht. Es ist schlimm genug, da muss ich nichts mehr dazu flunkern.  Ja, für Onki ist das alles unvorstellbar. Für mich auch, weil ich es anders kenne.

Mir schwirrt ein Reiseidee durch den Kopf, nur die Zeit hierfür kann ich irgendwie nicht auftreiben. So arbeiten kann bei der Freizeitgestaltung schon etwas hinderlich sein.

Und wie immer denke ich mir dabei, nicht zu lange warten, frau weiss nie, was sie erwartet.

Bewundernswert

Lande auf einer Geburtstagsparty, und komme neben einer neunzig Jährigen zum sitzen. Neben einer sehr rüstigen neunzig Jährigen. Sie hätte Probleme mit dem Rücken, stehen geht nicht mehr wirklich gut. Das hält sie aber nicht davon ab, ihren Garten zu hegen und pflegen, dass man den Urmeter nach dem Abstand ihrer Pflanzen eichen könnte. Und dann wäre da noch der Tinnitus, welchen sie abendlich mit Hochprozentigem zu  Leibe rückt. Also, einschmieren, nicht trinken, meint sie. Ich habe da so meine Zweifel. Einmal jährlich fährt sie zur Kur. Das steht ihr zu. Und als die Krankenkasse / Arzt das letzte Mal rumzickten, wusste sie sich zu wehren. Jetzt fährt sie nicht zur Kur, jetzt nennt man das „zur Erholung“, und sie zieht wieder los. Sie weiss auch ganz genau, wo sie hin möchte. Nicht dort wo sie turnen usw. soll, nein, sie weiss, wo der Tag grösstenteil mit Fangopackungen, Heublumenbäder und Massagen vorbei geht. Für sie sehr viel angenehmer. Einmal wagte es ein Arzt, sie kurmässig auf Diät zu setzen. Da war er an die Falsche geraten. Bereits am zweiten Tag suchte sie den betreffende Arzt in seinem Büro auf, und machte ihm klar, dass das gar nicht geht. Oder glaubt er tatsächlich, sie wäre so fit, wenn sie eine Körnerpickerin wäre, und hungrig ins Bett? Nein, dafür sei sie nicht hier, und sowieso, dass koste wohl genug, da wird es doch auch genug zum Essen geben, das akzeptiere sie nicht. Diät beendet!

Wir kommen irgendwie zum Karten spielen, und ich verliere haushoch. Sie freut sich diebisch. Zum Schluss schüttelt sie mir noch die Hand (wie es wohl so Brauch ist) und meint „Und immer schön gesund bleiben“, jawohl, du auch, antworte ich. Neunzig Jahre, und nicht einundneunzig, wie sie betont, und sie strahlt mehr Lebensfreude und Humor aus als so mancher, nur halb so alter Erdenbürger, den ich kenne. Was jammern wir manchmal herum, für nichts und wieder nichts.

„Father was a rolling stone“ läuft im Radio. Das Lied kommt mir ein wenig vor wie mein Leben mit Krustentierchen. Ein ewig langes Intro, und man wartet, und wartet, und wartet, bis es endlich los geht, entweder mit dem Lied, oder in meinem Fall, wann es zur Sache geht. Darf aber nicht sein vor Juni, bis dort habe ich Reisepläne, da habe ich keine Zeit zum krank sein.

 

Glück gehabt

Je länger je mehr bin ich dankbar, dass ich hier krank bin, und nicht in einem anderen Land. Alleine in der EU gibt es enorme Unterschiede in der medizinischen Versorgung. Ich höre von Wartefirsten für die Bestrahlung von über vierzig Tagen, von Gynäkologen, welche eine Patientin mit der Begründung nach Hause schicken, sie hätte erst in einem Monat wieder einen Kontrolltermin, dabei wollte sie den Knoten in ihrer Brust untersuchen lassen. Ich weiss von Personen, die hierher gekommen sind, um die Chemo hier zu machen, im eigenen Land weiss man nie, ob man nur eine Kochsalzlösung kriegt, weil das Zytostatika auf dem Schwarzmarkt vertickt wird. Da gibt es Ärzte, die einem sagen, man könnte ja woanders hin, einzig, weil man ein paar Fragen hat. Gefühlsmässig habe ich den Eindruck, dass es vor allem Professoren sind, welche es gar nicht gerne haben, wenn man nachfragt. Da lobe ich mir meinen Onki. Er treibt sich nicht ewig auf irgendwelchen Veranstaltungen rum um Vorträge zu halten usw., wenn, dann geht er auf Kongresse, um sich weiter zu bilden. Den Rest der Zeit ist er für seine Patienten da, und ich bilde mir ein, so bleibt er up to date.

Vor gar nicht all zu langer Zeit wurde mir auch gesagt, in die USA muss man, wenn man wirklich krank ist, dort seien sie auf Zack. Ja, mag stimmen, vorausgesetzt, man bringt genug Kleingeld mit. Der gewöhnliche Patient wird dort unter Umständen rudimentärst versorgt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich hier eine Top Behandlung erfahren darf, wenn ich im Internet rumstöbere, wird dass, was ich seit gut zwei Jahren mache als die Goldvariante gehandelt.

Da gibt es wohlhabende Leute, welche im drei-Wochen-Rythmus von ausserhalb der EU einfliegen, um an der hiesigen Uniklinik Chemo zu machen, aus dem gleichen Grund wie oben.

Klar, die Krankenkassenprämien sind extrem hoch hier. Was jedoch viele nicht sehen ist, die Versorgung hier ist top. Da muss man nur über die Grenze schauen, und es wird sehr viel anders. Alles, was bei uns so selbstverständlich ist, danach würde man sich im Ausland die Finger abschlecken. Auch hier ist es wie bei so vielem, erst wenn man es braucht lernt man es zu schätzen.

Dieser Eintrag wurde am 8. März 2018 veröffentlicht. 2 Kommentare

Rausgeplatzt

Aus einem mir unerklärlichen Grund lasse ich es beim letztenGespräch wieder mal unkontrolliert raus; dass ich unendliche, grenzenlose Angst  habe, vor dem was kommt. Eigentlich will ich das nicht, denn auch, oder vor allem Onki weiss, dass ich die meiste Zeit nur voll von Angst bin, und alles andere ein bisschen Make up ist, sonst gar nichts. Onki tröstet, wie immer.

Die Untersuchungen haben ergeben, dank Antibiotika ist mein Kellergewölbe wieder frei von Bakterien, Entzündungen usw., was mich grundsätzlich freut. Wenn es nicht mehr mit Antibiotika geregelt werden kann, muss ich beim Urologen antraben. Das macht wohl nicht übertrieben Spass.

Bin wieder mal dort, wo ich aufgewachsen bin. Und ich stelle fest, es gibt Sachen, die ändern sich nie. Besuch kommt und geht, es wird gegessen und getrunken, und man versammelt sich um den Holztisch, welcher fast so alt wie ich ist. Und es schneit, einmal mehr schneit es. Ist schon ziemlich lange her, dass es so viel Schnee gegeben hat. Mir gefällt es, und bei mir zu Hause ist ohnehin schon bald der Frühling eingekehrt.

Wir haben Nachwuchs in unserer Familie, ganz klein, ganz hilflos. Es ist schwer vorstellbar, dass daraus auch einmal ein für unsere Familie typischer Testosteronträger mit 1,85m plus wird. Alles darunter wird bei uns als kleinwüchsig angesehen. Er hat zehn Finger und zehn Zehen, die Basis ist schon mal da.

Kürzlich sah ich einen Bericht über die Schädlichkeit der Acetylsalicylsäure, gemeinhin auch als Asperin bekannt. Am Ende des Berichts fragte ich mich, wo die Eigenverantwortung der Leute bleibt. Wenn man sich die Mühe nimmt, und den Beipacktext – auch – von rezeptfreien Medikamenten liest, sollte es einem doch verhältnismässig schnell klar werden, dass es nicht das Beste ist, diese über Jahre regelmässig zu nehmen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit gäbe es auch Probleme bei Paracetamol, Ipubrofen, Diclofenac und all den feinen Sachen, auch rezeptfrei zu haben. Und wer nun wirklch der Werbung glaubt und kritiklos alles schluckt, zeugt nicht gerade von Eigenständigkeit, bin ich der Meinung. Vorzugsweise spült man das Ganze noch mit Alkohol runter, und ist ganz überrascht, wenn der Magen nicht mehr mitmacht. Schon alleine der Gedanke, mir meinen Mange auspumpen zu lassen, lässt mich medizintechnisch eher auf der vorsichtigen Seite sein, Weichei eben.

 

Dieser Eintrag wurde am 5. März 2018 veröffentlicht. 2 Kommentare