Doch nicht

Ich warte. Sitze zu Hause und warte. Hirnmetastasen. Was noch, was mir noch mehr Angst machen könnte? Endstadium, schiesst mir durch den Kopf. Wann kommen die Kopfschmerzen, kann ich noch länger laufen, beginne ich zu lallen? Ohne Hirn geht gar nix mehr, so viel steht fest.  Aber, immerhin, Onki und ich hatten es lustig miteinander, da gibt es nichts daran zu rütteln.

Ich schreibe Onki, wenn es recht ist, dann würde ich mich am nächsten Tag melden. Ich muss nicht schreiben, was ich wissen möchte, dass weiss er ganz genau. Am nächsten Tag rufe ich an, direkt auf sein Handy. Mailbox. Drei Mal. Zehn Minuten später klingelt es, Onki ist dran. Weil ich ja nicht anrufe…., dachte er, er melde sich. Hallo? Also, er musste den Befund anfordern, und es ist alles in Ordnung. Hört man es rumpeln, den Stein, der mir vom Herzen fällt? Wie machen wir weiter, fragt Onki? Ja, wir sehen uns morgen, da können wir dann das weiter besprechen.

Am nächsten Tag sitzen wir uns mal wieder gegenüber. Hach, ohne Hirnmetastasen ist doch so ein Krustentierchen nur Kinkerlitzchen. So irgendwie kommt es mir vor. Herzbeutel mit Ableger? Nehme ich im Vorbeiweg mit. Einzig, Onki, und ich eigentlich auch, wir wollen wissen, woher kommt die Übelkeit, meine Magenschmerzen. Das der Nierenabfluss unter Umständen enger wird, wissen wir schon, auf der einen Seite.  Hier eine Leitung zu legen ist immer problematisch, da sich gerne Entzündungen einschleichen. Auf der anderen Seite arbeitet die Niere nicht mehr ganz so wie sie sollte. Ich bin auch nicht scharf auf eine Magenspiegelung, auch wenn dies ja meist unter Narkose geschieht. Ich schlage das Ausschlussverfahren vor. Onki stimmt ruck zuck ein. Es geht also los, mal dies und das weg lassen, und vor allem das Codein. ich trau‘ dem Ding nicht. Man schläft so wunderbar damit, nützt mir aber nix, wenn ich zeitgleich Magenprobleme kriege. Lassen wir das Ding also mal weg.

Wäre es nicht unterhaltsam, die erste Chemo vertrage ich leidlich gut und dann zwingen mich so klitzekleine Codein Tabletten in die Knie, dass ich die Finger davon lasse?

Ich frage Onki auch, vielleicht rede ich mir alles nur ein? Hypochonder? Psychosomatisch? Was weiss ich?

Meine Zipperlein stören ihn, meint er. Meine Zipperlein? Zipperlein? Ich weiss, er meint es gut, ich weiss er macht sich Sorgen, ich weiss, er wird mir stets und immer zur Seite stehen, 24/7. Da lasse ich ihm das Zipperlein gerade noch durchgehen, teile ich ihm mit. Mich stören sie übrigens auch.

Wir kommen auf meinen Trip nach Afrika zu sprechen. Klar, er kann mir keine Garantie geben, dass da unten nichts passiert, aber, er würde gehen. Ich grüble.

Was soll’s, ich will vorbereitet sein und mache mich auf dem Weg zur Impfung. Beim Empfang wird mir das obligatorische Anmeldeformular in die Hände gedrückt. „Leiden/litten sie an Krebs usw.“, prima, geht doch schon toll los mit den Fragen. Blutverdünner, ja, Allergien, ja, regelmässig Medis, ja. Sogar für mich als Laie sieht dieses Blatt irgendwie krank aus.

Lande beim Arzt, und als er ein bisschen mehr über mein Krustentierchen erfährt kräuseln sich seine Haare. So zumindest mein Eindruck. Kortison, welches bei mir als Immunsuppressiva eingesetzt wurde, also zum unterdrücken von allergischen und / oder Abwehrreaktionen macht ihm Sorgen. Wohl nehme ich seit rund sechs Wochen kein Kortison mehr, aber, ich hatte die chemische Keule, also das chemisch hergestellte, x-mal stärker als das körpereigene, und es bleibt bis sechs Monate im Körper. Und weil er mir einen Lebendimpfstoff geben möchte, zweifelt er. Natürlich grusselt es mich davor. Lebendimpfstoff? Werden da kleine Krabbler in meinem Körper rein gespritzt? Mir reichen die Krabbler, die ich habe!

Ich säusle mit Onkel Doktor wie mit einem kranken Kälbchen, es nützt nichts, ohne OK von Onki wird nicht geimpft. Ja dann bleibt nur noch mein Notnagel – Onki! Rufe in der Onkologie an und bitte um Rückruf, so schnell wie möglich. Onkel Doktor ist gewillt mit Onki zu sprechen, vor allem, als sich heraus stellt, dass sich die Beiden kennen. Onki ruft baldmöglichst zurück und ich reiche mein Handy weiter. Die beiden Doktoren dealen über meinen Kopf hinweg, und nun bin ich stolzer (oder so!) besitzer eines internationalen Impfausweises mit Exemption für das Gelbfieber. Malariaprofilaxe liegt in Tabletenform zu Hause, zwei Pflaster auf meinem Oberarm zeugen von weiteren Impfungen. Das Ganze, bis auf die Pflaster, kommt zu Hause auf mein noch kleines Häufchen Reiseutensilien für Afrika.

Ich vertraue meinem Körper nicht mehr. Die letzten zwei Wochen hat gezeigt, dass er schneller als ich denken kann, flach liegt. Ist wie mit einem Unfallwagen. Man kann ihn reparieren lassen, aber bei jedem Geräusch wird man hellhörig werden.

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