Archiv | Juni 2018

In die Vergangenheit

Habe noch ein paar Tage frei, also ziehe ich wieder los, diesmal mit Auto. Es geht in eine Richtung, wo, sagen wir mal, die Einwohner etwas rustikaler sind. Aber natürlich auch clever. Und herzlich, keine Frage. Über drei Ecken erfahre ich, dass mindestens drei der Eingeborenen sich absolut sicher sind, dass die medizinische Behandlung bei mir für nichts ist. Denn, so jemand wie ich, der ist nicht krank. Ich verspreche, beim nächsten Chemotermin Onki dahingehend zu informieren, doch nochmals über die Bücher zu gehen. Wer weiss? Vielleicht wurden meine Befunde verwechselt? Kann schon sein, dass zehn Röhrenbesuche, unzählige Blutabnahmen, röntgen, Ultraschall und sonst allerlei aus Versehen der falschen Person untergejubelt wird. (Unerklärlicherweise zeigt sich Onki von denTipps seiner Kollegen aus fernen Landen nicht sonderlich beeindruckt.)

Es steht auch ein Treffen an mit drei Damen, mit welchen ich zu Schulzeiten ein Zimmer im Internat teilte. Erst mal muss ich sagen, wau, sind die alle alt geworden. Zum Glück passiert mir das nicht! Oder doch, und ich merke es nicht, weil es so schleichend ist? So 34 Jahre können schon an einem nagen. Jede kriegt mal fünf Minuten um kurz und zackig zu sagen, was nach der Schule passierte. Und natürlich, alle haben sie Kinder, Haus und Ehemann. Und es werden die Fotos gezückt. Und ich, was habe ich ausser einem Krustentierchen? Ich grabe tief in meinem Handy nach einem Foto, welches vielleicht nicht jeder hat. Und ich werde fündig. Ein Warnschild mit dem Trefoilsymbol von meinem Trip nach Tschernobyl ist eine schöner Kontrast zu Hof und Haus, finde ich. Werde ein bisschen schräg angesehen.  Auf geht es zu einem urgemütlichen Buschenschank, in welchem es mehr Fliegen als Gäste gibt. Man kann nicht alles haben, wenn man Kuhglockengebimel hört muss auch mit den kolateral Schäden gerechnet werden. Wir lachen wie zu unseren besten Zeiten. Und als Leckerchen machen wir noch einen Schlenker in die damalige absolute In – Disco. Ja, zu meinen Zeiten ist man noch in eine Disco gegangen. Unglaublich, da wurde vermutlich seit vierzig Jahren kein Nagel in die Wand geschlagen. DJ’s Musikrepertoire wurde ebenfall gut gehütet vom letzten Jahrtausend in die jetzige Zeit gerettet. Andy Borg? Ehrlich? Ja, es ist Andy Borg. Uns wackeln die Ohren. Und es wird auch munter drauf los geraucht. Ein Lokal mit Charakter, kann man da nur sagen. Es sitzen ca. 6 männliche Dorfschönheiten an der Bar, eine andere Beschreibung fällt mir nicht ein. Gleichzeitig mit der Barmaid scheint hier auch das Publikum gealtert zu sein. Wir schwelgen in Erinnerung und trennen uns spät abends mit dem Versprechen, nicht mehr so viel Zeit bis zum nächsten Treffen vergehen zu lassen. Würde schon alleine für mich ein wenig knapp werden.

Solange man nicht zu oft an einem Ort auftaucht, wird man gerne gesehen, und ich darf auch wünschen, was ich gerne essen möchte. Da gibt es schon mal in einer Woche zwei Mal mein Leibgericht, welches ich richtiggehend versschlinge. (Wenn nicht gerade mein Körper keine Lust auf Essen hat und dieses lieber erbricht…). Grillen am Teich ist auch dabei und die Ruhe und das Grün runderum ist einfach nur schön, und äusserst beruhigend.

Es nützt alles nichts, muss mich wieder ins Auto schwingen, am nächsten Tag wartet Onki mit Chemo.

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Hinterlistig

ist sie, meine Chemo. Die ersten paar Tage wandle ich zufrieden mit mir selber duch das Leben, und zack, mir wird übel, mir ist kalt (bei 24 Grad), mir tun die Knochen weh, ich beginne zu husten, und wo husten ist, ist erbrechen nicht weit. Und so ist es. Raus mit all den leckeren Sachen, die erst vor kurzen rein sind. Wenn ich nicht noch von anderen Nächten her wüsste, dass ich in der Nacht wegen knurrendem Magen aufwache, würde ich die Esserei ein paar Tage sein lassen. Nun, Früchte gehen immer, und so gibt es hier und dort Melonen, Kirschen, Aprikosen, was gerade so rumsteht.

Wien mit meinen Googlemäusen war wunderbar. Googlemäuse deshalb, weil Beide auf jedwelchen Vorschlag meinerseits sich ins Internet vertieften. Würde mal sagen, die  Beiden kommen recht gut vorbereitet, ein Mäusschen hat sogar einen Stadtführer dabei, älter als ich!!! Dîe Blätter doch schon leicht vergilbt, und wenn man beim blättern nicht all zu stürmich war, hat auch alles gehalten. In der Staatsbibliothek wird dieses edle Buch überraschenderweise nicht beschlagnahmt.

Wir essen gut, wir lachen viel, wir laufen rum, wir lassen Kultur auf uns wirken. Putins Besuch macht uns teilweise einen Strich durch die Rechnung, und so müssen wir unsere Wege ein wenig anpassen. Aber es ist wie immer, Wien geht immer.

 

Wieder einmal

geht es morgen auf in die Hautpstadt der ehemaligen Doppelmonarchie. Ich finde, diese Stadt geht immer, also einmal im Jahr muss ich dorthin. Ein bisschen in Kaffeehäusern sitzen, im Schanigarten auch, und die Passanten beobachten.

Möchte einen Chemotermin schieben, und so frage ich bei Onki an, ob dies möglich wäre? Er fragt nicht, ob ich etwas vor habe, oder ob es geschäftlich nötig sei, oder so. Nein, er sieht gar nicht auf von seinen Unterlagen und meint nur „Wo sind sie wieder“. Da ist er schon ein bisschen despektierlich, finde ich. Auch wenn er Recht hat. Also, so praktisch gesehen, kann ich mich gegen seine verbale Feststellung (und es war mehr eine Feststellung, keine Frage) nicht gross zur Wehr setzen. Ggggrrrr, ist ja nun nicht so, dass ich immer nur unterwegs bin. Viel eher ist es so, dass er es halt weiss, wenn ich weg bin, oder vielleicht einer der wenigen ist, der IMMER weiss, wenn ich weg bin. Es mag vielleicht so scheinen, als ob ich des öfteren unterwegs bin, möglich.

Es sind ein paar Anfragen, um nicht zu sagen Reklamationen, gekommen, weil ich in letzter Zeit hier ein wenig schreibfaul war. Tja, nun ist es so, es gibt nicht viel zu berichten. Die dritte Chemo ist hinter mir, im grossen und ganzen ohne Probleme. Und so läuft es eigentlich ganz gut. Die Tatsache, dass dies ein Schritt mehr ist in Richtung Ende der Behandlungen (weil es irgendwann mal aus ist mit „was anderes“) vergesse ich nicht, aber versuche es zu verdrängen, so gut es geht.

Ziehe ich morgen also los, und denke mir einmal mehr, wenn ich weg bin, „wird schon gut gehen“. Von Wien bin ich immerhin schneller zurück als von Botswana.