In die Vergangenheit

Habe noch ein paar Tage frei, also ziehe ich wieder los, diesmal mit Auto. Es geht in eine Richtung, wo, sagen wir mal, die Einwohner etwas rustikaler sind. Aber natürlich auch clever. Und herzlich, keine Frage. Über drei Ecken erfahre ich, dass mindestens drei der Eingeborenen sich absolut sicher sind, dass die medizinische Behandlung bei mir für nichts ist. Denn, so jemand wie ich, der ist nicht krank. Ich verspreche, beim nächsten Chemotermin Onki dahingehend zu informieren, doch nochmals über die Bücher zu gehen. Wer weiss? Vielleicht wurden meine Befunde verwechselt? Kann schon sein, dass zehn Röhrenbesuche, unzählige Blutabnahmen, röntgen, Ultraschall und sonst allerlei aus Versehen der falschen Person untergejubelt wird. (Unerklärlicherweise zeigt sich Onki von denTipps seiner Kollegen aus fernen Landen nicht sonderlich beeindruckt.)

Es steht auch ein Treffen an mit drei Damen, mit welchen ich zu Schulzeiten ein Zimmer im Internat teilte. Erst mal muss ich sagen, wau, sind die alle alt geworden. Zum Glück passiert mir das nicht! Oder doch, und ich merke es nicht, weil es so schleichend ist? So 34 Jahre können schon an einem nagen. Jede kriegt mal fünf Minuten um kurz und zackig zu sagen, was nach der Schule passierte. Und natürlich, alle haben sie Kinder, Haus und Ehemann. Und es werden die Fotos gezückt. Und ich, was habe ich ausser einem Krustentierchen? Ich grabe tief in meinem Handy nach einem Foto, welches vielleicht nicht jeder hat. Und ich werde fündig. Ein Warnschild mit dem Trefoilsymbol von meinem Trip nach Tschernobyl ist eine schöner Kontrast zu Hof und Haus, finde ich. Werde ein bisschen schräg angesehen.  Auf geht es zu einem urgemütlichen Buschenschank, in welchem es mehr Fliegen als Gäste gibt. Man kann nicht alles haben, wenn man Kuhglockengebimel hört muss auch mit den kolateral Schäden gerechnet werden. Wir lachen wie zu unseren besten Zeiten. Und als Leckerchen machen wir noch einen Schlenker in die damalige absolute In – Disco. Ja, zu meinen Zeiten ist man noch in eine Disco gegangen. Unglaublich, da wurde vermutlich seit vierzig Jahren kein Nagel in die Wand geschlagen. DJ’s Musikrepertoire wurde ebenfall gut gehütet vom letzten Jahrtausend in die jetzige Zeit gerettet. Andy Borg? Ehrlich? Ja, es ist Andy Borg. Uns wackeln die Ohren. Und es wird auch munter drauf los geraucht. Ein Lokal mit Charakter, kann man da nur sagen. Es sitzen ca. 6 männliche Dorfschönheiten an der Bar, eine andere Beschreibung fällt mir nicht ein. Gleichzeitig mit der Barmaid scheint hier auch das Publikum gealtert zu sein. Wir schwelgen in Erinnerung und trennen uns spät abends mit dem Versprechen, nicht mehr so viel Zeit bis zum nächsten Treffen vergehen zu lassen. Würde schon alleine für mich ein wenig knapp werden.

Solange man nicht zu oft an einem Ort auftaucht, wird man gerne gesehen, und ich darf auch wünschen, was ich gerne essen möchte. Da gibt es schon mal in einer Woche zwei Mal mein Leibgericht, welches ich richtiggehend versschlinge. (Wenn nicht gerade mein Körper keine Lust auf Essen hat und dieses lieber erbricht…). Grillen am Teich ist auch dabei und die Ruhe und das Grün runderum ist einfach nur schön, und äusserst beruhigend.

Es nützt alles nichts, muss mich wieder ins Auto schwingen, am nächsten Tag wartet Onki mit Chemo.

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