Archiv | Juli 2018

Es war einmal

Treibe mich rum, da, wo ich aufgewachsen bin. Niemand fragt mich direkt nach meiner Krankheit, obwohl es anscheinend mehr oder weniger alle wissen, nicht immer im Detail, aber irgendwie hat jeder gehört, dass ich krank sei. Und praktisch jeder meint NACH einem Gespräch mit mir, nein, ich bin nicht krank. Und natürlich sagt man das nicht mir ins Gesicht. Was erwartet man denn von mir? Gejammer? Als ob ich (oder sonst jemand) Lust hätte, auf einem Fest über mein Krustentierchen her zu ziehen. Ich treffe auch eine Jugendliebe, und zweifelsohne haben wir es sehr, sehr lustig. Wir lügen uns gegenseitig mit einem Augenzwinckern die Hucke voll, und doch scheint mir, als ob wir – immer noch – voneinander wissen, wie es der andere meint.

Bei der anschliessenden Autofahrt zum Fughafen scheint es mir wie ein Schlag ins Gesicht. Die Zeit damals, und wie ich jetzt lebe, leben muss. Ich sehe die Strasse nicht immer ganz klar vor mir….

Hin und wieder fragt man mich auch, wie es mir „wirklich“ geht. Und es geht mir körperlich gut. Die paar Bebelie nach der Chemo sind zu ertragen.

Doch manchmal, vereinzelt mache ich mir Sorgen. Ob ich den Verstand verliere. Wie ich mich verhalte, hat je länger je weniger etwas damit zu tun, wie ich mich fühle.

Es gibt auch liebe Kollegen, welche mir Luxussorgen „vorwerfen“, wenn ich davon erzähle, oder schreibe, dass ich nicht weiss, wohin ich das nächste Mal auf Reisen gehen soll. Ich sehe dies mehr als flankierende Massnahme. Es mach mir schlichtweg mehr Spass, länger darüber nachzudenken, wohin ich verreisen soll, und nicht, mir immer wieder ausmalen, wie es mit mir zu Ende gehen könnte. Selbstverständlich stimme ich den Luxussorgen zu!

In ein paar Tagen steht wieder Chemo an. Wenn mich die Wut und Verzweiflung überkommt beschimpfe ich in Gedanken sogar Onki. Ob es einsam ist auf seinem Elfenbeinturm, wo er hoch oben sitzt und runter schaut, auf so Kraturen wie mich, die ihr Leben nicht im Griff haben und vor sich hin jammern? Aber vermutlich tue ich ihm wohl Unrecht damit. Nur, irgendwo muss der Frust raus. Er darf es nur nicht zur falschen Zeit.

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Dieser Eintrag wurde am 31. Juli 2018 veröffentlicht. 3 Kommentare

Pech

Mache mich auf dem Weg in’s Spital. Nicht wegen mir, sondern für einmal möchte ich einen Kollegen besuchen. Er hatte Pech, und wurde im Ausland ein wenig demoliert. Nun ist er wieder in heimischen Gefilden, und das hiesige Spital päpelt ihn noch ein wenig auf.  Als ich im Krankenhaus lag, ist er fleissig auf Besuch gekommen, und von daher weiss ich, dass er solche Gebäude schlichtweg hasst, weiss wie die Wand war er. Und nun liegt er selber im Bett und seine Gesichtsfarbe hat sich dem Laken angepasst. Er hängt am Tropf, immer noch Antibiotika, damit die recht grosse Wunde nicht entzündet. Scheint, als ob er auch schlechte Venen hat, die Nadel muss nochmals neu gesetzt werden. Ich, wir, der ganze Besuch versucht ihn abzulenken. Meine kreative Ader schlägt durch, und ich rasiere ihm  ein schönes schweizer Kreuz in den ausgeprägten Haarwuchs des gesunden Unterschenkels, immerhin steht bald der Nationalfeiertag des Landes an. Währenddessen macht sich die Krankenschwester an seinem Arm zu schaffen, und den Grimassen nach zu urteilen frage ich mich, wird hier eine Nadel gesetzt, oder ein Arm ohne Narkose amputiert. Aus Erfahrung, also der Zeit vor meinem Port, weiss ich, die stechen rein, und dann wird unter der Haut gewühlt, was wirklich unangenehm, und doch auch ein wenig schmerzhaft ist, oder sein kann. Ich habe mich im Griff und kann ein lautes Lachen ob seiner Grimassen verklemmen.

Er fragt natürlich auch wie es mir geht, aber da gibt es ja nicht viel Neues zu berichten. Die Chemo wirkt, aber sie nervt auch ein bisschen. Dort und da ein Zipperlein, ein wenig übel, kein Appetit. Aber das passt schon.

Meine Reiserei ist momentan ein wenig zum erliegen gekommen. Weiss noch immer nicht recht, wohin. Madeira vielleicht, aber sonst habe ich keine zündenden Ideen.

Exponentiell

wachsen meine Ableger, meint Onki. Mir würde linear schon reichen. Das sei bei allen Ablegern so. Mein Onki etwa, er tröstet mich damit? Netter Versuch, nützt nur nichts. Ich hoffe, dass es zum Schluss schnell geht, er hofft dass es sich noch lange raus zögern lässt. Da haben wir wohl aneinander vorbei geredet. Wir klären das Ganze, er hofft einfach, dass es noch lange nicht los geht, (was ich auch hoffe), und meine Aussage war, dass ich auf ein schnelles Ende mit kurzem Schrecken hoffe. Wir testen auch mal die Tumormarker, mal schauen, ob und wie die momentane Chemo wirkt. Fall sie nicht (oder nicht mehr) wirkt, gibt es noch irgendwas mit Tabletten. So wie es Onki erklärt scheint es langsam, nun sagen wir, die Globulis zu übersteigen, was mir da einverleibt wird. Ok, vielleicht war das von Anfang an schon so? Bis jetzt ging es auf jeden Fall gut. Einzig, bei der momentanen Chemo verwandle ich mich so nach drei, vier Tagen in einen Kotzbrocken, nicht lange, aber doch. U wie immer, Onki hat in seiner Trickkiste noch ein anderes (stärkeres?) Mittel gegen erbrechen, und so trichtern wir zur Abwechslung mal diesen Beutel rein. Mal schauen, ob es nützt. Und natürlich habe ich auch noch Tabletten gegen das Erbrechen zu Hause. Das muss doch irgendwie beendet werden können, so was ist lästig und kann ich nicht brauchen.

So ein Krustentierchen bringt Vor- und Nachteile. Sitze ich in Gesellschaft und murmle vor mich hin, dass mir kalt ist, werden mir ruck-zuck Jacken, Decken, was auch immer, organisiert. Andererseits gibt es schon Leute, bin denen ich es mir nicht verscherzen darf, die doch darauf hinweisen, (ausdrücklich!), wenn sie schon länger nichts mehr von mir gehört haben. Dann muss ich wieder gut Wetter machen…, ob ich will oder nicht. Und sie meinen es ja gut, so im Grossen und Ganzen.

Lästig

Mein Kellergewölbe macht Sorgen. In Absprache mit Onki habe ich mal die Blutverdünner abgesetzt. Es ist lästig, dass Ganze. Ich hoffe, mein Knochenmark schafft es, genug Blut zu produzieren, Ableger in den Knochen hin oder her. Mit der Zeit, und weil man es ja auch muss, erkennt man die Zusammenhänge im Körper ein wenig, wer tut was, und was funktioniert nicht mehr, weil es dort und da happert. Ist schon eine komplexe Sache, so ein menschlicher Körper. Manchmal denke ich mir, Wahnsinn, was so ein Arzt alles bedenken muss, woher ein Bebelie kommt, was eigentlich die Ursache ist, und wo schlussendlich mit der Behandlung begonnen werden könnte. Könnte deshalb, weil ein seriöser Arzt einen nie versprechen würde, dass die Behandlung auch den gewünschten Erfolg bringt. Das weiss man im voraus nie. Bei 99 Patienten klappt es, und bei einem geht es in die Hose. Und natürlich, es macht nur die Geschichte von dem einzigen Patienten die Runde, und das wird dann als Mass aller Dinge hergenommen. Man glaubt ja auch so viel lieber an das Schlechte, an das nicht funktionieren, dass etwas schief gehen könnte. Self-fulfilling prophecy heisst es, und dann kommen die lieben Mitmenschen und sagen, ich habe es schon immer gewusst, ich kenne auch jemanden, bei dem hat es nicht funktioniert. Da frage ich mich, warum gehen diese Leute zum Arzt, sie könnten es ja auch mit Kamillentee versuchen?

Habe kürzlich mal wieder Bekannte abgeklappert. Einmal wurde ich direkt gefragt, was ich denn nun genau habe. Nach meiner Antwort war Funkstille, bzw. danach wurde wieder über den Hausumbau gesprochen. Eine langjährige Bekannte meinte, ich wäre für sie schon immer ein Ross gewesen. Ein Ross? Nicht mal ein Pferd, sondern ein Ross? Na ja, lasse ich dies so im Raum stehen. Vielleicht sind meine Formulierungen auch nicht immer die schmeichelhaftesten,  wenn ich versuche, ein Kompliment los zu werden?

Mir scheint viele Menschen sind im Stress. Und zwar privat. Wenn man nun nicht die ganze Stube voller Kinder hat, kann man dies nach eigenen Bedürfnissen regeln, finde ich. Ich muss nicht in drei Vereinen sein, (was ich mit der Schichtarbeit eh vergessen kann), zwei Mal die Woche mich fix mit jemanden treffen, sei es für Sport oder sonst was und noch zusätzlich mein Brot selber backen, drei Mal die Woche einen Grossputz veranstalten und schlussendlich wöchentlich dem Shoppingwahn verfallen. Aber vielleicht bin ich da auch nur altmodisch. Auf jeden Fall bin ich privat alles andere als gestresst. Bei der Arbeit sieht es anders aus, aber auch die Ferienzeit geht vorbei, und dann ist dies wieder geregelt.

Schon länger grüble ich vor mich hin, welche Gegend ich als nächstes mit meiner Anwesenheit beehren sollte. Nach Afrika kommt mir nichts gescheites (mehr) in den Sinn, weil Afrika halt nur schön war, dass Schönste, was ich je gemacht habe.