Archiv | November 2018

Gar nicht so schlecht

Habe also mit der neuen Chemo begonnen. 15 Tabletten täglich als Chemomittel, noch den Magenschoner zwei Mal rein, Blutverdünner auch, und wenn ich es brauche, noch etwas gegen erbrechen und übelsten Durchfall. Habe ich jetzt immer alles dabei. Grund, s. u.

Die erste Woche hat mich ziemlich nieder gemetzelt. Bleibe auch der Arbeit fern. Nun ist mir auch klar, warum Schlafentzug als Foltermethode gilt. Wenn man kurz vor’m einschlafen ist, und man spürt, wie das Nasenbluten wieder los geht, wird man langsam etwas stinkig. Viertel-stündlich schau‘ ich auf die Uhr, und der Gedanke, um vier Uhr aufzustehen bringt mir das Elend. Ich melde mich ab, bleibe zu Hause, und verbringe den Tag grösstenteils im Bett. Irgendwie macht mich das Ding platt, (die Chemo, nicht das Nasenbluten), auch dass ich mehr oder weniger drei Mal am Tag, verhältnismässig pünktlich, die Dinger nehmen soll, stresst mich. Vor dem Essen, oder danach, aber nur leichtes Essen, auf vollem Magen nützen die Dinger nichts, oder zu wenig. Der Magenschoner sollte eine Stunde vorher rein usw. usf.

Den Blutverdünner setzten wir ab, somit auch kein Nasenbluten mehr, und mein Kellergeschoss zickt auch nicht mehr rum.

In der zweiten Woche geht es bergauf, ich gehe wieder arbeiten, und beschliesse, dass Ganze etwas flexibler zu handhaben. Habe dies auch in der ersten Woche schon gemacht, bzw. zwei Mal die Chemo praktisch sausen lassen. Einmal verschlafen, und einmal war ich nicht zu Hause, die Tabletten hingegen schon. Und man sollte, wenn man eine Dosis mal nicht genommen hat, diese auf keine Fall „nachholen“. Irgendwie muss ich das Onki klar machen, dass ich die Dinger bereits in der ersten Woche grosszügig zwei Mal „verschwitzt“ habe.

Wöchentlich muss ich zu Beginn wieder zum Bluttest.  Onki mache ich klar, es geht mir besser, als erwartet. Er schaut mich, meiner Meinung nach, überrascht an. Mein Blutwerte hätte nach oben noch Luft, meint er. Und wie soll frau dies aktiv verbessern??

Ich frage, ob die Chance besteht, dass ich nochmals Chemo (da hat er nach eigenen Aussagen schon noch ein paar Varianten parat) über den Port, sprich intranvenös, erhalte? Doch, die Chance ist gross.

Mein Gedanke war, da mir Onki ja das letzte Mal gemäss Befund PetCt anvertraut hat, dass mein Port rutscht, und zwar Richtung Herz, könnte man diesen vielleicht raus nehmen? Das ist nun keine nette Sache, so ein kratzender Port am Herzen. Onki meint, ja, dass hätte er mir nur gesagt, weil ich ja immer alles so genau wissen will, was auf den Befunden steht. Ja, wollen das Andere nicht? Nein! Echt jetzt? Ich bin etwas überrascht. Er schmunzelt und meint, die meisten Patienten sind von den ersten zwei Sätzen so abgeschreckt, dass sie gar nicht weiter lesen. Also, der Port bleibt wo er ist, und allgemeines Hoffen, dass das Luder mein Herz in Frieden lässt.

So nebenher frage ich Onki, ob es sehr schlimm wäre, wenn ich mal eine Chemodosis auslasse? Onki denkt nach. Ich erkenne es daran, dass er sich parallel zum Tisch dreht, die Beine übereinander schlägt, der linke Ellenbogen kommt auf den Tisch und der Blick geht zu Boden. Ist schon mal grundsätzlich interessant zu sehen, wie es ist, wenn ein Mann nachdenkt. Er wirft mir einen Blick zu, und ich mache den Fehler, ihm in’s Gesicht zu sehen. Ich grinse, meine Hand vor dem Mund kann mein Grinsen nicht ganz verbergen, und Onki geht ein Licht auf. Auch er grinst. Ich nuschle ein wenig vor mich hin, dass ich es halt zwei Mal nicht genommen hätte. Nun, es komme vor, dass mal eine Dosis ausgelassen wird, aber in der ersten Woche bereits zwei Mal findet er doch bemerkenswert. (Erster! denke ich mir, wobei ich darauf nicht wirklich stolz bin.)Nach drei Jahren kenne ich ihn gut genug, um zu wissen, was er mir wie damit mitteilen will. Ggggrrrrrr…..

Wir sprechen noch über dies und das, lachen auch herzlich dabei, weil wir uns doch von Zeit zu Zeit schon ein bisschen über den Tisch ziehen wollen. Das mag nun eigenartig klingen, aber nur toternste Gespräche? Geht ja gar nicht. Mittendrin fragt er mich doch tatsächlich nochmals, ob ich die Chemo wirklich zwei Mal ausgelassen hätte. Er weiss es ganz genau, dass sehe ich ihm an. Er kann es nicht lassen!

Mein Gleichgewichtssinn lässt zu wünschen übrig. Schon länger torkle ich manchmal, für Aussenstehende vermutlich gar nicht merkbar. Heute nun bin ich dank Handlauf nicht gestürzt, sonst wäre ich wohl zu Boden gegangen.

Schlecht durchblutetes Innenohr? Hirnmetas? Hypochonder? Mal Onki fragen.

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Dieser Eintrag wurde am 17. November 2018 veröffentlicht. 4 Kommentare

Auf geht’s

Die Lungenbiopsie liegt hinter mir. 40 Minuten war ich weggetreten. Durch die Nase wurde ein bisschen reingestochert, ein bisschen gespült, (die Bronchien, nicht zu verwechseln mit abwaschen), ein paar Bröckchen werden abgezwackt zwecks Untersuchungen. Mein Pnömi meint, es sei wohl eher der Tumor. Falls es ein anderes Problem der Lunge sei, werde er sich telefonisch bei mir melden, ansonsten sei Onki gefragt. Also, Onki hat er natürlich nicht gesagt, aber es so gemeint.

Auf dem Nach-Hause-Weg grummle ich. Echt? Muss es mein mistiges Krabbeltier sein? Das macht mir nun gar keine Freude. Auch die genaueren Erklärungen von Pnömi nicht. Werden es „nur“ Knoten sein, kann man diese gut lokal behandeln = Bestrahlung. Verbreitet sich mein Krustentierchen über die Bronchien wird es eng.

Ich sitze bei Onki. Und ich nehme es ihm ab, nehme ihm ab, mir die schlechten Neuigkeiten mitzuteilen. Er tut es nicht gerne. Ich merke es daran, dass er zuerst mal fragt wie mein Städtetrip war, wie es mir erging usw. usf. Er schindet Zeit. Von mir aus sage ich, es ist der Tumor, der meine Lunge langsam ruiniert. Ja, und er erklärt mir auch, wie er es anstellt. Über die Bronchien. Noch schlechter wäre nur, wenn ich ein eigenständiges Bronchialkarzinom hätte. Ich frage nach einer Differentialdiagnose, Onki winkt ab, wurde gemacht, hat nichts gebracht. Schon klar, ich lange immer in die Vollen.

Wie weiter? Meine Tumormarker steigen nur mässig. Offensichtlich wächst da etwas, dass nicht unbedingt an den Tumormarkern gemessen werden kann, meint Onki. Die zielgerichtete Chemo, welche wir im April begonnen haben, nützt also nicht mehr viel. Wir werden es mit einer neuen Chemo versuchen, eine, die mit grosser Wahrscheinlichkeit Erbrechen und Durchfall hervor rufen wird. Prima, das wirkt sich sicher positiv auf mein Gewicht aus. Will ich das? Neue Chemo und doch noch Kotzbrocken werden. Beides eigentlich nicht. Aber die Chemo werde ich versuchen. Und das mit der Kotzerei, und auch das Andere, werde ich schön sein lassen. Dass ist mein Plan.

Ich schiebe hier grosse Sprüche, doch wenn ich ehrlich bin, geht mir ordentlich der Reis. Vor der Chemo, vor der Endlichkeit, die näher kommt.

Meine Frage an Onki, ob ich auch mal ein halbes Jahr verschwinden kann, und nochmals ohne Weisskittel leben beantwortet er, wie üblich, ausweichend. Ja, da müsste man damit rechnen, dass die Krankheit schneller voran schreitet. Dafür brauche ich nun kein Arztstudium, meine ich. Nun, ich muss ihn einmal mehr in die Enge zwingen, sonst kommt kein Klartext. Also, nach sechs Monaten ohne Behandlung müssten wir uns über gar nichts mehr Sorgen machen. Na bitte, dass nenne ich doch mal eine Aussage.

 

 

Dieser Eintrag wurde am 6. November 2018 veröffentlicht. 3 Kommentare