Gar nicht so schlecht

Habe also mit der neuen Chemo begonnen. 15 Tabletten täglich als Chemomittel, noch den Magenschoner zwei Mal rein, Blutverdünner auch, und wenn ich es brauche, noch etwas gegen erbrechen und übelsten Durchfall. Habe ich jetzt immer alles dabei. Grund, s. u.

Die erste Woche hat mich ziemlich nieder gemetzelt. Bleibe auch der Arbeit fern. Nun ist mir auch klar, warum Schlafentzug als Foltermethode gilt. Wenn man kurz vor’m einschlafen ist, und man spürt, wie das Nasenbluten wieder los geht, wird man langsam etwas stinkig. Viertel-stündlich schau‘ ich auf die Uhr, und der Gedanke, um vier Uhr aufzustehen bringt mir das Elend. Ich melde mich ab, bleibe zu Hause, und verbringe den Tag grösstenteils im Bett. Irgendwie macht mich das Ding platt, (die Chemo, nicht das Nasenbluten), auch dass ich mehr oder weniger drei Mal am Tag, verhältnismässig pünktlich, die Dinger nehmen soll, stresst mich. Vor dem Essen, oder danach, aber nur leichtes Essen, auf vollem Magen nützen die Dinger nichts, oder zu wenig. Der Magenschoner sollte eine Stunde vorher rein usw. usf.

Den Blutverdünner setzten wir ab, somit auch kein Nasenbluten mehr, und mein Kellergeschoss zickt auch nicht mehr rum.

In der zweiten Woche geht es bergauf, ich gehe wieder arbeiten, und beschliesse, dass Ganze etwas flexibler zu handhaben. Habe dies auch in der ersten Woche schon gemacht, bzw. zwei Mal die Chemo praktisch sausen lassen. Einmal verschlafen, und einmal war ich nicht zu Hause, die Tabletten hingegen schon. Und man sollte, wenn man eine Dosis mal nicht genommen hat, diese auf keine Fall „nachholen“. Irgendwie muss ich das Onki klar machen, dass ich die Dinger bereits in der ersten Woche grosszügig zwei Mal „verschwitzt“ habe.

Wöchentlich muss ich zu Beginn wieder zum Bluttest.  Onki mache ich klar, es geht mir besser, als erwartet. Er schaut mich, meiner Meinung nach, überrascht an. Mein Blutwerte hätte nach oben noch Luft, meint er. Und wie soll frau dies aktiv verbessern??

Ich frage, ob die Chance besteht, dass ich nochmals Chemo (da hat er nach eigenen Aussagen schon noch ein paar Varianten parat) über den Port, sprich intranvenös, erhalte? Doch, die Chance ist gross.

Mein Gedanke war, da mir Onki ja das letzte Mal gemäss Befund PetCt anvertraut hat, dass mein Port rutscht, und zwar Richtung Herz, könnte man diesen vielleicht raus nehmen? Das ist nun keine nette Sache, so ein kratzender Port am Herzen. Onki meint, ja, dass hätte er mir nur gesagt, weil ich ja immer alles so genau wissen will, was auf den Befunden steht. Ja, wollen das Andere nicht? Nein! Echt jetzt? Ich bin etwas überrascht. Er schmunzelt und meint, die meisten Patienten sind von den ersten zwei Sätzen so abgeschreckt, dass sie gar nicht weiter lesen. Also, der Port bleibt wo er ist, und allgemeines Hoffen, dass das Luder mein Herz in Frieden lässt.

So nebenher frage ich Onki, ob es sehr schlimm wäre, wenn ich mal eine Chemodosis auslasse? Onki denkt nach. Ich erkenne es daran, dass er sich parallel zum Tisch dreht, die Beine übereinander schlägt, der linke Ellenbogen kommt auf den Tisch und der Blick geht zu Boden. Ist schon mal grundsätzlich interessant zu sehen, wie es ist, wenn ein Mann nachdenkt. Er wirft mir einen Blick zu, und ich mache den Fehler, ihm in’s Gesicht zu sehen. Ich grinse, meine Hand vor dem Mund kann mein Grinsen nicht ganz verbergen, und Onki geht ein Licht auf. Auch er grinst. Ich nuschle ein wenig vor mich hin, dass ich es halt zwei Mal nicht genommen hätte. Nun, es komme vor, dass mal eine Dosis ausgelassen wird, aber in der ersten Woche bereits zwei Mal findet er doch bemerkenswert. (Erster! denke ich mir, wobei ich darauf nicht wirklich stolz bin.)Nach drei Jahren kenne ich ihn gut genug, um zu wissen, was er mir wie damit mitteilen will. Ggggrrrrrr…..

Wir sprechen noch über dies und das, lachen auch herzlich dabei, weil wir uns doch von Zeit zu Zeit schon ein bisschen über den Tisch ziehen wollen. Das mag nun eigenartig klingen, aber nur toternste Gespräche? Geht ja gar nicht. Mittendrin fragt er mich doch tatsächlich nochmals, ob ich die Chemo wirklich zwei Mal ausgelassen hätte. Er weiss es ganz genau, dass sehe ich ihm an. Er kann es nicht lassen!

Mein Gleichgewichtssinn lässt zu wünschen übrig. Schon länger torkle ich manchmal, für Aussenstehende vermutlich gar nicht merkbar. Heute nun bin ich dank Handlauf nicht gestürzt, sonst wäre ich wohl zu Boden gegangen.

Schlecht durchblutetes Innenohr? Hirnmetas? Hypochonder? Mal Onki fragen.

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Dieser Beitrag wurde am 17. November 2018 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare

4 Kommentare zu “Gar nicht so schlecht

  1. Liebe Adelheid, es vergeht bei mir keine Woche ohne auf Ihren Blog zu schauen. Über jeden Beitrag freue ich mich und bewundere die Stärke und Ihre pragmatische Art im Umgang mit der momentanen Situation. In Gedanken bin ich bei Ihnen und wünsche alles erdenklich Beste…

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    • Hallo Diana
      Vielen Dank für die lieben Worte.
      Es ist nicht immer gleich, manchmal rauf, und auch wieder runter. Irgendwie beisst man sich durch die Tage, hat ja auch keine grosse Wahl. Vielleicht ist es auch nicht Stärke und Pragmatismus sondern nur die planke Angst, die mich tun lässt, was eben zu tun ist.
      Liebe Grüsse Heidi

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  2. Hallo Heidi, gar nicht so schlecht ist in unserem Fall doch ziemlich gut, oder 😉
    Ich lese mich zwischendurch auch durch dein Archiv und komme mir mitunter wie deine personifizierte Angst vor 😁 Die Dinge, die du fürchtest, die hab ich schon, vieles andere, womit du lebst, habe ich noch nicht aber natürlich auch Angst davor. Hirnmetastasen habe ich seit meiner Diagnose vor zwei Jahren, von Lungenkrebs, nebenbei gesagt, immer mal wieder mit Gamma Knife entfernt. Was hast du eigentlich gegen Gamma Knife? (Hatte ich in einem älteren Post gelesen)
    Ich mag deinen Humor und wünschte ich hätte so einen sich kümmernden Onkologen wie du, aber da sieht es eher mau aus…
    Weiter so, alles Gute
    Julia

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    • Hallo Julia
      Ja, mit nicht schlecht sind wir doch schon zufrieden, nicht wahr. Man (frau auch) wird bescheiden. Wollen wir wissen, was noch alles auf uns zukommt? Hm, ich weiss nicht recht. Du bist ja auch schon ziemlich lange dabei….., was mir leid tut.
      Vor dem Gamma Knife habe ich Respekt, ich stelle es mir als irgendwie enorm aggressive Bestrahlung vor.
      Ja mein Onki. Mein Onki. Meiner! 🙂
      Ich wüsste nicht, wie ich es ohne ihn schaffen würde (neben meiner Familie, den Kollegen, mein Chef, Freunde…), aber ein guter Arzt ist schon der Fels in der Brandung, finde ich. Ich bin aufrichtig dankbar für ihn.
      Dir wünsche ich von Herzen auch alles Gute.
      Liebe Grüsse
      Heidi

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