Archiv | Dezember 2018

Eines mehr

Weihnachten ist vorbei und es war friedlich und schön. Schöner wäre es mit Schnee gewesen, aber das habe ich ja schon geschrieben.

Nach meiner Ankunft zu Hause schwinge ich mich ins Auto und schaffe es noch pünktlich zu Onki. Wir kommen – wie so oft – ins plaudern, und auch ins lachen, wobei ich ihn dieses Mal richtig zutexte, und er hört mir meiner Meinung nach interessiert zu. Oder ist er nur höflich? Nach drei Jahren noch der Höflichkeit halber zuhören? Kaum, denke ich mir. Das obligatorische Telefonat seiner Vorzimmerdamen das es halt jetzt Zeit wäre usw. bringt uns Beiden ein Schmunzeln ins Gesicht.

Irgendwann kann auch ich nicht weichen, und wir kommen zu meinem Krustentierchen. Die Bebelie wegen der neuen Chemo sind erträglich, also die spürbaren. Von Zeit zu Zeit immer noch Nasenbluten, was praktisch ist, wenn man am staubsaugen ist. Da sieht man gleich, wo man schon durch ist. Ansonsten ist es halt eher eine kleine Schweinerei, wenn kein Taschentuch innert nützlicher Frist greifbar ist.

Mein Blut zickt rum, ganz genau die Thrombozyten, also die Blutplättchen. Blutplättchen sind die erste Barriere, die sich im Körper bildet, wenn man irgendwo blutet. Bei mir haut das nicht mehr so richtig hin. Eine klitzekleine Wunde, vor sechs Tagen passiert, blutet zum Teil immer noch. Aber meine Chemodamen schauen gut auf mich. Habe nun eine Art Lack, um mir kleine Risse und / oder Schnitte zuzupinseln. Brennt ordentlich, aber das ewige Geschmirre vom Blut ist einfach lästig, also bin ich ein wenig unter die Maler gegangen. Das meine Fingerspitzen vereinzelt aufplatzen ist meinem Hand-Fuss-Syndrom zu verdanken. Während es bei meiner ersten Chemo noch an den Füssen rumlungerte, scheint es sich nun an den Händen breit zu machen. Neben aufgeplatzter Haut werden die Fingerspitzen taub. Weh tut es trotzdem. Wie geht das?? Bin von meinen Chemodamen mit medizinischer Hautpflege eingedeckt bis unter den Rand. Die etwas kühleren Temperaturen, und die trockene Heizungsluft in den Räumen wird wohl auch nicht das Beste für meine Haut sein.

Aber die fehlenden Thrombozyten machen ernsthaft Sorgen. Und so will mich Onki in zwei Wochen wieder sehen. Es gibt zwei Möglichkeiten, warum meine Blutwerte in den Keller sinken. Das erste wäre die gute, alte Chemo. Niemand, kein Onkologe und kein Patient weiss, was diese in einem Körper für Nebenwirkungen hat. Und so war Onkis Vorschlag, unter Umständen diese ein wenig zu reduzieren. Haben sich hingegen die Ableger in den Knochen, und somit auch in der Wirbelsäule, welche ja für die Produktion des Blutes hauptsächlich zuständig ist, breit gemacht, ist nicht mehr genug Platz für die Blutproduktion. Und Knochenableger habe ich seit Beginn an. Da überlege ich mir, Bestrahlung, damit die Dinger in der Wirbelsäule zurück gehen? Oder Chemo reduzieren, wenn es eine medikamentöse Nebenwirkung wäre? So oder so, es ist misslich. Mal schauen, was Onki für Ideen hat.

Die schlechten Nachrichten kommen bei mir seit rund drei Jahren. Die Abstände werden kürzer, scheint mir. Und ich habe nicht mehr die Kraft, den Willen, oder ich sehen keinen Sinn mehr darin, bei jeder schlechten Nachricht auszuzucken. Weil es eh nichts bringt. Im grossen und ganzen scheinen die Bebelie in meinem Körper rundherum zuzunehmen. Nicht im grossen Stil, aber sie schleichen daher, dass steht fest.

Und so kommt mir eine neue Art zu sterben in den Sinn. Innerlich verbluten. Sämtliche Gefässe haben regelmässige kleine Risse, welche auch sofort wieder „zugestopft“ werden, vorteilsweise von vorhandenen Thrombozyten. Wenn diese nun ihre Arbeit nicht mehr tun, tun können, wäre es wohl nicht so abwegig. Mal Onki fragen.

Mein Port ist momentan im Ruhestand, will heissen, er wird für die aktuelle Chemo nicht benötigt. So wie mir Onki gesagt hat, wird das wohl wieder ändern. Vielleicht sollte ich mal fragen, ob man die Leitungen mal durchspülen sollte, damit siese offen bleiben? Auch hier, mal Onki fragen.

Neues Jahr, neues Glück. Auf jeden Fall wünsche ich das Allen.

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Geschafft

Nach über 30 Jahren schaffe ich es doch noch einmal Weichnachten dort zu verbringen, wo ich aufgewachsen bin.

Der Schnee lässt zu wünschen übrig, auch sonst ist es nicht wirklich kalt.

Nicht kalt ist gut in meinem Fall, da meine Haarpracht schon lange keine mehr ist. Bitte, bitte nicht, nicht ganz ausgehen. Weil es halt gar kalt ist so ohne Haare. Und meine zwei Perücken (welche ich selbstverständlich aufbewahrt habe) halten meinen Kopf nicht warm, gar nicht warm.

Ich habe fast alle Medis dabei, aber natürlich auch eines vergessen. Eigentlich nicht vergessen. So geht es einem, wenn man angeblich mitdenkt. Natürlich brauche ich es hier. Also rein in die nächste Apotheke und her damit. Das es rezeptpflichtig ist weiss ich gut zur Seite zu wischen, und so erhalte ich es auch anstandslos – und bin platt, wie teuer das Zeugs ist. Im Ausland geht es ja nicht, dass ich es mit meiner Krankenkassekarte abrechnen lasse. Werde ich es zu Hause mittels Rechnung zurück fordern. Die Apothekerin ist nett, und fragt, ob ich noch was benötige. Doch, schon, ich strahle sie dabei an, und meine, sie wird es kaum haben. Hat sie auch nicht. So die nahrhaften Sachen haben sie selten an Lager. Aber passt schon.

Mit Onki bin ich auch in Kontakt, und mit einem Augenzwinckern schickt er mir Antworten. Er kennt mich, und weiss, wenn ich drum herum schreibe, dann bin ich ein wenig am beichten. Ist auch gut, so wie es ist. Das wird mein Luxusbody schon aushalten. Muss er ja auch. Notfalls weiss ich, er würde mir ein Rezept schicken, da kann ich auf ihn wunderbar zählen.

Die Tablettenchemo nervt ein bisschen. Drei Mal täglich das Zeug runter, und so hin und wieder vergesse ich das Glump. Und manchmal lasse ich es auch Onki wissen. Wird schon nicht so schlimm sein.

Im Grossen und Ganzen ist alles fein, die Haare sind dünn, dass tut ja nicht weh, die Mitesser gehen dank Antibiotika zurück, und solange es nützt schlucke ich das Zeug.

Also, keinen Grund zum jammern. Bebelie hat doch jeder von uns.

Und dann muss ich natürlich wieder mal reisen, denn, wie hat mir eine Bekannte kürzlich gesagt:

Reise vor dem Sterben, sonst reisen deine Erben.

Ich wünsche meinen Mitlesern ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest.

 

 

 

Einfach, aber nicht gut

Meinen letzten Besuch bei Onki habe ich mit Rezepten beendet. Nicht immer hat er alle Mittel an Lager, und wenn ein Patient vor mir schneller war, kann schon mal sein, dass ich ein Rezept kriege, und das Mittel in einer Apotheke holen muss. Auch die Apotheken haben Zytostatika nicht immer an Lager, eigentlich gar nie. Also maile ich die Rezepte zu der Apotheke meines Vertrauens durch und hole dies am nächsten Tag. Ein Antibiotikum ist auch dabei, und sonst noch Zeugs. Ich erhalte alle Medis ohne irgendwelche Fragen oder Ratschläge. Ja, was ist denn los? Kein „Nehmen sie sonst noch Medikamente“?, oder „Weiss ihr Arzt, was sie sonst noch nehmen?“. Ich grinse ein wenig in mich hinein. Bei Zytostatika fühlt sich wohl keine Apothekerin mehr aufgerufen, einem noch Anweisungen für das Einnehmen der Medis mit auf den Weg zu geben. Könnte schon sein, dass ein Patient weiss, wie er mit dem Zeugs umgehen muss. Und auch, dass der Arzt weiss, was man sich sonst noch an Globulis mehr oder weniger freiwillig reinzieht.

Freiwillig sage ich, weil ich mich jetzt doch für Antibiotika entschieden habe. Zeitmässig ist es eine Punktlandung, dass ich im Fernsehen einen Beitrag über die immer mehr zunehmende Antibiotikaresistenz sehe. Sogenannte Superkeime werden uns das Leben in zwanzig, dreissig Jahren richtig versalzen. Sie sind jetzt schon im Umlauf, gemäss Beitrag oft eingeschleppt von Reisenden, wenn diese im Ausland einen Spitalsaufenthalt hatten. Bin ich mit meiner Reiserei also gerade mal durchgerutscht. Das einzig medizinische war die Apotheke in Botswana.

Zu denken gibt mir, dass es angeblich Leute, oder besser gesagt Patienten gibt, welche Antibiotika quasi für jeden Husten nehmen. Weigert sich ein Arzt, diese zu verschreiben, wird mal schnell der Arzt gewechselt. Vergisst man, oder will man nicht wahr nehmen, dass wir hier von Medis sprechen? Aspirin, vor allem die Amis, schlucken es wie Tic Tac, angeblich. Und da schau her, eine Magenblutung. Aber doch nicht von ein bisschen Aspirin? Doch!

Momentan bin ich bei 16 Tabletten täglich, Calcium und Vitamin D zählt ja nicht als Medi, und der Blutverdünner ist nicht dabei. Wieviel davon schwemme ich wieder aus? Seit drei Jahren stehe ich unter Medis. Und ich bin nicht die Einzige, welcher es so ergeht. Dann noch die Pillen, welche viele Frauen jahrelang nehmen. Hormone, welche man in Fischen findet. Irgendwann haben wir den ganzen Mist auf dem Teller. Aber, man sieht es nicht, richt es nicht, spürt es nicht.

Muss aufhören mit diesen Gedanken, sie machen mir Angst.

Doch mehr

Mit einer Kollegin mache ich mich auf den Weg zu einem sogenannten „Dinnerspektakel“. Es sind die üblichen Bankettische aufgestellt, rund, mit je acht Plätzen. Der Rest besteht aus drei Paaren, welche schnell einmal auf das Thema reisen kommen. Bei so etwas höre ich immer gerne zu. Nur, irgendwann scheint es ein wenig auszuarten. Man protzt fast ein wenig rum was man schon alles gesehen hat. So nebenher, und verhältnismässig leise, erzähle ich meinem direkten Sitznachbar, dass für mich das interessanteste an Reisen bis jetzt Tschernobyl war. Und der alte Trick funktioniert doch immer wieder – sprichst du leiser, hört man dir eher zu. Die Aufmerksamkeit des ganzen Tisches ist mir sicher.

Meine Globulis haben es doch noch recht in sich. Wenigstens kein Erbrechen mit der neuen Chemo, wofür ich schon dankbar bin. Aaaaaber, mein Gesicht verwandelt sich langsam in einen Streuselkuchen. Nicht mal in der Pubertät hatte ich solch eine unreine, hässliche Haut. Habe auch schon ein komplettes medizinisches Pflegeset von der Onkologie organisiert gekriegt, nur nützt es nicht viel. Gemäss Onki könnte man da noch mit Antibiotika dahinter. Das ist wieder Mist, finde ich. Die Dinger bringen mein Kellergewölbe durcheinander, und dann muss ich hierfür auch noch was einwerfen. Ich warte noch ein, zwei Wochen mit der medizinischen Keule. Vielleicht regelt es sich doch von selber.

Diese widerlichen Mitesser bluten auch schnell, nach dem duschen ein wenig rubbelig abgetrocknet, und schon habe ich Blutspuren im Handtuch. Auch im Haaransatz sehe ich vereinzelt kleine Blutstropfen. Ich durchsuche meinen Kopf, so gut es geht, und finde kleine, schware Pünktchen. Lächerliche Panik befällt mich. Läuse??!?!?!?!?!? Nein, es sind keine Untermieter, sondern ganz kleine Krusten von blutenden Stellen. Das erklärt, warum die Kopfhaut manchmal ganz fürchterlich juckt. Läuse wären mir fast lieber… Und gleichzeitig tut die Kopfhaut weh. Ich kenne den Schmerz. Es ist das absterben der Haarwurzeln, und hat schlussendlich Haarausfall zur Folge. Ja, Haarausfall geht auch los. Entweder wird das am Kopf eine sehr dünne Sache, oder ich muss die Perücke wieder aktivieren. Ausgerechnet wieder zur kalten Jahreszeit. Hoffe, vielleicht bleibt es doch nur bei sehr dünnen Haaren.

Weil es eben, wie oben beschrieben, sehr schnell blutet, lassen wir den Blutverdünner immer noch weg.

Die Einnahme der Medis geht auch schon gut. Also, besser halt. Mit der Zeit bin ich noch sehr flexibel. So acht Stunden Unterschied kann schon sein. Dann beginne ich später damit, und die letzte Dosis gibt es um Mitternacht. So viel ich weiss, liesst mein Onki hier nicht mit, somit weiss er es auch nicht, und er muss ja auch nicht so gar alles wissen, finde ich. Es sind sogenannte Spiegelmedikamente, also komme ich von meinem Pegel eh nie runter, und wann die nächste Fuhre kommt, ist meinem Körper nicht so wichtig. Davon gehe ich einfach mal aus. So ganz genau habe die die Zeitdifferenz bei Onki noch nie kund getan.

Habe bei unserem letzten Date auch gefragt, was er dazu meint, dass ich kürzlich fast mal zu Boden gegangen wäre, Gleichgewichtsstörung, oder was auch immer. Er wischt es richtiggehend zur Seite. Ja, dass war schon immer so. Wir, bzw. Onki, nimmt sich immer die grossen Baustellen in meinem Luxusbody zur Brust, kürzlich eben meine Lunge mit Biopsie und dementsprechender Therapieumstellung. Ob das nur ein Ausrutscher war mit meinem Gestolper wissen wir nicht, einen Hirnscan habe ich in diesem Jahr hinter mich gebracht, und da war noch alles gut. Also lassen wir es mal gut sein.

Ist auch irgendwie klar, wenn man alles regeln wollen würde, wäre es vermutlich zu viel. Noch immer funktioniert mein Luxusbody, und grösstenteil schmerzfrei. Also schön ruhig bleiben, und Krustentierchen nicht zu fest reizen. Habe das Gefühl, es könnte von jetzt auf gleich ordentlich los legen.

Schlussendlich habe ich noch gefragt, ob es mich wohl sehr vermissen würde, wenn wir uns statt in drei, erst in vier Wochen wieder sehen würden? Bei ihm klingelt es ruckzuck, und prompt fragt er auch „Wo sind sie denn“. Warum ist es so, dass er immer denkt, ich bin unterwegs, wenn ich einen Termin verschieben möchte? Ok, ich bin auch unterwegs. Aber es könnte ja sonst mal was sein, finde ich. Auf jeden Fall hat er grünes Licht gegeben. Das wird schon passen.