Doch mehr

Mit einer Kollegin mache ich mich auf den Weg zu einem sogenannten „Dinnerspektakel“. Es sind die üblichen Bankettische aufgestellt, rund, mit je acht Plätzen. Der Rest besteht aus drei Paaren, welche schnell einmal auf das Thema reisen kommen. Bei so etwas höre ich immer gerne zu. Nur, irgendwann scheint es ein wenig auszuarten. Man protzt fast ein wenig rum was man schon alles gesehen hat. So nebenher, und verhältnismässig leise, erzähle ich meinem direkten Sitznachbar, dass für mich das interessanteste an Reisen bis jetzt Tschernobyl war. Und der alte Trick funktioniert doch immer wieder – sprichst du leiser, hört man dir eher zu. Die Aufmerksamkeit des ganzen Tisches ist mir sicher.

Meine Globulis haben es doch noch recht in sich. Wenigstens kein Erbrechen mit der neuen Chemo, wofür ich schon dankbar bin. Aaaaaber, mein Gesicht verwandelt sich langsam in einen Streuselkuchen. Nicht mal in der Pubertät hatte ich solch eine unreine, hässliche Haut. Habe auch schon ein komplettes medizinisches Pflegeset von der Onkologie organisiert gekriegt, nur nützt es nicht viel. Gemäss Onki könnte man da noch mit Antibiotika dahinter. Das ist wieder Mist, finde ich. Die Dinger bringen mein Kellergewölbe durcheinander, und dann muss ich hierfür auch noch was einwerfen. Ich warte noch ein, zwei Wochen mit der medizinischen Keule. Vielleicht regelt es sich doch von selber.

Diese widerlichen Mitesser bluten auch schnell, nach dem duschen ein wenig rubbelig abgetrocknet, und schon habe ich Blutspuren im Handtuch. Auch im Haaransatz sehe ich vereinzelt kleine Blutstropfen. Ich durchsuche meinen Kopf, so gut es geht, und finde kleine, schware Pünktchen. Lächerliche Panik befällt mich. Läuse??!?!?!?!?!? Nein, es sind keine Untermieter, sondern ganz kleine Krusten von blutenden Stellen. Das erklärt, warum die Kopfhaut manchmal ganz fürchterlich juckt. Läuse wären mir fast lieber… Und gleichzeitig tut die Kopfhaut weh. Ich kenne den Schmerz. Es ist das absterben der Haarwurzeln, und hat schlussendlich Haarausfall zur Folge. Ja, Haarausfall geht auch los. Entweder wird das am Kopf eine sehr dünne Sache, oder ich muss die Perücke wieder aktivieren. Ausgerechnet wieder zur kalten Jahreszeit. Hoffe, vielleicht bleibt es doch nur bei sehr dünnen Haaren.

Weil es eben, wie oben beschrieben, sehr schnell blutet, lassen wir den Blutverdünner immer noch weg.

Die Einnahme der Medis geht auch schon gut. Also, besser halt. Mit der Zeit bin ich noch sehr flexibel. So acht Stunden Unterschied kann schon sein. Dann beginne ich später damit, und die letzte Dosis gibt es um Mitternacht. So viel ich weiss, liesst mein Onki hier nicht mit, somit weiss er es auch nicht, und er muss ja auch nicht so gar alles wissen, finde ich. Es sind sogenannte Spiegelmedikamente, also komme ich von meinem Pegel eh nie runter, und wann die nächste Fuhre kommt, ist meinem Körper nicht so wichtig. Davon gehe ich einfach mal aus. So ganz genau habe die die Zeitdifferenz bei Onki noch nie kund getan.

Habe bei unserem letzten Date auch gefragt, was er dazu meint, dass ich kürzlich fast mal zu Boden gegangen wäre, Gleichgewichtsstörung, oder was auch immer. Er wischt es richtiggehend zur Seite. Ja, dass war schon immer so. Wir, bzw. Onki, nimmt sich immer die grossen Baustellen in meinem Luxusbody zur Brust, kürzlich eben meine Lunge mit Biopsie und dementsprechender Therapieumstellung. Ob das nur ein Ausrutscher war mit meinem Gestolper wissen wir nicht, einen Hirnscan habe ich in diesem Jahr hinter mich gebracht, und da war noch alles gut. Also lassen wir es mal gut sein.

Ist auch irgendwie klar, wenn man alles regeln wollen würde, wäre es vermutlich zu viel. Noch immer funktioniert mein Luxusbody, und grösstenteil schmerzfrei. Also schön ruhig bleiben, und Krustentierchen nicht zu fest reizen. Habe das Gefühl, es könnte von jetzt auf gleich ordentlich los legen.

Schlussendlich habe ich noch gefragt, ob es mich wohl sehr vermissen würde, wenn wir uns statt in drei, erst in vier Wochen wieder sehen würden? Bei ihm klingelt es ruckzuck, und prompt fragt er auch „Wo sind sie denn“. Warum ist es so, dass er immer denkt, ich bin unterwegs, wenn ich einen Termin verschieben möchte? Ok, ich bin auch unterwegs. Aber es könnte ja sonst mal was sein, finde ich. Auf jeden Fall hat er grünes Licht gegeben. Das wird schon passen.

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