Archiv | Januar 2019

Kaffee

Brav bin ich auf Befehl von Onki wieder bei ihm aufgetaucht. Und irgendwas war komisch. Habe mir am Abend vorher noch eine Schlaftablette genehmigt, (zusammen mit meinen Minz und sonst noch ein paar Sachen), und irgendwie hat mich diese dermassen nieder gemacht, dass ich kaum noch weiss, wie ich zu Onki gekommen bin. Klar, mit dem Auto, aber trotzdem komisch. ich bin nicht ganz sicher, aber könnte sein, dass ich noch einen Dreher mit eben diesem  in einer Wiese hatte. Als mich Onki in sein Sprechzimmer bittet ist seine erste Frage ob ich einen Kaffee möchte. Wau, ich muss wohl richtig Sch…. aussehen. Onki bringt mir also Kaffee, welchen in dankend annehme. Vielleicht ist ihm auch aufgefallen, dass ich zuerste an meinem Stuhl vorbei maschiert bin (gewankt trifft es wohl besser). Ich weiss auch nicht mehr so ganz, was wir geredet haben. Auf jeden Fall wurde der Port mit Rohr frei durchgeputzt. Er wird seine Dienste tun, wenn er wieder eingesetzt wird. Und belästigt auch momentan mein Herz nicht. Brav ist er, mein Port. Onki fragt nach meinen allgemeinen Wohlbefinden. Nun, dass ist bescheiden. Es sind nicht Schmerzen, die mir Sorgen machen, aber das mit dem Blut wird bedenklich. Kann schon sein, dass ich von gleich auf jetzt im Gesicht irgendwo Blutstropfen habe, auch an anderen Orten.

Das Hand – Fuss – Syndrom hält mich auch ein wenig auf Trab. Die Beugefalten in der Hand sind morgens dunkelrot, die Haut sieht aus wie bei einem alten Weib, und das, obwohl ich täglich mit medizinischer Hautpflege schmiere und creme wie doof. Wenn mir hier die Haut aufplatzt wird es schmerzhaft werden – und lange, lange dauern, bis ich es, wenn überhaupt, wieder geheilt kriege. Vermutlich, oder hoffentlich, wenn wir die Chemo wechseln. Sieht aus, als ob Chemo mein ständiger Begleiter bleiben wird. Das war ehrlich gesagt nicht mein Lebensziel.

Ach verflixt, irgendwie wird es immer mehr. Blutverdünner absetzten, Blutungen dort und da, die Hände, die Füsse auch, das Wasser im Körper dort und da, die Ableger an sechs Stellen, ein Port, der auf mein Herz schielt, Müdigkeit all over,  der Nierenabfluss, welcher von einem (vermutich) Lymphableger zugedrückt wird,  und wie lange die Leber mit ihren Ablegern meine Medis noch verkraftet bevor sie sagt – Du kannst mich mal – weiss ich auch nicht. Wie lange funktioniert mein Körper noch?

So viele Sachen, welche wir nicht beeinflussen können. Immer denken wir Menschen, Ärzte, und somit wir, können alles heilen, immer und überall. Pustekuchen. Ich frage Onki, ob ich auch an inneren Blutungen sterben könnte. Ja, wenn das mit den Blutwerten immer weiter runter rauscht, wird es spannend. Es sei dann „eine kurze Sache“. Na bitte, dass ist doch ein Trost, kurz und hoffentlich schmerzlos.

Manchmal überlege ich mir, wie ich es dem einen oder anderen beibringen soll, wenn es ernst wird. Ich weiss nicht, wie ich meinen Leuten, sagen wir das Ungemach über meinen Tod, ersparen kann, ihnen klar machen, wenn es so weit ist, dass es für mich eine Erlösung sein wird, und ich vermutlich froh bin, wenn ich es übestanden habe. Wobei, mit ein bisschen Grütze im Hirn sollte es doch jedem klar sein, dass es manchmal eine Erlösung ist, und dass man sich für den Betrefffenden auch freuen kann. Solange es gut geht, gut ging, sollte jeder einigermassen gut leben können (und da kann ich mich nach wie vor nicht beklagen), und wenn es vorbei ist, dann passt es auch.

Und jetzt ist fertig mit den düsteren Gedanken. Bin ja schliesslich in den Ferien. Bei meinen Lieblingsschlummereltern. Wir blödeln rum, und so kommt es, dass meine Minz (pro Dosis fünf an der Zahl) plötzlich in einem angebissenen Mohrenkopf stecken, ein Foto gemacht wird, und mir meine lieben Schlummereltern dieses als Status eingeben. Ich denke, es ist nicht so clever, wenn Onki sieht, dass ich mit dermassen teuren Minz (wir sprechen hier von einem dreistelligen Betrag bei fünf Tabletten) rumspiele. Natürlich habe ich diese danach brav geschluckt. Ich mag nicht, ich mag einfach nicht, mit einem düsteren Gesicht rumhängen. Krank bin ich sowieso, die Minz muss ich auch schlucken, also spielt es keine Rolle, ob mit Lachen oder Selbstmitleid. Vor meinen Minz haben alle einen Heidenrespekt. Vielleicht auch, weil ich gerne mit einem breiten  Grinsen im Gesicht rum erzähle, dass es heisst Pfötchen waschen nach der Einnahme. Das ist nicht übertrieben oder ein Witz, steht auch auf dem Beipacktext. Manchmal biete ich dies auch an als quasi Erfrischungsbonbons. Aber irgendwie traut man mir nicht (?), keiner will ein Minz von mir.

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Böse böse

ist sie, die momentane Chemo. Abgesehen, dass ich es extrem mühsam finde, drei Mal am Tag mir Minz (also meine Chemotabeletten) einzuwerfen, einmal alle drei Wochen an den Tropf finde ich persönich parktischer, beginnt das ganze zu nerven. Die Bluterei nimmt zu, und ich beginne ins Gewebe einzubluten. Das scheint Onki ins Grübeln zu bringen. Also den Blutverdünner wieder abesetzt. Das ist ungeschickt. Jeder, der zwei Mal schon mit Thrombose gesegnet war, sollte bis ans Ende seiner Tage Blutverdünner schlucken. Nun stellt sich die Frage, ist das Blut wegen dem Verdünner bleidigt, ist die Chemo am mitmischeln, oder ist es die Wirbelsäule, die nicht mehr ihren Dienst tut. Schauen wir. Ich bin momentan in den Ferien, also nicht zu Hause und Onki lässt mir nicht durchgehen, dass wir uns rund fünf Wochen nicht sehen. Also trabe ich brav zur Zeit vor.

Mein Port ist momenten im Ruhestand, aber weil mir Onki ja (leider) zugesichert hat, dass es bestimmt wieder eine Chemo geben wird, die mir intravenös eingetrichtert wird, sollten wir vielleicht ein bisschen Rohr frei reinlassen. Die Leitungen sollten schon frei sein wenn es wieder los geht. Und wieder einer meiner Lieblingssätze: Mal Onki fragen.

Bin bei meinen üblichen Schlummereltern gelandet. Der Schnee lässt zu wünschen übrig, bin auf der falschen Seite der Alpen, aber es ist halt so, kann man nicht gross ändern. Manchmal denke ich mir, ob mein Chemobrain, was ich ja gerne und oft als Ausrede verwende, wenn ich mal wieder etwas nicht weiss oder vergessen habe, Überhand nimmt. Stehe ich eines morgens im ersten Stock, und frage meinen Schlummervater etwas. Erst als er so kariert drein schaut fällt mir auf warum. Ich stehe da im Evakostüm, und es war mir nicht bewusst. Da, wo ich aufgewachsen bin, kann es schon sein, dass einem im ersten Stock des Hauses ein Flitzer begegnet, aber bei Schlummereltern ist dies eher, sagen wir, unangebracht. Na ja, weiss er nun also auch, wie es aussieht, wenn man einseitig unterwegs ist.

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Organisiere mir hier und dort einen Kaffeeklatsch mit langjährigen Bekannten, esse mich bei Bekannten durch, lasse mich bekochen und bekoche meine Schlummereltern. Es hat sich ja Nachwuchs eingstellt, und aus eigener Erfahrung weiss ich, wie bequem es ist, wenn man sich zum Essen hinsetzen kann. Bis jetzt haben sie brav immer alles aufgegessen, sei es wegen Hunger oder aus Anstand, egal, die Töpfe sind leer. Ein Auto habe ich mir auch organisiert, und so bin ich flexibel unterwegs. Irgendwie glaube ich, dass man sich an das Nichtstun schneller gewöhnt als umgekehrt.