Archiv | Februar 2019

Übertrieben

Onki weilt in den Ferien. Grundsätzlich denke ich mir, je mehr, je besser. Allerübelst wäre es für mich, wenn Onki aussteigt. Soll ja schon mal vorkommen, dass so ein Arzt in ein Burnout rein rutscht. Bei so düsteren Themen, wie sich ein Onkologe rumschlagen muss, kann ich mir das sehr gut vorstellen.

Auf jeden Fall passt es mit meinem drei-Wochen-Rhytmus, und wenn ich wieder antrabe, ist Onki wieder, wo er sein soll.

Meine neuen Einblutungen ins Gewebe lassen mich grübeln. Schlussendlich schreibe ich doch Onki an. Stoppen mit Chemo oder brav weiter machen? Ein Photo von meinem Bein schicke ich hinterher. Während ich auf die Antwort warte, denke ich nach. Was tun? Und ich bin clever, ich denke mir, so ein Bluttest kann der Entscheidungsfindung dienlich sein. Onki ist meiner Meinung, und so tanze ich bei meinem Hausarzt an und lasse einen Bluttest machen.

Es scheint, als ob ich mich zum Hypochonder entwickle. Die Blutwerte sind – natürlich – wieder runter gegangen, aber ich bin noch recht zufrieden. Onki auch! Die Damen meines Hausarztes meinten, es sei schon etwas niedrig. Ja, ist mir klar, aber hallo, dass war schon sehr viel weiter unten. Das passt schon! Ich entschuldige mich schriftlich bei Onki für die Störung in den Ferien und das ängstliche Getue meinerseits. Und, wie immer, er hat Verständnis gezeigt.

Woher die dämlichen Flecken auf meinem Bein kommen, oder besser gesagt warum weiss ich eigentlich schon, die fehlenden Blutplättchen, nur weiss ich nicht, warum die Dinger schon kommen, obwohl der Wert noch verhältnismässig gut ist. Allerdings, ich weiss ja auch nicht, warum ich Wasser am Herzbeutel und in der Bauchhöhle habe. Und schon gar nicht weiss ich, warum bei mir ein Krustentierchen eingezogen ist. Viel weiss ich nicht, muss ich zugeben.

 

Werbeanzeigen

Gefällt mir

Mein Onkibesuch ist hinter mir, und nun weiss ich mehr. Nicht der lausige Zustand meiner Knochen sondern die böse Chemo verschandelt mein Blutbild. Vielleicht, also, es könnte sein, dass auch der etwas lockere Umgang mit der Einnahme meiner Minz einen Einfluss auf das ganze hat. Onki teilt mir mit, dass meine Minz sehr viel stärker wirken, wenn ich sie mit dem Essen einnehme. Ok, es wurde mir schon gesagt, ich solle es vor oder nach einem „leichten“ Essen nehmen, aber ich war da recht flexibel, gebe ich zu. Und irgendwie bin ich auch immer davon ausgegangen, dass Medis auf nüchtern Magen stärker wirken. Mein Minz nicht! Kann ich doch nicht wissen. Auch mit den Antibiotika habe ich wieder begonnen. Nachdem ich diese einen Monat genommen habe dachte ich, es kann nicht schaden, mal eine Pause zu machen. Und angeblich hätten sie keine massiven Nebenwirkungen. Natürlich erhalte ich mal wieder mehr oder weniger unnütze Hinweise, dass ich unbedingt etwas „naturheilendes“ nehmen muss, wenn ich mir so lange Antibiotika rein ziehe. Muss ich? Nein, ich finde nicht. Wenn mir Onki sagt, es sei mit keinen, oder nur wenigen, Nebenwirkungen zu rechnen glaube ich grundesätzlich mal dem Akademiker.

Vereinzelt wurde mir schon durch die Blume angedeutet, dass ich meinem Onki zuviel ungesehen glaube. Mag sein. Andererseits, was ist meine Alternative? Ich habe keinerlei medizinische Ausbildung, (die netten Leute, welche mir Tipps geben übrigens auch nicht), und alles, was mir mitgeteilt wird, kann bei jeder Person anders wirken. Und ich behaupte mal, soooo schlecht fahre ich nicht mit Onkis Unterstützung. Aber natürlich, die Naturheilmedizin hatte ja in den letzten Jahren enormen Aufschwung. Und mir fällt auf, es kommt auch sehr darauf an, wo man mit den Leuten spricht. Die alternativ Medizinier wollen ja auch leben. Man hört immer nur, wie die Naturmedizin dort und da geholfen hat. Ein kleiner Artikel in einer seriösen Zeitung hat mich wissen lassen, bei rund 50% nützt diese nichts. Aber das macht man natürlich nicht gross publik, man will ja nicht einem ganzen Geschäftszweig das Leben schwer machen.

Kann mich halt noch immer nicht damit anfreunden, dass ich „zur allgemeinen Stärkung“ etwas einnehmen soll. Ein Arzt verschreibt einem ja auch nicht auf die schnelle ein Aspirin, falls man mal Schmerzen kriegen sollte. Das gäbe vermutlich eine Mordsschlagzeile in div. Zeitschriften.

Bis auf weiteres bleibe ich Onki und seinen Aussagen treu.

Schauen wir

I feel I’m falling apart cause I know I’ve lost my guardian angel.

Wo ist er hin, mein Schutzengel? Kaum kriegen die Buben was zu tun, verkrümmeln sie sich. Typisch Mann. Es ist schon unglaublich, zu was für Schmuseliedern ich mich manchmal verleiten lasse. Aber manchmal sind sie halt gut für’s Gemüt, für meines zumindest.

Onki will mich nach einer Woche nochmals sehen. Meine Erfahrung sagt mir, nicht wegen meinem lieblichen Wesen, schon eher wegen meinen misserablen Blutwerten. Das Hämoglobin schiesst durch die Decke, was noch kein grosses Problem ist, die Thrombozyten verkriechen sich hingegen im Keller. Das hingegen könnte ein Problem werden. Noch ein bisschen weniger, und ich habe gute Chancen auf innere Blutungen. Als ob ich das brauche!! Nachdem ich eines meiner Chemomitteln abgesetzt habe, eine Woche länger als normal, schauen wir mal. Wenn sich der Wert normalisiert hat, wissen wir, die böse Chemo war’s. Wenn nicht wird es Essig, dann kann gut sein, dass meine Knochen es nicht mehr so genau nehmen mit der Blutproduktion. Was dann geschieht, gemacht werden kann, weiss ich auch nicht. Chemo kann man ja immer noch wechseln. Chemos werden mich, wie die letzten Jahre, ohnehin bis auf weiteres begleiten.

Onki kann sich meine Blutwerte (noch) nicht erklären. Passt! Ich bin nicht hier, um sein Leben einfacher zu machen. Aber er macht sich Sorgen, auch wenn er es zu verbergen sucht. Sonst würde er mich nicht nach einer Woche nochmals sehen wollen. Ich versuche solche Gedanken zu ignorieren, geht manchmal gut, und manchmal gar nicht.

Onki hat mir auch verraten, warum er mir das vorletzte Mal einen Kaffee gebracht hat. Ich hätte halb geschlafen und wenig geredet. Schweigsam zu sein ist nun nicht meine grösste Tugend, ja, sowas könnte schon auffallen. Das letzte Mal nun hat er Kuchen angeboten. Das Timing lässt zu wünschen übrig! Einmal Kaffee, einmal Kuchen, dass gehört doch zusammen, finde ich.

Mein Ferienmonat ist vorbei, und brav sitze ich wieder da wo immer zum Brötchen verdienen. So ein Monat ist praktisch, habe mich quasi durch meine Familie, Bekannte und ehemaligen Arbeitskollegen durchgefüttert, durchfüttern lassen. Bei meinem Schlummereltern hingegen waren die Sitten rauh. Morgens einmal 11 Grad im Zimmer (das ich gebeten habe, die Heizung zu reduzieren und ich das Fenster über Nacht immer einen Spalt öffnete sei hier nur am Rande erwähnt). Und fast immer wurde ich mit einem klopfen und „Hauskeeping“ geweckt. Nicht mal ausschlafen ging. Na ja, vielleicht sind andere um zehn Uhr morgens bereits fit?? So ist es ja kein Wunder, dass ich mich mit dem Auto (welches mir ein lieber Bekannter für den Monat zur Verfügung stellte) öfters auf und davon machte. Wenn ich abends doch hin und wieder zu Hause war, habe ich (versucht) den Kochlöffel zu schwingen. Ein warmes Essen am Abend ist ja nicht das Schlechteste. Meine Schlummerletern waren entweder so hungrig oder so höflich, auf jeden Fall wurde immmer alles verputzt.

Ich kann es drehen und wenden wie ich will, der Gedanke an mein Krustentierchen reist immer mit, egal wo.