Archiv | März 2019

Noch nicht

Habe meinen Magen brav geschont, und Onki fragt mich bei unserem Gespräch tatsächlich zwei Mal wie es mir geht. Und zwei Mal antworte ich gut. Er wird doch nicht enttäuscht sein, weil sich so eine Magenspiegelung erübrigt?? Er meint dazu nur, ich möchte ja nicht „in seine Krallen kommen“. So habe ich es nie geschrieben, sondern das es mir lieber ist, wenn ICH meinen Magen in den Griff kriege und nicht Onki mit medizinischem Geschütz. Ja, aber gemeint hätte ich es schon so mit Krallen usw. Da könnte er unter Umständen recht haben, aber ich streite alles ab. Er will ja manchmal auch ein bisschen gebauchpinselt werden, und weil er im grossen und ganzen nett ist, pinsle ich manchmal. Es funktioniert ja auch umgekehrt.

Das Gespräch ist für unsere Verhältnisse ziemlich kurz, was auch an mir liegt. Immer wenn ich mal zehn Minuten später komme, ist Onki natürlich auf der pünktlichen Schiene unterwegs. Bin ich pünktlich, liegen 15 Minuten warten immer drinnen. Und er muss los ins Spital, zu einem Gespräch, oder so irgendwas. Wenn er im Spital erscheint macht er auf Autorität und montiert seinen Arztkittel. Das macht ohne Frage schon was her, sage ihm das auch. Aber irgendwie nimmt er mir das nicht ab. War doch ein Kompliment meinerseits. Er wirft noch einen Blick unter der Türe zurück und grinst. Ja, wir haben für eine Arzt – Patienten – Gespräch wohl ziemlich rumgealbert. Trotzdem, die Blutwerte haben wir besprochen, und er legt mir ans Herz drei Tage länger mit der Chemo zu pausieren, meine Thrombozyten sind wohl besser, aber noch nicht ganz gut. Für meine Verhältnisse bin ich zufrieden, Onki auch.

Irgendwie war er auch der Meinung, wir hätten schon mal in meinen Magen reingespiegelt. Nein, haben wir nicht. Wir, also ich, machte einen Hirnscan, lies die Schilddrüse mit Nadeln durchlöchern,  die Lunge feucht durchwischen und ein bisschen davon für Tests rausschnetzeln, war ca. 10 Mal im PetCt, aber meinen Magen haben wir noch Magen sein lassen. Als ich letztes Jahr so viel, zu viel, in zu kurzer Zeit abgenommen hatte, also kurz vor der Kachexie war, wollte er mich unbedingt auf seine Waage buxieren, was ich vehement verweigerte. Hätte er die kg in Zahlen gesehen, hätte er vermutlich den Schlauch für meinen Magen schon poliert und angespitzt. Da konnte ich gerade noch durchschlüpfen mit ohne Magenspiegelung.

Die Chemo bleibt momentan immer noch die Gleiche. Weil ich ja praktisch nur noch palliativ, und meinem Befinden entsprechend behandelt werde, liegt (noch) kein Grund vor, wieder in die Röhre zu wandern, und das nächste Gift auszuprobieren. Der letzte Wechsel der Chemo hat wegen meiner Husterei und der fortschreitenden Ableger in der Lunge statt gefunden. Und ich glaube auch, mein Körper hat sich an die momentanen Minz‘ schon recht gewöhnt. Der Ausschlag im Gesicht hält sich im Rahmen. Der Haarausfall ist nach wie vor ein Thema, und das Hand-Fuss-Syndrom, aber, wie schon mehrere Male geschrieben, auch dass, kein Grund für eine seriöse Jammerei.

Und manchmal habe ich jetzt schon Angst, wenn der Satz kommt „Wir können nichts mehr machen“. Onki meinte zwar mal, dass werde ich vermutlich selber spüren und nicht überrascht sein, wenn es soweit ist, aber ich will noch nicht….

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Änderungen

Nächstens bin ich wieder bei Onki. Wie immer, wenn ich bei ihm bin, bzw. in der Onkologie schicke ich vorher ein Mail betreffend Globuli Bestellung. Wenn man 16 Tabletten (minimum) am Tag als Grundnahrungsmittel einnimmt, sind so Packungen doch relativ schnell leer. Und die Onkologie erhält diese innert ein / zwei Tagen, bei Apotheken dauert es schon mal zehn Tage, bis die betreffenden Krebsmittel eingetroffen sind. Habe ich es schon mal geschrieben? Apotheken Besuche sind lange nicht mehr so unterhaltsam wie sie es mal waren. Während ich früher immer gelöchert wurde, was ich sonst noch nehme, und ob es mein Arzt weiss, und wie ich die betreffenden Mittel einnehmen muss, werden mir nun die Zytostatika über den Tisch geschoben, und ein „Alles Gute“ oder „Viel Glück“ – fast schon beschämend – gemurmelt. Niemand kommt in den Sinn, mir zu sagen, wie ich meine Minz einnehmen muss. Es war immer lustig, mitanzusehen, wie in den Augen der Mitarbeiterinnen die Fragezeichen im Auge aufgeblitzt sind, spätestens, wenn ich von meinen Antikörpern erzählt habe.

Ich nehem die Dinger jetzt doch etwas disziplinierter, also nicht mehr zum Essen, sondern schön brav eine Stunde davor oder eben vier Stunden danach. Wobei, kürzlich, als ich Magenschmerzen hatte, waren es fünf mal Chemo, ein Antibiotika, zwei Schmerzmittel und ein Magenschoner, vom Calcium reden wir nicht, ist ja an sich kein Medikament. Ich erzähle einem Kollegen von meinem Medimix, und er meint, man könnte sich da auch noch eine Linie reinziehen. Das finde ich nun etwas übertrieben. Und ich weiss auch nicht, wo ich dies beziehen könnte.

Mein Magen tut weh, so weh, dass ich bis zu zwei Mal in der Nacht aufwache. Ich schlucke brav Magenschoner, Schmerzmittel auch, welch mir Onki genehmigt hat, und es nützt einen grossen Haufen nichts. Nun heisst es aufpassen. Wenn ich das nicht geregelt kriege, traue ich Onki ungesehen zu, mir eine Magenspiegelung ans Herz zu legen. Und bis jetzt habe ich seine medizinischen Vorschläge immer vorbehaltslos befolgt. Er ist der Akademiker, also der Gescheite von uns Beiden. Es hat auch immer gut geklappt. Ich überlege, und es könnte unter Umständen sein, dass ich meinem Magen ein bisschen zuviel Ungemach zugemutet habe. Orangen spätabends, manchmal Pause mit Essen und trinken über fünfzehn Stunden, Mittagessen Vormittags um zehn, (was ich legitim finde, wenn man seit vier Uhr wach ist, mein Magen eher nicht), zuviel Kaffee mit grässlichem Milchpulver. Aber wozu hat man das Internet, mal schauen, was sich so anbietet in Sachen basischer Lebensmittel. Die Banane, was mir sehr gelegen kommt, weil ich diese gerne habe steht ganz oben. Dann hole ich mir noch ein „basisches“ Rezept aus dem Netz, und siehe da, es wird zusehends besser. Die zweite Nacht ging bereits wieder gut mit schlafen. Magenspiegelung abgewendet. Hoffe ich zumindest. Manchmal mach Onki auch prophylaktische Sachen mit mir, oder lässt machen. Auch diese mache ich mit, manchmal mit Grummeln und Knurren. Onki schmunzelt dazu, und schon hat er mich im Sack.

Meine Geher sind von der Chemo ordentlich beleidigt. Kaum ein Tag, und auch kein Schuh, welcher mir nicht Schmerzen bereitet, wenn ich unterwegs bin. Brav creme ich mir meine Füsse täglich ein, aber trotzdem  – Aua! Onki ist ein Schatz und hat eine teilweise Kostengutsprache bei meiner Krankenkasse für die Podologie erwirkt. Es tut gut zu merken, dass man Unterstützung hat, und noch besser, wenn man um diese nicht ewig betteln muss. Habe da schon von anderen Ärzten gehört, welchen so Sachen ziemlich egal sind.  Man kann Geld dümmer ausgeben, finde ich. Bin also recht gemächlich in den geheiligten Hallen meiner Arbeitsstelle unterwegs. Vielleicht denkt der eine oder andere schon, ein bisschen Gas geben würde nicht schaden. Aber je schneller laufen, umso schneller fahren mir die Blasen auf. Also mache ich auf Faulpelz.

Von einem Kollegen erfahre ich, dass er sich von seinem Burnout ziemlich gut erholt hat, was mich aufrichtig für ihn freut. Von einem anderen hingegen, dass er ernsthaft Sorgen im privaten Umfeld hat, Sorgen, welche nicht in seiner Hand liegen, bzw. er nicht ändern wird können.

Je älter man wird, umso mehr erfährt man von schlimmen, tragischen Sachen, die passieren, und man kann auser zuschauen nichts mache, auch wenn man direkt betroffen ist. Das Leben ist kein Ponyhof stimmt offensichtlich.

Und noch etwas habe (musste?) ich lernen: Der Spruch „Zeit heilt alle Wunden“ ist Müll. Manchmal arbeite die Zeit gegen einem.

 

Es war eimal

ein Fersensporn. Selbiger ereilte mich ca einem Jahr vom meiner aktuellen Diagnose. Nachdem ich relativ lange Zeit beinahe nur noch auf dem Fussballen daher getrippelt bin, suchte ich doch meine Hausi auf, und ein Röntgenbild brachte eben diesen zum Vorschein. Was hilft? Schuheinlagen. (Einmal sprach ich nur von Einlagen, was mir den Blick eines Mondkalbes einbrachte. Es wurde vermutet ich sei undicht…..). Damals war ich nicht entsetzt, aber doch recht sauer, weil ich das erste Mal das Gefühl hatte, mein Körper, noch keine fünfzig, funktioniert nicht mehr von selber. Es war oder ist mir ziemlich egal, dass ich eine vierzig jährige kenne, welche dank exzessiven Eishockeyspiels schon eine neue Hüfte hat, oder Leute, welche regelmässig zur Physiotherapie gehen wegen chronischer Rückenschmerzen, sich den Meniskus wegen zu langem Tennisspiel mit gut dreissig operieren lassen usw. Mein Plan war, bis fünfzig muss es rund gehen ohne Hilfe der Weisskittel. Dass es dann doch noch ein wenig, sagen wir, spannender werden kann, habe ich damals noch nicht gewusst, mir gar nicht vorstellen können.

Nun habe ich neuerdings keinen Fersensporn mehr, sondern braune Fusssohlen. Chemo lässt grüssen. Und die Kopfhaare werden dünner. Wobei mich meine Coiffeuse wissen lies, dass ich noch immer mehr Haare als die meisen Leute hätte. Dies liegt wohl im Auge des Betrachters. Ich will nicht sagen, dass ich früher nie eine Kopfbedeckung bei minus Graden brauchte, so hin und wieder schon. Aber jetzt jetzt wird es bei null Grad schon kniffelig. Früher hatte ich Haare, da waren wärmende Sachen für meinen Kopf nicht wirklich dringend nötig – im Gegensatz zu jetzt.

Meine Thrombozyten sind am steigen, und das ist schon mal gut. Noch nicht auf Normalwert, aber auf dem aufsteigenden Ast. Man sieht, ich bin mittlerweile recht schnell zufrieden. Aber ich denke mir, wenn die Dinger wieder steigen, hat sich mein Körper an meine Minz gewöhnt, und damit auch die Tumorzellen. Und so habe ich bei Onki bei der nächsten Untersuchung nach einem Tumormarkertest verlangt, und jenachdem wird es halt wieder die Röhre geben. Mein geliebtes PetCt, wieviele hatte ich schon davon? Zehn? Ich weiss es nicht, müsste in den Unterlagen nachschauen. Es ist aber immer noch so, dass ich nächtens das Licht anmachen muss, und ich nicht vor mich hinstrahle, einzig weil mir regelmässig ein Radionuklid gespritzt wird.

Schauen wir, was Onki zu meinen Wünschen meint.