Archiv | Juni 2019

Richtig stellen

Sitze bei Onki im Wartezimmer, und warte. Was auch sonst. Langsam komme ich mit einer Dame ins Gespräch. Sie hat heute die letzte Chemo, dann OP und anschliesend Bestrahlung. Ob ich denn jemanden abhole? Hallo? Sie hat doch gesehen, dass ich meine Unterlagen am Empfang abgegeben habe, also bin ich wohl Patientin. So ganz sanft lässt sie durchblicken, wie schlimm sie dran ist, und dass ich wohl schon über dem Berg bin. Auf Grund meines Aussehen findet sie, mir geht es ja sicher gut. Och, da kann ich nicht an mich halten, ist, wie wir bei mir zu Hause sagen „eine gemähte Wies’n“ für mich. Ich gebe kurz einen Statusbericht meines Zustandes. Oh! Ja, dann sei ich übel drann, meint sie. Danke, weiss ich auch. Ich erzähle Onki von meinem Gespräch, dass Lächeln verschwindet auf seinem Gesicht und er meint leise „Ja, sie können mit den meisten mithalten“. Bin ich nicht wirklich stolz darauf. Und ich mag es nicht, wenn Onki ernst wird, oder sogar Sorgenfalten auf seiner Denkerstirn (nicht Stirndenker!, ein paar hier wissen, was ich meine), erscheinen. Also schnell mit einer Geschichte abgelenkt. Wir plaudern ein wenig.

Irgendwann frage ich, was denn der Tumormarker Test ergeben hat. Tja, die neue Chemo schlägt nicht so gut zu Buche, wie es die letzten drei gemacht haben. Prima, mein Blut demoliert das Ding, die Haare gehen aus, meine Tumorzellen schütteln sich vermutlich ein wenig und lachen darüber. Aber für Schmerzen reicht es dann doch. Körperschmerzen, irgendwie, kann es gar nicht richtig beschreiben. Als ich Onki erzähle, dass ich fleissig am Schmerztabletten schlucken bin wird er wieder ernst, will wissen warum, wieviele und notiert es flugs in seinem Gesprächsprotokoll. Ja, ich kann es nicht immer vermeiden, dass wir ernste Themen haben.  Dann kommen wir wieder zu meinem Blut. Onki findet es bedenklich. So gut kenne ich ihn schon. Er muss es nicht ausdrücklich erwähnen, schon dass er immer darüber laut nachdenkt, nunmehr seit etwa zwei Monaten, zeigt mir, wieder mal etwas, das ernst zu nehmen ist. Mist, elender. Dann würde sich noch Xzflikfondgt anbieten, meint Onki. Also, irgend so ein Zungenbrecher, welchen ich nicht mal wiederholen kann, geschweige denn mir merken. Vermutlich schau‘ ich etwas blöd aus der Wäsche, und er erklärt es blondinentauglich. Radfahrer nehmen es als Doping. Ja, von Blutdoping habe ich schon mal gehört. Wau, werde ich auf meine alten Tage noch eine Sportskanone? Anmeldung zur Tour de France, evtl.?Auf jeden Fall würde das heissen, alle drei Wochen eine Infusion. Kommt ja nun auch nicht mehr darauf an. Bin sowieso wöchtentlich bei Onki, ein Infusionsbeutel mehr oder weniger? Rein damit. Soviel ist mir klar, dass schlechte Blutwerte gefährlich sein können oder werden.

Ich frage mich, sind jetzt kranke Menschen Nutznieser von den Forschungen des Dopings, oder sind die Sportler frech genung, eigentliche Medis zur Leistungssteigerung zu nehmen.

Und dann meint Onki noch, jetzt sollte ich kein Fieber kriegen, sonst ….., habe ich ja schon ein paar Mal geschrieben. Das bringt mich ins Grübeln. Er weiss, dass ich das weiss, schlussendlich spaziere ich seit dreieinhalb Jahren mit Chemo herum. Und trotzdem sagt er es mir. Hm?? Allerdings, meine Blutwerte waren nicht mal bei der ersten Chemo so lausig. Kuck ich mal, wie das weiter geht mit dem Saft des Lebens. Oder aber es ist nur ein Zeichen für etwas, das mir Onki schon gesagt hat: Mein Körper wird schwächer, er sieht es wohl in den Laborwerten, dass ich die ganzen Medis nicht mehr wie Gummibärchen wegstecke. Ja, da weiss ich nun auch nicht, was ich da machen soll. Hoffen? Glauben? Sich damit abfinden? Wahrscheinlich das Letztere.

 

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Beobachten

Die Chemo nimmt ihren Lauf, und ich beobachte. Beobachte, wie mir die Haare wieder vermehrt ausgehen, (ein kümmerliches Schwänzchen ist noch da), die Haut ist dank Kortison wieder einwandfrei, die Geher sind auch in einem sehr guten Zustand, die Knoten weg, aber Schmerzen da. Sind es Schmerzen wegen der Chemo oder wegen Krustentierchen? Eigentlich egal. Und ich kann auch gar nicht sagen seit wann, aber auf jeden Fall, lebe ich nun mit Schmerztabletten – täglich. Kann schon mal sein, dass ich um vier Uhr morgens noch solche nehme, einfach, damit ich endlich schlafen kann. Es wird einem gar nicht richtig bewusst, aber man wird zum Patienten, zum Tabletten Junkie, zum Drogenkonsument. Aber ich habe schlichtweg keine Lust mehr, mit Schmerzen rum zu laufen. Und ein Held war ich ohnehin nie. Also, wenn mir etwas hilft, her damit.

Irgendwas stimmt mit meinen Blutwerten nicht. Onki hält den Test in den Händen und murmelt, ob mir irgendwas fehlt? Eisen ist es nicht. Ja, keine Ahnung. Natürlich gibt es Sachen, die einem fehlen, (ein neues Auto, eine grössere Wohnung, der Privatjet….), aber das ist es wohl nicht, was er meint. Wir suchen, und finden nix. Vielleicht sollte ich mal im Monatstakt Vitamine schlucken, und mal sehen, ob sich etwas ändert? Und dann gibt es noch die Spurenelemente. Ich glaube, so viele Monate werde ich nicht mehr schaffen, dass ich den ganzen Karsumpel durch kriege. Und einfach nur Zeugs auf Verdacht schlucken ist auch doof. Hm, was tun?

Eine neue Mitarbeitern schlägt in meinem Büro auf und bringt Süssigkeiten mit, quasi als Einstand, Alkohol wäre wohl üblicher, wird aber nicht wirklich wertgeschätzt. Von den Mitarbeitern schon, von den Vorgesetzten eher weniger. Ich will mich erkenntlich zeigen und biete ihr das erstbeste, was ich auf meinem Tisch habe, an – meine Thrombosespritze. (Ich muss die Dinger vor Augen haben, sonst vergesse ich sie). Es wird dankend abgelehnt. Was ist gegen ein bisschen dünnes Blut einzuwenden? Werden die Rohrleitungen wieder mal durchgespült. Dann nicht, was anderes kann ich nicht anbieten, ausser ein paar Tabletten. Nichts von mir findet Anklang.

Dieser Eintrag wurde am 22. Juni 2019 veröffentlicht. 2 Kommentare

Weiter machen

War ein paar Tage unterwegs, wieder zu Hause werde ich netterweise mit Rose und Luftballon in Herzform in Empfang genommen. Auf dem Weg zum Parkhaus kommen mir zwei Frauen mit einem kleinen Menschen entgegen, ich schätze mal so zwei Jahre? Rund zwei Meter vor mir bleibt er stehen, schaut mich mit grossen Kulleraugen an und hebt die linke Hand zum Gruss. Ich mache mir nichts vor, nicht mich himmelt er an, schon eher meinen Luftballon. Ich halte ihm diesen hin, und er grapscht mit seinem Patschhändchen danach. Süss, einfach nur süss. Die Rose behalte ich. Die kleinen Freuden des Lebens.

Ich mache mich auf zum zweien Zyklus meiner Chemo. Wir fahren mit der Dosis runter, mit dem Kortison wieder rauf, meiner Allergie zuliebe. Dann noch wie schon gesagt drei, oder waren es vier, Tabletten rein, und los geht es. Das Sauerstoffgerät wird in die Nähe gerückt, genauso wie ein Infusionsbeutel mit was weiss ich, wenn die Allergie wieder los legt. Und die Chemodamen belauern mich. Als ich mich aufrichte,  um meinen Kaffee zu trinken, kommen sie schon, und frage, ob alles i. O. sei. Ja! Ich sei schon wieder rot im Gesicht, ja, mir ist warm. Brütende Gluckhennen sind ein Dreck gegen meine Chemodamen, wenn sie auf „Obacht“ getrimmt sind! Auch Onki kommt vorbei und meint, alles gut? Ja!!! „Brav“, findet er. Ja bin ich denn ein kleines Kind? Aber bei Onki bin ich eigentlich – medizinisch – immer handzahm. Auch wenn ich rummaule nützt es nicht viel.

Auf dem nach-Hause-Weg lege ich noch einen Kaffeehalt ein. Der wird ein bisschen länger, und so köcheln meine Thrombosespritzen vermutlich im Auto, welches an der Sonne steht, ein bisschen vor sich hin. Ich beichte bei Onki, und er meint, es sei nicht so optimal. Und ich meine, was soll schon passieren, wenn sie nichts mehr nützen, so eine Thrombose ist ja nun nicht gerade das Neueste für meinen Körper, dass passt schon. Er sieht das anders, ich beruhige ihn – wird schon gut gehen. Ich will auch gar nicht wissen, was alles in die Hose gehen kann, er weiss vermutlich fast zuviel von all den Komplikationen. Ich lenke ihn ab, so gut es geht.

Einen Tumormarkertest machen wir auch. Der letzte war ein bisschen eigenartig. Es gibt hiervon immer zwei Werte, während einer erwartungsgemäss mit neuer Chemo sinkt, ist der zweite in die Höhe, ab durch die Decke. Da stimmt etwas nicht, aber wir warten mal ab, was der nächste sagt.

Meine neue Chemo hat nicht nur meine Lymphknoten zum verschwinden gebracht, auch das atmen geht viel besser, nichts mehr mit Wasser abziehen. Und auch keine Verschnaufpause vom Parkhaus zum Büro, so gefällt mir das. Onki auch!

 

Knoten

am Hals sind bereits nach der zweiten Chemo wieder weg. Also wird es wohl etwas mehr als Globuli sein, was mir Onki da schönes reintrichtern lässt. Reintrichtern, weil es, wie schon erwähnt, wieder intravenös ist, also via Port. Er arbeitet immer noch tadellos, muss aber dazu sagen, wir haben diesen auch immer brav nach drei Monaten – während meiner Tablettenchemo – hingebungsvoll gespült – Rohr frei marsch!

Bin zur Blutkontrolle, und da schaue ich mal ziemlich blöd drein. Meine Blutwerte sind im Keller. Meine Abwehrstoffe sind mit einem Wert von 0.1 praktisch nicht mehr vorhanden, schlimmer als bei der allerersten Chemo. Das ist nun nicht übertrieben gut. Onki erzählt mir, was alles passieren kann. Abgesehen davon, dass mich ein Husten schon nieder machen kann, ist es  möglich, dass die körperinternen Bakterien es bunt treiben und dies kann bis zu einer Blutvergiftung führen, Fieber ab 38.5 treibt mich in die Notaufnahme und zwingt mich zu Antibiotika, ziemlich egal, ob es bakteriell oder viral bedingt ist. Was tun?

Klar, auch da hat Onki ein Wässerchen dagegen – in spritzenform. Natürlich sagt er mir nicht, dass ich das Zeugs nehmen MUSS, aber wenn einem so ausführlich erklärt wird, was alles passieren kann, selbst wenn man brav alleine zu Hause hockt, dann, ja dann, sagt man gerne, her mit dem Gift. Die erste Spritze wird mir gleich in der Praxis verabreicht, am nächsten Tag mache ich mit der Thrombosespritze zusammen eine Junkie – Tour, quasi.

Und die Schmerzen gehen los, irgendwie hinten an den Nieren. Das hat mir Onki auch vorher gesagt. Ich weiss, Ibuprofen ist besser für die Nieren, schlecht für den Magen, bei Paracetamol ist umgekehrt. Dann habe ich noch ein Schmerzmittel für „Erwachsene“, also verschreibungspflichtig. Da steht auch netterweise unter anderem in der „Gebrauchsanleitung“, man sollte es nicht nehmen, wenn man schlechte Blutwerte hat, oder Blutverdünner nimmt, oder unter Chemo steht, und sonst noch ein paar Sachen. Warum muss ich den Schrott auch immer lesen. Onki muss helfen, schreibe ihn an, was ich denn schlucken darf, Antwort kommt postwendend: Im Prinzip alles, auch das rezeptpflichtige, wenn es sein muss. Ich bin verwirrt, und lasse ihn das wissen. Ja, er sieht das wohl anders, es sei alles i. O.. Vor allem, weil ich ja die Dinger nicht wochenlang schlucke. Ja dann, runter damit. Der Magen schmerzt auch schon wieder länger. Ich bin kein Held und bin recht grosszügig mit den Medis, ich will doch nur wieder mal schlafen können. Und das gelingt mir dann auch. Ok ok, ein Schlafmittel hat nachgeholfen.

Nach zwei Tagen muss ich wieder in die Blutkontrolle. Und siehe da, mehr oder weniger alles besser, nicht gut, aber doch besser Bin zufrieden, Onki auch. In drei Tagen gibt es wieder Chemo, und ich habe scho drei verschiedene Medis als Imunsuppressiva zu Hause, die ich nehmen muss. Wird schon gehen, muss ja auch.

Wenn ich ehrlich bin habe ich noch zwei Wünsche an mein Leben. Erstens, bitte, bitte, keine Hirnmetas und zweitens, keinen neuen Krebs, die Ableger reichen auch. Bescheiden bin ich geworden, finde ich.