Beobachten

Die Chemo nimmt ihren Lauf, und ich beobachte. Beobachte, wie mir die Haare wieder vermehrt ausgehen, (ein kümmerliches Schwänzchen ist noch da), die Haut ist dank Kortison wieder einwandfrei, die Geher sind auch in einem sehr guten Zustand, die Knoten weg, aber Schmerzen da. Sind es Schmerzen wegen der Chemo oder wegen Krustentierchen? Eigentlich egal. Und ich kann auch gar nicht sagen seit wann, aber auf jeden Fall, lebe ich nun mit Schmerztabletten – täglich. Kann schon mal sein, dass ich um vier Uhr morgens noch solche nehme, einfach, damit ich endlich schlafen kann. Es wird einem gar nicht richtig bewusst, aber man wird zum Patienten, zum Tabletten Junkie, zum Drogenkonsument. Aber ich habe schlichtweg keine Lust mehr, mit Schmerzen rum zu laufen. Und ein Held war ich ohnehin nie. Also, wenn mir etwas hilft, her damit.

Irgendwas stimmt mit meinen Blutwerten nicht. Onki hält den Test in den Händen und murmelt, ob mir irgendwas fehlt? Eisen ist es nicht. Ja, keine Ahnung. Natürlich gibt es Sachen, die einem fehlen, (ein neues Auto, eine grössere Wohnung, der Privatjet….), aber das ist es wohl nicht, was er meint. Wir suchen, und finden nix. Vielleicht sollte ich mal im Monatstakt Vitamine schlucken, und mal sehen, ob sich etwas ändert? Und dann gibt es noch die Spurenelemente. Ich glaube, so viele Monate werde ich nicht mehr schaffen, dass ich den ganzen Karsumpel durch kriege. Und einfach nur Zeugs auf Verdacht schlucken ist auch doof. Hm, was tun?

Eine neue Mitarbeitern schlägt in meinem Büro auf und bringt Süssigkeiten mit, quasi als Einstand, Alkohol wäre wohl üblicher, wird aber nicht wirklich wertgeschätzt. Von den Mitarbeitern schon, von den Vorgesetzten eher weniger. Ich will mich erkenntlich zeigen und biete ihr das erstbeste, was ich auf meinem Tisch habe, an – meine Thrombosespritze. (Ich muss die Dinger vor Augen haben, sonst vergesse ich sie). Es wird dankend abgelehnt. Was ist gegen ein bisschen dünnes Blut einzuwenden? Werden die Rohrleitungen wieder mal durchgespült. Dann nicht, was anderes kann ich nicht anbieten, ausser ein paar Tabletten. Nichts von mir findet Anklang.

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Dieser Beitrag wurde am 22. Juni 2019 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Beobachten

  1. Hallo Heidi, ich schicke dir einfach mal einen Gruss und eine dicke Umarmung. Würde gerne etwas furchtbar Schlaues Schreiben, muss aber gestehen, dass mir nichts einfällt – wie meistens (grins)! Und ich weiss auch aus eigener Erfahrung wie sehr mir selbst so Oberschlaue,
    Besserwisser und “das wird schon, nur nicht die Hoffnung aufgeben“-Leute auf die Nerven gehen. Da sind mir schon die lieber, die mir aus dem Weg gehen, obwohl das auch manchmal wehtut.
    Alles Liebe Heidi – Gruss Gaby

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    • Hallo Gaby
      Danke Dir, lieb von Dir. G’scheit reden geht nicht immer, oder? Und ich denke, Du weisst ziemlich genau, was Sache ist, auch bei mir. Irgendwie muss man halt damit leben, nicht wahr? Du ja auch!
      Wünsche Dir aufrichtig auch alles Gute
      Heidi

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