Archiv | August 2019

Neu, oder doch nicht

Meine Haare sind Geschichte, und so laufe ich nun mit Tuch rum. Ein Arbeitskollege in meinem Büro gibt mir die Hand, stellt sich vor und meint, wir haben uns ja noch nie gesehen. Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, er ist erst seit ein paar Monaten dabei. Doch, meine ich, wir kennen uns, nur hatte ich früher noch Haare. Ich hatte keine Zeit, ihm das Ganze auf die sanfte Tour zu erklären, also muss ein einziger aussagekräftiger Satz genügen. Und wie meist in solchen Situationen, es ist ihm peinlich, er entschuldigt sich, aber da bin ich schon unterwegs, zurück zu meinem Arbeitsplatz.

Mir fällt auf, mit einem Tuch auf den Kopf wird man doch sehr viel eher angestarrt, wie wenn man mit einer Perücke unterwegs ist. Natürlich habe ich meine zwei noch zu Hause, aber jetzt, im Sommer, ist so ein Tuch doch eindeutig angenehmer. Wer immer mich anstarrt, ich starre zurück, und es darf geraten werden, wer zuerst den Blick senkt.

Treibe mich auf einem Konzert herum, und mir fällt angenehm auf, es ist keine Kindergartenveranstaltung, ich bin mit meinem Alter im unteren Drittel. Vor mir hüpft mein persönlicher Taxitänzer mit unterirdischen „Moves“ rum. Ich klopfe ihm auf die Schulter und frage, ob er mir versprechen kann, dass ich hier ohne blaue Flecken raus komme. Er strahlt mich an und lässt ein überzeugendes „nein“ hören. Oha! Dann anders. Mir scheint, ich ernte von rundherum mitleidige Blicke. Plötzlich steht mir eine Dame gegenüber, und mit Hand und Fuss gibt sie mir zu verstehen, wir machen uns an meinen Taxitänzer ran. Gerade soviel, dass wir ihn berühren, natürlich nicht stossen, wir wollen ja keine Krach, aber wir fummeln um ihn herum, mit den Händen an seinem Kopf vorbei (was kein Problem ist bei so kleinen Herschaften), streifen ihn von Zeit zu Zeit, und wir haben Erfolg. Sein spastischen Zuckungen nehmen ab, natürlich nicht ganz, aber ein bisschen. Nach der Pause verziehe ich mich ins Auto. Meine Hüfte schmerzt. Ich will gar nicht wissen warum, (Knochenmetas?) und mache es mir im Auto gemütlich. Die Musik ist laut genug, bin immer noch dabei. Zum ersten Mal tut mir meine Hüfte, eigentlich mein Chassis, also die tragenden Teile, weh, wenn ich länger rum stehe. Die sollen bloss nicht dumm tun, diese doofen Knochenmetas. Kann ich aber gar nicht brauchen.

Trabe wieder mal bei Onki an, seine Ferien sind vorbei, und so lande ich bei ihm, nicht mehr bei seinem Kollegen. Ich schliesse die Türe, stelle mich davor, halte diese noch vorsichtshalber mit den Händen zu und fordere ihn auf „Los, erzählen sie von den Ferien“. Er grinst, erzählt, ich höre zu, die Zeit verfliegt. Irgendwann fragt er dann doch, wie es mir geht. Ich winke ab, die ewig gleiche Leier, langweilig, weil er eh schon alles weiss, er soll lieber von den Ferien weiter reden. Ja, ich gebe es zu, vereinzelt sind unsere Gespräche nicht das was im herkömmlichen Sinn unter einem Arzt / Patienten Gespräch erwartet wird. Ist mir egal, und so wie es aussieht, nimmt er es da auch nicht so genau. Also, wie er es mit anderen Patienten hält weiss ich natürlich nicht.

Da ist noch ein Knötchen am Hals, dass kommt und geht, und wieder geht und kommt, die noch vorhandene Brust sticht manchmal ein wenig, müde, so drei / vier Tage nach einer Chemo, aber wenn ich das so lese, ist es doch eher grottenlangweilig, wenn ich von meinen Bebelie spreche. Also, hinfort damit. Da sind sie ja sowieso.

Bei der momentanen Chemo habe ich noch zwei Zyklen vor mir, will heissen, noch rund sechs Wochen. Danach, so wie mir Onki gesagt hat, geht es weiter mit einem Antikörper. Die Antikörper kriege ich ohnehin nonstop. Weil die momentane Chemo keine zielgerichtete ist, geht sie auf alles los, also auch auf die gesunden Zellen. Denke mir, deswegen wird mal ein bisschen pausiert mit der nächsten Chemo. (Nehme an, da wird schon noch die eine oder andere kommen…?) Aber mir macht es ein wenig Sorgen. Das Wasser auf der Lunge verschwand erst mit der jetzigen Chemo. Und dann? Kommt es wieder? Wieder absaugen lassen oder wie oder was? Wobei ich natürlich nie weiss, wo es als Nächstes bei mir happern wird. Schilddrüse schmerzt, Thrombose am Port, Atemprobleme, Wasser auf der Lunge, Magenschmerzen, zwölf-Finger-Darm-Geschwür und das Kellergewölbe musste ja auch saniert werden. Was als nächstes? Irgendwas komm bestimmt, soviel ist sicher. Sch…. Spiel, das Ganze….

 

 

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Abwechslung

Nach mehr oder weniger harten Verhandlungen mit Onki husche ich für zwei Wochen in die Ferien. Will heissen, Vormittags Chemo, und dann los, rein in den Flieger. Die Fliegerei hängt mir mittlerweile ziemlich zum Hals raus, aber es ist nun mal die schnellste Art zu reisen. Ansonsten hätte ich  schnell mal einen Tag mit der Fahrerei verloren. Dafür spritze ich eine Chemo. Wird wohl nicht so schlimm sein, wenn ich in 3 1/2 Jahren zwei Mal die Giftlerei weg lasse. Momentan darf es ja wieder wöchentlich sein.

Mein Köfferchen hat es nicht auf meinen Flieger geschafft, was aber nicht so ein grosses Problem ist. Am nächsten Tag kriege ich es frei Haus geliefert.

Besuche liebe Kollegen und bin überrumpelt. Sie haben eine neue Mitbewohnerin – Alexa. So lustig es ist, wenn mir eine Stimme die Aussentemperatur angibt, mir ist die Dame ein wenig unheimlich. Und sie ist ja allwissend, angeblich. Trotzdem verkneife ich mir die Frage, wie lange ich noch zu leben habe. Will keinen Kurzschluss heraufbeschwören nach dem Prinzip – Prädikat unbrauchbar.

Ein Abstecher in die nächstgrössere Stadt muss auch sein. Der muss eigentlich jährlich sein. Und immer noch finde ich die Stadt schön und bereisenswert. Wetter ist top, nicht zu heiss und kein Regen. Meine Reisebegleitung und ich sitzen am ersten Abend friedlich bei einem Tässchen Tee in unserer Absteige und tragen uns mit dem Gedanken, langsam ins Bett zu gehen. Von jetzt auf gleich sackt meine Kollegin richtiggehend weg. Ich rufe ihren Namen, keine Reaktion. Ich gebe ihr ein paar Starterhilfen (zünftige Ohrfeigen), auch kein Lebenszeichen. Fürchterliche Angst beschleicht mich. Sie wird mir doch nicht abtreten? Wenn jemand aus diesem Spiel austritt, genannt Leben, dann ich. Ich zerre sie aus dem Sessel hoch und schleppe sie zum Bett – irgendwie. Auf dem Weg dorthin kommt die Erklärung, sie murmelt etwas von Schlaftablette. Ins Bett gelegt, und hören, ob noch geatmet wird. Sie beginnt zu schnarchen, was ich prima finde. So muss ich nicht immer zwischen Sessel und Bett hin und her springen, ob sie noch unter den Lebenden weilt. Plötzich steht sie auf und starrt mich verwirrt an. Sie sucht das WC. Ich geleite sie dorthin und wieder ins Bett. Irgendwann später muss sie nochmals raus, und diesesmal schlägt sie von Beginn an den richtigen Weg ein. Beruhigt schlafe ich weiter. Am nächsten Morgen putze ich sie ausgiebig, laut und ausführlich zusammen, und schliesse meinen Monolog mit dem Satz „Wenn du dies nochmals machst, erschlage ich dich selber“. Es kann doch nicht so schwer sein zu sagen, ich nehme eine Schlaftablette. Dann hätte ich gewusst, was Sache ist, und fertig. Mir dermassen Angst zu machen! Am nächsten Abend starten wir einen Feldversuch: Jede nimmt eine (halbe) Schlaftablette, wir legen uns ins Bett, und warten, wer zuerst ins Morpheusland rübergleitet. Meine Kollegin entschwindet. Tja, von Zeit zu Zeit nehme ich ja auch Schlaftabletten, somit scheine ich hier ein wenig härter im nehmen zu sein.

Onki verweilt  in fernen Gefilden. Hoffe, er kommt gesund und munter in einem Stück zurück. Bin auch gespannt, was er zu erzählen weiss. Ich hingegen werde ihm vielleicht nur so am Rande ezählen, dass es schon sein kann, dass ich vereinzelt die Tabletten vergesse. Wenn dies nicht allzu häufig geschieht, sollte mich mein Blutbild nicht verraten, hoffe ich.

Meine Haare sind bald mal Geschichte, und ich überlege, was tun? Doch abrasieren, und wieder die Perücke hervor holen? Oder nur kürzen lassen und mit einem Tuch versuchen das Ganze  zu bedecken? Mal schauen. Noch habe ich zwei Monate der momentanen Chemo vor mir, und es sieht nicht aus, als ob sich mein Kopf daran gewöhnt. Wieder alles von vorne, quasi.

Nächstens muss ich wieder nach Hause. Nicht weil meinen Ferien vorbei sind, nein, die Giftlerei wartet auf mich. Man braucht keine grosse Fantasie, was es bedeutet, wenn ich gerade mal eine Chemo sausen lassen darf, und dann wieder brav antraben muss.

Stets habe ich das Gefühl, dass mein Krustentierchen hinter der Türe lauert, und wehe, diese geht zu weit auf, sprich zuwenig Chemo wird nachgefüllt, dann legt meinKrabbler los. Es ist nicht wirklich ein tolles Gefühl, aber wann hatte ich dies schon in letzter Zeit?