Abwechslung

Nach mehr oder weniger harten Verhandlungen mit Onki husche ich für zwei Wochen in die Ferien. Will heissen, Vormittags Chemo, und dann los, rein in den Flieger. Die Fliegerei hängt mir mittlerweile ziemlich zum Hals raus, aber es ist nun mal die schnellste Art zu reisen. Ansonsten hätte ich  schnell mal einen Tag mit der Fahrerei verloren. Dafür spritze ich eine Chemo. Wird wohl nicht so schlimm sein, wenn ich in 3 1/2 Jahren zwei Mal die Giftlerei weg lasse. Momentan darf es ja wieder wöchentlich sein.

Mein Köfferchen hat es nicht auf meinen Flieger geschafft, was aber nicht so ein grosses Problem ist. Am nächsten Tag kriege ich es frei Haus geliefert.

Besuche liebe Kollegen und bin überrumpelt. Sie haben eine neue Mitbewohnerin – Alexa. So lustig es ist, wenn mir eine Stimme die Aussentemperatur angibt, mir ist die Dame ein wenig unheimlich. Und sie ist ja allwissend, angeblich. Trotzdem verkneife ich mir die Frage, wie lange ich noch zu leben habe. Will keinen Kurzschluss heraufbeschwören nach dem Prinzip – Prädikat unbrauchbar.

Ein Abstecher in die nächstgrössere Stadt muss auch sein. Der muss eigentlich jährlich sein. Und immer noch finde ich die Stadt schön und bereisenswert. Wetter ist top, nicht zu heiss und kein Regen. Meine Reisebegleitung und ich sitzen am ersten Abend friedlich bei einem Tässchen Tee in unserer Absteige und tragen uns mit dem Gedanken, langsam ins Bett zu gehen. Von jetzt auf gleich sackt meine Kollegin richtiggehend weg. Ich rufe ihren Namen, keine Reaktion. Ich gebe ihr ein paar Starterhilfen (zünftige Ohrfeigen), auch kein Lebenszeichen. Fürchterliche Angst beschleicht mich. Sie wird mir doch nicht abtreten? Wenn jemand aus diesem Spiel austritt, genannt Leben, dann ich. Ich zerre sie aus dem Sessel hoch und schleppe sie zum Bett – irgendwie. Auf dem Weg dorthin kommt die Erklärung, sie murmelt etwas von Schlaftablette. Ins Bett gelegt, und hören, ob noch geatmet wird. Sie beginnt zu schnarchen, was ich prima finde. So muss ich nicht immer zwischen Sessel und Bett hin und her springen, ob sie noch unter den Lebenden weilt. Plötzich steht sie auf und starrt mich verwirrt an. Sie sucht das WC. Ich geleite sie dorthin und wieder ins Bett. Irgendwann später muss sie nochmals raus, und diesesmal schlägt sie von Beginn an den richtigen Weg ein. Beruhigt schlafe ich weiter. Am nächsten Morgen putze ich sie ausgiebig, laut und ausführlich zusammen, und schliesse meinen Monolog mit dem Satz „Wenn du dies nochmals machst, erschlage ich dich selber“. Es kann doch nicht so schwer sein zu sagen, ich nehme eine Schlaftablette. Dann hätte ich gewusst, was Sache ist, und fertig. Mir dermassen Angst zu machen! Am nächsten Abend starten wir einen Feldversuch: Jede nimmt eine (halbe) Schlaftablette, wir legen uns ins Bett, und warten, wer zuerst ins Morpheusland rübergleitet. Meine Kollegin entschwindet. Tja, von Zeit zu Zeit nehme ich ja auch Schlaftabletten, somit scheine ich hier ein wenig härter im nehmen zu sein.

Onki verweilt  in fernen Gefilden. Hoffe, er kommt gesund und munter in einem Stück zurück. Bin auch gespannt, was er zu erzählen weiss. Ich hingegen werde ihm vielleicht nur so am Rande ezählen, dass es schon sein kann, dass ich vereinzelt die Tabletten vergesse. Wenn dies nicht allzu häufig geschieht, sollte mich mein Blutbild nicht verraten, hoffe ich.

Meine Haare sind bald mal Geschichte, und ich überlege, was tun? Doch abrasieren, und wieder die Perücke hervor holen? Oder nur kürzen lassen und mit einem Tuch versuchen das Ganze  zu bedecken? Mal schauen. Noch habe ich zwei Monate der momentanen Chemo vor mir, und es sieht nicht aus, als ob sich mein Kopf daran gewöhnt. Wieder alles von vorne, quasi.

Nächstens muss ich wieder nach Hause. Nicht weil meinen Ferien vorbei sind, nein, die Giftlerei wartet auf mich. Man braucht keine grosse Fantasie, was es bedeutet, wenn ich gerade mal eine Chemo sausen lassen darf, und dann wieder brav antraben muss.

Stets habe ich das Gefühl, dass mein Krustentierchen hinter der Türe lauert, und wehe, diese geht zu weit auf, sprich zuwenig Chemo wird nachgefüllt, dann legt meinKrabbler los. Es ist nicht wirklich ein tolles Gefühl, aber wann hatte ich dies schon in letzter Zeit?

 

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