Archiv | September 2019

Flach liegen

Es geht mir bescheiden, sehr bescheiden. Ich gehe von der Arbeit nach Hause, veruche es wieder, und gehe wieder früher nach Hause. Ich hechle wie ein Hund bei 35 Grad Aussentemperatur. Ich muss mich an Möbeln festhalten, wenn ich rumlaufe. Und ich habe Fieber. Fieber und Chemo ist eine denkbar schlechte Kombinantion. Abends um neun Uhr schaffe ich es auf 38.5 Grad. Nach der Info, welche sich auf der Rückseite meines Therapieblattes befindet, wäre es an der Zeit, ins Spital zu gehen. Stehe mit Onki in Kontakt. Er meint, die Blutwerte noch am Tag davor waren gut, wenn es nicht wirklich ganz übel wird, sehe er keinen zwingenden Grund, ins Spital zu gehen. Ich bin verwirrt. Ich warte nochmals eine Stunde mit der Fiebermesserei. Die Stunde nutze ich um vorsorglich mal ein Tasche für’s Spital zu packen, Kopien meines letzten Befundens des PetCt’s, von der Lungenbiopsie und der Magenspiegelung sowie meines  Therapieblattes zu machen. Dann noch ein bisschen Wohnung aufräumen. (Was ist das mit uns Menschen, dass wir immer meinen, wir müssen die Wohnung ordentlich zurück lassen? Damit sich Einbrecher leichter zurecht finden, oder wie?) Immer wieder muss ich mich dazwischen setzen, bin schlapp ohne Ende. Nach einer Stunde immmer noch gleich hoch, das Fieber. Chemo und Fieber, etwas vom Ersten, dass mir Onki eingebleut hat, ganz, ganz schlecht. Andererseits, gestern noch gute Blutwerte. Ich mag nicht ins Spital, ich mag einfach nicht. Und ich weiss, ich werde auf der Intensiv landen. Dazu habe ich schon gar keine Lust. Um ein Uhr wanke ich ins Bett.

Mein treuer Fahrdienst steht Gewehr bei Fuss, und lässt mich wissen, dass ich mich auch ungeniert mitten in der Nacht melden kann, wenn es nötig sei. Es ist viel Wert, wenn man solche Hilfen zur Seite hat.

Am nächsten Tag schlage ich in der Onkologie auf. Blut wird gezapft, natürlich, was sonst. Mein erster Augenkontakt mit Onki ist ernst, sehr ernst. So lustig wir es ansonsten haben, wenn Probleme auftauchen ist Onki in erster Linie Arzt, in zweiter und dritter auch. Sitze ihm also gegenüber und was sagt er mir. Es sieht nach einer Grippe aus. Eine Grippe? Wegen einer Grippe mache ich solch ein Aufhebens? Natürlich ist eine Grippe lästig, keine Frage, aber – eine Grippe? Ja, er bleibt dabei. Nun denn, ob er mir ein Wundermittelchen hätte, irgendwas aus seinem Giftschrank, dort, wo alle immer nur mit einem Schlüssel dran gehen. (Ja, man hat viel Zeit, Leute zu beobachten, wenn man stundenlang am Tropf hängt). Er sieht das ganz pragmatisch und meint, er könnte mir schon eines der gängigen Mittelchen geben, aber vermutlich hätte ich die eh zu Hause? Also, kein Wundermittel für mich. Christal Meth oder so. Na ja, ich hätte es ja wissen sollen. Onki schwingt die chemische Keule wenn es um Krustentierchen geht, Bei Hausfrauenwehwehchen lässt er seinen Rezeptblock stecken. Also schleiche ich, fast ein wenig geprügelt, und mich wie ein Hypochonder fühlend, nach Hause.

Hätte ich nicht mein Krustentierchen wäre ich wohl von selber auf eine Verkühlung  / Grippe gekommen. Nur, mir sitzt halt immer mein Untermieter im Genick, da denkt man vereinzelt an etwas Anderes. Aber fein, wenn ich mich täusche, und sich alles im Grunde in Wohlgefallen auflöst.

Ich glaube, dass wird ein ganz, ganz strenger, kalter Winter, meine Unterwolle spriesst. Also, meine Kopfhaare wachsen wieder so langsam.

Habe Onki auch wissen lassen, dass ich den letzten Zyklus dieser Chemo nicht mehr machen werde. Aus einem mir unerklärlichen Grund habe ich das Gefühl, es reicht. Onki diskutiert nicht mit mir, er nimmt es als gegeben hin. Wenn mir das mein Gefühl sagt, dann ist es für ihn ok. Schon eigenartig, dass er das einfach so schluckt. Als ich das letzte Mal ein PetCt und ein Hirnscan verlangte, hatter er dies auch diskussionslos veranlasst. Und wir haben meine Portthrombose entdeckt.

Manchmal ist es eigenartig.

Internet

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich mich betreffend meines Krustentierchens auch im Internet „schlau“ mache. Natürlich tue ich dies. Und wenn das Internet Recht hat, müsste ich eigentlich schon längstens in der Grube sein. Weil, mit Knochenmetastasen schafft man es max. 16 Monaten, usw. usf. Bestenfalls, und nur ganz schüchtern, frage ich Onki was er hiervon und davon hält. Ich hüte mich, ihm mitzuteilen, woher ich wieder so was Gescheites weiss. Wobei, die Schlauheiten, welche mir mündlich mitgeteilt werden, sind auch nicht ohne.

Vor kurzem wurde mir auf einer Messe erklärt, dass Softdrinks sowieso bald verboten werden, da diese Krebs erzeugend sind. (Vermutlich meint sie eher die geplannte Besteuerung auf Grund des Zuckergehaltes). Passenderweise weiss dies eine Dame an einem Getränkestand, welche Softdrinks, in Braslien hergestellt, in Dosen abgefüllt, und danach importiert, an den Mann bringen möchte. Natürlich sind diese die einzig grosse Wahrheit der Zukunft in Sachen alkoholfreien Getränken. Zusätzlich möchte ich noch erwähnen, dass ich momentan mit einem Tuch auf dem Kopf unterwegs bin. Nun kann man vielleicht auch noch denken, ich sei konvertiert. Wenn man aber nicht immer nur den Fensterplatz in der Schule erfolgreich verteidigt hat, könnte man auch auf die Idee kommen, dass ich das Tuch aus gesundheitlichen Gründen trage. Schnupfen und Rheuma ausgeschlossen. So stehe ich also an einem Getränkestand und lass‘ mir von einer Dame erklären, was krebserzeugend ist. Vermutlich gleiche ich im Aussehen einem Mondkalb, langes Gescicht, kugelrunde Augen und generell etwas belämmerter Blick. Ich frage sie, woher sie dies weiss? Ja, sie hätten von Zeit zu Zeit eine Ärztin am Stand. Ja, bin ich jetzt diejenige mit dem Fensterplatz, oder wie? Nur ganz selten, aber jetzt spüre ich richtiggehen, wie das Adrenalin hochfährt. Ob sie wirklich mit Angst ihr Geschäft ankurbeln will. Und sie soll doch so gut sein, und nicht einen dermassen grossen Unsinn erzählen. Eigentlich bin ich noch gar nicht warm gelaufen, aber meine Kollegin kennt mich wohl, und zieht mich vom Stand weg. Dann halt… Dabei hätte ich noch ein paar wirklich griffige Aussagen parat.

Noch zwei Mal Chemo, und dann hätte ich die Vierte auch geschafft. Kann mich noch gut erinnern, dass bei der dritten, meiner Minzchemo, (die rund zehn Tabletten am Tag, welche mir noch das zwölf-Finger-Darm Geschwür bescheert hat), meine Knoten am Hals innert drei Tagen verschwunden waren. Nehme noch Wetten entgegen, wie lange es dauert, bis mein Silberrücken (der grösste Knoten mit rund dreieinhalb cm Durchmesser) wieder hochfährt. Ich tippe auf max. eine Woche. Und wenn ich mich irre, freut es mich umsomehr. Auf andere Bebelie wird nicht gewettet. Manchmal komme ich mir vor wie ein Gebrauchtwagen, von Zeit zu Zeit etwas reparieren, damit er noch funktioniert.

Mund halten

Von Zeit zu Zeit kommen Leute zu mir und erzählen von medizinischen Untersuchungen, Vorfällen, was auch immer. Bis anhin habe ich, so ich damit Erfahrung hatte, diese kund getan, in der Hoffnung, die betreffende Person zu beruhigen, ihr die Angst zu nehmen. Aber, um ehrlich zu sein, damit habe ich bis anhin immer einen Schuh voll rausgezogen.

Ein Bekannter hat auch Knochen- und Lebermetastasen, ich winke ab, und meine, nicht so schlimm, damit lebe ich seit rund 2 1/2 Jahren. Zwei Monate später gab es den Bekannten nicht mehr. Ein Kollege muss in die Röhre. Ist doch kein Problem, hinliegen, sich nicht bewegen, und fertig. Ja, bei mir schon. Ich denke mal, ich wurde bis anhin rund vierzehn Mal in die Röhre geschickt. Nie ein währschaftes Problem. Bei meinem Kollegen sitzt die Nadel nicht, und er blutet in der Röhre vor sich hin bis zum grauslich werden. Eine Kellersanierung steht bei einer Kollegin an, ich beruhige sie, hatte ich auch, absolut schmerzfrei. Sie ist ein wenig verunsichert, gemäss Arzt könnte es schon ein, zwei Tage schmerzen. Ach was, Ärzte, also Männer, haben keine Kellergewölbe, also können sie da nicht mitreden. Oi oi, scheint so, als ob der Arzt recht hatte, und ich die Ausnahme war mit ohne Schmerzen. Und so habe ich beschlossen in Zukunft den Mund zu halten. Wenn es meist eh nicht so ist, wie es bei mir war, dann halte ich besser die Klappe.

In mir steigt eine Theorie auf. Wenn ich, also mein Körper, zu dämlich, zu ungeschickt, zu plump ist, um Schmerzen im herkömmlichen Sinn zu spüren, zu erkennen, vielleicht ist er dann auch zu dumm und merkt nicht, wenn die Organe bei mir aussteigen. Vielleicht bin ich dann schon auf der Zielgeraden, und erst ganz,  ganz zum Schluss, also wenn es schon fast fertig ist, wird realisiert, dass da was bei mir nicht stimmt und es zu Ende geht? Wäre doch praktisch, finde ich.

Ich lasse Onki an meiner Theorie teilnehmen. Und wie meisst, kann sein, oder auch nicht. Aber es sei schon so, meint er, dass man bei mir genauer hinhören müsste, wenn ich mal von Schmerzen spreche. Tja, mehr als sagen, dass mir was weh tut kann ich doch nicht. Gibt es mehrere Möglichkeiten seine Unwohlsein kund zu tun?

Onki will was wissen. Er hat mir das letzte Mal zünftig Blut abzapfen lassen, und dass heisst dann immer, irgendwelche Laboruntersuchungen stehen an. Als Laie würde ich auf Tumormarker tippen. Muss ich ihn das nächste Mal fragen. Da hat  er schon hin und wieder so schräge Einfälle, was man sonst noch testen könnte. Er wird schon seinen Grund haben. Auch würde es mich interessieren, warum wir nach momentanter Chemo nur mit einem Antikörper weiter fahren? Nützt der zweite nix mehr? Vertrage ich ihn nicht? Zuviel mittlerweile für meinen Körper? Kann allerlei sein. Onki wird das Ganze erklären können, da muss er noch nicht mal lange grübeln, wenn ich ihn was medizinisches Frage. Meistens jedenfalls nicht.