Archiv | Oktober 2019

Willkommen

Vielleicht ist es nicht ganz die passende Begrüssung, aber es ist halt so. Mein Silberrücken ist wieder zurück. Der eine oder andere kann sich evtl. erinnern? Hierbei handelt es sich um den grössten meiner Lymphknoten am Hals. Mit 3.5cm ist er doch ziemlich ausgewachsen. Auf meine vor rund vier Wochen angebotene Wette, wie lange es dauern wird, bis sich meine Knöteriche dort und da nach Abschluss der Chemo wieder zeigen, ist ja niemand eingegangen. Auf jeden Fall ist er wieder hier, gleiche Grösse, gleiche Ortschaft, und noch immer (brav!) ohne Schmerzen. Vielleicht war es auch nicht das gescheideste, die letzten Wochen auch die Antikörper (die Wachstumshemmer meiner Tumorzellen) wegzulassen, und so wurde diese Türe wieder aufgestossen.

Irgendwie schaffte ich es nicht mehr, Termine, Arztgespräche, Behandlungen… bei jedem privaten Termin immer zuerst dran denken, geht es oder muss ich in die Onkologie, wöchentlich, über Monate. Irgendwie waren die letzten paar Wochen Freiheit für mich. Funkstille zwischen Onki und mir, Vogel-Strauss-Politik, was ich nicht sehe und nicht höre, ist inexistent. Und natürlich ist das Quatsch.

So habe ich kürzlich bei meiner Onkologie um einen Termin angefragt, so in ein zwei Wochen. Noch ein bisschen warten, bevor es wieder los geht…. Habe diesen auch zackig erhalten. Auch wenn es Onki natürlich nicht klar und deutlich schreibt, es freut ihn, dass ich weiter mache. Nach vier Jahren kennen wir uns denke ich doch gut genug, und versteht gegenseitig, was der Andere meint. Mein Krustentierchen hat mich in die Knie gezwungen, schneller als ich dachte.

Habe ein bisschen Unsinn gemacht in diesen Tagen, welchen ich durch und durch falsch eingeschätzt habe, und jetzt habe ich die Quittung dafür erhalten. Aber, kann ich mit Krustentierchen leben, werde ich auch andere Bebelie überstehen, und einmal mehr, muss ja auch.

Was ich mich in letzter Zeit hingegen öfter frage ist, wie lange klappt es noch, so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre, und dabei innerlich zerbröseln. Manchmal habe ich Angst, dass da Böses auf mich zukommt.

Gut im Schuss?

Eine Kollegin und ich machen uns auf den Weg zu einer, sagen wir, kulinarischen Köstlichkeit, mit Übernachtung. Wir kommen an einem sechser Tisch zu sitzen, und fragen uns, wer da wohl noch zu uns stossen wird. Schlussendlich sind wir nur zu viert, zwei Gäste sind nicht gekommen. Wir beschnuppern uns vorsichtig, und kommen langsam auf Touren. Es wird einer der lustigeren Abende, den ich in letzter Zeit erlebte, der Alkohol fliest in Strömen. Das mag der Stimmung sicher auch zuträglich gewesen sein. Nachdem wir alles verputzt haben dislozieren wir in die Bar. Die Livemusik ist ok, sehr viel unterhaltsamer ist jedoch, was der Tanzboden bietet. Ich bin der Meinung, man muss sich schon sehr viel Mühe geben, um die ganze Tanzerei so neben dem Takt hinzukriegen. Auf jeden Fall ist es sehr erfrischend. Die Frage nach einem Alka Seltzer wirft auch mal jemand in die Runde. Nein, habe ich nicht, aber mit Magenschonern könnte ich aushelfen, will überraschenderweise niemand.  Wir gönnen uns die eine oder andere „letzte“ Runde, und irgendwann machen wir uns hochkonzentriert auf – Richtung Zimmer. Es muss schon hochkonzentriert sein, weil man doch nicht will, dass einem die Promille schon von weitem angesehen werden.

Und dann bin ich im Zimmer, und kann aus bekanntem Grund einmal mehr nicht schlafen. Jemand der weiss, wie es sich anfühlt, müde ohne Ende zu sein, und doch nicht schlafen zu können, wird mir nachfühlen können. Irgendwann döse ich ein wenig vor mich hin, und mir kommt in den Sinn, Tabletten vergessen. Egal, das Fenster ist offen, das Zimmer kalt, jetzt stehe ich deswegen nicht mehr auf.

Nach rund vier Stunden könnte ich aufstehen, warte noch die eine oder andere Stunde ab – neben mir wird tief gemützelt – da will ich nicht stören. Und was mich nun wirklich überrascht, wache ohne Kopfweh, einen verwirrten Magen oder – und jetzt kommt es – einer beleidigten Leber auf. Weiss auch nicht genau, WAS ich von meiner Leber erwartete, irgendwas halt.

Beim Frühstück stellt sich heraus, von unserem Quartett bin ich mit dem kleinsten blauen Auge davon gekommen. Und da waren auch Testosteronträger darunter.

Einmal mehr bin ich verwirrt über meinen Körper. Nun lebt meine Leber, und somit ich auch, seit kanpp vier Jahren mit Ablegern. Und funktioniert tadellos, die Leber, bei mir harzt es manchmal ein wenig. Auch meine Lunge hat mich kürzlich überrascht. Der gemessene Sauerstoffgehalt zeigte 99% an. Das ist doch schon mal nicht schlecht. 99% trotz Ablegern, Vernarbungen, Bestrahlungsschäden.

Und einmal mehr stelle ich mir die Frage, wie lange kann ein Körper funktionieren mit Ablegern an sieben Stellen. Meiner immer noch zurfriedenstellend, kann ich zugeben.

Veränderungen

Was ich 45 Jahre lang nicht schaffte, hat mein Krustentierchen nun zum zweiten Mal locker hingekriegt – der nicht ganz freiwillige Mut zur Kurzhaarfrisur. Irgendwie kann man sich hinter langen Haaren verstecken, habe ich das Gefühl. Sie sind natürlich auch weniger anspruchsvoll. Waschen, föhnen, wenn überhaupt  (bei mir mit Kopf runter) und fertig. Kurze Haare müssen da schon ein wenig mehr in die Form gezupft werden, also meine zumindest. Kollegen und Bekannte sagen, es sehe gut aus, aber da weiss man natürlich nie, ob die Herrschaften nicht einfach nur höflich ist. Einer schiesst den Vogel ab und meint charmant, je länger ich krank bin, umso besser sehe ich aus. Ja, ich dir auch!! Weil ich manchmal, also nur vereinzelt, ganz leicht, die Tendenz habe, Leute ein wenig hoch zu nehmen – möglichst mit toternstem Gesicht – weiss ich nie, wann mit mir das Gleiche gespielt wird. Bleibt mir nur, mich mit einem Pokerface zu bedanken. Mein Gegenüber verzieht keine Miene, was mich innerlich ein wenig wurmt. Merk‘ ich mir, für’s nächste Mal.

Wir sitzen zu Zweit beim Haaredieb, und die Dame zu meiner Rechten fragt mich, wie lange ich die Haare schon wachsen liess? Ja, kann ich so genau nicht sagen, letzte Chemo war vor rund fünf Wochen. Sie hätte jetzt bald die Behandlung abgeschlossen. Aha? Sie hat eine rund zehnjährige Hormonbehandlung hinter sich (dankOnkis kürzlichem Vortrag  weiss ich wofür, wie lange und warum und überhaupt), und dann sei fertig für sie. Geheilt! Momentan, zumindest. Schön, sehr schön. Sie fragt mich, wie es bei mir aussieht. Ich erzähle in groben Umrissen, wie und was. Ich glaube, es dringt nicht ganz bis zu ihr durch. Aber macht auch nix. Zum drüberstreuen erzählt unsere Coiffeuse noch wie das war mit ihrer Mutter. Ja, war doch wieder Mal ein nettes Gespräch „unter Profis“. Sage ich es schon? Habe das Gefühl, ich ziehe Gleichgesinnte an, wie das Licht die Motten.

Krank sein verändert einen. Vor allem in der Denkweise, Prioritäten verschieben sich. Man kriegt eine andere Sicht auf die Dinge, nicht auf die meisten, aber doch auf recht viele. Was mich früher vielleicht länger hätte nachdenken lassen, schüttle ich heute eher mit einem Schultzerzucken ab. Man macht Sachen, an die man gesund nicht mal denkt, überlegt vielleicht etwas weniger und ist offener für Unbekanntes. Andererseits überlegt man in anderer Richtung sehr viel mehr und länger.  Natürlich mache ich nichts, dass irgendjemanden Schaden zuführen könnte, allenfalls treibe ich Sachen, die schlussendlich auf mich zurück fallen könnten. Aber ich will da nicht so kleinlich sein, kann ich mit Krustentierchen leben, kann auch die eine oder andere Niederlage nebenher verschmerzt werden. Da kommt mir ein Zitat der liebenden Mutter von Charlie aus „Two and a half men“ in den Sinn: “ Steh‘ auf, schüttel dir den Staub aus dem Gefieder und geh‘ weiter“.  Oder wie kürzlich ein Kollege meinte:

Man weiss erst, wie stark man ist, wenn stark sein die einzige Wahl ist, die man hat.

Wobei ich kürzlich auch die Erfahrung machen durfte, wenn man im Tief ist, sich fallen lässt,  schafft man es fast nicht mehr, hochzukommen.

Eine Ohrfeige

Wenn ich etwas mache, dann ordentlich. Und so grabe ich mich zu Hause ein, wimmle alles und jeden ab und lecke meine Wunden. Schaffe es gerade noch zum Einkaufen, wobei mir einmal liebe Kollegen den Kühlschrank füllen. Duschen und Zähne putzen kriege ich auch noch hin, aber dann war es das auch schon mit meinen Aktivitäten.

Aja, und mein Auto muss durchgecheckt werden. So lasse ich mal die Innereien desselben runter waschen. Während ich auf meinen fahrbaren Untersatz warte, setzt sich ein MA des Betriebes zu mir und fragt, wie es mir geht. Er weiss, wie es um mich steht. Ich lasse ihn wissen, dass ich die Behandlung abgebrochen habe und er sieht mich mehr als überrascht an. Dann erzählt er mir von einer ihm sehr nahe stehenden Person welche vor einem kanppen Jahr den Kampf verloren hatte, dass man auf Heilung hoffte, eine neue Behandlungsart  versuchen wollte, sie war alles bereit zu tun, um noch länger zu leben, oder alles zu überleben. Das Ganze scheiterte an Ablegern, die man drei Tage vor Beginn der Behandlung gefunden hat, und somit war auch hier der Untermieter wieder Sieger. Er erzählt es mir emotionslos, oder versucht es zumindest, und doch, sein Schmerz ist fast  räumlich spürbar. Ich wage zu behaupten hier vermutlich eine etwas feinere Antenne zu haben als „gesunde“ Leute.

Hier ist der erste Moment wo ich mich schäme. Wie muss es sich für ihn anfühlen, wenn er von jemanden wie mir hört, dass ich das Ganze abbreche, mein Leben aufs Spiel setzte, und andererseits Menschen, die alles gewillt sind zu tun, keine Chance mehr kriegen?

Mit der Schlaferei ist es momentan mehr als bescheiden, wenn ich nicht mit der chemischen Keule nachhelfe kann ich mehr oder weniger entspannt zusehen, wie der Tag ins Land zieht. So ist es recht praktisch das ich einen Bekannten habe, welcher nächtens arbeitet, und so bringe ich die Nächte, bringen wir die Nächte, dank elektronischer Medien, mehr oder weniger gut rum. Wir reden über Gott und die Welt, sind nicht immer einer Meinung, was ja auch nicht sein muss, und hin und wieder kommen wir – natürlich – auch auf meinen Untermieter zu sprechen.

Ich leere mein ganzes Selbstmitleid dessen ich fähig bin über ihn aus, und dass ich eigentlich vor rund zwei Wochen am liebsten Schluss gemacht hätte. Und er schlägt mir eine Frage um die Ohren, die mich ziemlich doof aussehen lässt. „Warum hast du es nicht gemacht“?. Ähm… Die Möglichkeiten bestehen ja, vorbereitet ist auch alles, es wäre nur ein Anruf  entfernt. Verflixt. Ziemlich dämlich, wenn man sich schon dem Seelenschmerz hingibt, sollte man genug E…. in der Hose haben, und es durchziehen. Ich nuschle mehr als ich rede „Weiss nicht, feige?“. Und er legt los, dass ich dann wohl noch nicht bereit bin dafür, dass ich noch etwas zu erledigen habe auf dieser Welt, dass die Zeit für mich noch nicht gekommen ist.

Hat er Recht? Mir kommt die Geschichte von weiter oben in den Sinn. Habe ich, hat ein Mensch, dass Recht, sein Leben weg zu werfen, während Andere keine Wahl haben und keinen Einfluss mehr auf ihr Schicksal haben und fast alles geben würden für meine Lage, im weitesten Sinn einfache Lage?

Am frühen Vormittag ist fertig mit telefonieren, und nach drei Stunden Schlaf bin ich wohl immer noch mehr als müde, aber es dreht und dreht. Und ich bin zu dem Entschluss gekommen, nein, aufgeben kann nicht die Lösung sein.

Also, weiter geht’s mit der Giftlerei, nehmen, solange ich noch nehmen kann.

Dieser Eintrag wurde am 21. Oktober 2019 veröffentlicht. Ein Kommentar

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Ich habe die Behandlung abgebrochen. Mittels Mail an meine Onkologie. Hätte mich noch melden sollen, was ich auch getan habe mit „ja, bitte?“.

Mein Onkologe meint, ich sollte doch in vier, spätestens sechs Wochen, die regelmässigen Behandlungen wieder aufnehmen. Nur, irgendwie, und ich kann nicht beschreiben wie ich auf diesen Gedanken kommen, fühle ich mich, mein Körper langsam durch die ewigen Behandlungen misshandelt, nicht behandelt.

Seit rund 46  Monten verging nicht eines davon, ohne das man mir Gift rein getrichtert hat, ein knappes Jahr davon wöchentlich, ein paar Monate mittels Tabletten täglich, die Antikörper sowieso immer.

Nun habe ich eine bakterielle Entzündung, für welche vermutlich irgendwelche Viren  den Weg geebnet haben. Also nun Penicillin. Die Blutverdünner, den Magenschoner, nehme ich noch, solange ich diese noch zu Hause habe.

Ich weiss nicht, was ich in sechs Wochen machen werde.

Ausser weinen und absolute, grenzenlose Angst ist momentan nicht viel zu holen bei mir.

Dieser Eintrag wurde am 12. Oktober 2019 veröffentlicht. 6 Kommentare