Archiv | Dezember 2019

Immer das Gleiche

Wiedermal schlage ich mich mit einem Infekt rum. Ich huste mir die Seele raus. Und positiv wie ich meinem Krabbler gegenüber eingestellt bin, denke ich grundsätzlich mal, er legt los. Erst mal mache ich mich über mein Bad her, was es so her gibt in Sachen Hilfsmittelchen. Werde fündig. Einen Hustenlöser in Tropfenform – die Hausfrauenvariante – der muss am Tag herhalten. Dann finde ich noch meinen kortisonhaltigen Asthmaspray, auch der kann nicht schaden.  (Und nach nur drei Tage merke ich, schnell wie ich bin, dass dieser leer ist und gar nix bringt). Meine Schatztruhe für Erwachsene (eine Schüssel voller Medikamente) lässt mich friedlich schlafen – Codein in Tablettenform. Codein unterdrückt im Hirn den Hustenreiz und wird in der der Leber zu Morphin verstoffwechselt. So ganz vereinzelt verstehe ich Drogenabhängige. Es ist ein entspannendes Gefühl und tut gut. Trotzdem, ich muss zum Arzt, mir gehen meine kleinen Helfer aus.

So lasse ich die Feiertage vorbei gehen, melde mich mittels Mail einen Tag vorher in der Onkologie an und schneie bei Onki rein. Die ewige Husterei (Codein nimmt man nicht wie Tic Tac, zu gefährlich, dass man von dem Zeug abhängig wird, also nur für die Nacht) am Tag hat mir einen gewaschenen Muskelkater im Bauch besorgt, bei jeder Husterei schmerzt auch der Kopf, was ich ja gar nicht kenne im Normalfall, und irgendwie bin ich ziemlich unsicher auf den Beinen. Onki sieht es mir an. Puls und Sauerstoffsättigung getestet, die Lunge abgehört (es ist keine Lungenentzündung – danke auch, brauche ich nicht), Blut wird durch Maschinen gejagt und dann sind wir dort wo ich schon zu Beginn war. Ein Infekt. Codein und Paracetamol, die Mittel der Stunde. Und ich stelle erstaunt fest, dass von Onki direkt verabreichte Paracetamol ist rezeptpflichtig und ein ziemlicher Bomber. Ist mir gar nie in den Sinn gekommen, dass man für so allgemeines Unwohlsein auch ein Schmerzmittel schlucken kann oder muss. Werde noch gefragt, ob ich ein Arbeitszeugnis brauche, nein, habe sowieso frei. Und weil es ein viraler Infekt ist nützen auch Antibiotika nichts. Muss ich aussitzen, meint Onki. Also sitze ich. Meine Planerei über die Tage kann ich in den Wind schiessen.

Nicht nur mir, auch Onki fällt auf, dass meine Infekte in letzter Zeit zunahmen. Ja, mein Immunsiystem sei nicht auf der Höhe, und Onki weiss auch nicht, ob das nochmals anders wird. Ich arbeite in einem Grossraumbüro und die sogenannte Klimaanlage dort ist meiner Meinung (auch der Meinung vieler Kollegen) nach eine Alibiübung, bestenfalls wirbelt sie die Luft durcheinander und spuckt diese dann wieder irgendwo aus. So vieles merkt man nicht, wenn man gesund ist. Ist man dies nicht mehr, dann kommen Sachen auf, an die man früher gar nie gedacht hat.

Also warte ich mal auf das nächste Jahr, und weiter mit dem ganzen Mist.

Ein schönes, gutes und gesundes Jahr wünsche ich.

War zu erwarten

Sieben Wochen Auszeit haben meine Tumormarker auf Trab gebracht – sie schiessen durch die Decke. Dafür ist mein Eisenwert im Keller. Und die schleichende Niereninsuffizienz macht sich breit. Für die Tumormarker wird es mal wieder eine ordentliche Chemo geben, incl. Haarverlust, kaputte Schleimhäute usw. Onki wartet auf mein Ok wann ich mit dem ganzen Mist beginnen mag. Und ich mag nicht. So langsam kann mir alles mal so richtig den Buckel runter rutschen. Ein PetCt würde wohl auch nicht schaden, doch wozu? Das weiss ich selber auch, dass es da rund geht bei mir. Meinen Eisenwert versuche ich selber aufzupäppeln mittels Fleisch und Nahrungsergänzungsmittel. Nützt dies nichts, dann gibt es hinter den Antikörper noch eine Eisenifusion. Die Niereninsuffizienz ist schon lange bekannt, nimmt halt zu, vermutlich wegen einem Lymphknoten, welcher den Abfluss zudrückt, somit kann die Niere nicht mehr korrekt arbeiten. Da könnte man analog zum Herzen Stands legen, was eine hohe Entzündungsgefahr birgt da man ja „von unten her“ quasi offen zur Umwelt ist. Und sonst halt Wasser Einlagerungen, Nierenversagen, ach, wie oft habe ich den ganzen Schrott schon geschrieben? Es ist wohl bekannt, nehme ich an. Das sind alles so kleine Nebenerscheinungen meines Krabblers, könnten aber auch spannend werden.

Kürzlich war ich notfallmässig im Ausland im Spital, Abklärungen einer Thrombose. Es war halb drei Uhr morgens, ich war der einzige Patient, und gleich zu Beginn lies mich die Ärztin wissen, dass und wie lange sie schon Dienst schiebt, und auch das sie froh wäre, wenn wir das schnell abhandeln können. Aber ja. Ich bitte um zwei 1800 Fragmin Spritzen und schon bin ich wieder weg. So schnell dann doch nicht. Ich nehme ja Blutverdünner, und da könnte man doch nicht einfach noch drauf los spritzen. Doch, kann man schon. Ich hole Onki zum Bett raus, er gibt sein OK, die Ärztin zickt immer noch rum. Es wird gelabort, sprich, man nimmt mir Blut ab, und mein Saft wird durch die Maschinen gejagt. Selten mal wurde mir eine Nadel dermassen zackig in den Arm gerammt, Arterie gefunden, blauer Fleck für rund zwei Wochen. Sie hört meine Lunge ab, da soll sie sich mal keine zu grosse Hoffnung machen, tastet meinen Bauch ab, wozu jetzt das usw. usf. Bei einer Thromboseabklärung werde auch der ganze Körper untersucht. Und ich denke mir, Mäderl, ich stehe unter medizinischer Beobachtung vom Feinsten, was da alles nicht tut wie es soll weiss ich schon, Das wäre dann meine vierte Thrombose, ich weiss, was ich zu tun habe. Ob ich noch ein EKG möchte? Hä? Nein! Und sie könnte mir anbieten, stationär aufgenommen zu werden. Für was? Nur liegen kann ich auch im Hotel um die Ecke, da brauche ich kein Spitalbett. Nachdem ich mir den Mund fusselig geredet habe rücken die zwei Damen mit den von mir gewünschten Spritzen raus. Ob ich noch sterile Tupfer benötige. Ja bitte. Kenne niemanden, welcher sich ohne Spritzen, dafür mit sterile Tupfer im Koffer auf Reisen macht. Sie wollen mir auch gleich eine Spritze geben. Danke, nein, mache ich selber. Ein schräger Blick. es blickt zurück, ich kriege die Spritzen und wackel in mein Hotel. Zwei Stunden hat das Ganze gedauert. Unter „schnell machen“ verstehe ich etwas anderes.

Das Wochenende drauf bin ich in einer nördlichen Stadt, und falle fast im stehen um vor Müdigkeit. Aber nun bin ich schon mal hier, also Arschbacken zusammen gekniffen und durch. Es ist kalt, vor allem windig, und ich ziehe an was mein Koffer her gibt. Die Stadt ist schön, keine Frage, wunderbar beleuchtet, aber mit ein bisschen weniger Wind hätte ich sie auch genommen.

Jetzt also noch die Feiertage hinter sich bringen, und wie heisst es so schön, neues Jahr, neues Glück? Ähm, nein, neues Jahr, neue Behandlung  Freude herrscht.

Vorsicht – Nachsicht – Aufsicht

Um neun Uhr morgens bin ich wieder mal unterwegs  zur Giftlerei. Rechtzeitig, also muss ich auch nicht hetzen beim Fahren. Rechts sehe ich eine ältere Dame mit Hund unterwegs. Biege rechts in die Durchgangsstrasse eines Dorfes und halte mein Auto an. Vor mir ein Fussgängerstreifen. Und rechts davon steht ein Kind. Ein Kleinkind. Zwei, maximal drei Jahre. Ich schau‘ mich um. Kein Erwachsener weit und breit. Wem gehört dieses Kind? Es sieht nicht verwahrlost aus, nicht offensichtlich misshandelt. Auf der Gegenfahrbahn stehen bereits drei Autos. Will mich nicht als grossen Wohltäter aufspielen, aber überlege mir kurz, den kleinen Menschen mitzunehmen, zur nächsten Polizeidienststelle. Therapie hin oder her. Und dann biegt die ältere Dame mit Hund um die Ecke. Sie sieht, was los ist und legt den Turbo ein. Dame, Hund und Kind überqueren die Strasse. Ich kann mich nicht beherrschen, öffne das Fenster und rufe der Dame zu „Das nenne ich Mut“. Sie sieht mich schockiert an. Ja, hoffentlich auch! Jede Wette, wenn ihr Hund ausser Sichtweite gelangt wäre Richtung Durchgangsstrasse, sie wäre zügig hinterher. Aber bei einem Kleinkind scheint dies offensichtlich nicht nötig.

Bei Onki frage ich mal schüchtern, was denn so als nächstes anstehen würde, wenn mein Körper Zeichen gibt, und die Röhre bestätigt, dass da wieder mehr läuft? Also, so im grossen und ganzen würde halt wieder eine dämliche Chemo anstehen. Keine zielgerichtete, stilmässig wie die Allererste. Was heisst, Haare weg, Schleimhäute die zum Teil austrocknen, Hautprobleme. Und irgendwann erwarte ich schon mal eine Chemo mit gepflegtem Erbrechen. Wäre dann meine fünfte Chemo. Ich murmle vor mich hin, dass ich aus diesem Hamsterrad wohl nie mehr rauskommen werde. Onki schweigt Und wenn Onki in so einem Fall schweigt, ist dies Zustimmung. Dreck, elendiger.

Weil es mir recht gut geht, lassen wir die Röhre (noch) Röhre sein. Ist auch gut so. Interessiert mich momentan nicht, was da in meinem Körper abgeht. Wozu auch? Kann es eh nicht ändern. Und momentan, eigentlich seit vier Jahren, ist Deckel drauf halten angesagt, dass es darunter kocht, wissen wir, Onki und ich. Die Schmerzen an den Schultern, so zwei, drei Tage nach der Therapie ist nicht dem Anti-Körper zuzuordnen, sondern dem Kortison. Ja, muss, sich ja auch irgendwie melden, dass es in meinem Körper rum schwirrt, neben Krustentierchen, anderen Medis und ein paar gesunden und anderen Organen.

 

Identifizieren

Bin auf dem nach Hause Weg und sehe eine Kollegin vor ihrem Haus im Garten werkeln. Schnell eingebremst und den Kopf raus stecken, ob sie einen Kaffee locker macht? Sie sieht mich etwas verständnislos an. Sitze in einem leidlich sauberen Auto, also ganz wie ein Penner kann ich nicht aussehen. Und dann fällt bei mir der Groschen, sie erkennt mich nicht mit meinen Haaren. Jetzt muss mein Untermieter helfen „Ich bin die mit dem Krebs“. Ahhh, ein Licht geht auf und Kaffee wird aufgetischt. Was soll ich nun davon halten, dass man mich über meinen Krabbler wieder erkennt? Grübel grübel und studier,…., EAV lässt grüssen. Später gehen wir noch etwas essen, wir ratschen ordentlich lang und nehmen uns fest vor, bis zum nächsten Treffen nicht mehr so lange zu warten.

Adventszeit steht an. Vermeide es tunlichst, Weihnachtslieder zu hören. Die Erfahrung hat mir gezeigt, da ist alles beim Alten, diese ziehen mich runter. Weil es damals in der Adventszeit los gegangen ist. Bald habe ich meinen vierten Jahrestag, welcher der Start von Chemo usw. bedeutet. Einen Jahrestag zur Beendigung meiner Behandlung werde ich nie haben. Ein anderer Jahrestag hingegen wird irgendwann mal eintreten.

Mache mich heute wieder mal auf die Suche nach Tabletten in der Apotheke. Habe gelernt, mich telefonisch in der Apotheke meines Vertrauens zu erkundigen, ob das Gewünschte an Lager ist. Zu oft habe ich mich schon vergebens auf den Weg gemacht.  Meine Rezepte sind praktisch immer für Familienpackungen ausgestellt. Macht auch Sinn, schlussendlich ist das eine oder andere dabei, welches ich bis auf weiteres schlucken darf. Mal schauen ob es klappt. Wenn alle Stricke reissen besorgt es mir Onki, und ich kann mich gifttechnisch bei ihm eindecken. Hoffe nicht, dass er die Dinger selber im Keller zu Hause kocht. Viel eher schon, dass er da einen etwas zackigeren Versorgungskanal am laufen hat. Von irgendwoher kriege ich meine Globulis immer. Sicher auch jetzt.