Archiv | Mai 2020

Verwirrend

Manchmal überraschen mich Fragen. Als ich vor kurzem einer Kollegin erzählte, dass da wieder Chemo in mich reingetrichert wird, und diese auch schon geholfen hat, kommt doch tatsächlich die Frage zurück, ob mein Port (der unter der Schulter eingesetzte Infusionskatheder) immer noch brav seine Dienste tut? Ich verstehe zuerst gar nicht, worum es geht? Erst beim Nachfragen stelle ich fest, sie will tatsächlich wissen, ob mein Port noch tut wie er soll. Ja, tut er. Eigenartig, dass wurde ich noch nie gefragt. So ein Port ist schon eine feine Sache. Meine Venen sind für die Tonne. Es ist nicht so lässig, wenn am Fuss Blut abgezapft werden muss, weil die Venen davonrollen, platzen, was auch immer, auf jeden Fall nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, wären meine Chemos immer über die Venen am Arm gelaufen, wären diese nach viereinhalb Jahren wohl komplett verbrannt, kaputt, aus und fertig damit. Aber so bin ich da fein raus.

Kann es sein, dass es irritierend ist, wenn ich sage, dass es mir seit Beginn der Chemo wieder besser geht? Vermutlich klingt es eher anders, wenn sich jemand mit Gift regelmässig auffüllen lässt? Nun ist es tatsächlich so, dass die Schmerzen zurück gegangen sind, die Knoten am Hals, bis auf Silberrücken, bereits weg und  der Husten momentan recht selten geworden ist, und auch die Schmerzen im allgemeinen verschwunden sind. Am Telefon plausche ich mit einer Kollegin, und ebendies erzähle ich ihr. Sie verstummt und meint dann schliesslich „Ich lass‘ das mal so stehen“. Ja, eine andere Möglichkeit hat das Mädchen auch nicht. Ich bin kein Held, wenn es mir schlecht geht, sage ich dies, und wenn es mir (wieder) besser geht, auch. Da sehe ich keinen Grund hin und her zu flunkern, warum auch?

Eine Bloggerei ist manchmal doch eine recht praktische Sache. So darf ich feststellen, dass ich mir ewiges Gerede über mein Krustentierchen bei Kollegen ersparen kann, auch wenn ich diese schon länger nicht mehr gesehen habe. Sie lesen hier mit, und so können wir uns den schöneren, lustigeren, unterhaltsameren Themen widmen. Weil es ja halt doch recht oft immer die gleiche Leier bei mir ist, wie schon ein paar Mal geschrieben. Wieder mal Chemo, Antikörper nontstop, da und dort ein Zipperlein mehr, Ableger  und das Beigemüse, was soll’s. Und ja, mittlerweile bin ich tatsächlich soweit, dass ich schneller bin, wenn ich aufzähle, welche Organe, Körperregionen bei mir noch nicht betroffen sind. Krustentierchen hat die Überhand gewonnen. Das ich manchmal ganz leichte Kopfschmerzen habe, verdränge ich erst Mal. Ich will nocht keine Kopfmetas, ich will einfach nicht. Weiss gar nicht, ob ich es Onki erzählen soll. Und ich weiss auch nicht, ob er hier mitliest. Was auch egal ist, er weiss ja eh meist vor mir und meinem Körper, was als Nächstes ansteht. Hirnmetas – Endstadium bei Brustkrebs, bitte (noch) nicht. Andererseits, ich bin schon recht lange ziemlich fix unterwegs für die Art von Untermieter. Und ich gebe es zu, mittlerweile bin auch ich überrascht, dass es mir doch verhätlnismässig lange so gut geht. Da habe ich zu Beginn was ganz anderes erwartet.

Ein Bekannter von mir hat es mal auf den Punkt gebracht. War bei ihm zu Besuch, wir waren eine recht fröhliche Runde am Tisch, nur war er für seine Verhältnisse ziemlich schweigsam. Da helfe ich ihm auf die Sprünge, finde ich, und frage, ob er denn heute nichts zu sagen hätte? Da meint er doch in seiner allseites bekannten, charmanten Art „Nein, dir nicht, weil so etwas wie du normalerweise schon lange tot ist“. Und das reicht nicht, eigentlich geben ihm alle am Tisch Recht. Da hat er Pech, noch bin ich hier ihn zu ärgern, lasse ich ihn wissen. Alle am Tisch, incl. mir, verstanden, dass es für seine Verhältnisse ein ordentliches Kompliment war, so im Stil “ Es freut mich aufrichtig, dass es Dir immer noch so gut geht, auch wenn es fast nicht zu glauben ist“. Seine Aussagen kommen bei ihm nie im herkömmlichen Stil über die Lippe, nein, er packt es immer in schmissige Sätze, was er zu sagen hat. So ist es mir auch lieber.

Nach Hause kommen

Ja, ein klein wenig war es wie nach Hause kommen, als ich wieder in Onkis Laden eindrudelte. Nach drei-monatiger-Abwesenheit kennen mich immer noch alle beim Namen. Na ja, vier Jahre hatten sie ja Zeit, sich diesen zu merken. Der Chemoraum ist leer und ich darf mir einen Stuhl aussuchen. Mein allererster wird es, da, wo ich zu Beginn rund fünf Stunden gesessen bin. Sämtliches Lesematerial ist nicht mehr vorhanden, (wie komme ich jetzt zu meinem wöchentlichne GEO – Artikel?), der Kaffee kommt im Einwegbecher daher, und alle Mitarbeiter tragen einen Mundschutz. Bei Eintritt in die Praxis wird zuerst die Temperatur gemessen. Hm. COVID-19 all over.

So liege ich also etwas gelangweilt am Tropf und belästige via WhatsApp ein paar Bekannte. Irgendwann huscht Onki im Stechschritt vorbei. Hui, ihm brennt der Hut, will heissen, sieht aus, als ob er wirklich viel zu tun hätte. Die eine oder andere Chemodame kommt auf einen Schwatz vorbei. Auch Onki setzt sich irgendwann auf ein kleinen Plausch zu mir. Wir hatten offiziell keinen Gesprächstermin, er hat schlichtweg zuviel zu tun. Mir aber ist es lieber wenn nach fünf Wochen behandlungsfreier Zeit doch mal wieder Gift in mich geleitet wird, wenn es sein muss auch ohne Plauscherei mit Onki.  Wir gehen im Schnelldurchgang die letzten 12 Wochen durch, was passiert ist usw., auf beiden Seiten.

Husch husch frage ich ihn noch wie es denn nun mit meinem Silberrücken aussieht, wenn der weiterhin so weh tut muss was gemacht werden. So geht das nicht. Mein Vorschlag, das Ungemach rauszuschnetzeln kommentiert er mit, „voerher verbraten wir ihn“. Ja klar, warum habe ich nicht daran gedacht. Bestrahlung ist des Rätsels Lösung. Aber nun warte ich zuerst ab, wie und ob die Chemo, so wie das letzte Mal, die Dinger an meinem Hals schrumpfen lässt. So Bestrahlung ist ja nun auch nicht ein Zuckerschlecken. Flugs hat Onki einen Handschuh übergestreift und tastet an meinem Hals rum. Ja, hart isser, und gross geworden, Ich weiss, laufe ja täglich mit ihm rum. Warten, wie die Chemo tut. Auch wenn ich weiss, die Chemo hilft immer weniger. Sie hilft, aber eben, immer weniger. Sonst hätte ich keinen Schlenker zur Studie gemacht.

Zytostatiken Studien werden immer von der Herstellerfirma finanziert. Gut, das werden alle Medikamentenstudien. Bei regulären Studien werden die Probanden auch bezahlt. Bei Krebsmittel werden einem die Fahrkosten erstattet, mehr nicht. So zumindest stand es in den rund 22 Seiten der Studienunterlagen. Ich erhalte auch eine Abrechnung für die Fahrten mit der Bitte, diese für gut zu befinden und meine Bankverbindung anzugeben. Habe den IBAN auch schon reingehackt als ich auf die Summe schaue. Ne, oder? Die wollen mich mit einer Pauschale abfertigen? Da rufe ich doch mal im Spital an. Ja, das Spital rechne mit mir ab, überweist mir das Geld und fordert es anschliessend vom „Sponsor“, wie sich die Medikamentenbude nennt, ein. Nun weiss man ja, so Mediläden nagen nicht wirklich am Hungertuch. Ich hätte doch bitte gerne die schriftlich zugesicherte Entschädigung für die Fahrten. Man wird nachfragen. Und tatsächlich, es klappt. Die Summe  wird fast verdreifacht. Es geht nicht um die Summe als solches, aber seien wir ehrlich, so eine Pharmabude kommt nicht in die roten Zahlen, wenn sie ihren Versuchskaninschen das korrekte Fahrgeld ausbezahlt. Hätte das Spital die Kosten übernommen, wäre ich ruhig geblieben. Das Spital und seine Mitarbeiter hat einen wirklich guten Job gemacht, das reicht mir schon.

Streiten um Geld mache ich immer gerne, die Höhe der Summe ist mir da egal. Korrekte Rechnung macht gute Freunde, ist meine Devise.

Nun also seit ein paar Tagen wieder Chemo in mir. Und ein ganz eingenartiges Gefühl von Sicherheit macht sich in mir breit. Ich weiss, die Chemo geht gegen die Tumorzellen, also hoffentlich auch gegen die dämlichen Dinger in der Lunge, und der Antikörper bremst Her2 ein. Ich weiss auch, wie es zu und her geht. Die erste Nacht liege ich rund 16 Stunden flach trotzt Kortison, nur hat mir MPi ein Schlafmittel besorgt, dass mich platt macht. Und das ganze Gestell tut weh. Auch das kenne ich. Also Schmerzmittel rein. Und das Codein für gegen den Husten. Ja, wie schon ein paar Mal gesagt, ich zicke nicht mehr gross rum mit Medis, wenn mir etwas hilft nehme ich es und fertig und aus. Nach zwei, drei Tagen sind es vor allem die Schultern, die schmerzen. Das habe ich dem Kortison zu verdanken. Aber, aber, alles ok, so lange nicht erbrechen und solange es auf der Lunge hilft. Man wird bescheiden und für ein wenig Hilfe dankbar, stelle ich fest. Und das die herkömmlichen Chemos immer weniger helfen, schon helfen, aber halt immer weniger – ich schiebe es zur Seite. Es ist das Einzige, was ich noch machen kann.

Falls das Wasser wieder auftaucht werde ich doch eine Pleurodese machen lassen müssen. Eine liebe Kollegin von mir, und sie ist quasi vom Fach, hat dies prosaisch mit „Lungenpickerei“ umschrieben. Ja, ist es im Prinzip auch.

Hatten wir schon

Die Entscheidung ist gefallen. Die Chemo mit Antikörper wird es werden. Nächste Woche geht es los, wieder bei Onki.  Und erfahrungsgemäss legt mein Krabbler zu wenn da nichts an Gift in mich hinein getrichtert wird. Dies ist nun schon fünf Wochen der Fall und üblicherweise meldet sich die Lunge. Und mein Schnauforgan lässt mich auch jetzt nicht im Stich, will heissen  das Atmen wird zusehends schwieriger. Erfahrungsgemäss geht es schnell, wenn es los geht. Also, MPi muss her. Und zwar MPi deswegen weil er mich dort kann anmelden, wo das abziehen des Wassers für meine Begriffe etwas schmerzfreier funktioniert. Die Herrschaften kenne ich dort bereits, zur Corona Zeit haben wir begonnen uns fusselnd zu begrüssen während wir uns fröhlich anlachen. Auf jeden Fall geht dort eine Anmeldung ruchzuck, Anruf bei MPi, Anruf der Disposition der Pneumologie und am nächsten Tag steht der Termin, Blutverdünner absetzten nicht vergessen. Eigentlich könnte ich mich auch direkt anmelden. Herr Disponent und ich kennen uns von einer kleinen Plauscherei, und er hat versprochen, ich darf jederzeit und immer anrufen für einen Termin. Jedenfalls wird der Ultraschall ans Licht bringen, ob es Wasser ist, welches mich tief schnaufen lässt – oder doch die wachsenden Ableger. Wasser abziehen wäre sofort die Lösung. Für die Ableger hoffe ich auf die Chemo.

Manchmal denke ich mir schon, irgendwo sitzt da oben einer, der will mir ganz fürchterlich eines auswischen. Was ich wohl angestellt habe, dass ich nie vergessen werden, wenn es wieder schlechter wird? Neben meiner Lunge ist es mittlerweile auch Silberrücken, der sich bemerkbar macht. Für die Desinteressierten und sporadisch Mitleser, mein Silberrücken ist der mittlerweile rund 5 cm grosse Lymphknoten linksseitig an meinem Hals, und steinhart. Er wird treu begleitet von vier weiteren Knoten, dafür kleiner. Gut sichtbar und auch spürbar. Auf jeden Fall ist Silberrücken nun gut spürbar, auch im sitzen, wenn ich mich nicht bewege. Das ist neu. Und nach rund fünf Minuten gehen oder laufen beginnt er enorm weh zu tun, so weh, dass ich mir die Schulter hochziehe und den Kopf schräg lege. Das dies total bescheuert aussieht, damit kann ich leben, aber ich frage mich, wann chronische Rückenschmerzen treue Begleiter werden, wenn ich immer so verbogen rum laufe. Bis anhin kenne ich keine Rückenschmerzen, worüber ich ziemlich froh bin. Und natürlich, allwissend wie ich bin, weiss ich auch warum dies so ist. Ich habe im grossen und ganzen immer einen weiten Bogen um High Heels gemacht. Mit meiner Grösse schaffe ich die Durchschnittsgrösse des Mannes, mit High Heels bewaffnet reduziert sich ein für mich in Frage kommender Mann grössentechnisch gesehen trastisch. Also habe ich diese Dinger meist weg gelassen. Falls die Chemo keinen Einfluss auf die Grösse von Silberrücken hat werde ich Onki mal anfragen, ob man diesen auch raus nehmen kann. Meine Erklärung für die Schmerzen ist, dass er mittlerweile zu viel Platz braucht oder/und irgendwo auf einen Nerv drücken. Man wird sehen.

Covid-19 ist meinen Finanzen zuträglich. Schaffe es momentan nicht, gleich viel Geld wie normalerweise üblich auszugeben. Aber ich bin erfinderisch und investiere das Überbleibsel in Telefongespräche. International, weil es sich sonst ja nicht lohnt. Aber natürlich auch national. Eine liebe Kollegin von mir wohnt sehr idyllisch, praktisch in den Bergen. Das kann ich von mir nicht behaupten. So wie sie mir erzählt hat, wird die Bergregion wochenends praktisch von uns Flachländern überrannt. Das ist noch verständlich, da man endlich mal raus will. Was nun schon eher das wahre Gesicht von uns Menschen zeigt, unseren Egoismus, ist, dass trotz Feuerverbot oft und gerne die Wurst über einem kleinen Feuer gebraten wird. Sieht aus, als ob das offizielle Feuerverbot nur um die eigene Adresse herum einzuhalten wert ist. Passenderweise lese ich auch irgendwo, dass Littering, also das liegen lassen von Abfall, zunimmt. Auch davon erzählt mir meine Kollegin. Ja, so sauber und ordentlich wir es gerne zu Hause haben, sobald wir glauben, niemand sieht uns, verändern wir unser Verhalten dahingehend, dass wir es öffentlich nie zugeben würden. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, würde solches Verhalten weit in Abrede stellen. Es sind immer die Anderen.

Mein hochoffizielles Arbeitsverbot würde mir ermöglichen, dass ich losziehen könnte, in die Bergregieon, wo unter der Woche nicht ganz so viele Flachlandindianer rumschleichen. Nur, mit meiner Lunge bin ich schon froh, wenn ich es von der Tiefgarage in meine Wohnung schaffe. Und nun bin ich wieder dort wo ich heute begonnen habe – meine Hoffnung ist die Chemo.

Dieser Eintrag wurde am 2. Mai 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare