Hatten wir schon

Die Entscheidung ist gefallen. Die Chemo mit Antikörper wird es werden. Nächste Woche geht es los, wieder bei Onki.  Und erfahrungsgemäss legt mein Krabbler zu wenn da nichts an Gift in mich hinein getrichtert wird. Dies ist nun schon fünf Wochen der Fall und üblicherweise meldet sich die Lunge. Und mein Schnauforgan lässt mich auch jetzt nicht im Stich, will heissen  das Atmen wird zusehends schwieriger. Erfahrungsgemäss geht es schnell, wenn es los geht. Also, MPi muss her. Und zwar MPi deswegen weil er mich dort kann anmelden, wo das abziehen des Wassers für meine Begriffe etwas schmerzfreier funktioniert. Die Herrschaften kenne ich dort bereits, zur Corona Zeit haben wir begonnen uns fusselnd zu begrüssen während wir uns fröhlich anlachen. Auf jeden Fall geht dort eine Anmeldung ruchzuck, Anruf bei MPi, Anruf der Disposition der Pneumologie und am nächsten Tag steht der Termin, Blutverdünner absetzten nicht vergessen. Eigentlich könnte ich mich auch direkt anmelden. Herr Disponent und ich kennen uns von einer kleinen Plauscherei, und er hat versprochen, ich darf jederzeit und immer anrufen für einen Termin. Jedenfalls wird der Ultraschall ans Licht bringen, ob es Wasser ist, welches mich tief schnaufen lässt – oder doch die wachsenden Ableger. Wasser abziehen wäre sofort die Lösung. Für die Ableger hoffe ich auf die Chemo.

Manchmal denke ich mir schon, irgendwo sitzt da oben einer, der will mir ganz fürchterlich eines auswischen. Was ich wohl angestellt habe, dass ich nie vergessen werden, wenn es wieder schlechter wird? Neben meiner Lunge ist es mittlerweile auch Silberrücken, der sich bemerkbar macht. Für die Desinteressierten und sporadisch Mitleser, mein Silberrücken ist der mittlerweile rund 5 cm grosse Lymphknoten linksseitig an meinem Hals, und steinhart. Er wird treu begleitet von vier weiteren Knoten, dafür kleiner. Gut sichtbar und auch spürbar. Auf jeden Fall ist Silberrücken nun gut spürbar, auch im sitzen, wenn ich mich nicht bewege. Das ist neu. Und nach rund fünf Minuten gehen oder laufen beginnt er enorm weh zu tun, so weh, dass ich mir die Schulter hochziehe und den Kopf schräg lege. Das dies total bescheuert aussieht, damit kann ich leben, aber ich frage mich, wann chronische Rückenschmerzen treue Begleiter werden, wenn ich immer so verbogen rum laufe. Bis anhin kenne ich keine Rückenschmerzen, worüber ich ziemlich froh bin. Und natürlich, allwissend wie ich bin, weiss ich auch warum dies so ist. Ich habe im grossen und ganzen immer einen weiten Bogen um High Heels gemacht. Mit meiner Grösse schaffe ich die Durchschnittsgrösse des Mannes, mit High Heels bewaffnet reduziert sich ein für mich in Frage kommender Mann grössentechnisch gesehen trastisch. Also habe ich diese Dinger meist weg gelassen. Falls die Chemo keinen Einfluss auf die Grösse von Silberrücken hat werde ich Onki mal anfragen, ob man diesen auch raus nehmen kann. Meine Erklärung für die Schmerzen ist, dass er mittlerweile zu viel Platz braucht oder/und irgendwo auf einen Nerv drücken. Man wird sehen.

Covid-19 ist meinen Finanzen zuträglich. Schaffe es momentan nicht, gleich viel Geld wie normalerweise üblich auszugeben. Aber ich bin erfinderisch und investiere das Überbleibsel in Telefongespräche. International, weil es sich sonst ja nicht lohnt. Aber natürlich auch national. Eine liebe Kollegin von mir wohnt sehr idyllisch, praktisch in den Bergen. Das kann ich von mir nicht behaupten. So wie sie mir erzählt hat, wird die Bergregion wochenends praktisch von uns Flachländern überrannt. Das ist noch verständlich, da man endlich mal raus will. Was nun schon eher das wahre Gesicht von uns Menschen zeigt, unseren Egoismus, ist, dass trotz Feuerverbot oft und gerne die Wurst über einem kleinen Feuer gebraten wird. Sieht aus, als ob das offizielle Feuerverbot nur um die eigene Adresse herum einzuhalten wert ist. Passenderweise lese ich auch irgendwo, dass Littering, also das liegen lassen von Abfall, zunimmt. Auch davon erzählt mir meine Kollegin. Ja, so sauber und ordentlich wir es gerne zu Hause haben, sobald wir glauben, niemand sieht uns, verändern wir unser Verhalten dahingehend, dass wir es öffentlich nie zugeben würden. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, würde solches Verhalten weit in Abrede stellen. Es sind immer die Anderen.

Mein hochoffizielles Arbeitsverbot würde mir ermöglichen, dass ich losziehen könnte, in die Bergregieon, wo unter der Woche nicht ganz so viele Flachlandindianer rumschleichen. Nur, mit meiner Lunge bin ich schon froh, wenn ich es von der Tiefgarage in meine Wohnung schaffe. Und nun bin ich wieder dort wo ich heute begonnen habe – meine Hoffnung ist die Chemo.

Dieser Beitrag wurde am 2. Mai 2020 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Hatten wir schon

  1. Ich habe Dich gelesen, ich lese Dich und schicke liebe Grüße.
    Himmel, von Dir könnte ich mir (wenn Du es zulassen würdest, öhöm ) eine dicke Scheibe abschneiden.
    Bei mir schnieft gerade das Seelchen. Laut!
    Bea

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    • Bea,
      was ist los? Es klingt düster bei Dir!
      Möchtest Du mir schreiben auf „krustentierchen@bluewin.ch“, muss ja nicht alles immer so öffentlich sein.
      Eine Scheibe könntest Du gerne haben von mir – da ist immer noch genug von mir. 🙂
      Also, melde Dich, wenn Du magst.
      Liebe Grüsse
      Dein Krustentierchen

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