Nach Hause kommen

Ja, ein klein wenig war es wie nach Hause kommen, als ich wieder in Onkis Laden eindrudelte. Nach drei-monatiger-Abwesenheit kennen mich immer noch alle beim Namen. Na ja, vier Jahre hatten sie ja Zeit, sich diesen zu merken. Der Chemoraum ist leer und ich darf mir einen Stuhl aussuchen. Mein allererster wird es, da, wo ich zu Beginn rund fünf Stunden gesessen bin. Sämtliches Lesematerial ist nicht mehr vorhanden, (wie komme ich jetzt zu meinem wöchentlichne GEO – Artikel?), der Kaffee kommt im Einwegbecher daher, und alle Mitarbeiter tragen einen Mundschutz. Bei Eintritt in die Praxis wird zuerst die Temperatur gemessen. Hm. COVID-19 all over.

So liege ich also etwas gelangweilt am Tropf und belästige via WhatsApp ein paar Bekannte. Irgendwann huscht Onki im Stechschritt vorbei. Hui, ihm brennt der Hut, will heissen, sieht aus, als ob er wirklich viel zu tun hätte. Die eine oder andere Chemodame kommt auf einen Schwatz vorbei. Auch Onki setzt sich irgendwann auf ein kleinen Plausch zu mir. Wir hatten offiziell keinen Gesprächstermin, er hat schlichtweg zuviel zu tun. Mir aber ist es lieber wenn nach fünf Wochen behandlungsfreier Zeit doch mal wieder Gift in mich geleitet wird, wenn es sein muss auch ohne Plauscherei mit Onki.  Wir gehen im Schnelldurchgang die letzten 12 Wochen durch, was passiert ist usw., auf beiden Seiten.

Husch husch frage ich ihn noch wie es denn nun mit meinem Silberrücken aussieht, wenn der weiterhin so weh tut muss was gemacht werden. So geht das nicht. Mein Vorschlag, das Ungemach rauszuschnetzeln kommentiert er mit, „voerher verbraten wir ihn“. Ja klar, warum habe ich nicht daran gedacht. Bestrahlung ist des Rätsels Lösung. Aber nun warte ich zuerst ab, wie und ob die Chemo, so wie das letzte Mal, die Dinger an meinem Hals schrumpfen lässt. So Bestrahlung ist ja nun auch nicht ein Zuckerschlecken. Flugs hat Onki einen Handschuh übergestreift und tastet an meinem Hals rum. Ja, hart isser, und gross geworden, Ich weiss, laufe ja täglich mit ihm rum. Warten, wie die Chemo tut. Auch wenn ich weiss, die Chemo hilft immer weniger. Sie hilft, aber eben, immer weniger. Sonst hätte ich keinen Schlenker zur Studie gemacht.

Zytostatiken Studien werden immer von der Herstellerfirma finanziert. Gut, das werden alle Medikamentenstudien. Bei regulären Studien werden die Probanden auch bezahlt. Bei Krebsmittel werden einem die Fahrkosten erstattet, mehr nicht. So zumindest stand es in den rund 22 Seiten der Studienunterlagen. Ich erhalte auch eine Abrechnung für die Fahrten mit der Bitte, diese für gut zu befinden und meine Bankverbindung anzugeben. Habe den IBAN auch schon reingehackt als ich auf die Summe schaue. Ne, oder? Die wollen mich mit einer Pauschale abfertigen? Da rufe ich doch mal im Spital an. Ja, das Spital rechne mit mir ab, überweist mir das Geld und fordert es anschliessend vom „Sponsor“, wie sich die Medikamentenbude nennt, ein. Nun weiss man ja, so Mediläden nagen nicht wirklich am Hungertuch. Ich hätte doch bitte gerne die schriftlich zugesicherte Entschädigung für die Fahrten. Man wird nachfragen. Und tatsächlich, es klappt. Die Summe  wird fast verdreifacht. Es geht nicht um die Summe als solches, aber seien wir ehrlich, so eine Pharmabude kommt nicht in die roten Zahlen, wenn sie ihren Versuchskaninschen das korrekte Fahrgeld ausbezahlt. Hätte das Spital die Kosten übernommen, wäre ich ruhig geblieben. Das Spital und seine Mitarbeiter hat einen wirklich guten Job gemacht, das reicht mir schon.

Streiten um Geld mache ich immer gerne, die Höhe der Summe ist mir da egal. Korrekte Rechnung macht gute Freunde, ist meine Devise.

Nun also seit ein paar Tagen wieder Chemo in mir. Und ein ganz eingenartiges Gefühl von Sicherheit macht sich in mir breit. Ich weiss, die Chemo geht gegen die Tumorzellen, also hoffentlich auch gegen die dämlichen Dinger in der Lunge, und der Antikörper bremst Her2 ein. Ich weiss auch, wie es zu und her geht. Die erste Nacht liege ich rund 16 Stunden flach trotzt Kortison, nur hat mir MPi ein Schlafmittel besorgt, dass mich platt macht. Und das ganze Gestell tut weh. Auch das kenne ich. Also Schmerzmittel rein. Und das Codein für gegen den Husten. Ja, wie schon ein paar Mal gesagt, ich zicke nicht mehr gross rum mit Medis, wenn mir etwas hilft nehme ich es und fertig und aus. Nach zwei, drei Tagen sind es vor allem die Schultern, die schmerzen. Das habe ich dem Kortison zu verdanken. Aber, aber, alles ok, so lange nicht erbrechen und solange es auf der Lunge hilft. Man wird bescheiden und für ein wenig Hilfe dankbar, stelle ich fest. Und das die herkömmlichen Chemos immer weniger helfen, schon helfen, aber halt immer weniger – ich schiebe es zur Seite. Es ist das Einzige, was ich noch machen kann.

Falls das Wasser wieder auftaucht werde ich doch eine Pleurodese machen lassen müssen. Eine liebe Kollegin von mir, und sie ist quasi vom Fach, hat dies prosaisch mit „Lungenpickerei“ umschrieben. Ja, ist es im Prinzip auch.

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