Archiv | Juni 2020

Lernen

Nun kommt mir wieder langsam in den Sinn, warum ich bei der vorletzten Chemo den achten Zyklus nicht mehr reintrichtern lies. Sie macht mich kaputt, sie schafft mich. Und nun bin ich eben wieder an dieser Chemo dran und muss mir diese hart verdienen. Nach jedem Zyklus etwas mehr. Momentan sind es Gliederschmerzen, welche ich mit Schmerzhelferchen niederknüppel. Das doofe daran ist, dass entweder diese kleinen, weissen Helferchen auf meine Nieren gehen, oder, wenn ich andere einnehme, auf mein 12-Finger-Darm-Gschwür. Irgendwas wird immer gefordert, je nachdem, welcher Wirkstoff vertreten ist. Die Knoten am Hals sind fast verschwunden und schmerzen nicht mehr. Der Kopf hingegen zickt unregelmässig rum. Der Magen meldet sich auch von Zeit zu Zeit, irgendwas ist immer, und zwar immer mehr. Und dank Chemo nun Gliederschmerzen, nur noch müde und platt bringe ich die Tage hinter mir.

Von Zeit zu Zeit schmökere ich immer noch im Internet rum. Also, nicht Börsendaten sind es, die mich anziehen, sondern Geschreibsel über mein Krustentierchen. Und überraschend stelle ich fest, dass ich nicht mehr jedes zweite Wort googeln muss, so vereinzelt verstehe ich ich schon beim ersten Mal, was da steht. Das Wasser auf der Lunge ist z. B. ein lupenreiner Beweis, dass mein Krabbler aktiv ist. In meinem Fall hochaktiv, daher musste ich auch zum Teil innerhalb einer Woche zwei Mal abziehen. Aber natürlich muss Onki mir fachlich noch ein wenig auf die Sprünge helfen. (Wund) Wasser wird im Körper normalerweise über die Lymphbahnen abgeleitet. Die Lymphknoten sind aufgefädelt wie Perlen auf einer Schnur und sind quasi der Filter, welche Giftstoffe usw. rausfiltern. Auch Tumorzellen erzeugen Wundwasser, Exsudat genannt, welches sich einen Platz in meinem Körper gesucht hat. Und dies war die Körperhöhle zwischen Lungen- und Rippenfell, was zum Pleuraerguss führte. Hat man Wasser auf der Lunge kann diese sich beim atmen nicht mehr entsprechend entfalten und man hat das stete Gefühl, zu wenig Luft zu kriegen. Das ist nicht schön.

Hier ist auch der Grund, warum ich nonstop in Behandlung sein muss. Mir würde ein Krustentierchen reichen mit, sagen wir, Chemo, OP und Bestrahlung, und dann ist mal gut für ein halbes Jahr, oder sogar ein Jahr. Bei mir wird mindestens alle drei Wochen Gift in den Körper geleitet. Einzig warten auf die Studie hat zwei Mal vier Wochen behandlungsfreie Zeit gebracht. Und dafür auch Wasser auf der Lunge.

Es ist ein ewiges drehen im Hamsterrad, und manchmal habe ich das Gefühl, es dreht immer schneller.

Probleme

Wir alle haben sie, kleine und grosse Probleme. Für manche ist es ein Problem, wenn „die Töchter“ eines Landes in der Hymne nicht erwähnt werden, sondern nur „die Söhne“. Also wird dies mittels Gesetzesbeschluss geändert. Oder ein Schaumgebäck, hier Mohrenkopf genannt, im Ausland auch Schwedenbombe, muss aus dem Regal, damit sich niemand diskriminiert fühlt. Wie gesagt, jeder hat sie, die Probleme.

Mein Vordringliches sind momentan Kopfschmerzen. Und das hatte ich nun wirklich nie in meinem Leben. Mit einer Schmerztablette, und so um fünf Uhr morgens auch gerne mal eine Schlaftablette geht es auch mit schlafen. Ich hoffe inständig, dass ich nur wetterfühlig geworden bin, sprich, dass ich mich aufs Wetter raus reden kann. Machen ja genug andere Erdenbewohner auch. Meist sind es Frauen, wenn ich so darüber nachdenke. Warum eigentlich? Hirnmedas sind Endstadium. Mir geht wieder Mal der Reis wie es im Buche steht. Man kann auch sagen, in der Summe pfeifts. Aber wie!

Onki hat mir zugesichert (welch ein tolles Versprechen), dass spätestens nach Ende der Chemo wieder Mal ein PetCt ansteht. Verflixt und zugenäht, ich muss es bis zum Dez. schaffen, ich muss! Damit ich aufrecht vor Onki hinstehen kann und sagen – ha, noch lebe ich! Die fünf Jahre sind rum, ich habe es geschafft. Wenn nötig, meinte Onki, können wir mich auch früher in die Röhre schicken. Das Gammaknife (eine Bestrahlunsmethode) sehe ich über meinem Kopf kreisen. Ehrlich, muss ich denn alles erfahren. Darf es nicht auch mal nur was Gewöhnliches sein?

Es kann ja wohl auch nicht sein, dass so ein Hirn wächst und plötzlich gegen die Schädeldecke drückt, oder? Die, die mich kennen, werden jetzt wohl ziemlich laut lachen, ja, ja, schon klar, MEIN Hirn wächst ganz sicher nicht.

Kürzlich bin ich tatsächlich auf einen Zeitgenossen gestossen, welcher mich mal fragte, was denn nun bei mir eigentlich los sei. Brustkrebs, war meine Antwort. Ja, aber jetzt sei gut, meint er. Das sind schon manchmal die Momente wo ich vermutlich ziemlich belämmert aus der Wäsche schaue. Nein, es sei nicht gut, meine ich. Ob man nicht operieren könnte, meint er. Alles gemacht, ratzfatz weg. Er will mehr wissen. Also gut, ich beginne aufzuzählen. Ich kann nicht mal alle acht Stellen mit den Ablegern aufzählen, von den Gallensteienen, 12-Finger-Darm-Geschwür, den Nierenzysten usw. gar nicht zu reden. Beim sechsten Ableger winkt er ab wie es normal gemacht wird, wenn man dem Gegenüber seine Plaudereien nicht abnimmt. Man glaubt mir nicht? MAN GLAUBT MIR NICHT? Nun, ich bin ja nicht bei einem Bewerbungsgespräch wo ich meine Glaubwürdigkeit schon eher vertreten würde. Also reden wir halt über etwas anderes.

Und manchmal würde ich mir auch wünschen, dass mich in meinem Leben nur stört, dass der Mohrenkopf Mohrenkopf heisst.

Todesmutig

Spätestens seit es WC Papier im Angebot gibt, darf man doch davon ausgehen das Covid-19 ein wenig rückläufig ist. Also höchste Zeit sich wieder  unters Volk zu mischen. Ich lande bei lieben Kollegen im Garten. Es wird spät und später und es gibt ein Abendessen, auch im Garten. Die Katze des Hauses  stromert im Freien rum, plötzlich begleitet von einer Maus. Und was für eine Maus! Ca. drei cm klein aber aggressiv wie ein Wasserbüffel. Mehr als verblüfft sehen wir alle, wie diese der Katze zum Teil richtiggehend ins Gesicht springt. Die Katze spielt munter mit Jerry-Maus weiter und lässt sie bis zu 30 cm durch die Luft purzeln. Ich würde mal sagen, so eine halbe Stunde dauerte die Show bestimmt. Man stelle sich nur mal die Grössenverhältnisse auf uns Menschen übertragen vor. Der durchschnittliche Homosapien stirbt doch da schon an einem Herz-Zick-Zack. Die Geschichte endete der Natur entsprechend mit einer kleinen Schmauserei für die Katze.

Es hat sich mal wieder gezeigt, Mut ist manchmal für gar nichts gut ausser Verlängerung eines ohnehin zeitlich beschränkten Lebens. Merke ich mir!

In meiner Mailbox finde ich eine Nachricht von Mpi. Aha? Bevor ich sie geöffnet habe denke ich schon daran, ob wohl eine passende Studie ansteht? Immerhin habe ich ihn wissen lassen, wenn sich etwas anbietet, ich bin wieder dabei. Andererseits, Onki wüsste es bestimmt schon und hätte mich sicherlich in irgendeiner Form vorgewarnt. Es war keine Mitteilung über eine neue Studie, was mich ein wenig enttäuschte, es war eine Frage zu meinem Wohlbefinden, was mich hingegen doch wieder sehr freute. Soll mir auch Recht sein, blauschen MPi und ich ein wenig online.

Chemo und Antikörper machen gute Dienste. Silberrücken & Co sind schon fast weg, Lunge arbeitet auch gut, und so kann ich nicht klagen. Das letzte Mal wurden die Haare  dünn und dünner. Also, das letzte Mal als ich mit dieser Chemo zugetrichtert wurde. Nun bin ich schon rund fünf Wochen dran und die Haare sind immer noch vor Ort. Ich habe mein Durcheinander auf dem Kopf satt und mache mich auf den Weg zu einem Profi. Es wird dran rumgeschnetzelt und auch mit Farbe spart man nicht. Wenn mein Körper nicht mit irgendwelchem medizinischen Mittelchen vergiftet wird habe ich ziemlich viel Haare auf den Kopf. Diese werden nun ausgedünnt, der Profi nennt es auch effilieren. Mit dem Ergebnis bin ich eigentlich zufrieden. Erst auf dem nach-Hause-Weg frage ich mich, war es nun schlau, die Haare ausdünnen zu lassen, wenn in den nächsten Wochen das Ganze von selber passiert? Ja, nachher ist man immer schlauer, in meinem Fall auch eine schöne Stange Geld los.