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Abwechslung

Nach mehr oder weniger harten Verhandlungen mit Onki husche ich für zwei Wochen in die Ferien. Will heissen, Vormittags Chemo, und dann los, rein in den Flieger. Die Fliegerei hängt mir mittlerweile ziemlich zum Hals raus, aber es ist nun mal die schnellste Art zu reisen. Ansonsten hätte ich  schnell mal einen Tag mit der Fahrerei verloren. Dafür spritze ich eine Chemo. Wird wohl nicht so schlimm sein, wenn ich in 3 1/2 Jahren zwei Mal die Giftlerei weg lasse. Momentan darf es ja wieder wöchentlich sein.

Mein Köfferchen hat es nicht auf meinen Flieger geschafft, was aber nicht so ein grosses Problem ist. Am nächsten Tag kriege ich es frei Haus geliefert.

Besuche liebe Kollegen und bin überrumpelt. Sie haben eine neue Mitbewohnerin – Alexa. So lustig es ist, wenn mir eine Stimme die Aussentemperatur angibt, mir ist die Dame ein wenig unheimlich. Und sie ist ja allwissend, angeblich. Trotzdem verkneife ich mir die Frage, wie lange ich noch zu leben habe. Will keinen Kurzschluss heraufbeschwören nach dem Prinzip – Prädikat unbrauchbar.

Ein Abstecher in die nächstgrössere Stadt muss auch sein. Der muss eigentlich jährlich sein. Und immer noch finde ich die Stadt schön und bereisenswert. Wetter ist top, nicht zu heiss und kein Regen. Meine Reisebegleitung und ich sitzen am ersten Abend friedlich bei einem Tässchen Tee in unserer Absteige und tragen uns mit dem Gedanken, langsam ins Bett zu gehen. Von jetzt auf gleich sackt meine Kollegin richtiggehend weg. Ich rufe ihren Namen, keine Reaktion. Ich gebe ihr ein paar Starterhilfen (zünftige Ohrfeigen), auch kein Lebenszeichen. Fürchterliche Angst beschleicht mich. Sie wird mir doch nicht abtreten? Wenn jemand aus diesem Spiel austritt, genannt Leben, dann ich. Ich zerre sie aus dem Sessel hoch und schleppe sie zum Bett – irgendwie. Auf dem Weg dorthin kommt die Erklärung, sie murmelt etwas von Schlaftablette. Ins Bett gelegt, und hören, ob noch geatmet wird. Sie beginnt zu schnarchen, was ich prima finde. So muss ich nicht immer zwischen Sessel und Bett hin und her springen, ob sie noch unter den Lebenden weilt. Plötzich steht sie auf und starrt mich verwirrt an. Sie sucht das WC. Ich geleite sie dorthin und wieder ins Bett. Irgendwann später muss sie nochmals raus, und diesesmal schlägt sie von Beginn an den richtigen Weg ein. Beruhigt schlafe ich weiter. Am nächsten Morgen putze ich sie ausgiebig, laut und ausführlich zusammen, und schliesse meinen Monolog mit dem Satz „Wenn du dies nochmals machst, erschlage ich dich selber“. Es kann doch nicht so schwer sein zu sagen, ich nehme eine Schlaftablette. Dann hätte ich gewusst, was Sache ist, und fertig. Mir dermassen Angst zu machen! Am nächsten Abend starten wir einen Feldversuch: Jede nimmt eine (halbe) Schlaftablette, wir legen uns ins Bett, und warten, wer zuerst ins Morpheusland rübergleitet. Meine Kollegin entschwindet. Tja, von Zeit zu Zeit nehme ich ja auch Schlaftabletten, somit scheine ich hier ein wenig härter im nehmen zu sein.

Onki verweilt  in fernen Gefilden. Hoffe, er kommt gesund und munter in einem Stück zurück. Bin auch gespannt, was er zu erzählen weiss. Ich hingegen werde ihm vielleicht nur so am Rande ezählen, dass es schon sein kann, dass ich vereinzelt die Tabletten vergesse. Wenn dies nicht allzu häufig geschieht, sollte mich mein Blutbild nicht verraten, hoffe ich.

Meine Haare sind bald mal Geschichte, und ich überlege, was tun? Doch abrasieren, und wieder die Perücke hervor holen? Oder nur kürzen lassen und mit einem Tuch versuchen das Ganze  zu bedecken? Mal schauen. Noch habe ich zwei Monate der momentanen Chemo vor mir, und es sieht nicht aus, als ob sich mein Kopf daran gewöhnt. Wieder alles von vorne, quasi.

Nächstens muss ich wieder nach Hause. Nicht weil meinen Ferien vorbei sind, nein, die Giftlerei wartet auf mich. Man braucht keine grosse Fantasie, was es bedeutet, wenn ich gerade mal eine Chemo sausen lassen darf, und dann wieder brav antraben muss.

Stets habe ich das Gefühl, dass mein Krustentierchen hinter der Türe lauert, und wehe, diese geht zu weit auf, sprich zuwenig Chemo wird nachgefüllt, dann legt meinKrabbler los. Es ist nicht wirklich ein tolles Gefühl, aber wann hatte ich dies schon in letzter Zeit?

 

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Bisphosphonat assoziierte Kiefernekrose

Ich finde, diese Überschrift macht doch mal richtig was her.

Wie kam ich dazu? Meine Zähne schmerzen, eigentlich mein Kiefer. Meist links oben, aber auch mal auf den anderen Seiten. Schmerzt so sehr, dass ich keine Chance habe, darauf zu beissen. Bevor wir damals mit dem dritten Antikörper los legten, Onki und ich, hatte ich eine sogenannte Herdabklärung. Und seither war ich selbstverständlich nie mehr beim Zahni. Eine löchrige Beissschiene finde ich persönlich etwas vom ungepflegteren, und Schmerzen sind sowieso eklig, also auf zum Zahni.

Bei der Anmeldung gebe ich vorsichtshalber durch, dass dem betreffenend Arzt (es handelt sich um eine Gemeinschaftspraxis) vielleicht mitgeteilt werden sollte, dass ich CA Partientin bin (Karzinom), unter Chemo stehe, Blutverdünner nehme und von Zeit zu Zeit auch Kortison sowie Bisphoshonate (=Antikörper). Dann kann er sich vorher schon ein wenig Gedanken machen, was er mit meinen Beisserchen anstellt.

Lange muss ich im Wartezimmer nicht sitzen, und schon lande ich auf dem geliebten Stuhl, ein Lätzchen um den Hals. Er wirft einen Blick in meinen Mund und meint, so auf den ersten Blick sieht das alles gut aus, ein Rundumröntgen sei angesagt. Ja, dass dachte ich mir schon. Das Röntgenbild bringt meinen Zahni auch nicht weiter.

Er fragt, ob ich auf die Zähne beisse, mit diesen knirsche? Tja, weiss ich nicht, bewusst nicht. Vielleicht stehe ich unter Stress? Hm, ja, dass könnte sein, so die letzten 3 1/2 Jahre, z. B. Als er beim Abschluss seines Studiums war, dachte er, rund fünf Zähne bei ihm seien kaputt, er hätte feste geknirscht. So so, also ist er mein kleiner Knirscher. Da könnte bei mir eine Beissschiene helfen. Immer her damit, lasse ich ihn wissen.

Und nun kommt wieder mal Krustentierchen dazwischen. Er möchte vorher auf der Uniklinik abgeklärt haben ob ich nicht unter meiner „Überschrift“ leide. In diesem Fall müsste man schlimmstenfalls etwas vom Kiefer raus nehmen, kommt es ganz übel, auch mit den Zähnen. Ja, dass meine Bisphosponhate eine Kiefernekrose „kreieren“ könnten, wusste ich, wie ich eigentlich von all den Nebenwirkungen meiner Globulis recht gut Bescheid weiss. Wozu gibt es das Arzneimittelcompendium online? Aber natürlich hoffe ich meist, dass die ganzen schönen Sachen bei mir nicht eintreffen.

Wie es denn mit dem Zahnstein aussieht, frage ich. Da kommt meinem Knirscher doch tatsächlich ein Lacher aus. Ja, ich weiss, ich habe anderen Sorgen, aber wenn ich schon mal hier bin kann er doch mal einen Blick riskieren. So gut meine Zäne im Schuss sind, so wenig ist etwas vom Zahnstein zu sehen, tadellose Mundhygiene, murmelt er. Damit hatte ich noch nie Probleme, dachte aber, evtl. würden die Globulis die Zusammensetzung des Speichels verändern, welche ja für Zahnstein oder auch nicht, zuständig ist. Aber nein. Alles gut bei mir.

Mir fällt auf, dass sehr rücksichtsvoll in meinem Mund herumgestochert wird. Während früher mit einem Metallhaken an den Zähnen gerupft und gezerrt wurde, dass ich manchmal dachten, die fallen nun von selber aus, wird jetzt fast darüber gestreichelt. Auch als er mein Zahnfleisch nach Entzündungen absucht ist er mehr als rücksichtsvoll. Danke, liebe Blutverdünner. Denke mir, er will kein Blutgemetzel in meinem Mund anrichten. Brav so.

Nun denn, er gibt noch eine Überweisung für die Uniklinik in Auftrage, und die Röntgenbilder werden auf eine CD gebrannt. Er kann nicht wissen, dass Onki keine Überweisungen schreibt, dass wird telefonisch, und zwar ruck zuck, erledigt. Ich sagte es wohl schon ein paar Mal, Patienten, welche von Onkis angemeldet werden, werden grundsätzlich wohl auch ernst genommen und erhalten schnell mal einen Termin.

Als wir uns verabschieden, mein Knirscher und ich, wünscht er mir gute Besserung. Jetzt kommt mir ein Lacher aus.

Wenn man zu einem Artz geht, sei es mein Plömi, zur Magenspiegelung, oder jetzt eben mein Knirscher, und man kommt mit mehr als einen Schnupfen als Begleiterscheinung daher, wird man stets sehr zuvorkommend und rücksichtsvoll behandelt, stelle ich fest. Anders rum wäre es mir trotzdem irgendwie lieber.

 

Dieser Eintrag wurde am 17. Juli 2019 veröffentlicht. 2 Kommentare

So nicht

Nachdem ich überall rumposaunte, dass ich ein zukünfitger Anwärter auf die Tour de France „wäre“, kommt heute die überraschende Meldung von Onki. Meine Blutwerte sind nicht top, aber doch besser, und so lassen wir das allseits bekannte EPO EPO sein, und ich / wir verlassen uns auf meinen Körper, dass er dies mit dem Blut auch in Zukunft selber eingiermassen geregelt kriegt. Wobei, heute wieder den ersten Zyklus der dritten Chemo, schauen wir mal, wie das in einer Woche aussieht.

Nach ein bisschen Plauderei hier und da, zwangsläufig kennt man sich untereinander, Mitarbeiter sowie Patienten, schwinge ich mich ins Auto. Dank ausreichender Prämedikamentation (Kortison, Antisusppresivum usw.) war die Chemo kein Problem. Als ich das Dach öffne sehe ich einen Mann, von der Onkologie kommend, wie er irgendwas in meine Richtung murmelt. Ich rufe ihn zurück, was er gesagt hätte? Ja, ich stehe doch mit dem Heck meines Autos in die Strasse, ob ich dass nicht sehe, dass ich die Fahrbahn blockiere. Ich bin verwirrt. Das ist ein offiziell eingezeichneter Parkplatz, jedes Auto steht hier in die Strasse, in diesem Fall müsste er es machen wie alle, auch ich, über den Randstein ausweichen. (1. ist es ja nicht so, dass dies ein 20cm hoher Randstein ist und 2. handelt es sich nicht um eine reguläre Strasse, einzig eine Zufahrt zu Parkplätzen und 3. sieht man an Spuren sehr gut, dass dies regelmässig genutzt wird.) Da hält der Herr gar nix davon. Dann müsste ich halt ins Parkhaus, und dies hier sei für maximal Smart ein Platz, und da vorne seien Ärzteparkplätze, ob ich denn auf der Autobahn auch so fahre. Häää? Nö, da hat man ja auch keine eingeengten Platzverhältnisse (und Baustellen schaffte ich bis jetzt auch immer ohne Zwischenfälle). Oh, ist der Herr etwa Arzt, wenn er sich für die Ärzteparkplätze so einsetzt? Muss er etwa täglich Leben retten und kommt mit 120 km/h in einer 30-er Zone zu Notfällen, denke ich mir? Frage noch, ob er auch gesehen habe, dass die Parkplatzmarkierung sogar bis in die Strasse hinaus reicht? Das war nicht sonderlich intellegent, tut er noch seine Meinung kund. Oh, ich bin sicher kein Einstein, aber so wie die meisten sehe ich mich doch über einem Wimperntierchen stehen….. Wir verabschieden uns herzlich mit „das nützt nichts bei ihnen, dass ist hoffnungslos“. „So wie sie ein hoffnungsloser Fall sind“ kontere ich.

Zwefel überkommen mich, die grosse Klappe die ich hatte, war der Herr doch im Recht? Also, in der Onkologie angerufen, mit all den Begründungen des Herrn und unserem  demzufolge recht rasanten Sprachwechsels. Nein, sei alles in Ordnung, ich, also mein fahrbarer Untersatz,  und auch andere normal grosse Autos dürfen da stehen. Ich frage im Laufe des Gesprächs drei Mal nach, ob es auch sicher keine Probleme gibt? Nein, ganz sicher nicht. Der Herr war auch kein Arzt, (hm, falsche Schlussfolgerung meienerseits, oder hat er es doch behauptet??), sondern ein Patient. Aha. Kann schon sein, dass er schlechte Nachrichten verarbeiten muss, aber, seien wir ehrlich, dass muss früher oder später jeder, wenn er Patient einer Onkologie ist. Rechtfertigt meiner Meinung nach nicht einen solchen Auftritt. Oder hat er irgendwas tiefer gelegtes, Ferrari usw., dann ist jeder Randstein ein persönlicher Feind des Lenkers, oder musste ER mit seinem Smart in das Parkhaus, weil kein Parkplatz mehr frei wahr? Dumm für ihn, ich musste es auch schon.

Die Menschen sind verschieden. Als ich bei Ankunft das Dach geschlossen hatte, blieb auch ein Herr stehen, gleiches Alter, würde ich mal sagen. Er findet die Technik imposant, und ob das der Neue sei? Nein, mein Silberlöwe ist zehnjährig. Das überrascht ihn. Wir plaudern noch ein wenig über Autos, Cabrios, usw. und machen uns Beide auf den Weg. Ein netter Zeitgenosse.

Kürzlich bin ich bei Kollegen zu Besuch. Und zu etwas fortgeschrittener Stunde kommt noch ein Herr dazu, tätowiert, Vollbart, ein harter Kerl, auf den ersten Blick.  Irgendwann meinte er, er müsse nach Hause, hätte morgen Termin. Er soll nicht hetzen, ich hätte auch einen, wende ich ein. Er hätte einen „hässlichen“ Termin, ja, ich auch. Nicht so hässlich wie er, meint er. Genug Selbstvertrauen, stelle ich fest. Ich glaube nicht, wende ich ein. Doch er sei ganz sicher, da wette er drauf. (Ja, zu fortgeschrittener Stunde, wenn der Alkoholpegel im gleichen Mass steigt wie das Nievau sinkt, kommen schon die grossen Fragen des Lebens aufs Tapet..) Ich warne ihn, weil ich ja nett bin, dass ich an seiner Stelle nicht wetten würde, er soll es sein lassen. Sturschädel. 1:0 für mich. Ich hatte ihn gewarnt.

Richtig stellen

Sitze bei Onki im Wartezimmer, und warte. Was auch sonst. Langsam komme ich mit einer Dame ins Gespräch. Sie hat heute die letzte Chemo, dann OP und anschliesend Bestrahlung. Ob ich denn jemanden abhole? Hallo? Sie hat doch gesehen, dass ich meine Unterlagen am Empfang abgegeben habe, also bin ich wohl Patientin. So ganz sanft lässt sie durchblicken, wie schlimm sie dran ist, und dass ich wohl schon über dem Berg bin. Auf Grund meines Aussehen findet sie, mir geht es ja sicher gut. Och, da kann ich nicht an mich halten, ist, wie wir bei mir zu Hause sagen „eine gemähte Wies’n“ für mich. Ich gebe kurz einen Statusbericht meines Zustandes. Oh! Ja, dann sei ich übel drann, meint sie. Danke, weiss ich auch. Ich erzähle Onki von meinem Gespräch, dass Lächeln verschwindet auf seinem Gesicht und er meint leise „Ja, sie können mit den meisten mithalten“. Bin ich nicht wirklich stolz darauf. Und ich mag es nicht, wenn Onki ernst wird, oder sogar Sorgenfalten auf seiner Denkerstirn (nicht Stirndenker!, ein paar hier wissen, was ich meine), erscheinen. Also schnell mit einer Geschichte abgelenkt. Wir plaudern ein wenig.

Irgendwann frage ich, was denn der Tumormarker Test ergeben hat. Tja, die neue Chemo schlägt nicht so gut zu Buche, wie es die letzten drei gemacht haben. Prima, mein Blut demoliert das Ding, die Haare gehen aus, meine Tumorzellen schütteln sich vermutlich ein wenig und lachen darüber. Aber für Schmerzen reicht es dann doch. Körperschmerzen, irgendwie, kann es gar nicht richtig beschreiben. Als ich Onki erzähle, dass ich fleissig am Schmerztabletten schlucken bin wird er wieder ernst, will wissen warum, wieviele und notiert es flugs in seinem Gesprächsprotokoll. Ja, ich kann es nicht immer vermeiden, dass wir ernste Themen haben.  Dann kommen wir wieder zu meinem Blut. Onki findet es bedenklich. So gut kenne ich ihn schon. Er muss es nicht ausdrücklich erwähnen, schon dass er immer darüber laut nachdenkt, nunmehr seit etwa zwei Monaten, zeigt mir, wieder mal etwas, das ernst zu nehmen ist. Mist, elender. Dann würde sich noch Xzflikfondgt anbieten, meint Onki. Also, irgend so ein Zungenbrecher, welchen ich nicht mal wiederholen kann, geschweige denn mir merken. Vermutlich schau‘ ich etwas blöd aus der Wäsche, und er erklärt es blondinentauglich. Radfahrer nehmen es als Doping. Ja, von Blutdoping habe ich schon mal gehört. Wau, werde ich auf meine alten Tage noch eine Sportskanone? Anmeldung zur Tour de France, evtl.?Auf jeden Fall würde das heissen, alle drei Wochen eine Infusion. Kommt ja nun auch nicht mehr darauf an. Bin sowieso wöchtentlich bei Onki, ein Infusionsbeutel mehr oder weniger? Rein damit. Soviel ist mir klar, dass schlechte Blutwerte gefährlich sein können oder werden.

Ich frage mich, sind jetzt kranke Menschen Nutznieser von den Forschungen des Dopings, oder sind die Sportler frech genung, eigentliche Medis zur Leistungssteigerung zu nehmen.

Und dann meint Onki noch, jetzt sollte ich kein Fieber kriegen, sonst ….., habe ich ja schon ein paar Mal geschrieben. Das bringt mich ins Grübeln. Er weiss, dass ich das weiss, schlussendlich spaziere ich seit dreieinhalb Jahren mit Chemo herum. Und trotzdem sagt er es mir. Hm?? Allerdings, meine Blutwerte waren nicht mal bei der ersten Chemo so lausig. Kuck ich mal, wie das weiter geht mit dem Saft des Lebens. Oder aber es ist nur ein Zeichen für etwas, das mir Onki schon gesagt hat: Mein Körper wird schwächer, er sieht es wohl in den Laborwerten, dass ich die ganzen Medis nicht mehr wie Gummibärchen wegstecke. Ja, da weiss ich nun auch nicht, was ich da machen soll. Hoffen? Glauben? Sich damit abfinden? Wahrscheinlich das Letztere.

 

Beobachten

Die Chemo nimmt ihren Lauf, und ich beobachte. Beobachte, wie mir die Haare wieder vermehrt ausgehen, (ein kümmerliches Schwänzchen ist noch da), die Haut ist dank Kortison wieder einwandfrei, die Geher sind auch in einem sehr guten Zustand, die Knoten weg, aber Schmerzen da. Sind es Schmerzen wegen der Chemo oder wegen Krustentierchen? Eigentlich egal. Und ich kann auch gar nicht sagen seit wann, aber auf jeden Fall, lebe ich nun mit Schmerztabletten – täglich. Kann schon mal sein, dass ich um vier Uhr morgens noch solche nehme, einfach, damit ich endlich schlafen kann. Es wird einem gar nicht richtig bewusst, aber man wird zum Patienten, zum Tabletten Junkie, zum Drogenkonsument. Aber ich habe schlichtweg keine Lust mehr, mit Schmerzen rum zu laufen. Und ein Held war ich ohnehin nie. Also, wenn mir etwas hilft, her damit.

Irgendwas stimmt mit meinen Blutwerten nicht. Onki hält den Test in den Händen und murmelt, ob mir irgendwas fehlt? Eisen ist es nicht. Ja, keine Ahnung. Natürlich gibt es Sachen, die einem fehlen, (ein neues Auto, eine grössere Wohnung, der Privatjet….), aber das ist es wohl nicht, was er meint. Wir suchen, und finden nix. Vielleicht sollte ich mal im Monatstakt Vitamine schlucken, und mal sehen, ob sich etwas ändert? Und dann gibt es noch die Spurenelemente. Ich glaube, so viele Monate werde ich nicht mehr schaffen, dass ich den ganzen Karsumpel durch kriege. Und einfach nur Zeugs auf Verdacht schlucken ist auch doof. Hm, was tun?

Eine neue Mitarbeitern schlägt in meinem Büro auf und bringt Süssigkeiten mit, quasi als Einstand, Alkohol wäre wohl üblicher, wird aber nicht wirklich wertgeschätzt. Von den Mitarbeitern schon, von den Vorgesetzten eher weniger. Ich will mich erkenntlich zeigen und biete ihr das erstbeste, was ich auf meinem Tisch habe, an – meine Thrombosespritze. (Ich muss die Dinger vor Augen haben, sonst vergesse ich sie). Es wird dankend abgelehnt. Was ist gegen ein bisschen dünnes Blut einzuwenden? Werden die Rohrleitungen wieder mal durchgespült. Dann nicht, was anderes kann ich nicht anbieten, ausser ein paar Tabletten. Nichts von mir findet Anklang.

Dieser Eintrag wurde am 22. Juni 2019 veröffentlicht. 2 Kommentare

Weiter machen

War ein paar Tage unterwegs, wieder zu Hause werde ich netterweise mit Rose und Luftballon in Herzform in Empfang genommen. Auf dem Weg zum Parkhaus kommen mir zwei Frauen mit einem kleinen Menschen entgegen, ich schätze mal so zwei Jahre? Rund zwei Meter vor mir bleibt er stehen, schaut mich mit grossen Kulleraugen an und hebt die linke Hand zum Gruss. Ich mache mir nichts vor, nicht mich himmelt er an, schon eher meinen Luftballon. Ich halte ihm diesen hin, und er grapscht mit seinem Patschhändchen danach. Süss, einfach nur süss. Die Rose behalte ich. Die kleinen Freuden des Lebens.

Ich mache mich auf zum zweien Zyklus meiner Chemo. Wir fahren mit der Dosis runter, mit dem Kortison wieder rauf, meiner Allergie zuliebe. Dann noch wie schon gesagt drei, oder waren es vier, Tabletten rein, und los geht es. Das Sauerstoffgerät wird in die Nähe gerückt, genauso wie ein Infusionsbeutel mit was weiss ich, wenn die Allergie wieder los legt. Und die Chemodamen belauern mich. Als ich mich aufrichte,  um meinen Kaffee zu trinken, kommen sie schon, und frage, ob alles i. O. sei. Ja! Ich sei schon wieder rot im Gesicht, ja, mir ist warm. Brütende Gluckhennen sind ein Dreck gegen meine Chemodamen, wenn sie auf „Obacht“ getrimmt sind! Auch Onki kommt vorbei und meint, alles gut? Ja!!! „Brav“, findet er. Ja bin ich denn ein kleines Kind? Aber bei Onki bin ich eigentlich – medizinisch – immer handzahm. Auch wenn ich rummaule nützt es nicht viel.

Auf dem nach-Hause-Weg lege ich noch einen Kaffeehalt ein. Der wird ein bisschen länger, und so köcheln meine Thrombosespritzen vermutlich im Auto, welches an der Sonne steht, ein bisschen vor sich hin. Ich beichte bei Onki, und er meint, es sei nicht so optimal. Und ich meine, was soll schon passieren, wenn sie nichts mehr nützen, so eine Thrombose ist ja nun nicht gerade das Neueste für meinen Körper, dass passt schon. Er sieht das anders, ich beruhige ihn – wird schon gut gehen. Ich will auch gar nicht wissen, was alles in die Hose gehen kann, er weiss vermutlich fast zuviel von all den Komplikationen. Ich lenke ihn ab, so gut es geht.

Einen Tumormarkertest machen wir auch. Der letzte war ein bisschen eigenartig. Es gibt hiervon immer zwei Werte, während einer erwartungsgemäss mit neuer Chemo sinkt, ist der zweite in die Höhe, ab durch die Decke. Da stimmt etwas nicht, aber wir warten mal ab, was der nächste sagt.

Meine neue Chemo hat nicht nur meine Lymphknoten zum verschwinden gebracht, auch das atmen geht viel besser, nichts mehr mit Wasser abziehen. Und auch keine Verschnaufpause vom Parkhaus zum Büro, so gefällt mir das. Onki auch!

 

Knoten

am Hals sind bereits nach der zweiten Chemo wieder weg. Also wird es wohl etwas mehr als Globuli sein, was mir Onki da schönes reintrichtern lässt. Reintrichtern, weil es, wie schon erwähnt, wieder intravenös ist, also via Port. Er arbeitet immer noch tadellos, muss aber dazu sagen, wir haben diesen auch immer brav nach drei Monaten – während meiner Tablettenchemo – hingebungsvoll gespült – Rohr frei marsch!

Bin zur Blutkontrolle, und da schaue ich mal ziemlich blöd drein. Meine Blutwerte sind im Keller. Meine Abwehrstoffe sind mit einem Wert von 0.1 praktisch nicht mehr vorhanden, schlimmer als bei der allerersten Chemo. Das ist nun nicht übertrieben gut. Onki erzählt mir, was alles passieren kann. Abgesehen davon, dass mich ein Husten schon nieder machen kann, ist es  möglich, dass die körperinternen Bakterien es bunt treiben und dies kann bis zu einer Blutvergiftung führen, Fieber ab 38.5 treibt mich in die Notaufnahme und zwingt mich zu Antibiotika, ziemlich egal, ob es bakteriell oder viral bedingt ist. Was tun?

Klar, auch da hat Onki ein Wässerchen dagegen – in spritzenform. Natürlich sagt er mir nicht, dass ich das Zeugs nehmen MUSS, aber wenn einem so ausführlich erklärt wird, was alles passieren kann, selbst wenn man brav alleine zu Hause hockt, dann, ja dann, sagt man gerne, her mit dem Gift. Die erste Spritze wird mir gleich in der Praxis verabreicht, am nächsten Tag mache ich mit der Thrombosespritze zusammen eine Junkie – Tour, quasi.

Und die Schmerzen gehen los, irgendwie hinten an den Nieren. Das hat mir Onki auch vorher gesagt. Ich weiss, Ibuprofen ist besser für die Nieren, schlecht für den Magen, bei Paracetamol ist umgekehrt. Dann habe ich noch ein Schmerzmittel für „Erwachsene“, also verschreibungspflichtig. Da steht auch netterweise unter anderem in der „Gebrauchsanleitung“, man sollte es nicht nehmen, wenn man schlechte Blutwerte hat, oder Blutverdünner nimmt, oder unter Chemo steht, und sonst noch ein paar Sachen. Warum muss ich den Schrott auch immer lesen. Onki muss helfen, schreibe ihn an, was ich denn schlucken darf, Antwort kommt postwendend: Im Prinzip alles, auch das rezeptpflichtige, wenn es sein muss. Ich bin verwirrt, und lasse ihn das wissen. Ja, er sieht das wohl anders, es sei alles i. O.. Vor allem, weil ich ja die Dinger nicht wochenlang schlucke. Ja dann, runter damit. Der Magen schmerzt auch schon wieder länger. Ich bin kein Held und bin recht grosszügig mit den Medis, ich will doch nur wieder mal schlafen können. Und das gelingt mir dann auch. Ok ok, ein Schlafmittel hat nachgeholfen.

Nach zwei Tagen muss ich wieder in die Blutkontrolle. Und siehe da, mehr oder weniger alles besser, nicht gut, aber doch besser Bin zufrieden, Onki auch. In drei Tagen gibt es wieder Chemo, und ich habe scho drei verschiedene Medis als Imunsuppressiva zu Hause, die ich nehmen muss. Wird schon gehen, muss ja auch.

Wenn ich ehrlich bin habe ich noch zwei Wünsche an mein Leben. Erstens, bitte, bitte, keine Hirnmetas und zweitens, keinen neuen Krebs, die Ableger reichen auch. Bescheiden bin ich geworden, finde ich.