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Aussetzen

Ich habe die Behandlung abgebrochen. Mittels Mail an meine Onkologie. Hätte mich noch melden sollen, was ich auch getan habe mit „ja, bitte?“.

Mein Onkologe meint, ich sollte doch in vier, spätestens sechs Wochen, die regelmässigen Behandlungen wieder aufnehmen. Nur, irgendwie, und ich kann nicht beschreiben wie ich auf diesen Gedanken kommen, fühle ich mich, mein Körper langsam durch die ewigen Behandlungen misshandelt, nicht behandelt.

Seit rund 46  Monten verging nicht eines davon, ohne das man mir Gift rein getrichtert hat, ein knappes Jahr davon wöchentlich, ein paar Monate mittels Tabletten täglich, die Antikörper sowieso immer.

Nun habe ich eine bakterielle Entzündung, für welche vermutlich irgendwelche Viren  den Weg geebnet haben. Also nun Penicillin. Die Blutverdünner, den Magenschoner, nehme ich noch, solange ich diese noch zu Hause habe.

Ich weiss nicht, was ich in sechs Wochen machen werde.

Ausser weinen und absolute, grenzenlose Angst ist momentan nicht viel zu holen bei mir.

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Dieser Eintrag wurde am 12. Oktober 2019 veröffentlicht. 4 Kommentare

Flach liegen

Es geht mir bescheiden, sehr bescheiden. Ich gehe von der Arbeit nach Hause, veruche es wieder, und gehe wieder früher nach Hause. Ich hechle wie ein Hund bei 35 Grad Aussentemperatur. Ich muss mich an Möbeln festhalten, wenn ich rumlaufe. Und ich habe Fieber. Fieber und Chemo ist eine denkbar schlechte Kombinantion. Abends um neun Uhr schaffe ich es auf 38.5 Grad. Nach der Info, welche sich auf der Rückseite meines Therapieblattes befindet, wäre es an der Zeit, ins Spital zu gehen. Stehe mit Onki in Kontakt. Er meint, die Blutwerte noch am Tag davor waren gut, wenn es nicht wirklich ganz übel wird, sehe er keinen zwingenden Grund, ins Spital zu gehen. Ich bin verwirrt. Ich warte nochmals eine Stunde mit der Fiebermesserei. Die Stunde nutze ich um vorsorglich mal ein Tasche für’s Spital zu packen, Kopien meines letzten Befundens des PetCt’s, von der Lungenbiopsie und der Magenspiegelung sowie meines  Therapieblattes zu machen. Dann noch ein bisschen Wohnung aufräumen. (Was ist das mit uns Menschen, dass wir immer meinen, wir müssen die Wohnung ordentlich zurück lassen? Damit sich Einbrecher leichter zurecht finden, oder wie?) Immer wieder muss ich mich dazwischen setzen, bin schlapp ohne Ende. Nach einer Stunde immmer noch gleich hoch, das Fieber. Chemo und Fieber, etwas vom Ersten, dass mir Onki eingebleut hat, ganz, ganz schlecht. Andererseits, gestern noch gute Blutwerte. Ich mag nicht ins Spital, ich mag einfach nicht. Und ich weiss, ich werde auf der Intensiv landen. Dazu habe ich schon gar keine Lust. Um ein Uhr wanke ich ins Bett.

Mein treuer Fahrdienst steht Gewehr bei Fuss, und lässt mich wissen, dass ich mich auch ungeniert mitten in der Nacht melden kann, wenn es nötig sei. Es ist viel Wert, wenn man solche Hilfen zur Seite hat.

Am nächsten Tag schlage ich in der Onkologie auf. Blut wird gezapft, natürlich, was sonst. Mein erster Augenkontakt mit Onki ist ernst, sehr ernst. So lustig wir es ansonsten haben, wenn Probleme auftauchen ist Onki in erster Linie Arzt, in zweiter und dritter auch. Sitze ihm also gegenüber und was sagt er mir. Es sieht nach einer Grippe aus. Eine Grippe? Wegen einer Grippe mache ich solch ein Aufhebens? Natürlich ist eine Grippe lästig, keine Frage, aber – eine Grippe? Ja, er bleibt dabei. Nun denn, ob er mir ein Wundermittelchen hätte, irgendwas aus seinem Giftschrank, dort, wo alle immer nur mit einem Schlüssel dran gehen. (Ja, man hat viel Zeit, Leute zu beobachten, wenn man stundenlang am Tropf hängt). Er sieht das ganz pragmatisch und meint, er könnte mir schon eines der gängigen Mittelchen geben, aber vermutlich hätte ich die eh zu Hause? Also, kein Wundermittel für mich. Christal Meth oder so. Na ja, ich hätte es ja wissen sollen. Onki schwingt die chemische Keule wenn es um Krustentierchen geht, Bei Hausfrauenwehwehchen lässt er seinen Rezeptblock stecken. Also schleiche ich, fast ein wenig geprügelt, und mich wie ein Hypochonder fühlend, nach Hause.

Hätte ich nicht mein Krustentierchen wäre ich wohl von selber auf eine Verkühlung  / Grippe gekommen. Nur, mir sitzt halt immer mein Untermieter im Genick, da denkt man vereinzelt an etwas Anderes. Aber fein, wenn ich mich täusche, und sich alles im Grunde in Wohlgefallen auflöst.

Ich glaube, dass wird ein ganz, ganz strenger, kalter Winter, meine Unterwolle spriesst. Also, meine Kopfhaare wachsen wieder so langsam.

Habe Onki auch wissen lassen, dass ich den letzten Zyklus dieser Chemo nicht mehr machen werde. Aus einem mir unerklärlichen Grund habe ich das Gefühl, es reicht. Onki diskutiert nicht mit mir, er nimmt es als gegeben hin. Wenn mir das mein Gefühl sagt, dann ist es für ihn ok. Schon eigenartig, dass er das einfach so schluckt. Als ich das letzte Mal ein PetCt und ein Hirnscan verlangte, hatter er dies auch diskussionslos veranlasst. Und wir haben meine Portthrombose entdeckt.

Manchmal ist es eigenartig.

Internet

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich mich betreffend meines Krustentierchens auch im Internet „schlau“ mache. Natürlich tue ich dies. Und wenn das Internet Recht hat, müsste ich eigentlich schon längstens in der Grube sein. Weil, mit Knochenmetastasen schafft man es max. 16 Monaten, usw. usf. Bestenfalls, und nur ganz schüchtern, frage ich Onki was er hiervon und davon hält. Ich hüte mich, ihm mitzuteilen, woher ich wieder so was Gescheites weiss. Wobei, die Schlauheiten, welche mir mündlich mitgeteilt werden, sind auch nicht ohne.

Vor kurzem wurde mir auf einer Messe erklärt, dass Softdrinks sowieso bald verboten werden, da diese Krebs erzeugend sind. (Vermutlich meint sie eher die geplannte Besteuerung auf Grund des Zuckergehaltes). Passenderweise weiss dies eine Dame an einem Getränkestand, welche Softdrinks, in Braslien hergestellt, in Dosen abgefüllt, und danach importiert, an den Mann bringen möchte. Natürlich sind diese die einzig grosse Wahrheit der Zukunft in Sachen alkoholfreien Getränken. Zusätzlich möchte ich noch erwähnen, dass ich momentan mit einem Tuch auf dem Kopf unterwegs bin. Nun kann man vielleicht auch noch denken, ich sei konvertiert. Wenn man aber nicht immer nur den Fensterplatz in der Schule erfolgreich verteidigt hat, könnte man auch auf die Idee kommen, dass ich das Tuch aus gesundheitlichen Gründen trage. Schnupfen und Rheuma ausgeschlossen. So stehe ich also an einem Getränkestand und lass‘ mir von einer Dame erklären, was krebserzeugend ist. Vermutlich gleiche ich im Aussehen einem Mondkalb, langes Gescicht, kugelrunde Augen und generell etwas belämmerter Blick. Ich frage sie, woher sie dies weiss? Ja, sie hätten von Zeit zu Zeit eine Ärztin am Stand. Ja, bin ich jetzt diejenige mit dem Fensterplatz, oder wie? Nur ganz selten, aber jetzt spüre ich richtiggehen, wie das Adrenalin hochfährt. Ob sie wirklich mit Angst ihr Geschäft ankurbeln will. Und sie soll doch so gut sein, und nicht einen dermassen grossen Unsinn erzählen. Eigentlich bin ich noch gar nicht warm gelaufen, aber meine Kollegin kennt mich wohl, und zieht mich vom Stand weg. Dann halt… Dabei hätte ich noch ein paar wirklich griffige Aussagen parat.

Noch zwei Mal Chemo, und dann hätte ich die Vierte auch geschafft. Kann mich noch gut erinnern, dass bei der dritten, meiner Minzchemo, (die rund zehn Tabletten am Tag, welche mir noch das zwölf-Finger-Darm Geschwür bescheert hat), meine Knoten am Hals innert drei Tagen verschwunden waren. Nehme noch Wetten entgegen, wie lange es dauert, bis mein Silberrücken (der grösste Knoten mit rund dreieinhalb cm Durchmesser) wieder hochfährt. Ich tippe auf max. eine Woche. Und wenn ich mich irre, freut es mich umsomehr. Auf andere Bebelie wird nicht gewettet. Manchmal komme ich mir vor wie ein Gebrauchtwagen, von Zeit zu Zeit etwas reparieren, damit er noch funktioniert.

Mund halten

Von Zeit zu Zeit kommen Leute zu mir und erzählen von medizinischen Untersuchungen, Vorfällen, was auch immer. Bis anhin habe ich, so ich damit Erfahrung hatte, diese kund getan, in der Hoffnung, die betreffende Person zu beruhigen, ihr die Angst zu nehmen. Aber, um ehrlich zu sein, damit habe ich bis anhin immer einen Schuh voll rausgezogen.

Ein Bekannter hat auch Knochen- und Lebermetastasen, ich winke ab, und meine, nicht so schlimm, damit lebe ich seit rund 2 1/2 Jahren. Zwei Monate später gab es den Bekannten nicht mehr. Ein Kollege muss in die Röhre. Ist doch kein Problem, hinliegen, sich nicht bewegen, und fertig. Ja, bei mir schon. Ich denke mal, ich wurde bis anhin rund vierzehn Mal in die Röhre geschickt. Nie ein währschaftes Problem. Bei meinem Kollegen sitzt die Nadel nicht, und er blutet in der Röhre vor sich hin bis zum grauslich werden. Eine Kellersanierung steht bei einer Kollegin an, ich beruhige sie, hatte ich auch, absolut schmerzfrei. Sie ist ein wenig verunsichert, gemäss Arzt könnte es schon ein, zwei Tage schmerzen. Ach was, Ärzte, also Männer, haben keine Kellergewölbe, also können sie da nicht mitreden. Oi oi, scheint so, als ob der Arzt recht hatte, und ich die Ausnahme war mit ohne Schmerzen. Und so habe ich beschlossen in Zukunft den Mund zu halten. Wenn es meist eh nicht so ist, wie es bei mir war, dann halte ich besser die Klappe.

In mir steigt eine Theorie auf. Wenn ich, also mein Körper, zu dämlich, zu ungeschickt, zu plump ist, um Schmerzen im herkömmlichen Sinn zu spüren, zu erkennen, vielleicht ist er dann auch zu dumm und merkt nicht, wenn die Organe bei mir aussteigen. Vielleicht bin ich dann schon auf der Zielgeraden, und erst ganz,  ganz zum Schluss, also wenn es schon fast fertig ist, wird realisiert, dass da was bei mir nicht stimmt und es zu Ende geht? Wäre doch praktisch, finde ich.

Ich lasse Onki an meiner Theorie teilnehmen. Und wie meisst, kann sein, oder auch nicht. Aber es sei schon so, meint er, dass man bei mir genauer hinhören müsste, wenn ich mal von Schmerzen spreche. Tja, mehr als sagen, dass mir was weh tut kann ich doch nicht. Gibt es mehrere Möglichkeiten seine Unwohlsein kund zu tun?

Onki will was wissen. Er hat mir das letzte Mal zünftig Blut abzapfen lassen, und dass heisst dann immer, irgendwelche Laboruntersuchungen stehen an. Als Laie würde ich auf Tumormarker tippen. Muss ich ihn das nächste Mal fragen. Da hat  er schon hin und wieder so schräge Einfälle, was man sonst noch testen könnte. Er wird schon seinen Grund haben. Auch würde es mich interessieren, warum wir nach momentanter Chemo nur mit einem Antikörper weiter fahren? Nützt der zweite nix mehr? Vertrage ich ihn nicht? Zuviel mittlerweile für meinen Körper? Kann allerlei sein. Onki wird das Ganze erklären können, da muss er noch nicht mal lange grübeln, wenn ich ihn was medizinisches Frage. Meistens jedenfalls nicht.

Neu, oder doch nicht

Meine Haare sind Geschichte, und so laufe ich nun mit Tuch rum. Ein Arbeitskollege in meinem Büro gibt mir die Hand, stellt sich vor und meint, wir haben uns ja noch nie gesehen. Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, er ist erst seit ein paar Monaten dabei. Doch, meine ich, wir kennen uns, nur hatte ich früher noch Haare. Ich hatte keine Zeit, ihm das Ganze auf die sanfte Tour zu erklären, also muss ein einziger aussagekräftiger Satz genügen. Und wie meist in solchen Situationen, es ist ihm peinlich, er entschuldigt sich, aber da bin ich schon unterwegs, zurück zu meinem Arbeitsplatz.

Mir fällt auf, mit einem Tuch auf den Kopf wird man doch sehr viel eher angestarrt, wie wenn man mit einer Perücke unterwegs ist. Natürlich habe ich meine zwei noch zu Hause, aber jetzt, im Sommer, ist so ein Tuch doch eindeutig angenehmer. Wer immer mich anstarrt, ich starre zurück, und es darf geraten werden, wer zuerst den Blick senkt.

Treibe mich auf einem Konzert herum, und mir fällt angenehm auf, es ist keine Kindergartenveranstaltung, ich bin mit meinem Alter im unteren Drittel. Vor mir hüpft mein persönlicher Taxitänzer mit unterirdischen „Moves“ rum. Ich klopfe ihm auf die Schulter und frage, ob er mir versprechen kann, dass ich hier ohne blaue Flecken raus komme. Er strahlt mich an und lässt ein überzeugendes „nein“ hören. Oha! Dann anders. Mir scheint, ich ernte von rundherum mitleidige Blicke. Plötzlich steht mir eine Dame gegenüber, und mit Hand und Fuss gibt sie mir zu verstehen, wir machen uns an meinen Taxitänzer ran. Gerade soviel, dass wir ihn berühren, natürlich nicht stossen, wir wollen ja keine Krach, aber wir fummeln um ihn herum, mit den Händen an seinem Kopf vorbei (was kein Problem ist bei so kleinen Herschaften), streifen ihn von Zeit zu Zeit, und wir haben Erfolg. Sein spastischen Zuckungen nehmen ab, natürlich nicht ganz, aber ein bisschen. Nach der Pause verziehe ich mich ins Auto. Meine Hüfte schmerzt. Ich will gar nicht wissen warum, (Knochenmetas?) und mache es mir im Auto gemütlich. Die Musik ist laut genug, bin immer noch dabei. Zum ersten Mal tut mir meine Hüfte, eigentlich mein Chassis, also die tragenden Teile, weh, wenn ich länger rum stehe. Die sollen bloss nicht dumm tun, diese doofen Knochenmetas. Kann ich aber gar nicht brauchen.

Trabe wieder mal bei Onki an, seine Ferien sind vorbei, und so lande ich bei ihm, nicht mehr bei seinem Kollegen. Ich schliesse die Türe, stelle mich davor, halte diese noch vorsichtshalber mit den Händen zu und fordere ihn auf „Los, erzählen sie von den Ferien“. Er grinst, erzählt, ich höre zu, die Zeit verfliegt. Irgendwann fragt er dann doch, wie es mir geht. Ich winke ab, die ewig gleiche Leier, langweilig, weil er eh schon alles weiss, er soll lieber von den Ferien weiter reden. Ja, ich gebe es zu, vereinzelt sind unsere Gespräche nicht das was im herkömmlichen Sinn unter einem Arzt / Patienten Gespräch erwartet wird. Ist mir egal, und so wie es aussieht, nimmt er es da auch nicht so genau. Also, wie er es mit anderen Patienten hält weiss ich natürlich nicht.

Da ist noch ein Knötchen am Hals, dass kommt und geht, und wieder geht und kommt, die noch vorhandene Brust sticht manchmal ein wenig, müde, so drei / vier Tage nach einer Chemo, aber wenn ich das so lese, ist es doch eher grottenlangweilig, wenn ich von meinen Bebelie spreche. Also, hinfort damit. Da sind sie ja sowieso.

Bei der momentanen Chemo habe ich noch zwei Zyklen vor mir, will heissen, noch rund sechs Wochen. Danach, so wie mir Onki gesagt hat, geht es weiter mit einem Antikörper. Die Antikörper kriege ich ohnehin nonstop. Weil die momentane Chemo keine zielgerichtete ist, geht sie auf alles los, also auch auf die gesunden Zellen. Denke mir, deswegen wird mal ein bisschen pausiert mit der nächsten Chemo. (Nehme an, da wird schon noch die eine oder andere kommen…?) Aber mir macht es ein wenig Sorgen. Das Wasser auf der Lunge verschwand erst mit der jetzigen Chemo. Und dann? Kommt es wieder? Wieder absaugen lassen oder wie oder was? Wobei ich natürlich nie weiss, wo es als Nächstes bei mir happern wird. Schilddrüse schmerzt, Thrombose am Port, Atemprobleme, Wasser auf der Lunge, Magenschmerzen, zwölf-Finger-Darm-Geschwür und das Kellergewölbe musste ja auch saniert werden. Was als nächstes? Irgendwas komm bestimmt, soviel ist sicher. Sch…. Spiel, das Ganze….

 

 

Abwechslung

Nach mehr oder weniger harten Verhandlungen mit Onki husche ich für zwei Wochen in die Ferien. Will heissen, Vormittags Chemo, und dann los, rein in den Flieger. Die Fliegerei hängt mir mittlerweile ziemlich zum Hals raus, aber es ist nun mal die schnellste Art zu reisen. Ansonsten hätte ich  schnell mal einen Tag mit der Fahrerei verloren. Dafür spritze ich eine Chemo. Wird wohl nicht so schlimm sein, wenn ich in 3 1/2 Jahren zwei Mal die Giftlerei weg lasse. Momentan darf es ja wieder wöchentlich sein.

Mein Köfferchen hat es nicht auf meinen Flieger geschafft, was aber nicht so ein grosses Problem ist. Am nächsten Tag kriege ich es frei Haus geliefert.

Besuche liebe Kollegen und bin überrumpelt. Sie haben eine neue Mitbewohnerin – Alexa. So lustig es ist, wenn mir eine Stimme die Aussentemperatur angibt, mir ist die Dame ein wenig unheimlich. Und sie ist ja allwissend, angeblich. Trotzdem verkneife ich mir die Frage, wie lange ich noch zu leben habe. Will keinen Kurzschluss heraufbeschwören nach dem Prinzip – Prädikat unbrauchbar.

Ein Abstecher in die nächstgrössere Stadt muss auch sein. Der muss eigentlich jährlich sein. Und immer noch finde ich die Stadt schön und bereisenswert. Wetter ist top, nicht zu heiss und kein Regen. Meine Reisebegleitung und ich sitzen am ersten Abend friedlich bei einem Tässchen Tee in unserer Absteige und tragen uns mit dem Gedanken, langsam ins Bett zu gehen. Von jetzt auf gleich sackt meine Kollegin richtiggehend weg. Ich rufe ihren Namen, keine Reaktion. Ich gebe ihr ein paar Starterhilfen (zünftige Ohrfeigen), auch kein Lebenszeichen. Fürchterliche Angst beschleicht mich. Sie wird mir doch nicht abtreten? Wenn jemand aus diesem Spiel austritt, genannt Leben, dann ich. Ich zerre sie aus dem Sessel hoch und schleppe sie zum Bett – irgendwie. Auf dem Weg dorthin kommt die Erklärung, sie murmelt etwas von Schlaftablette. Ins Bett gelegt, und hören, ob noch geatmet wird. Sie beginnt zu schnarchen, was ich prima finde. So muss ich nicht immer zwischen Sessel und Bett hin und her springen, ob sie noch unter den Lebenden weilt. Plötzich steht sie auf und starrt mich verwirrt an. Sie sucht das WC. Ich geleite sie dorthin und wieder ins Bett. Irgendwann später muss sie nochmals raus, und diesesmal schlägt sie von Beginn an den richtigen Weg ein. Beruhigt schlafe ich weiter. Am nächsten Morgen putze ich sie ausgiebig, laut und ausführlich zusammen, und schliesse meinen Monolog mit dem Satz „Wenn du dies nochmals machst, erschlage ich dich selber“. Es kann doch nicht so schwer sein zu sagen, ich nehme eine Schlaftablette. Dann hätte ich gewusst, was Sache ist, und fertig. Mir dermassen Angst zu machen! Am nächsten Abend starten wir einen Feldversuch: Jede nimmt eine (halbe) Schlaftablette, wir legen uns ins Bett, und warten, wer zuerst ins Morpheusland rübergleitet. Meine Kollegin entschwindet. Tja, von Zeit zu Zeit nehme ich ja auch Schlaftabletten, somit scheine ich hier ein wenig härter im nehmen zu sein.

Onki verweilt  in fernen Gefilden. Hoffe, er kommt gesund und munter in einem Stück zurück. Bin auch gespannt, was er zu erzählen weiss. Ich hingegen werde ihm vielleicht nur so am Rande ezählen, dass es schon sein kann, dass ich vereinzelt die Tabletten vergesse. Wenn dies nicht allzu häufig geschieht, sollte mich mein Blutbild nicht verraten, hoffe ich.

Meine Haare sind bald mal Geschichte, und ich überlege, was tun? Doch abrasieren, und wieder die Perücke hervor holen? Oder nur kürzen lassen und mit einem Tuch versuchen das Ganze  zu bedecken? Mal schauen. Noch habe ich zwei Monate der momentanen Chemo vor mir, und es sieht nicht aus, als ob sich mein Kopf daran gewöhnt. Wieder alles von vorne, quasi.

Nächstens muss ich wieder nach Hause. Nicht weil meinen Ferien vorbei sind, nein, die Giftlerei wartet auf mich. Man braucht keine grosse Fantasie, was es bedeutet, wenn ich gerade mal eine Chemo sausen lassen darf, und dann wieder brav antraben muss.

Stets habe ich das Gefühl, dass mein Krustentierchen hinter der Türe lauert, und wehe, diese geht zu weit auf, sprich zuwenig Chemo wird nachgefüllt, dann legt meinKrabbler los. Es ist nicht wirklich ein tolles Gefühl, aber wann hatte ich dies schon in letzter Zeit?

 

Bisphosphonat assoziierte Kiefernekrose

Ich finde, diese Überschrift macht doch mal richtig was her.

Wie kam ich dazu? Meine Zähne schmerzen, eigentlich mein Kiefer. Meist links oben, aber auch mal auf den anderen Seiten. Schmerzt so sehr, dass ich keine Chance habe, darauf zu beissen. Bevor wir damals mit dem dritten Antikörper los legten, Onki und ich, hatte ich eine sogenannte Herdabklärung. Und seither war ich selbstverständlich nie mehr beim Zahni. Eine löchrige Beissschiene finde ich persönlich etwas vom ungepflegteren, und Schmerzen sind sowieso eklig, also auf zum Zahni.

Bei der Anmeldung gebe ich vorsichtshalber durch, dass dem betreffenend Arzt (es handelt sich um eine Gemeinschaftspraxis) vielleicht mitgeteilt werden sollte, dass ich CA Partientin bin (Karzinom), unter Chemo stehe, Blutverdünner nehme und von Zeit zu Zeit auch Kortison sowie Bisphoshonate (=Antikörper). Dann kann er sich vorher schon ein wenig Gedanken machen, was er mit meinen Beisserchen anstellt.

Lange muss ich im Wartezimmer nicht sitzen, und schon lande ich auf dem geliebten Stuhl, ein Lätzchen um den Hals. Er wirft einen Blick in meinen Mund und meint, so auf den ersten Blick sieht das alles gut aus, ein Rundumröntgen sei angesagt. Ja, dass dachte ich mir schon. Das Röntgenbild bringt meinen Zahni auch nicht weiter.

Er fragt, ob ich auf die Zähne beisse, mit diesen knirsche? Tja, weiss ich nicht, bewusst nicht. Vielleicht stehe ich unter Stress? Hm, ja, dass könnte sein, so die letzten 3 1/2 Jahre, z. B. Als er beim Abschluss seines Studiums war, dachte er, rund fünf Zähne bei ihm seien kaputt, er hätte feste geknirscht. So so, also ist er mein kleiner Knirscher. Da könnte bei mir eine Beissschiene helfen. Immer her damit, lasse ich ihn wissen.

Und nun kommt wieder mal Krustentierchen dazwischen. Er möchte vorher auf der Uniklinik abgeklärt haben ob ich nicht unter meiner „Überschrift“ leide. In diesem Fall müsste man schlimmstenfalls etwas vom Kiefer raus nehmen, kommt es ganz übel, auch mit den Zähnen. Ja, dass meine Bisphosponhate eine Kiefernekrose „kreieren“ könnten, wusste ich, wie ich eigentlich von all den Nebenwirkungen meiner Globulis recht gut Bescheid weiss. Wozu gibt es das Arzneimittelcompendium online? Aber natürlich hoffe ich meist, dass die ganzen schönen Sachen bei mir nicht eintreffen.

Wie es denn mit dem Zahnstein aussieht, frage ich. Da kommt meinem Knirscher doch tatsächlich ein Lacher aus. Ja, ich weiss, ich habe anderen Sorgen, aber wenn ich schon mal hier bin kann er doch mal einen Blick riskieren. So gut meine Zäne im Schuss sind, so wenig ist etwas vom Zahnstein zu sehen, tadellose Mundhygiene, murmelt er. Damit hatte ich noch nie Probleme, dachte aber, evtl. würden die Globulis die Zusammensetzung des Speichels verändern, welche ja für Zahnstein oder auch nicht, zuständig ist. Aber nein. Alles gut bei mir.

Mir fällt auf, dass sehr rücksichtsvoll in meinem Mund herumgestochert wird. Während früher mit einem Metallhaken an den Zähnen gerupft und gezerrt wurde, dass ich manchmal dachten, die fallen nun von selber aus, wird jetzt fast darüber gestreichelt. Auch als er mein Zahnfleisch nach Entzündungen absucht ist er mehr als rücksichtsvoll. Danke, liebe Blutverdünner. Denke mir, er will kein Blutgemetzel in meinem Mund anrichten. Brav so.

Nun denn, er gibt noch eine Überweisung für die Uniklinik in Auftrage, und die Röntgenbilder werden auf eine CD gebrannt. Er kann nicht wissen, dass Onki keine Überweisungen schreibt, dass wird telefonisch, und zwar ruck zuck, erledigt. Ich sagte es wohl schon ein paar Mal, Patienten, welche von Onkis angemeldet werden, werden grundsätzlich wohl auch ernst genommen und erhalten schnell mal einen Termin.

Als wir uns verabschieden, mein Knirscher und ich, wünscht er mir gute Besserung. Jetzt kommt mir ein Lacher aus.

Wenn man zu einem Artz geht, sei es mein Plömi, zur Magenspiegelung, oder jetzt eben mein Knirscher, und man kommt mit mehr als einen Schnupfen als Begleiterscheinung daher, wird man stets sehr zuvorkommend und rücksichtsvoll behandelt, stelle ich fest. Anders rum wäre es mir trotzdem irgendwie lieber.

 

Dieser Eintrag wurde am 17. Juli 2019 veröffentlicht. 2 Kommentare