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Todesmutig

Spätestens seit es WC Papier im Angebot gibt, darf man doch davon ausgehen das Covid-19 ein wenig rückläufig ist. Also höchste Zeit sich wieder ein klein wenig unters Volk zu mischen. Ich lande bei lieben Kollegen im Garten. Es wird spät und später und es gibt ein Abendessen, auch im Garten. Die Katze des Hauses  stromert im Freien rum, plötzlich begleitet von einer Maus. Und was für eine Maus! Ca. drei cm klein aber aggressiv wie ein Wasserbüffel. Mehr als verblüfft sehen wir alle, wie diese der Katze zum Teil richtiggehend ins Gesicht springt. Die Katze spielt munter mit Jerry-Maus weiter und lässt sie bis zu 30 cm durch die Luft purzeln. Ich würde mal sagen, so eine halbe Stunde dauerte die Show bestimmt. Man stelle sich nur mal die Grössenverhältnisse auf uns Menschen übertragen vor. Der durchschnittliche Homosapien stirbt doch da schon an einem Herz-Zick-Zack. Die Geschichte endete der Natur entsprechend mit einer kleinen Schmauserei für die Katze.

Die Natur hat es mal wieder gezeigt, Mut ist manchmal für gar nichts gut ausser Verlängerung eines ohnehin zeitlich beschränkten Lebens. Merke ich mir!

In meiner Mailbox finde ich eine Nachricht von Mpi. Aha? Bevor ich sie geöffnet habe denke ich schon daran, ob wohl eine passende Studie ansteht? Immerhin habe ich ihn wissen lassen, wenn sich etwas anbietet, ich bin wieder dabei. Andererseits, Onki wüsste es bestimmt schon und hätte mich sicherlich in irgendeiner Form vorgewarnt. Es war keine Mitteilung über eine neue Studie, was mich ein wenig enttäuschte, es war eine Frage zu meinem Wohlbefinden, was mich hingegen doch wieder sehr freute. Soll mir auch Recht sein, blauschen MPi und ich ein wenig online.

Chemo und Antikörper machen gute Dienste. Silberrücken & Co sind schon fast weg, Lunge arbeitet auch gut, und so kann ich nicht klagen. Das letzte Mal wurden die Haare  dünn und dünner. Also, das letzte Mal als ich mit dieser Chemo zugetrichtert wurde. Nun bin ich schon rund fünf Wochen dran und die Haare sind immer noch vor Ort. Ich habe mein Durcheinander auf dem Kopf satt und mache mich auf den Weg zu einem Profi. Es wird dran rumgeschnetzelt und auch mit Farbe spart man nicht. Wenn mein Körper nicht mit irgendwelchem medizinischen Mittelchen vergiftet wird habe ich ziemlich viel Haare auf den Kopf. Diese werden nun ausgedünnt, der Profi nennt es auch effilieren. Mit dem Ergebnis bin ich eigentlich zufrieden. Erst auf dem nach-Hause-Weg frage ich mich, war es nun schlau, die Haare ausdünnen zu lassen, wenn in den nächsten Wochen das Ganze von selber passiert? Ja, nachher ist man immer schlauer, in meinem Fall auch eine schöne Stange Geld los.

Verwirrend

Manchmal überraschen mich Fragen. Als ich vor kurzem einer Kollegin erzählte, dass da wieder Chemo in mich reingetrichert wird, und diese auch schon geholfen hat, kommt doch tatsächlich die Frage zurück, ob mein Port (der unter der Schulter eingesetzte Infusionskatheder) immer noch brav seine Dienste tut? Ich verstehe zuerst gar nicht, worum es geht? Erst beim Nachfragen stelle ich fest, sie will tatsächlich wissen, ob mein Port noch tut wie er soll. Ja, tut er. Eigenartig, dass wurde ich noch nie gefragt. So ein Port ist schon eine feine Sache. Meine Venen sind für die Tonne. Es ist nicht so lässig, wenn am Fuss Blut abgezapft werden muss, weil die Venen davonrollen, platzen, was auch immer, auf jeden Fall nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, wären meine Chemos immer über die Venen am Arm gelaufen, wären diese nach viereinhalb Jahren wohl komplett verbrannt, kaputt, aus und fertig damit. Aber so bin ich da fein raus.

Kann es sein, dass es irritierend ist, wenn ich sage, dass es mir seit Beginn der Chemo wieder besser geht? Vermutlich klingt es eher anders, wenn sich jemand mit Gift regelmässig auffüllen lässt? Nun ist es tatsächlich so, dass die Schmerzen zurück gegangen sind, die Knoten am Hals, bis auf Silberrücken, bereits weg und  der Husten momentan recht selten geworden ist, und auch die Schmerzen im allgemeinen verschwunden sind. Am Telefon plausche ich mit einer Kollegin, und ebendies erzähle ich ihr. Sie verstummt und meint dann schliesslich „Ich lass‘ das mal so stehen“. Ja, eine andere Möglichkeit hat das Mädchen auch nicht. Ich bin kein Held, wenn es mir schlecht geht, sage ich dies, und wenn es mir (wieder) besser geht, auch. Da sehe ich keinen Grund hin und her zu flunkern, warum auch?

Eine Bloggerei ist manchmal doch eine recht praktische Sache. So darf ich feststellen, dass ich mir ewiges Gerede über mein Krustentierchen bei Kollegen ersparen kann, auch wenn ich diese schon länger nicht mehr gesehen habe. Sie lesen hier mit, und so können wir uns den schöneren, lustigeren, unterhaltsameren Themen widmen. Weil es ja halt doch recht oft immer die gleiche Leier bei mir ist, wie schon ein paar Mal geschrieben. Wieder mal Chemo, Antikörper nontstop, da und dort ein Zipperlein mehr, Ableger  und das Beigemüse, was soll’s. Und ja, mittlerweile bin ich tatsächlich soweit, dass ich schneller bin, wenn ich aufzähle, welche Organe, Körperregionen bei mir noch nicht betroffen sind. Krustentierchen hat die Überhand gewonnen. Das ich manchmal ganz leichte Kopfschmerzen habe, verdränge ich erst Mal. Ich will nocht keine Kopfmetas, ich will einfach nicht. Weiss gar nicht, ob ich es Onki erzählen soll. Und ich weiss auch nicht, ob er hier mitliest. Was auch egal ist, er weiss ja eh meist vor mir und meinem Körper, was als Nächstes ansteht. Hirnmetas – Endstadium bei Brustkrebs, bitte (noch) nicht. Andererseits, ich bin schon recht lange ziemlich fix unterwegs für die Art von Untermieter. Und ich gebe es zu, mittlerweile bin auch ich überrascht, dass es mir doch verhätlnismässig lange so gut geht. Da habe ich zu Beginn was ganz anderes erwartet.

Ein Bekannter von mir hat es mal auf den Punkt gebracht. War bei ihm zu Besuch, wir waren eine recht fröhliche Runde am Tisch, nur war er für seine Verhältnisse ziemlich schweigsam. Da helfe ich ihm auf die Sprünge, finde ich, und frage, ob er denn heute nichts zu sagen hätte? Da meint er doch in seiner allseites bekannten, charmanten Art „Nein, dir nicht, weil so etwas wie du normalerweise schon lange tot ist“. Und das reicht nicht, eigentlich geben ihm alle am Tisch Recht. Da hat er Pech, noch bin ich hier ihn zu ärgern, lasse ich ihn wissen. Alle am Tisch, incl. mir, verstanden, dass es für seine Verhältnisse ein ordentliches Kompliment war, so im Stil “ Es freut mich aufrichtig, dass es Dir immer noch so gut geht, auch wenn es fast nicht zu glauben ist“. Seine Aussagen kommen bei ihm nie im herkömmlichen Stil über die Lippe, nein, er packt es immer in schmissige Sätze, was er zu sagen hat. So ist es mir auch lieber.

Nach Hause kommen

Ja, ein klein wenig war es wie nach Hause kommen, als ich wieder in Onkis Laden eindrudelte. Nach drei-monatiger-Abwesenheit kennen mich immer noch alle beim Namen. Na ja, vier Jahre hatten sie ja Zeit, sich diesen zu merken. Der Chemoraum ist leer und ich darf mir einen Stuhl aussuchen. Mein allererster wird es, da, wo ich zu Beginn rund fünf Stunden gesessen bin. Sämtliches Lesematerial ist nicht mehr vorhanden, (wie komme ich jetzt zu meinem wöchentlichne GEO – Artikel?), der Kaffee kommt im Einwegbecher daher, und alle Mitarbeiter tragen einen Mundschutz. Bei Eintritt in die Praxis wird zuerst die Temperatur gemessen. Hm. COVID-19 all over.

So liege ich also etwas gelangweilt am Tropf und belästige via WhatsApp ein paar Bekannte. Irgendwann huscht Onki im Stechschritt vorbei. Hui, ihm brennt der Hut, will heissen, sieht aus, als ob er wirklich viel zu tun hätte. Die eine oder andere Chemodame kommt auf einen Schwatz vorbei. Auch Onki setzt sich irgendwann auf ein kleinen Plausch zu mir. Wir hatten offiziell keinen Gesprächstermin, er hat schlichtweg zuviel zu tun. Mir aber ist es lieber wenn nach fünf Wochen behandlungsfreier Zeit doch mal wieder Gift in mich geleitet wird, wenn es sein muss auch ohne Plauscherei mit Onki.  Wir gehen im Schnelldurchgang die letzten 12 Wochen durch, was passiert ist usw., auf beiden Seiten.

Husch husch frage ich ihn noch wie es denn nun mit meinem Silberrücken aussieht, wenn der weiterhin so weh tut muss was gemacht werden. So geht das nicht. Mein Vorschlag, das Ungemach rauszuschnetzeln kommentiert er mit, „voerher verbraten wir ihn“. Ja klar, warum habe ich nicht daran gedacht. Bestrahlung ist des Rätsels Lösung. Aber nun warte ich zuerst ab, wie und ob die Chemo, so wie das letzte Mal, die Dinger an meinem Hals schrumpfen lässt. So Bestrahlung ist ja nun auch nicht ein Zuckerschlecken. Flugs hat Onki einen Handschuh übergestreift und tastet an meinem Hals rum. Ja, hart isser, und gross geworden, Ich weiss, laufe ja täglich mit ihm rum. Warten, wie die Chemo tut. Auch wenn ich weiss, die Chemo hilft immer weniger. Sie hilft, aber eben, immer weniger. Sonst hätte ich keinen Schlenker zur Studie gemacht.

Zytostatiken Studien werden immer von der Herstellerfirma finanziert. Gut, das werden alle Medikamentenstudien. Bei regulären Studien werden die Probanden auch bezahlt. Bei Krebsmittel werden einem die Fahrkosten erstattet, mehr nicht. So zumindest stand es in den rund 22 Seiten der Studienunterlagen. Ich erhalte auch eine Abrechnung für die Fahrten mit der Bitte, diese für gut zu befinden und meine Bankverbindung anzugeben. Habe den IBAN auch schon reingehackt als ich auf die Summe schaue. Ne, oder? Die wollen mich mit einer Pauschale abfertigen? Da rufe ich doch mal im Spital an. Ja, das Spital rechne mit mir ab, überweist mir das Geld und fordert es anschliessend vom „Sponsor“, wie sich die Medikamentenbude nennt, ein. Nun weiss man ja, so Mediläden nagen nicht wirklich am Hungertuch. Ich hätte doch bitte gerne die schriftlich zugesicherte Entschädigung für die Fahrten. Man wird nachfragen. Und tatsächlich, es klappt. Die Summe  wird fast verdreifacht. Es geht nicht um die Summe als solches, aber seien wir ehrlich, so eine Pharmabude kommt nicht in die roten Zahlen, wenn sie ihren Versuchskaninschen das korrekte Fahrgeld ausbezahlt. Hätte das Spital die Kosten übernommen, wäre ich ruhig geblieben. Das Spital und seine Mitarbeiter hat einen wirklich guten Job gemacht, das reicht mir schon.

Streiten um Geld mache ich immer gerne, die Höhe der Summe ist mir da egal. Korrekte Rechnung macht gute Freunde, ist meine Devise.

Nun also seit ein paar Tagen wieder Chemo in mir. Und ein ganz eingenartiges Gefühl von Sicherheit macht sich in mir breit. Ich weiss, die Chemo geht gegen die Tumorzellen, also hoffentlich auch gegen die dämlichen Dinger in der Lunge, und der Antikörper bremst Her2 ein. Ich weiss auch, wie es zu und her geht. Die erste Nacht liege ich rund 16 Stunden flach trotzt Kortison, nur hat mir MPi ein Schlafmittel besorgt, dass mich platt macht. Und das ganze Gestell tut weh. Auch das kenne ich. Also Schmerzmittel rein. Und das Codein für gegen den Husten. Ja, wie schon ein paar Mal gesagt, ich zicke nicht mehr gross rum mit Medis, wenn mir etwas hilft nehme ich es und fertig und aus. Nach zwei, drei Tagen sind es vor allem die Schultern, die schmerzen. Das habe ich dem Kortison zu verdanken. Aber, aber, alles ok, so lange nicht erbrechen und solange es auf der Lunge hilft. Man wird bescheiden und für ein wenig Hilfe dankbar, stelle ich fest. Und das die herkömmlichen Chemos immer weniger helfen, schon helfen, aber halt immer weniger – ich schiebe es zur Seite. Es ist das Einzige, was ich noch machen kann.

Falls das Wasser wieder auftaucht werde ich doch eine Pleurodese machen lassen müssen. Eine liebe Kollegin von mir, und sie ist quasi vom Fach, hat dies prosaisch mit „Lungenpickerei“ umschrieben. Ja, ist es im Prinzip auch.

Hatten wir schon

Die Entscheidung ist gefallen. Die Chemo mit Antikörper wird es werden. Nächste Woche geht es los, wieder bei Onki.  Und erfahrungsgemäss legt mein Krabbler zu wenn da nichts an Gift in mich hinein getrichtert wird. Dies ist nun schon fünf Wochen der Fall und üblicherweise meldet sich die Lunge. Und mein Schnauforgan lässt mich auch jetzt nicht im Stich, will heissen  das Atmen wird zusehends schwieriger. Erfahrungsgemäss geht es schnell, wenn es los geht. Also, MPi muss her. Und zwar MPi deswegen weil er mich dort kann anmelden, wo das abziehen des Wassers für meine Begriffe etwas schmerzfreier funktioniert. Die Herrschaften kenne ich dort bereits, zur Corona Zeit haben wir begonnen uns fusselnd zu begrüssen während wir uns fröhlich anlachen. Auf jeden Fall geht dort eine Anmeldung ruchzuck, Anruf bei MPi, Anruf der Disposition der Pneumologie und am nächsten Tag steht der Termin, Blutverdünner absetzten nicht vergessen. Eigentlich könnte ich mich auch direkt anmelden. Herr Disponent und ich kennen uns von einer kleinen Plauscherei, und er hat versprochen, ich darf jederzeit und immer anrufen für einen Termin. Jedenfalls wird der Ultraschall ans Licht bringen, ob es Wasser ist, welches mich tief schnaufen lässt – oder doch die wachsenden Ableger. Wasser abziehen wäre sofort die Lösung. Für die Ableger hoffe ich auf die Chemo.

Manchmal denke ich mir schon, irgendwo sitzt da oben einer, der will mir ganz fürchterlich eines auswischen. Was ich wohl angestellt habe, dass ich nie vergessen werden, wenn es wieder schlechter wird? Neben meiner Lunge ist es mittlerweile auch Silberrücken, der sich bemerkbar macht. Für die Desinteressierten und sporadisch Mitleser, mein Silberrücken ist der mittlerweile rund 5 cm grosse Lymphknoten linksseitig an meinem Hals, und steinhart. Er wird treu begleitet von vier weiteren Knoten, dafür kleiner. Gut sichtbar und auch spürbar. Auf jeden Fall ist Silberrücken nun gut spürbar, auch im sitzen, wenn ich mich nicht bewege. Das ist neu. Und nach rund fünf Minuten gehen oder laufen beginnt er enorm weh zu tun, so weh, dass ich mir die Schulter hochziehe und den Kopf schräg lege. Das dies total bescheuert aussieht, damit kann ich leben, aber ich frage mich, wann chronische Rückenschmerzen treue Begleiter werden, wenn ich immer so verbogen rum laufe. Bis anhin kenne ich keine Rückenschmerzen, worüber ich ziemlich froh bin. Und natürlich, allwissend wie ich bin, weiss ich auch warum dies so ist. Ich habe im grossen und ganzen immer einen weiten Bogen um High Heels gemacht. Mit meiner Grösse schaffe ich die Durchschnittsgrösse des Mannes, mit High Heels bewaffnet reduziert sich ein für mich in Frage kommender Mann grössentechnisch gesehen trastisch. Also habe ich diese Dinger meist weg gelassen. Falls die Chemo keinen Einfluss auf die Grösse von Silberrücken hat werde ich Onki mal anfragen, ob man diesen auch raus nehmen kann. Meine Erklärung für die Schmerzen ist, dass er mittlerweile zu viel Platz braucht oder/und irgendwo auf einen Nerv drücken. Man wird sehen.

Covid-19 ist meinen Finanzen zuträglich. Schaffe es momentan nicht, gleich viel Geld wie normalerweise üblich auszugeben. Aber ich bin erfinderisch und investiere das Überbleibsel in Telefongespräche. International, weil es sich sonst ja nicht lohnt. Aber natürlich auch national. Eine liebe Kollegin von mir wohnt sehr idyllisch, praktisch in den Bergen. Das kann ich von mir nicht behaupten. So wie sie mir erzählt hat, wird die Bergregion wochenends praktisch von uns Flachländern überrannt. Das ist noch verständlich, da man endlich mal raus will. Was nun schon eher das wahre Gesicht von uns Menschen zeigt, unseren Egoismus, ist, dass trotz Feuerverbot oft und gerne die Wurst über einem kleinen Feuer gebraten wird. Sieht aus, als ob das offizielle Feuerverbot nur um die eigene Adresse herum einzuhalten wert ist. Passenderweise lese ich auch irgendwo, dass Littering, also das liegen lassen von Abfall, zunimmt. Auch davon erzählt mir meine Kollegin. Ja, so sauber und ordentlich wir es gerne zu Hause haben, sobald wir glauben, niemand sieht uns, verändern wir unser Verhalten dahingehend, dass wir es öffentlich nie zugeben würden. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, würde solches Verhalten weit in Abrede stellen. Es sind immer die Anderen.

Mein hochoffizielles Arbeitsverbot würde mir ermöglichen, dass ich losziehen könnte, in die Bergregieon, wo unter der Woche nicht ganz so viele Flachlandindianer rumschleichen. Nur, mit meiner Lunge bin ich schon froh, wenn ich es von der Tiefgarage in meine Wohnung schaffe. Und nun bin ich wieder dort wo ich heute begonnen habe – meine Hoffnung ist die Chemo.

Dieser Eintrag wurde am 2. Mai 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare

Anderer Länder, andere Sitten

Ein kleiner Plausch mit MPi, und irgendwie kommen wir auf England zu sprechen. Er lässt mich wissen, dass in England sämtliche Krebsbehandlungen abgebrochen worden sind. Auch Neuuntersuchungen, nichts zu machen. Und zwei Tage später lese ich eine – natürlich – reisserische Schlagzeile, x-tausend Krebstode in England befürchtet. Und natürlich – man gibt dem COVID-19 die Schuld. Ich sehe das etwas anders, aber mich fragt ja auch keiner.

Bei meiner kleinen Plauscherei mit MPi ist auch etwas anderes raus gekommen. Etwas nicht ganz so Tolles. Meine Studie wird abgebrochen. Während die meisten Ableger schrumpfen, wachsen diese in der Lunge munter vor sich hin. Grund hierfür ist, dass diese den Her2 Faktor verloren habe. Wusste ich bis vor kurzem auch nicht, dass dies sein kann. so Krebszellen sind lernfähig, kleine, clevere Biester. Wie man früher oder später eine Antibiotikaresistenz sich quasi ranzüchtet, ist es das gleiche mit diesem Her2 Faktor. Seit gut vier Jahren schiesen wir auf diesen mittels Antikörper nonstop. Und nun scheint es dem Luder zu reichen, und hat sich auf der Lunge verabschiedet. Die Ableger sind geblieben und wachsen. Und mit ganz ohne Lunge lebt es sich schlecht.

Wie mir schon zu Beginn der Studie zugesichert wurde, nach sechs Wochen wird und wurde getestet, ob und wie die Studie wirkt. Und das ist eben dabei heraus gekommen. Die ganze Litanei an Blut abzapfen, Röhren, EKG, Ultraschall und so weiter. Und weil ich hier in einem Spital bin, und nicht in einer Onkologiepraxis sind auch Blutwerte & Co. ruckzuck, nämlich noch am selben Tag hier.

Und nun sitze ich ziemlich in der Patsche. MPi bietet zwei weitere Studien an. Bei einer handelt es sich um ein Medikament, CB103 (wieder kein Name), noch nicht offiziell auf dem Markt, in der Testphase. Grosser Nachteil ist, dass ich den Magenschoner absetzten  müsste. Seit meiner Tablettenchemo, damals, mit rund 20 Tabletten am Tag, habe ich ein kleines, feines 12-Finger-Darm-Geschwür. Und weil ich bereits drei Thrombosen in meinem Leben hatte, muss ich Blutverdünner nehmen. Und eben darum nehme ich den Magenschoner, um zu verhindern, dass dieses wieder zu bluten beginnt. Spätestens auf dem WC würde ich dies merken. Und die Studie wäre auch in Tablettenform. Die Unterlagen sind recht umfangreich, diesesmal 30 Seiten. Und die Nebenwirkungen zwei A4 Seiten. Mal was Ordentliches.

Zweite Möglichkeit wäre auch eine Studie. Eine bereits auf dem Markt befindliche Chemo. Diese wäre wieder als Infusion, aber irgendwie ein bisschen anders in der Darreichungsform. Das Molekül (oder so irgendwie) in Fett eingebett. Also, ich nehme nicht an, dass die Infusionsflüssigkeit mit Fettaugen oben auf rumschwimmt. Nebenwirkungen wären mein geliebtes Hand-Fuss-Syndrom und entzündete Schleimhäute, vor allem im Mund. Da kommt Freude auf. Endlich haben sich meine Geher erholt, schon geht es wieder los. Dokumentation umfasst nur 15 Seiten. Ob das was G’scheites sein kann??

Werde mir das ganze von MPi und seiner Kollegin genauer erklären lassen. Weil eigentlich für die erste Studie seine Kollegin zuständig ist. Wie ich festgestellt habe, sind an „meinem“ Spital rund fünfzig Studien am laufen. Da bildet man sich ein etwas Besonderes zu sein. Pustkuchen. Eine von vielen halt.

Dritte Möglichkeit wäre zurück zu Onki und wieder Chemo mit den Antikörpern. Da könnte ich z. B. obengenannte Chemo in der herkömmlichen Form zusammen mit den Antikörpern schlucken. Und das ist mit grosser Wahrscheinlichkeit neben den üblichen Verdächtigen sehr, sehr garstig zu meinem Herzen. Das würde dann heissen, Chemo weiter und den Antikörper weg lassen, bis sich das Herz wieder erholt hat. Somit könnte ich ja von Anfang an bei der Studie mitmachen.

Wie schon mal geschrieben, MPi, Onki und ich, wir bemailen uns im Dreieck, manchmal. Und Beide haben mir schon mal klar gemacht, was sie evtl. für gut befinden. Selbstredend, dass sie nicht für das gleiche sind. Wenn ich nun mit der Kollegin von MPi spreche habe ich vielleicht eine dritte Meinung, und dann kann ich eine Münze werfen.

Da  haben es die Leute in England wieder einfacher – die Entscheidung wurde ihnen radikal abgenommen. Zu die Türe, und dann kann man schauen, wie man damit fertig wird. Auch wieder blöd.

 

 

Was anderes

Wie geplant wird kontrolliert, ob das neue Mittelchen bei mir seine Dienste tut. Zuerst mal rund zehn Röhrchen mit Blut, EKG ist gut, Vitalwerte sind auch ordentlich. und weiter gehts zu Herzdame- und Bube. Sie ultraschallen wieder ziemlich fest an mir rum, auch ziemlich lang. Wir plaudern während der Untersuchung ein wenig, bzw. Herdame möchte wissen, wie denn das genau bei mir sei von wegen Vorerkrankung usw. Also leiere ich es mal wieder runter. Wie oft habe ich dies schon getan? Und hier, quasi im neuen Spital, kann ich die ganze Leier öfters mal von mir geben, damit die betreffenden Ärzte wissen, wen und „was“ sie vor sich haben. Offensichtlich leiere ich schon recht ordentlich, auf jeden Fall werde ich gefragt, bzw. man geht davon aus, dass ich auch im medizinischen Bereicht tätig bin. Nein, bin ich nicht. Aber nach vier Jahren kriegt man doch einiges mit, da müsste man doch sehr lernresistent sein, wenn da nicht das Eine oder andere hängen bleibt. Das gute an der ganzen Ultraschallerei: Es wird nichts gefunden, was nicht gut ist, bzw. so schlecht, dass man mit Schuldmedizin dazwischen funken müsste. Der, das letzte Mal festgestellte ,“Fehler“ auf meinem Herzen, hat sich nicht vergrössert, Pumpfunktion ist in Ordnung, auch die Herzklappen schliessen ordentlich. Das ist doch mal was. Was ich lustig finde ist, wie diese Klappen aussehen. So kleine, dünne Dinger, die hin und her „schwanken“.  Auf jeden Fall bin ich entlassen, und mein Herzpaar wird mit MPi noch in Kontakt treten.

Next Stop: CT.
Die lange Sache daran ist das Trinken, bzw. bis man den knappen Liter an Flüssigkeit in sich rein geleert hat. Nach einer knappen Stunde werde ich abgeholt. Das CT ist ja eigentlich keine Röhre, die neuen Geräte sind eher ein Bogen. Rein und raus, Luft anhalten und wieder atmen. Zum Schluss noch den Kopf etwas nach hinten dehnen, der Hals wird noch gecheckt. Das habe ich wohl meinen Ablegern in der Schilddrüse und den Knoten, incl. meinen Silberrückens, zu verdanken. Ich bin entlassen.

Wäre doch tatsächlich fast mit der Portnadel nach Hause gezuckelt. also wieder raus aus dem Auto und rein in die Onkologie, das Ding mus raus. Wäre ich  mit diesem Ersatzteil nach Hause gefahren hätten mich wohl eine von Onkis Chemodamen davon befreien müssen. Aber gerade noch mal geschafft.

Aus reiner Gewohnheit schaue ich mal ins Mail. Normalerweise ist MPi ziemlich zackig mit dem senden der Befunde. Vor allem die Blutwerte trudeln zügig rein. Heute nicht. Hat er viel zu tun? Kann wohl auch bei einem in der Forschung tätigen Onkologen der Fall sein. Abends klingelt das Telefon. Ich stehe gerade am Herd, aber MPi ist einer von den Menschen, dessen Anrufe ich stets entgegen nehme.

Ja, also, das Gute zuerst: Grösstenteil schrumpfen die Ableger. Weiter, fordere ich ihn auf. Wie beim Onkel vom Mars fahren meine Antennen aus. Da ist  was im Busch. So gut kenne ich meine Weisskittel schon. In der Lunge sind die Dinger gewachsen, zum Teil auf 2 cm und auch mehr. Innert sechs Wochen.  Aha. Mein Krustentierchen wird selektiv im reagieren auf die Giftlerei. Wie das jetzt? Es ist möglich, dass ein Tumor oder Ableger den Her2 Wachstumsfaktor quasi „verliert“. Und weil MP0274 quasi nur auf diesen Wachstumsfaktor schiesst, berührt das natürlich Tumorzellen, welchen diesen nicht (mehr) haben nicht, und so spriesen diese weiter. Bis anhin wusste ich gar nicht, dass es möglich ist,  das Her2 „verschwindet“. Dämlich, jetzt wo das Herz wieder grünes Licht gegeben hat, kommt doch die Lunge und zickt noch mehr rum, als sie es ohnehin schon immer getan hat.

MPi klingt ernst. Ja, da sind sie sich doch sehr ähnlich, Onki und MPi, wenn es zur Sache geht ist fertig mit der Flachserei. Und jetzt? Ja, er ist am abklären, führt Gespräche mit Kollegen, kontaktiert Tumorboard sowie die Mitglieder des betreffenden Brustkrebszentrums. Es ist beruhigend zu wissen, dass auch er ein Arzt ist, welcher nicht zu stolz ist, Kollegenmeinungen einzuholen anstatt als One-Man-Show einfach etwas aus dem Ärmel schüttelt.

Ganz sicher wird diese Studie abgebrochen. So wie er gehört hat, käme vielleicht noch eine andere Studie in Frage, oder eben wieder Chemo und  Antikörper. Dann wäre wieder Onki gefragt. Er weiss es auch schon und signalisiert Unterstützung. Wüsste nicht was tun, wenn ich an, sagen wir etwas anderen Ärzten, gelandet wäre.

Werde gefragt, ob mich Onki „fallen gelassen“ hat. Nein, natürlich nicht, immer noch ist er für mich da, wenn ich etwas brauche, wissen muss usw. Wobei ich meist schon bei MPi lande.

So nebenher wurde auch festgestellt, dass an meiner Gebärmutter Ableger sind, die Bauchspeicheldrüse verkalkt ist, (kann von einer nicht bemerkten Entzündung kommen, von den Medis, von was auch immer, es ist jetzt da und fertig), und Gallensteine habe ich auch.  Das nur so am Rande.

Gehe mit einer Schlaftablette ins Bett. Die Gedankenmühle lässt micht trotzdem nicht schlafen…

 

 

Selber schuld

Habe spät realisiert, dass mir ein Medi ausgeht. Also habe ich mich auf dem Weg gemacht. Ich lande an meinem Arbeitsplatz. Leer, nur leer. Es krampft sich etwas in mir zusammen. Wenn man etwas nur voll mit Leuten kennt, und nun ist man fast alleine. COVID-19 sei dank.

Wie einfach wäre es nun zu sagen, ja klar, die Chinesen, kein Wunder, so wie die mit der Umwelt umgehen, so wie die leben, kein Wunder, dass da so was kommt. Wir, die westliche Welt, ist meiner Meinung nach ziemlich scheinheilig. Und ich nehme mich da keinenfalls aus. Wir sammeln brav Batterien. Und es gibt hier eine Firma, welche gebrauchte Batterien angeblich aufbereitet, bzw. zerlegt, damit sie wiederverwendet werden können. Ein Schulungsmitarbeiter eines Elektrokonzerns hat mir mal geantwortet, Batterien kommen ins Ausland. Aha, und dort? Irgendwo auf eine Abfallhalde. So, das machen wir doch ganz fein. So auf den ersten Blick ist es sauber bei uns. Als ob Landesgrenzen die Umweltverschmutzung von uns fern hält.

Praktisch kein Tun und Handeln des Menschen, dass nicht Spuren auf unserem Planten hinterlässt. Joghurt zum Frühstück, Plastik. Zähne putzen, mit kleinsten Microplastikteilen in der Zahnpasta. Körperhygiene mit Kosmetika aus der Kunststoffflasche. Es ist endlos. Nun könnte man natürlich im eigenen Garten gesundes Gemüse ziehen. Und man giesst es mit Oberflächenwasser mit was? Genau, Microplastik. Und weil wir Frauen jahrelang Hormone in uns reinpumpen, haben wir auch diese bereits im Wasser, von Spuren von Antibiotika ganz zu schweigen. Genug Hormone, dass es schon Gewässer gibt, in welchen das Geschlecht der dortigen „Bewohner“ ändert. Ausser Steinsalz sei angeblich schon jede Art von Salz mit Microplastic durchzogen. Fleur de Sel, Meersalz sowieso, auch Himalayasalz…..

Nach meiner ersten Thrombose habe ich vor zwanzig Jahren die Pille abgesetzt. Mein Partner hat mich voll unterstützt. So wie ich von Frauen gehört habe, gibt es da jedoch auch andere Sichtweisen von Männer…  Bis zu meiner Erkrankung war ich praktisch medikamentenfrei.

Und nun, nun bin ich der Gifthaufen wie er im Buche steht. Ich habe es glaube ich schon geschrieben, was mich richtlich nachdenklich stimmte war die Feststellung, dass eine Blutdruckmanschette auf der Intensivstation weg geworfen wurde. Ich trug diese vielleicht zwei Stunden? Scheeren im Spital? Einmal gebraucht und fort damit. Nicht mehr sterilisiert wie früher und wieder verwendet. Nein, weg geworfen, weil es wohl unter dem Strich billiger ist. Medizinischer Abfall, und nicht nur in meinem Fall, hochgiftig, wird wohl als Gefahrengut „entsorgt“, aber wohin? Wo kommt es hin, bzw. kommt es tatsächlich in eine Verbrennungsanlage mit speziellen Filter? Wer kontrolliert das? Schon alleine meinen Port anstechen produziert Abfall ohne Ende. Handschuhe, vier Tupfer mit Desinfektionsmittel, die Portnadel mit entsprechender Kabelei, vier Spritzen mit Spüli, zwei vor und zwei nach Behandlung, zum durchspülen des Ports, zum Schluss noch ein Pflaster.

Da mache ich mir Gedanken über das Gift, dass ich auf dieser Welt hinterlasse. Und hätte absolut keine Skrupel, wenn immer möglich in den nächsten Flieger zu steigen und irgendwas besuchen. Auch ich bin scheinheilig. Zumindest gebe ich nicht hochbesorgt den beliebten Satz von mir „Ja, so geht es nicht weiter, es muss sich schon etwas ändern“. Klar muss sich was ändern, Aber bitte nicht bei mir. Den Wäschetrockner möchte man nicht hergeben, er ist ja so bequem, das Auto sowieso nicht, und in die Ferien möchte man natürlich auch fahren.

Mein bequemes Leben soll bitteschön bleiben wie es ist. Die andern sollen mal tun…. Bin ich auf den Malediven möchte ich nicht auf die Insel, welche extra für den Abfall dieses Inselstaates geplant wurde. Auf Hawai will ich mir nicht den Plastikstrand anschauen gehen, dass wäre doch lästig. Die seit Jahren anhaltende Ölpest in Nigeria, wie uncool, darüber berichten die Medien schon gar nicht mehr. Atommüll, welcher offen in der ehemaligen Udssr steht. Ist ja typisch, die Russen kümmern sich gar nicht um die Umwelt. Das es vor  allem, oder auch westlicher Atommüll ist, wen kümmert es. Hauptsache wir haben genug und jederzeit Strom. Wie ärgerlich ist das denn, wenn man Stromschwankungen hätte, immerhin zahle ich ja wohl genug für den Strom.

Ich habe kein Studium und ganz sicher fehlt mir ein grosser Haufen Wissen. Aber so rein gefühlsmässig würde ich sagen, wir kommen aus diesem Strudel nicht mehr raus. Unser Lebensstandard fordert seinen Tribut, egal wo und wie man lebt. Und die Erde wird sich zu wehren wissen, irgendwann wird sie uns, salopp gesagt, platt machen, so das wir gar nicht verstehen, wie uns geschieht. Weil wir selber schuld sind.

Zeit, meinen Fisch für das Abendessen aus dem Tiefkühler zu nehmen, mit MSC Siegel. Wer’s glaubt. Microsplastik incl.