Kaffee

Brav bin ich auf Befehl von Onki wieder bei ihm aufgetaucht. Und irgendwas war komisch. Habe mir am Abend vorher noch eine Schlaftablette genehmigt, (zusammen mit meinen Minz und sonst noch ein paar Sachen), und irgendwie hat mich diese dermassen nieder gemacht, dass ich kaum noch weiss, wie ich zu Onki gekommen bin. Klar, mit dem Auto, aber trotzdem komisch. ich bin nicht ganz sicher, aber könnte sein, dass ich noch einen Dreher mit eben diesem  in einer Wiese hatte. Als mich Onki in sein Sprechzimmer bittet ist seine erste Frage ob ich einen Kaffee möchte. Wau, ich muss wohl richtig Sch…. aussehen. Onki bringt mir also Kaffee, welchen in dankend annehme. Vielleicht ist ihm auch aufgefallen, dass ich zuerste an meinem Stuhl vorbei maschiert bin (gewankt trifft es wohl besser). Ich weiss auch nicht mehr so ganz, was wir geredet haben. Auf jeden Fall wurde der Port mit Rohr frei durchgeputzt. Er wird seine Dienste tun, wenn er wieder eingesetzt wird. Und belästigt auch momentan mein Herz nicht. Brav ist er, mein Port. Onki fragt nach meinen allgemeinen Wohlbefinden. Nun, dass ist bescheiden. Es sind nicht Schmerzen, die mir Sorgen machen, aber das mit dem Blut wird bedenklich. Kann schon sein, dass ich von gleich auf jetzt im Gesicht irgendwo Blutstropfen habe, auch an anderen Orten.

Das Hand – Fuss – Syndrom hält mich auch ein wenig auf Trab. Die Beugefalten in der Hand sind morgens dunkelrot, die Haut sieht aus wie bei einem alten Weib, und das, obwohl ich täglich mit medizinischer Hautpflege schmiere und creme wie doof. Wenn mir hier die Haut aufplatzt wird es schmerzhaft werden – und lange, lange dauern, bis ich es, wenn überhaupt, wieder geheilt kriege. Vermutlich, oder hoffentlich, wenn wir die Chemo wechseln. Sieht aus, als ob Chemo mein ständiger Begleiter bleiben wird. Das war ehrlich gesagt nicht mein Lebensziel.

Ach verflixt, irgendwie wird es immer mehr. Blutverdünner absetzten, Blutungen dort und da, die Hände, die Füsse auch, das Wasser im Körper dort und da, die Ableger an sechs Stellen, ein Port, der auf mein Herz schielt, Müdigkeit all over,  der Nierenabfluss, welcher von einem (vermutich) Lymphableger zugedrückt wird,  und wie lange die Leber mit ihren Ablegern meine Medis noch verkraftet bevor sie sagt – Du kannst mich mal – weiss ich auch nicht. Wie lange funktioniert mein Körper noch?

So viele Sachen, welche wir nicht beeinflussen können. Immer denken wir Menschen, Ärzte, und somit wir, können alles heilen, immer und überall. Pustekuchen. Ich frage Onki, ob ich auch an inneren Blutungen sterben könnte. Ja, wenn das mit den Blutwerten immer weiter runter rauscht, wird es spannend. Es sei dann „eine kurze Sache“. Na bitte, dass ist doch ein Trost, kurz und hoffentlich schmerzlos.

Manchmal überlege ich mir, wie ich es dem einen oder anderen beibringen soll, wenn es ernst wird. Ich weiss nicht, wie ich meinen Leuten, sagen wir das Ungemach über meinen Tod, ersparen kann, ihnen klar machen, wenn es so weit ist, dass es für mich eine Erlösung sein wird, und ich vermutlich froh bin, wenn ich es übestanden habe. Wobei, mit ein bisschen Grütze im Hirn sollte es doch jedem klar sein, dass es manchmal eine Erlösung ist, und dass man sich für den Betrefffenden auch freuen kann. Solange es gut geht, gut ging, sollte jeder einigermassen gut leben können (und da kann ich mich nach wie vor nicht beklagen), und wenn es vorbei ist, dann passt es auch.

Und jetzt ist fertig mit den düsteren Gedanken. Bin ja schliesslich in den Ferien. Bei meinen Lieblingsschlummereltern. Wir blödeln rum, und so kommt es, dass meine Minz (pro Dosis fünf an der Zahl) plötzlich in einem angebissenen Mohrenkopf stecken, ein Foto gemacht wird, und mir meine lieben Schlummereltern dieses als Status eingeben. Ich denke, es ist nicht so clever, wenn Onki sieht, dass ich mit dermassen teuren Minz (wir sprechen hier von einem dreistelligen Betrag bei fünf Tabletten) rumspiele. Natürlich habe ich diese danach brav geschluckt. Ich mag nicht, ich mag einfach nicht, mit einem düsteren Gesicht rumhängen. Krank bin ich sowieso, die Minz muss ich auch schlucken, also spielt es keine Rolle, ob mit Lachen oder Selbstmitleid. Vor meinen Minz haben alle einen Heidenrespekt. Vielleicht auch, weil ich gerne mit einem breiten  Grinsen im Gesicht rum erzähle, dass es heisst Pfötchen waschen nach der Einnahme. Das ist nicht übertrieben oder ein Witz, steht auch auf dem Beipacktext. Manchmal biete ich dies auch an als quasi Erfrischungsbonbons. Aber irgendwie traut man mir nicht (?), keiner will ein Minz von mir.

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Böse böse

ist sie, die momentane Chemo. Abgesehen, dass ich es extrem mühsam finde, drei Mal am Tag mir Minz (also meine Chemotabeletten) einzuwerfen, einmal alle drei Wochen an den Tropf finde ich persönich parktischer, beginnt das ganze zu nerven. Die Bluterei nimmt zu, und ich beginne ins Gewebe einzubluten. Das scheint Onki ins Grübeln zu bringen. Also den Blutverdünner wieder abesetzt. Das ist ungeschickt. Jeder, der zwei Mal schon mit Thrombose gesegnet war, sollte bis ans Ende seiner Tage Blutverdünner schlucken. Nun stellt sich die Frage, ist das Blut wegen dem Verdünner bleidigt, ist die Chemo am mitmischeln, oder ist es die Wirbelsäule, die nicht mehr ihren Dienst tut. Schauen wir. Ich bin momentan in den Ferien, also nicht zu Hause und Onki lässt mir nicht durchgehen, dass wir uns rund fünf Wochen nicht sehen. Also trabe ich brav zur Zeit vor.

Mein Port ist momenten im Ruhestand, aber weil mir Onki ja (leider) zugesichert hat, dass es bestimmt wieder eine Chemo geben wird, die mir intravenös eingetrichtert wird, sollten wir vielleicht ein bisschen Rohr frei reinlassen. Die Leitungen sollten schon frei sein wenn es wieder los geht. Und wieder einer meiner Lieblingssätze: Mal Onki fragen.

Bin bei meinen üblichen Schlummereltern gelandet. Der Schnee lässt zu wünschen übrig, bin auf der falschen Seite der Alpen, aber es ist halt so, kann man nicht gross ändern. Manchmal denke ich mir, ob mein Chemobrain, was ich ja gerne und oft als Ausrede verwende, wenn ich mal wieder etwas nicht weiss oder vergessen habe, Überhand nimmt. Stehe ich eines morgens im ersten Stock, und frage meinen Schlummervater etwas. Erst als er so kariert drein schaut fällt mir auf warum. Ich stehe da im Evakostüm, und es war mir nicht bewusst. Da, wo ich aufgewachsen bin, kann es schon sein, dass einem im ersten Stock des Hauses ein Flitzer begegnet, aber bei Schlummereltern ist dies eher, sagen wir, unangebracht. Na ja, weiss er nun also auch, wie es aussieht, wenn man einseitig unterwegs ist.

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Organisiere mir hier und dort einen Kaffeeklatsch mit langjährigen Bekannten, esse mich bei Bekannten durch, lasse mich bekochen und bekoche meine Schlummereltern. Es hat sich ja Nachwuchs eingstellt, und aus eigener Erfahrung weiss ich, wie bequem es ist, wenn man sich zum Essen hinsetzen kann. Bis jetzt haben sie brav immer alles aufgegessen, sei es wegen Hunger oder aus Anstand, egal, die Töpfe sind leer. Ein Auto habe ich mir auch organisiert, und so bin ich flexibel unterwegs. Irgendwie glaube ich, dass man sich an das Nichtstun schneller gewöhnt als umgekehrt.

 

 

Eines mehr

Weihnachten ist vorbei und es war friedlich und schön. Schöner wäre es mit Schnee gewesen, aber das habe ich ja schon geschrieben.

Nach meiner Ankunft zu Hause schwinge ich mich ins Auto und schaffe es noch pünktlich zu Onki. Wir kommen – wie so oft – ins plaudern, und auch ins lachen, wobei ich ihn dieses Mal richtig zutexte, und er hört mir meiner Meinung nach interessiert zu. Oder ist er nur höflich? Nach drei Jahren noch der Höflichkeit halber zuhören? Kaum, denke ich mir. Das obligatorische Telefonat seiner Vorzimmerdamen das es halt jetzt Zeit wäre usw. bringt uns Beiden ein Schmunzeln ins Gesicht.

Irgendwann kann auch ich nicht weichen, und wir kommen zu meinem Krustentierchen. Die Bebelie wegen der neuen Chemo sind erträglich, also die spürbaren. Von Zeit zu Zeit immer noch Nasenbluten, was praktisch ist, wenn man am staubsaugen ist. Da sieht man gleich, wo man schon durch ist. Ansonsten ist es halt eher eine kleine Schweinerei, wenn kein Taschentuch innert nützlicher Frist greifbar ist.

Mein Blut zickt rum, ganz genau die Thrombozyten, also die Blutplättchen. Blutplättchen sind die erste Barriere, die sich im Körper bildet, wenn man irgendwo blutet. Bei mir haut das nicht mehr so richtig hin. Eine klitzekleine Wunde, vor sechs Tagen passiert, blutet zum Teil immer noch. Aber meine Chemodamen schauen gut auf mich. Habe nun eine Art Lack, um mir kleine Risse und / oder Schnitte zuzupinseln. Brennt ordentlich, aber das ewige Geschmirre vom Blut ist einfach lästig, also bin ich ein wenig unter die Maler gegangen. Das meine Fingerspitzen vereinzelt aufplatzen ist meinem Hand-Fuss-Syndrom zu verdanken. Während es bei meiner ersten Chemo noch an den Füssen rumlungerte, scheint es sich nun an den Händen breit zu machen. Neben aufgeplatzter Haut werden die Fingerspitzen taub. Weh tut es trotzdem. Wie geht das?? Bin von meinen Chemodamen mit medizinischer Hautpflege eingedeckt bis unter den Rand. Die etwas kühleren Temperaturen, und die trockene Heizungsluft in den Räumen wird wohl auch nicht das Beste für meine Haut sein.

Aber die fehlenden Thrombozyten machen ernsthaft Sorgen. Und so will mich Onki in zwei Wochen wieder sehen. Es gibt zwei Möglichkeiten, warum meine Blutwerte in den Keller sinken. Das erste wäre die gute, alte Chemo. Niemand, kein Onkologe und kein Patient weiss, was diese in einem Körper für Nebenwirkungen hat. Und so war Onkis Vorschlag, unter Umständen diese ein wenig zu reduzieren. Haben sich hingegen die Ableger in den Knochen, und somit auch in der Wirbelsäule, welche ja für die Produktion des Blutes hauptsächlich zuständig ist, breit gemacht, ist nicht mehr genug Platz für die Blutproduktion. Und Knochenableger habe ich seit Beginn an. Da überlege ich mir, Bestrahlung, damit die Dinger in der Wirbelsäule zurück gehen? Oder Chemo reduzieren, wenn es eine medikamentöse Nebenwirkung wäre? So oder so, es ist misslich. Mal schauen, was Onki für Ideen hat.

Die schlechten Nachrichten kommen bei mir seit rund drei Jahren. Die Abstände werden kürzer, scheint mir. Und ich habe nicht mehr die Kraft, den Willen, oder ich sehen keinen Sinn mehr darin, bei jeder schlechten Nachricht auszuzucken. Weil es eh nichts bringt. Im grossen und ganzen scheinen die Bebelie in meinem Körper rundherum zuzunehmen. Nicht im grossen Stil, aber sie schleichen daher, dass steht fest.

Und so kommt mir eine neue Art zu sterben in den Sinn. Innerlich verbluten. Sämtliche Gefässe haben regelmässige kleine Risse, welche auch sofort wieder „zugestopft“ werden, vorteilsweise von vorhandenen Thrombozyten. Wenn diese nun ihre Arbeit nicht mehr tun, tun können, wäre es wohl nicht so abwegig. Mal Onki fragen.

Mein Port ist momentan im Ruhestand, will heissen, er wird für die aktuelle Chemo nicht benötigt. So wie mir Onki gesagt hat, wird das wohl wieder ändern. Vielleicht sollte ich mal fragen, ob man die Leitungen mal durchspülen sollte, damit siese offen bleiben? Auch hier, mal Onki fragen.

Neues Jahr, neues Glück. Auf jeden Fall wünsche ich das Allen.

Geschafft

Nach über 30 Jahren schaffe ich es doch noch einmal Weichnachten dort zu verbringen, wo ich aufgewachsen bin.

Der Schnee lässt zu wünschen übrig, auch sonst ist es nicht wirklich kalt.

Nicht kalt ist gut in meinem Fall, da meine Haarpracht schon lange keine mehr ist. Bitte, bitte nicht, nicht ganz ausgehen. Weil es halt gar kalt ist so ohne Haare. Und meine zwei Perücken (welche ich selbstverständlich aufbewahrt habe) halten meinen Kopf nicht warm, gar nicht warm.

Ich habe fast alle Medis dabei, aber natürlich auch eines vergessen. Eigentlich nicht vergessen. So geht es einem, wenn man angeblich mitdenkt. Natürlich brauche ich es hier. Also rein in die nächste Apotheke und her damit. Das es rezeptpflichtig ist weiss ich gut zur Seite zu wischen, und so erhalte ich es auch anstandslos – und bin platt, wie teuer das Zeugs ist. Im Ausland geht es ja nicht, dass ich es mit meiner Krankenkassekarte abrechnen lasse. Werde ich es zu Hause mittels Rechnung zurück fordern. Die Apothekerin ist nett, und fragt, ob ich noch was benötige. Doch, schon, ich strahle sie dabei an, und meine, sie wird es kaum haben. Hat sie auch nicht. So die nahrhaften Sachen haben sie selten an Lager. Aber passt schon.

Mit Onki bin ich auch in Kontakt, und mit einem Augenzwinckern schickt er mir Antworten. Er kennt mich, und weiss, wenn ich drum herum schreibe, dann bin ich ein wenig am beichten. Ist auch gut, so wie es ist. Das wird mein Luxusbody schon aushalten. Muss er ja auch. Notfalls weiss ich, er würde mir ein Rezept schicken, da kann ich auf ihn wunderbar zählen.

Die Tablettenchemo nervt ein bisschen. Drei Mal täglich das Zeug runter, und so hin und wieder vergesse ich das Glump. Und manchmal lasse ich es auch Onki wissen. Wird schon nicht so schlimm sein.

Im Grossen und Ganzen ist alles fein, die Haare sind dünn, dass tut ja nicht weh, die Mitesser gehen dank Antibiotika zurück, und solange es nützt schlucke ich das Zeug.

Also, keinen Grund zum jammern. Bebelie hat doch jeder von uns.

Und dann muss ich natürlich wieder mal reisen, denn, wie hat mir eine Bekannte kürzlich gesagt:

Reise vor dem Sterben, sonst reisen deine Erben.

Ich wünsche meinen Mitlesern ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest.

 

 

 

Einfach, aber nicht gut

Meinen letzten Besuch bei Onki habe ich mit Rezepten beendet. Nicht immer hat er alle Mittel an Lager, und wenn ein Patient vor mir schneller war, kann schon mal sein, dass ich ein Rezept kriege, und das Mittel in einer Apotheke holen muss. Auch die Apotheken haben Zytostatika nicht immer an Lager, eigentlich gar nie. Also maile ich die Rezepte zu der Apotheke meines Vertrauens durch und hole dies am nächsten Tag. Ein Antibiotikum ist auch dabei, und sonst noch Zeugs. Ich erhalte alle Medis ohne irgendwelche Fragen oder Ratschläge. Ja, was ist denn los? Kein „Nehmen sie sonst noch Medikamente“?, oder „Weiss ihr Arzt, was sie sonst noch nehmen?“. Ich grinse ein wenig in mich hinein. Bei Zytostatika fühlt sich wohl keine Apothekerin mehr aufgerufen, einem noch Anweisungen für das Einnehmen der Medis mit auf den Weg zu geben. Könnte schon sein, dass ein Patient weiss, wie er mit dem Zeugs umgehen muss. Und auch, dass der Arzt weiss, was man sich sonst noch an Globulis mehr oder weniger freiwillig reinzieht.

Freiwillig sage ich, weil ich mich jetzt doch für Antibiotika entschieden habe. Zeitmässig ist es eine Punktlandung, dass ich im Fernsehen einen Beitrag über die immer mehr zunehmende Antibiotikaresistenz sehe. Sogenannte Superkeime werden uns das Leben in zwanzig, dreissig Jahren richtig versalzen. Sie sind jetzt schon im Umlauf, gemäss Beitrag oft eingeschleppt von Reisenden, wenn diese im Ausland einen Spitalsaufenthalt hatten. Bin ich mit meiner Reiserei also gerade mal durchgerutscht. Das einzig medizinische war die Apotheke in Botswana.

Zu denken gibt mir, dass es angeblich Leute, oder besser gesagt Patienten gibt, welche Antibiotika quasi für jeden Husten nehmen. Weigert sich ein Arzt, diese zu verschreiben, wird mal schnell der Arzt gewechselt. Vergisst man, oder will man nicht wahr nehmen, dass wir hier von Medis sprechen? Aspirin, vor allem die Amis, schlucken es wie Tic Tac, angeblich. Und da schau her, eine Magenblutung. Aber doch nicht von ein bisschen Aspirin? Doch!

Momentan bin ich bei 16 Tabletten täglich, Calcium und Vitamin D zählt ja nicht als Medi, und der Blutverdünner ist nicht dabei. Wieviel davon schwemme ich wieder aus? Seit drei Jahren stehe ich unter Medis. Und ich bin nicht die Einzige, welcher es so ergeht. Dann noch die Pillen, welche viele Frauen jahrelang nehmen. Hormone, welche man in Fischen findet. Irgendwann haben wir den ganzen Mist auf dem Teller. Aber, man sieht es nicht, richt es nicht, spürt es nicht.

Muss aufhören mit diesen Gedanken, sie machen mir Angst.

Doch mehr

Mit einer Kollegin mache ich mich auf den Weg zu einem sogenannten „Dinnerspektakel“. Es sind die üblichen Bankettische aufgestellt, rund, mit je acht Plätzen. Der Rest besteht aus drei Paaren, welche schnell einmal auf das Thema reisen kommen. Bei so etwas höre ich immer gerne zu. Nur, irgendwann scheint es ein wenig auszuarten. Man protzt fast ein wenig rum was man schon alles gesehen hat. So nebenher, und verhältnismässig leise, erzähle ich meinem direkten Sitznachbar, dass für mich das interessanteste an Reisen bis jetzt Tschernobyl war. Und der alte Trick funktioniert doch immer wieder – sprichst du leiser, hört man dir eher zu. Die Aufmerksamkeit des ganzen Tisches ist mir sicher.

Meine Globulis haben es doch noch recht in sich. Wenigstens kein Erbrechen mit der neuen Chemo, wofür ich schon dankbar bin. Aaaaaber, mein Gesicht verwandelt sich langsam in einen Streuselkuchen. Nicht mal in der Pubertät hatte ich solch eine unreine, hässliche Haut. Habe auch schon ein komplettes medizinisches Pflegeset von der Onkologie organisiert gekriegt, nur nützt es nicht viel. Gemäss Onki könnte man da noch mit Antibiotika dahinter. Das ist wieder Mist, finde ich. Die Dinger bringen mein Kellergewölbe durcheinander, und dann muss ich hierfür auch noch was einwerfen. Ich warte noch ein, zwei Wochen mit der medizinischen Keule. Vielleicht regelt es sich doch von selber.

Diese widerlichen Mitesser bluten auch schnell, nach dem duschen ein wenig rubbelig abgetrocknet, und schon habe ich Blutspuren im Handtuch. Auch im Haaransatz sehe ich vereinzelt kleine Blutstropfen. Ich durchsuche meinen Kopf, so gut es geht, und finde kleine, schware Pünktchen. Lächerliche Panik befällt mich. Läuse??!?!?!?!?!? Nein, es sind keine Untermieter, sondern ganz kleine Krusten von blutenden Stellen. Das erklärt, warum die Kopfhaut manchmal ganz fürchterlich juckt. Läuse wären mir fast lieber… Und gleichzeitig tut die Kopfhaut weh. Ich kenne den Schmerz. Es ist das absterben der Haarwurzeln, und hat schlussendlich Haarausfall zur Folge. Ja, Haarausfall geht auch los. Entweder wird das am Kopf eine sehr dünne Sache, oder ich muss die Perücke wieder aktivieren. Ausgerechnet wieder zur kalten Jahreszeit. Hoffe, vielleicht bleibt es doch nur bei sehr dünnen Haaren.

Weil es eben, wie oben beschrieben, sehr schnell blutet, lassen wir den Blutverdünner immer noch weg.

Die Einnahme der Medis geht auch schon gut. Also, besser halt. Mit der Zeit bin ich noch sehr flexibel. So acht Stunden Unterschied kann schon sein. Dann beginne ich später damit, und die letzte Dosis gibt es um Mitternacht. So viel ich weiss, liesst mein Onki hier nicht mit, somit weiss er es auch nicht, und er muss ja auch nicht so gar alles wissen, finde ich. Es sind sogenannte Spiegelmedikamente, also komme ich von meinem Pegel eh nie runter, und wann die nächste Fuhre kommt, ist meinem Körper nicht so wichtig. Davon gehe ich einfach mal aus. So ganz genau habe die die Zeitdifferenz bei Onki noch nie kund getan.

Habe bei unserem letzten Date auch gefragt, was er dazu meint, dass ich kürzlich fast mal zu Boden gegangen wäre, Gleichgewichtsstörung, oder was auch immer. Er wischt es richtiggehend zur Seite. Ja, dass war schon immer so. Wir, bzw. Onki, nimmt sich immer die grossen Baustellen in meinem Luxusbody zur Brust, kürzlich eben meine Lunge mit Biopsie und dementsprechender Therapieumstellung. Ob das nur ein Ausrutscher war mit meinem Gestolper wissen wir nicht, einen Hirnscan habe ich in diesem Jahr hinter mich gebracht, und da war noch alles gut. Also lassen wir es mal gut sein.

Ist auch irgendwie klar, wenn man alles regeln wollen würde, wäre es vermutlich zu viel. Noch immer funktioniert mein Luxusbody, und grösstenteil schmerzfrei. Also schön ruhig bleiben, und Krustentierchen nicht zu fest reizen. Habe das Gefühl, es könnte von jetzt auf gleich ordentlich los legen.

Schlussendlich habe ich noch gefragt, ob es mich wohl sehr vermissen würde, wenn wir uns statt in drei, erst in vier Wochen wieder sehen würden? Bei ihm klingelt es ruckzuck, und prompt fragt er auch „Wo sind sie denn“. Warum ist es so, dass er immer denkt, ich bin unterwegs, wenn ich einen Termin verschieben möchte? Ok, ich bin auch unterwegs. Aber es könnte ja sonst mal was sein, finde ich. Auf jeden Fall hat er grünes Licht gegeben. Das wird schon passen.

Gar nicht so schlecht

Habe also mit der neuen Chemo begonnen. 15 Tabletten täglich als Chemomittel, noch den Magenschoner zwei Mal rein, Blutverdünner auch, und wenn ich es brauche, noch etwas gegen erbrechen und übelsten Durchfall. Habe ich jetzt immer alles dabei. Grund, s. u.

Die erste Woche hat mich ziemlich nieder gemetzelt. Bleibe auch der Arbeit fern. Nun ist mir auch klar, warum Schlafentzug als Foltermethode gilt. Wenn man kurz vor’m einschlafen ist, und man spürt, wie das Nasenbluten wieder los geht, wird man langsam etwas stinkig. Viertel-stündlich schau‘ ich auf die Uhr, und der Gedanke, um vier Uhr aufzustehen bringt mir das Elend. Ich melde mich ab, bleibe zu Hause, und verbringe den Tag grösstenteils im Bett. Irgendwie macht mich das Ding platt, (die Chemo, nicht das Nasenbluten), auch dass ich mehr oder weniger drei Mal am Tag, verhältnismässig pünktlich, die Dinger nehmen soll, stresst mich. Vor dem Essen, oder danach, aber nur leichtes Essen, auf vollem Magen nützen die Dinger nichts, oder zu wenig. Der Magenschoner sollte eine Stunde vorher rein usw. usf.

Den Blutverdünner setzten wir ab, somit auch kein Nasenbluten mehr, und mein Kellergeschoss zickt auch nicht mehr rum.

In der zweiten Woche geht es bergauf, ich gehe wieder arbeiten, und beschliesse, dass Ganze etwas flexibler zu handhaben. Habe dies auch in der ersten Woche schon gemacht, bzw. zwei Mal die Chemo praktisch sausen lassen. Einmal verschlafen, und einmal war ich nicht zu Hause, die Tabletten hingegen schon. Und man sollte, wenn man eine Dosis mal nicht genommen hat, diese auf keine Fall „nachholen“. Irgendwie muss ich das Onki klar machen, dass ich die Dinger bereits in der ersten Woche grosszügig zwei Mal „verschwitzt“ habe.

Wöchentlich muss ich zu Beginn wieder zum Bluttest.  Onki mache ich klar, es geht mir besser, als erwartet. Er schaut mich, meiner Meinung nach, überrascht an. Mein Blutwerte hätte nach oben noch Luft, meint er. Und wie soll frau dies aktiv verbessern??

Ich frage, ob die Chance besteht, dass ich nochmals Chemo (da hat er nach eigenen Aussagen schon noch ein paar Varianten parat) über den Port, sprich intranvenös, erhalte? Doch, die Chance ist gross.

Mein Gedanke war, da mir Onki ja das letzte Mal gemäss Befund PetCt anvertraut hat, dass mein Port rutscht, und zwar Richtung Herz, könnte man diesen vielleicht raus nehmen? Das ist nun keine nette Sache, so ein kratzender Port am Herzen. Onki meint, ja, dass hätte er mir nur gesagt, weil ich ja immer alles so genau wissen will, was auf den Befunden steht. Ja, wollen das Andere nicht? Nein! Echt jetzt? Ich bin etwas überrascht. Er schmunzelt und meint, die meisten Patienten sind von den ersten zwei Sätzen so abgeschreckt, dass sie gar nicht weiter lesen. Also, der Port bleibt wo er ist, und allgemeines Hoffen, dass das Luder mein Herz in Frieden lässt.

So nebenher frage ich Onki, ob es sehr schlimm wäre, wenn ich mal eine Chemodosis auslasse? Onki denkt nach. Ich erkenne es daran, dass er sich parallel zum Tisch dreht, die Beine übereinander schlägt, der linke Ellenbogen kommt auf den Tisch und der Blick geht zu Boden. Ist schon mal grundsätzlich interessant zu sehen, wie es ist, wenn ein Mann nachdenkt. Er wirft mir einen Blick zu, und ich mache den Fehler, ihm in’s Gesicht zu sehen. Ich grinse, meine Hand vor dem Mund kann mein Grinsen nicht ganz verbergen, und Onki geht ein Licht auf. Auch er grinst. Ich nuschle ein wenig vor mich hin, dass ich es halt zwei Mal nicht genommen hätte. Nun, es komme vor, dass mal eine Dosis ausgelassen wird, aber in der ersten Woche bereits zwei Mal findet er doch bemerkenswert. (Erster! denke ich mir, wobei ich darauf nicht wirklich stolz bin.)Nach drei Jahren kenne ich ihn gut genug, um zu wissen, was er mir wie damit mitteilen will. Ggggrrrrrr…..

Wir sprechen noch über dies und das, lachen auch herzlich dabei, weil wir uns doch von Zeit zu Zeit schon ein bisschen über den Tisch ziehen wollen. Das mag nun eigenartig klingen, aber nur toternste Gespräche? Geht ja gar nicht. Mittendrin fragt er mich doch tatsächlich nochmals, ob ich die Chemo wirklich zwei Mal ausgelassen hätte. Er weiss es ganz genau, dass sehe ich ihm an. Er kann es nicht lassen!

Mein Gleichgewichtssinn lässt zu wünschen übrig. Schon länger torkle ich manchmal, für Aussenstehende vermutlich gar nicht merkbar. Heute nun bin ich dank Handlauf nicht gestürzt, sonst wäre ich wohl zu Boden gegangen.

Schlecht durchblutetes Innenohr? Hirnmetas? Hypochonder? Mal Onki fragen.

Dieser Eintrag wurde am 17. November 2018 veröffentlicht. 4 Kommentare