Jetzt aber

Das letzte Mail von Onki hat es in sich. Mein Tumormarker schiesst nach oben, exponentiell, eigentlich fast senkrecht. Onki hat es mir mal aufgezeichnet, vor ein, zwei Jahren, was er mit exponentiell meint. Und genaus so sieht die momentane Kurve meines Krabblers aus. Steil nach oben. Beinahe dreissig-mal höher als bei einem gesunden Menschen. Wenns läuft, dann läufts. Na ja, ich merke es ja auch. Das ganze Fahrgestell ist langsam, schon lange nicht mehr zu gebrauchen wie es mal war. Mal schauen, was die Studie bringt.

Darum schaue ich wohl auch ziemlich dumm aus der Wäsche wenn ich von jemanden gefragt werde, ob ich auch regelmässig Sport mache. Zur Zeit bin ich schon ziemlich stolz auf mich, dass ich die rund acht Minuten Fussweg vom Parkplatz ins Büro ohne Halt schaffe. Ein Kollege kam mir auf dem Rückweg kürzlich entgegen. Er hat mich wohl, im Gegensatz zur Sportskanone, richtig angesehen und meinte „Du bist müde, oder“. Ja, oh ja. Müde. Das einzige, was ich mit Ausdauer bin, momentan.

Ein anderer Kollege hingegen hat mich gefragt, warum ich so „lahm“ umher laufe. „Weil mir alles weh tut“, antworte ich. Als ich das nächste Mal vorbei schlappe meint er, was denn los sei, Grippe oder sowas. Kann es sein, dass es jemand in meinem Büro nicht weiss, frage ich mich? Er sieht nicht aus als ob er mich hoch nimmt. Also gebe ich ihm einen kurzen Statusbericht. Und wie meist, zuerst ist da mal Funkstille. Verstehe ich auch. Was soll er schon sagen?

Es gibt auch nette Mitmenschen welche mir sagen, ich soll mich doch melden, wenn es mir schlecht geht, ich zu Hause das heulende Elend habe. Ja, habe ich auch schon gedacht. Und dann? Ich rufe an, mir geht es schlecht. Was soll mein Gegenüber antworten? „Es wird schon wieder“? „Durchhalten, es vergeht“? Wohl kaum. Es gibt nichts  was man mir sagen kann, dass mich aufmuntert. Und es gibt niemand, ausser Onki und MPi, der mir helfen kann. Ich will nicht, dass jemand auf dem Sofa neben mir sitzt und mir beim heulen zusieht. Dann wird es nur anstrengender. Ich schäme mich, verusche mich zusammen zu nehmen, und das Gegenüber weiss eh nicht was sagen. Nein, dann verbringe ich die ganz beschissenen Tage lieber mit mir alleine. Diese haben in letzter Zeit ziemlich zugenommen.

Kürzlich war ich beim Haaredieb. Ein älter Frau flattert rein und unterhält ruck-zuck den ganzen Laden. Sie lässt gleich mal den kleinen Service machen, inkl. färben der Augenbrauen. Ich schlage ihr vor, doch die Farbe gleich oben zu lassen, dass überschüssige nicht wegzumachen. Ja, wenn ich mit ihr dafür nächtens um die Häuser ziehe, meint sie. Deal! Sie muss 70 plus sein, weil sie von Woodstock erzählt, damals sein sie in Los Angeles gewesen. Ihren Mann hat sie vor rund einem Jahr verloren, und sie vermisst ihn sehr. Und trotzdem, so eine positive Ausstrahlung. Beneidenswert. Es wird schwer und schwerer lustig zu sein – mit meinem „ärztlichen“ Wissen im Hintergrund.

Dieser Eintrag wurde am 24. Februar 2020 veröffentlicht. 6 Kommentare

Wann genau

… habe ich begonnen, mehr Tabletten zu schlucken als Onki mir verschrieben hat? Es wechselt sich schön ab, einmal Codein, einmal Schlafmittel, einmal Schmerzmittel, ein Tag frei, und es geht wieder von vorne los. So hoffe ich eventuelle Abhängigkeit zu vermeiden. Andererseits, wenn kümmert es, wenn ich mit der Dosis hoch fahren muss. Was immer mir mein Leben noch erleichtert, ich mache und tue es. Her mit dem Gift, den Drogen, egal, was auch immer.

Die Studie beginnt nun in ca drei Wochen, diesmal definitv. Also wieder vier Wochen Pause, und die wieder begonnene Chemo abgebrochen. Die fünfte Chemo wäre es. Und ich merke nun was Onki schon länger in meinem Blutbild gesehen hat. Ich brauche immer länger um mich von den Globulis zu erholen. Ich bin unendlich schlapp, müde, fertig, wie ich es schon geschrieben habe. Und nichts hilft. Auch mal 20 Stunden schlafen, bzw. dösen am Tag nützt mir nichts. Es sei Fatigue, eine Begleiterscheinung einer Krebserkrankung, und jeden erwischt es mal. Jetzt bin offensichtlich ich dran.

Wenn ich mit der Studie beginne habe ich in diesem Jahr bereits zehn Wochen behandlungsfreie Zeit. Das ist nur bedingt gut für meinen Krabbler. Er spriest. Die Tumormarker sind rund fünf mal höher als zu Beginn meiner Krankheit. Da muss man nicht mehr viel dazu sagen.

Dieser Eintrag wurde am 17. Februar 2020 veröffentlicht. Ein Kommentar

Mal so, mal so

Es war, gelinde gesagt, ein Durcheinander betreffend dieser Unterschrift. Zuerst hies es ja – sogar schriftlich per Mail -, dann kriege ich die Info von MPi das nochmals Unterlagen angefordert wurden, also beginnen wir wieder mit der Chemo., da nun niemand mehr weiss, wann das OK kommt, und so ganz ohne Behandlung ist Essig bei mir. Vormittags. Und nachmittags „wieder“ ein schriftgliches OK vom betreffenden Amt. Ich melde Zweifel an, ob dieses Mail nun auch verbindlich sei. Postwendend kam ein Mail das es diesmal gesichert sei und ich auch meinen Onkologen informieren kann. Mache ich auch. MPi bestätigt das er mittlerweile mit Mails überhäuft wird, ja, jetzt geht was. Und jetzt muss nur noch abgeklärt werden, ob ein Slot für die Studie frei ist und auch, ob ein Platz für mich frei  ist. Ich warte. Tatsächlich. Zwei Tage später kriege ich die Bestätigung von MPi alles ok, Datum steht, und was heisst das im weiteren? Jawohl, die Chemo muss wieder abgebrochen werden. Vier Wochen Pause, bevor mit MP0274 begonnen werden darf. Ansonsten sind die Werte wohl verschleiert. Oder so. Das heisst dann im grossen und ganzen rund zehn Wochen behandlungsfreie Zeit, alleine in diesem Jahr. Das freut meinen Krabbler. Die Tumormarker auch. Sie sind mittlerweile rund fünf mal so hoch wie zu Beginn meiner Diagnose. Und sie steigen munter vor sich hin.

Ich hänge zu Hause in den Seilen. Bin nur noch schlapp und schlafe, bzw. döse vor mich hin. Jeden Morgen sehe ich blauen Himmel, jeden Morgen nehme ich mir vor, mal vor die Türe zu gehen, und jeden Morgen nach dem Frühstück liege ich mal wieder aufs Sofa. Weil ich einfach nur müde bin, endlos müde. Einen Druck auf der Lunge habe ich auch, unter derm Brustbein. Die Husterei wohl vom Reflux, das atmen, manchmal auch hecheln, auch im sitzen, kommt wohl von der Lunge.

Meine Ansprüche, meine Hoffnungen waren nie sonderlich hoch. Ich wollte nie einen Mann welcher mir ein bequemes Leben ermöglichte, arbeiten bin ich auch immer gerne gegangen, aber so eine normale Lebensspanne hätte ich mir schon gewünscht. Da wird nix werden draus. Wie Onki mal sagte „Sie werden es merken, wenn es los geht“.

Dieser Eintrag wurde am 15. Februar 2020 veröffentlicht. 7 Kommentare

Am Rande

So eine kleine Episode finde ich irgendwie schreibenswert, und hat für mich im nachhinein immer noch einen veritablen Unterhaltungswert.

Kürzlich habe ich mich mittels Bus ins Ausland begeben und bin auch in der betreffenden Stadt rumgewandelt. Ziemlich lange, also eigentlich den ganzen Tag. Und von gleich auf jetzt tat mir mein Unterschenkel weh, so weh, dass ich dachte, ich steh‘ das nicht mehr durch. Gerade noch mit Ach und Krach ins Hotel gekommen. Ich grüble. Morgen wieder sieben Stunden im Bus, dass ist doof. Also, Onki muss herhalten. Und Onki meint, evt. abklären betreffend Thrombose. Meine lieben, guten Bekannten, die Thrombosen. Ich grüble weiter, bin ziemlich stur, (vielleicht sind es doch „nur“ Ableger) so stur, dass ich erst morgens um zwei beschliesse, doch noch ins Spital zu gehen. Glücklicherweise – so man hier von Glück sprechen kann – ist auch tatsächlich ein kleines, schnuckeliges Spital gleich um die Ecke. Ich schlurfe zu Fuss dort hin. So sieben Minuten, mehr waren es nicht.

Wie gesagt, klein und schnuckelig das Ganze. Es muss geläutet werden, damit man überhaupt Einlass findet, dabei habe ich mich telefonisch angemeldet. Eine Dame ist am Empfang welche mich auch gleich durchwinkt zur Ärztin, auch einzeln vertreten. Ich als Patient übrigens auch. Werde herzlich begrüsst mit der Bemerkung, dass sie schon seit rund 20 Stunden Dienst schiebt und froh wäre, wenn man das Ganze schnell erledigen kann. Da bin ich doch dabei, lasse ich sie wissen, und fragen nach zwei 1800 Fragmin Spritzen, welche ich auch sehr gerne bar bezahle, wenn dies der Geschwindigkeit dienlich sein sollte. Stille! Was hat sie denn? Ich war höflich, sagte Bitte,  keine Grobheit, kein gar nix meinerseits. Ja, so schnell geht das dann doch nicht. Dieser Satz hätte mich misstraurisch machen sollen, bzw. warnen.

Mach ihr klar, dass Thrombosen nun nicht die allerschlimmsten meiner Wehwehchen sind, ich nur gerne eine Absicherung für die Busfahrt für morgen hätte, und das ganz ohnehin seriös werden abklären lassen zu Hause. Wenn man einen Thrombosen – Ausschluss möchte, dann muss Ultraschall her. Und Ultraschall haben sie in der Nacht nicht, bzw. Mitarbeiter, welche das Gerät bedienen kann. Die Blutwerte sind nicht aussagekräftig, da man mit Tumorbehandlung immer erhöhte Werte Richtung Thrombose hat, weiss ich, und meine Ärztin jetzt (hoffentlich) auch. Sie beginnt zu schreiben, ich leiere meinen Krabbler runter, incl. Kinder und Enkelkinder (leichte Blutarmut, leichte Niereninsuffizienz usw. ). Kann die Dame gerade noch mit ach und krach von einer kompletten Familienanamnese abhalten.

Versuchen wir es also ganz höflich. Ich mache ihr klar, dass ich seit rund vier Jahren nonstop in Behandlung bin, somit unter ärztlicher Behandlung, und das ich ziemlich gut weiss, was geht und was nicht geht. Oh, ganz schlecht. Nun habe ich ihr Gärtchen betreten, ja wo kommen wir denn da hin? Und ausserdem nehme ich ja Blutverdünner, somit ist eine zusätzliche Spritze nicht erlaubt. Doch! Nein! Grummel!!! Onki muss helfen. Mache der Dame den Vorschlag meinen Onkologen zu kontaktieren um nachzufragen. Ob der jetzt mit mir sprechen möchte, so um drei Uhr morgens, meint sie. „Dafür ist er hier“ schnepfe ich zurück. Kommt die mir blöd, komme ich blöd zurück. Hole also Onki aus dem Tiefschlaf. Er hört sich meine Sache an, meint, doch doch, dass mit einer Spritze sei schon ok, dass sei so üblich. (Ja, Onki und ich, auf einer Linie, wie meist). Ich bedanke mich und wünsche ihm weiterhin eine gute Nachtruhe. Er kann es nicht verklemmen und schiebt mit einem, wie ich meine ziemlich diebischen, Grinsen hinterher „Sehen sie zu, dass sie mit den Damen klar kommen“. Ja, dass kann er schon sagen, er geht ja wieder ins Körbchen.

„Wir müssen ein Labor machen“ heisst es. So, so, müssen wir. Ja dann. Hochgekrempelt den Ärmel, ich weise noch auf meine Rollvenen hin, und zack, die Nadel wird mit Schwung reingejagt und sitzt. Bin ehrlich beeindruckt, und sage das auch. Lob tut doch immer gut und kann eine Situation entspannen.

Während mein Blut durch Maschinen gespült wird, meint die Ärztin, sie müsse mich noch untersuchen. Ok. Zuerst die Lunge abhorchen. Die Lunge? Da soll sie sich mal keine allzu grossen Hoffnungen machen, meine ich. Aber oh wunder, meine Lunge klingt wunderbar. Jetzt nicht lachen, alles, nur nicht lachen, mache ich mir klar. Muss ich Onki mal erzählen, meine Lunge sei tadellos, was er dazu meint. Onki ist immer für einen Lacher zu haben. Sie befummelt noch meinen Bauch, und dann geht es runter zum Bein. Ja, es tut weh. Sonst wäre ich nicht hier. Warum ich erst jetzt komme, wenn es doch seit dem Nachmittag schon weh tut, fragt sie ziemlich provozierend. So nicht! Ich schaue ihr gerade in die Augen und antworte, dass ich von Schmerzen der Knochenablegern ausgehe da ich ja eigentlich unter Blutverdünne stehe. Ich hebe meine Augenbrauen, sie senkt den Blick und murmelt etwas von „ach ja, genau“. Nicht anlegen mit mir, über das Hypochonderwesen bin ich hinaus. So was macht mich sauer.

Sie könnte mir ein EKG anbieten? Ich muss wohl ziemlich blöd drein schauen und frage „Wozu?“. Ja, dass sei so üblich. Eher nicht, finde ich für mich, und kann es ihr ausreden. Wenn ich möchte könnte ich auch im Spital übernachten. Und für was jetzt das? Ja, sie hätten gerade Betten frei?!?!? Wenn das kein Grund für eine geschmeidige Spitalsnacht ist. Ich lehne dankend ab.

Wir warten auf die Laborwerte. Irgendwann kommen diese auch – drei Seiten lang – und gehen ans Eingemachte. Ich hätte bitte gerne zwei Thrombosespritzen für die Heimfahrt. Die Ärztin windet sich, will nicht. Aber ich will. Und ich denke, ich muss auch. Sie hätten keine Fragmin an Lager. Egal, dann etwas anderes mit gleicher Wirkung.

Schlussendlich graben die beiden Damen aus dem unendlichen Fundus ihrer Medikamente drei Spritzen hervor. Die Erste hiervon würden sie mir auch gleich geben, ich soll doch bitte mal auf die Liege. Nein, die Erste werden sie mir nicht geben, ich nehme alle drei mit, spritze mir im Hotel im Bett die erste und fertig und aus. Grummel, diesmal auf der anderen Seite. Ob ich noch sterile Tupfer brauche. Ja bitte, bin leider ohne derselben in meinem Koffer losgezogen.

Nach geschlagenen zwei Stunden schlurfe ich mit Spritzen bewaffnet wieder ins Hotel. DAS nennen die schnell machen?

Als ich Onki in groben Zügen davon berichte schmunzelt er. Zu den drei Seiten Laborberichten mein er nur „die haben aber viel getestet“. Ja, irgendwas muss ja gemacht werden, wenn schon kein EKG, oder?

Dieser Eintrag wurde am 7. Februar 2020 veröffentlicht. 4 Kommentare

Unterschrift

Eine einzige Unterschrift ist es noch die fehlt, damit mit der Studie begonnen werden kann. Ja, Gottes Mühlen mahlen langsam, die der Bürokratie manchmal auch.

Mein neuer Arzt ist ok. Nett, hat Humor und ist recht jung. Fachlich ist er auf Zack, dass merkt man schnell. Er ist auch schon recht lang in der Forschung tätig betreffend Onkologie. Das aktuelle Spital ist riesig, die Onkologie neu erbaut, die Kantine bietet so ziemlich alles, was das Herz begehrt, auch die laktosefreien, die veganerischen, die weizennichtmöger, hier kann man betreffend Essen richtig rumzicken, man wird trotzdem fündig.

Hier ist der Plan: Ein Tag wird geplant für Untersuchungen aller Art. Weil sie nicht älter als sechs Monate sein dürfen werden wir wieder mal alles durchziehen. An Maschinen hängen, in die Röhren geschupft, Blut absaugen das jeder Vampir vor Neid erblasst, Stechereien zum Proben entnehmen, Test der Nierenfunktion (oje, wenn ich nur nicht daran scheitere), Herzpumpfunktion, (das sollte noch brav vor sich hinpumpen)  und vielleicht fällt ihnen auch was ein, dass ich noch nicht kenne. Man weiss es nicht genau.

Mein MPi fragte mich auch ob ich einen Port habe. Ja, habe ich. Und die Venen? Ja, schlecht halt, Rollvenen. Jetzt sei das so, dass die Infusion schon über den Port reingetrichtert wird, weil aber nach einer Stunde getestet wird, wie mein Körper das Mittelchen verstoffwechselt muss mir an einer Vene Blut abgenommen werden. Ob das ok sei für mich. Klar, ist ja nicht mein Problem, sie müssen die Vene finden. Aber ich muss herhalten. Ja, so wie die letzten vier Jahre lasse ich ihn wissen. So Stechereien sind nun nicht wirklich mein grosses Problem. 🙂

Nach der ersten Trichterei muss ich für eine Nacht im Sptial bleiben. Zur Überwachung. Wenn das nicht Mut macht!! Es ist kein Chemomittel (welches ja alle Zellen, egal ob gesund oder krank, niedermetzelt), und auch kein Antikörper, (welcher auf den Her2 Wachstumsfaktor geht).  Es ist ein neues Mittelchen, welcher dem Her2 Faktor ziemlich auf den Pelz rücken soll (sollte?). Wie man solche Mittel benamst habe ich leider vergessen. Also das nächste Mal nochmals fragen.

Nach sechs Wochen wird getestet ob ich auf das Mittel anspreche, sprich, es darf nicht schlimmer geworden sein, evtl. sogar ein klein wenig besser. Wenn ich nicht darauf anspreche kommt Plan B zum Zug.

Zurück zu Onki und eine Chemo kommt dran. Dann werden die Haare wieder fallen. Wir werden sehen. Kürzlich meine jemand zu mir, bei mir würden ja die Haare ausgehen und wieder wachsen usw. usf., und dazu wurde gelacht. Ja, ich habe auch gelacht. Weil ich realisierte, dass nicht verstanden wird wofür Haarausfall in diesem Fall steht.

Also jetzt wieder mal warten, warten dass jemand gewillt ist seine Unterschrift zu geben. Ob er auch weiss, dass Menschen unter Umständen davon abhängig machen, ob sie mit der alten Behandlung weiter machen müssen, oder warten, um wenigstens ein Minimum an Medis abgebaut zu haben, schlichtweg warten und mit dem Vorderfuss langsam graben? Kaum.

 

Dieser Eintrag wurde am 1. Februar 2020 veröffentlicht. 4 Kommentare

Schritt für Schritt

Jetzt geht es ein bisschen ans Organisieren. Termin bei Onki steht schon. Muss ich nochmals mit ihm reden, fragen, klären, über dies und das. Irgendwie kann ich es mir noch gar nicht vorstellen, neuer Arzt, neue Chemodamen, oder was auch immer. In vier Jahren haben wir uns kennen gelernt. geplauscht, gelacht, gestritten, (ich) manchmal auch geweint, und jetzt alles bei neuen Leuten? Da würde ich fast noch lieber irgendwo hinziehen, wo ich niemanden kenne und mir einen neuen Bekanntenkreis aufbauen. Die Beziehung zum Onkologen ist Match entscheident, habe ich auch mal irgendwo gelesen. Nach vier Jahren sage ich aus Überzeugung, ja, dass ist sie.

So versuche ich mich an eine Regel der Navy Seals zu erinnern, sich kleine Schritte vorzunehmen, damit man das Grosse irgendwann schafft. Also zuallererst mal versuchen, mit dem neuen Arzt klar zu kommen. Bin ich für ihn Nummer X als Versuchskaninchen werde ich Krallen zeigen oder nett sein, je nachdem, werde ich wohl situativ entscheiden (müssen), weiss ja noch nicht, welchem Menschen ich da gegenüber sitze. Andererseits muss, oder kann ich sagen, bis auf meine widerborstige Anästhesiestin hatte ich es mit all meine Ärzten gut, auch wenn gerade an der Lunge rumgestochert wurde, der Schlauch gespitzt war für die Magenspiegelung, mir die Bestrahlung ein Teil meiner Haut aussehen lies wie von Hannibal Lecter bearbeitet. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass ich mich mit meinem neuen Arzt nicht auch gut verstehen kann. Ein Onki wird er nie werden, ganz einfach, weil ich nur einen Onki habe und hatte. Vermutlich, wenn es soweit ist, wird er mein MPi, nein, nicht eine Maschinenpistole, dass an mir erprobte Mittelchen heisst MP0274. (Sollte es mir Sorgen machen, dass man noch nicht mal einen Namen für meine neues Globuli hat? Oder wird es erst getauft, wenn es auf dem Markt zugelassen ist?)

Und ich werde meine kleinen Wohlfühlinselchen pflegen und hegen. Die Leute, bei denen ich immer reinschneien kann, auch mitten in der Nacht anrufen kann, welche immer für mich da sind, bei denen man sich einfach wohl fühlt,  weil man weiss, sie sind ehrlich, sie heucheln nicht, und vielleicht, vielleicht verstehen sie mich sogar von Zeit zu Zeit. Ja, diese Leute werden immer wichtiger, stelle ich fest.

Ich kümmere mich nicht um irgendwelche Zahlen, wieviele Leute pro Jahr an Depressionen erkranken, (einzig um mir einzureden, vielleicht habe ich auch Depressionen, wenn es schon so verbreitet ist – wie mir überraschenderweise eine Kollegin kürzlich ihre Gedankengänge erklärt hat), über Gewalt in Beziehungen (hatte ich nie, brauch ich nicht, und kann ich irgendwie nicht nachvollziehen, dass man bei Partnern bleibt, die gewalttätig sind, psychisch oder physisch), über Schlägereien auf der Strasse (so wie ich gelesen habe sind es zu 80% Bekannte, wenn auch flüchtige, die handgreiflich werden), nein dass „Elend“ dieser Welt lasse ich nicht an mich heran. Kann ich es ändern? Nein. Beruhigt es mich? Nein.

Da kann ich gut damit leben wenn mir jemand sagt, ich sehe die Welt zu positiv.

Ich glaube, irgendwie stimmt untenstehendes:

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf diene Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

 

 

 

Dieser Eintrag wurde am 21. Januar 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare

Los geht’s

Also manchmal würde ich mir tatsächlich wünschen, dass ich irgendwo vergessen werde. Aber nein, bei mir flutscht das Ganze immer wie am Schnürchen. Vor vier Tagen habe ich Onki mal angefragt, wie sich meine Tumormarker rumtümmeln, und bekannterweise, da muss irgendwie eine Orgie sein oder so,  sie vermehren sich wie Schimmel auf einem Joghurt. Ruckzuck geht das, und drei Tage später habe ich schon den Termin bei meinem neuen Arzt, welcher die Studie leiten wird. Aber, verflixt nochmal, ohne Onki? Ohne Onki? O h n e   O n k i? Das geht gar nicht. Vielleicht muss er ja in Zukunft kontrollieren, ob ich regelmässig Haare färbe oder so. Irgendwas muss er sich ausdenken, damit ich noch legal in seine Onkologie darf. Ohne ihn kann ich gleich mal den Deckel zu machen.

Die Studie ist eine I Phasen Studie, voraussichtlich. Will heissen, es wird mal erprobt, wie man das Zeug verdrägt. Die FDA in den USA hat es wohl auch schon gemacht, und ich denke, wenn die FDA (Food and Drug Administration)  dies in Amerika „zugelassen“ hat, werde ich wohl nicht direkt in die Grube segeln. In den USA würde man ja vermutlich in Millionenhöhe klagen, oder Milliarden? Wir sprechen von Pharmakonzernen, wenn ein Porband dabei drauf gehen würde. Die Franzosen sind da ja etwas lockerer, wie man vor ein paar Jahren gesehen hat.

Ich gehe nicht davon aus, dass mir die Studie noch irgendwie helfen wird, dafür wird (vermutlich?) die Dosis zu gering sein. Und ob man die so razfaz hochschraubt, daran zweifle ich. Wenn ich aber durch meine Teilnahme an dieser Studie auch nur ein ganz kleines Fitzelchen Hilfe leisten kann zur Entwicklung eines neuen Zytostatikas, dann war das Ganze bei mir nicht umsonst.

Die Daten werden zentral in einer Stadt in Europa gelagert, bearbeitet,  verglichen und wenn man sein Einverständnis gibt, bis zu 15 Jahren für Forschungszwecken benutzt. Ich denke, hier werde ich (auch) unterschreiben. Bereits vor meiner Erkrankung hatte ich einen Organspendeausweis (meine Innereien sind ja auf dem freien Markt nun nicht mehr so richtig gefragt, im anatomischen Institut nach meinem Tod hingegen schon). Wenn mein demolierter Körper für die Forschung noch dienen kann, dann bitte schön, bediene sich, wer mag.

Die 21 Seiten Beschrieb der Studie haben mir wieder allerlei Fachwörter näher gebracht, und einmal mehr sage ich – krank sein bildet. Reisen auch, und wäre schöner. Ja, wenn ich wählen könnte…. würde ich nicht das krank sein nehmen.

Die Angst in mir ist grenzenlos. Die Teilnahme an der Studie gibt mir die Möglichkeit etwas zu tun, irgendetwas. Denn nur zu warten, bis es mich nieder metzelt ist noch schlimmer.

Habe mich auch schon für meine Art der Studie „entschieden“. Sie wird nicht schlimmer werden als eine herkömmliche Chemo und Ende und aus. Etwas anderes akzeptiere ich nicht. Jeder Teilnehmer kann von jetzt auf gleich ohne Angaben von Gründen beim Versuch aussteigen, und wenn es – wider Erwarten – doch übelst wird, bin ich schnell wieder dort weg und bei Onki da und kreische nach Schmerzmitteln, was auch immer. Dann lautet die Devise nur noch – Drogen zu mir, was immer der Giftschrank hergibt.

Dieser Eintrag wurde am 18. Januar 2020 veröffentlicht. Ein Kommentar