Auf geht’s

Die Lungenbiopsie liegt hinter mir. 40 Minuten war ich weggetreten. Durch die Nase wurde ein bisschen reingestochert, ein bisschen gespült, (die Bronchien, nicht zu verwechseln mit abwaschen), ein paar Bröckchen werden abgezwackt zwecks Untersuchungen. Mein Pnömi meint, es sei wohl eher der Tumor. Falls es ein anderes Problem der Lunge sei, werde er sich telefonisch bei mir melden, ansonsten sei Onki gefragt. Also, Onki hat er natürlich nicht gesagt, aber es so gemeint.

Auf dem Nach-Hause-Weg grummle ich. Echt? Muss es mein mistiges Krabbeltier sein? Das macht mir nun gar keine Freude. Auch die genaueren Erklärungen von Pnömi nicht. Werden es „nur“ Knoten sein, kann man diese gut lokal behandeln = Bestrahlung. Verbreitet sich mein Krustentierchen über die Bronchien wird es eng.

Ich sitze bei Onki. Und ich nehme es ihm ab, nehme ihm ab, mir die schlechten Neuigkeiten mitzuteilen. Er tut es nicht gerne. Ich merke es daran, dass er zuerst mal fragt wie mein Städtetrip war, wie es mir erging usw. usf. Er schindet Zeit. Von mir aus sage ich, es ist der Tumor, der meine Lunge langsam ruiniert. Ja, und er erklärt mir auch, wie er es anstellt. Über die Bronchien. Noch schlechter wäre nur, wenn ich ein eigenständiges Bronchialkarzinom hätte. Ich frage nach einer Differentialdiagnose, Onki winkt ab, wurde gemacht, hat nichts gebracht. Schon klar, ich lange immer in die Vollen.

Wie weiter? Meine Tumormarker steigen nur mässig. Offensichtlich wächst da etwas, dass nicht unbedingt an den Tumormarkern gemessen werden kann, meint Onki. Die zielgerichtete Chemo, welche wir im April begonnen haben, nützt also nicht mehr viel. Wir werden es mit einer neuen Chemo versuchen, eine, die mit grosser Wahrscheinlichkeit Erbrechen und Durchfall hervor rufen wird. Prima, das wirkt sich sicher positiv auf mein Gewicht aus. Will ich das? Neue Chemo und doch noch Kotzbrocken werden. Beides eigentlich nicht. Aber die Chemo werde ich versuchen. Und das mit der Kotzerei, und auch das Andere, werde ich schön sein lassen. Dass ist mein Plan.

Ich schiebe hier grosse Sprüche, doch wenn ich ehrlich bin, geht mir ordentlich der Reis. Vor der Chemo, vor der Endlichkeit, die näher kommt.

Meine Frage an Onki, ob ich auch mal ein halbes Jahr verschwinden kann, und nochmals ohne Weisskittel leben beantwortet er, wie üblich, ausweichend. Ja, da müsste man damit rechnen, dass die Krankheit schneller voran schreitet. Dafür brauche ich nun kein Arztstudium, meine ich. Nun, ich muss ihn einmal mehr in die Enge zwingen, sonst kommt kein Klartext. Also, nach sechs Monaten ohne Behandlung müssten wir uns über gar nichts mehr Sorgen machen. Na bitte, dass nenne ich doch mal eine Aussage.

 

 

Advertisements

Genauer hinschauen

Ruckzuck lande ich in der Röhre. Es eilt, und zwar, weil diese ab nächster Woche umgebaut wird. Ja dann, gehen wir gleich am nächsten Tag. Ich beschwatze Onki, und so schickt er mir den Befund nach Hause.

Ich kämpfe mich durch die zwei Seiten. Es geht nicht mehr so lange wie zu Beginn meiner Diagnose. Da und dort zickt es wieder. Als ich nach drei Wochen bei Onki sitze, sind wir uns ziemlich einig beim Befund. Meine Arterien sind verkalkt, die Herzgefässe auch, und Onki sprüht vor Charme, dass sei mein Alter. Oder aber, weil ich ja Kalzium für gegen meine Knochenmetas schlucke. Und das muss ich weiterhin nehmen, da hat Onki kein Musikgehör. Wasser habe ich auch, ein bisschen auf der Lunge, am Herzen und in der Bauchhöhle. Der Harnabfluss ist weiterhin gestört, aber dass ist ja schon recht lange so. Auch kein Problem, dass man gerade angehen muss. Knoten am Hals wachsen. Dafür brauche ich keine Röhre, da reichen mir meine Finger, die das ganze ertasten können. In der Bauchhöhle wachsen sie auch, die Lymphknoten. Die Schilddrüse ist vergrössert und mein Krustentierchen hochaktiv. Aber die Lunge, meine Lunge zickt im Groben.

Zwei Möglichkeiten bietet mir mein Onki an. Es ist eine medikamtentöse Entzündung, welche als Nebenwirkung meiner Behandlung relativ gut behoben werden kann, oder Krustentierchen steppt in meiner Lunge. Meine Lunge sehe aus wie nach einer Lungenentzündung, meint Onki. Obwohl, Onki murmelte so nebenher, „wenn es de r Tumor ist, dann wollen wir es besser gar nicht wissen“. Das sagt etwas aus, finde ich.

Dann wäre da natürlich auch mein Husten, welcher wirklich langsam übel wird. Manchmal geht es mit dem Erbrechen im Bett so schnell, dass ich es nicht mal schaffe, aufzusitzen. Dann komm ich mir ein bisschen vor wie ein Römer. Diese sind ja bekanntlich zu Tisch gelegen, bzw. hatten recht viele wüsten Gelage. Nun, ich liege nicht zu Tisch, ich liege quasi zu meinem Kotzkübelchen.  Die meisten wissen es wahrscheinlich, erbrechen macht sehr, sehr müde. Wenn ich es dann schaffe, kurz danach einzuschlafen, bevor die nächsten Hustenserie weiter geht, ist alles ok, ansonsten beginnt das Spiel von vorne.

War heute also im Spital, und dachte, eigentlich zur Lungenspiegelung. Aber nein, es war die Vorbesprechung, und ein Lungenfunktionstest. Noch zwei Tage, dann wird meine Lunge unter die Lupe genommen. Und auch eine Gewebsprobe entnommen. Das Zauberwort ist auch gefallen. Narkose. Das passt mir, muss ja nicht mitkriegen, wie die da durch die Nase in meinen Körper reinstochern. Einmal mehr oder weniger ins Spital, oder halt wieder eine Narkose, egal. Mal sehen, was war da in diesem Jahr neben den üblichen drei-wöchentlichen-Therapien? 2 PetCt, 1 Lungen Ct, 1 Hirnscan, 1 Höhlenforschung, und auch eine Renovierung derselben, und nun halt die Lunge. Geht noch.

Krank sein bildet, finde ich. Nun weiss ich, dass die Pneumologie die Abteilung für den Atemlappen  ist. Da ist logischerweise mein Pneumologo mein Pneumi. Und er sagte etwas nicht sehr Nettes. Er vermutet, dass es an meinem Tumor  liegt. Wie kommt er darauf? Weil der Asthmaspray meine Sauerstoffsättigung nicht erhöht hat. Meine Lungenwege sind gut 40% verengt wegen zu dicker Schleimhaut. Der Tumor kann sich als Knoten verbreiten, oder über die Atemwege. Und über die Atemwege ist es ganz dumm zu behandeln.

Es war übrigens äusserst interessant zu sehen, wie das Interesse von Pneumi an mir (oder meiner Krankengeschichte?) gestiegen ist. Hatte den Eindruck, dass er zuerst dachte, oh nein, schon wieder eine untrainierte Raucherin. Habe zu Beginn zugehört, und so nach und nach ein paar  Sätze eingeworfen. Und man staune, zum Schluss hat er sogar das Eine oder Andere aufgeschrieben.

Und ich kann meinen Mund nicht halten und meine „Ihr Ärzte schreibt doch alles gleich“. Er meint, es sei arabisch. Ach, woher er den komme? Aus dem Libanon. Diese Nationalität ist mir in den letzten drei Jahren noch nicht unter gekommen. Aber auch hier, ein sehr netter Mensch.

Dieser Eintrag wurde am 17. Oktober 2018 veröffentlicht. 2 Kommentare

Neuigkeiten

Mein Husten ist übel und auch lästig, vor allem wenn ich arbeite nervt es nicht nur mich, wenn ich mich durch acht Stunden durchhuste.

Onki tippt auf Reflux, welcher anscheinend nicht immer weh tut, tun muss und verpasst mir Protonenpumpenhemmer, auch als Magenschoner bekannt. Den ersten Abend war ich begeistert, und nun huste ich wie immer, nehme aber brav die Dinger. Immerhin huste ich nicht mehr bis zum erbrechen, was ein anderes Problem auf’s Tapet bringt – mein Gewichtsverlust. Wenn ich so weiter mache läuft es unter Kachexie, rapide Gewichtsabnahme bei schwerer Krankheit. (Knapp 20% bis jetzt).Das wäre das Übelste, weil man dagegen nicht wirklich viel machen kann. Es erklärt aber auch meine extreme Müdigkeit.  Vielleicht krabbeln auch schon Tierchen beim Verdauungstrakt rum, die dass verstoffwechseln unterbinden. Oder es ist eine Folge meines reduzierten Appetits, und dass das Husten manchmal in einer gepflegten Körblerei endet? Ein Kotzschüsselchen ist fester Bestandteil meiner Schlafzimmereinrichtung geworden.

Ich will Onki meine neuen Knoten am Hals zeigen, bzw. spüren lassen, und bitte um sein Pfötchen. (Er murmelt, „Ich bin doch kein Hund“, Männer sind manchmal doch rechte Mimosen, finde ich). Er spürt sie auch, meint aber allen Ernstes, die wären schon länger hier gewesen, und nun merke ich diese, weil ich eben abgenommen habe, abnehme, und wie ich schon mal geschrieben habe, die Tumormarker gehen zurück.

Er setzt sein ernstestes Gesicht auf und meint, es wäre mal wieder Zeit für eine Röhre. „Ich war doch gerade eben“ wende ich lahm ein. Natürlich weiss ich auch, dass dies schon länger her ist, genauer gesagt im Januar. Normalerweise geschieht das PetCt im halb-Jahres-Takt. Ich habe auch schon daran gedacht, es wäre mal wieder Zeit, aber was wird es mir bringen? Zu wissen, was wieder schlechter geworden ist? Es zu vermuten, ist das eine, es schwarz auf weiss zu lesen das andere, und wenn es Onki bestätigt stehe ich regelmässig vor der persönlichen Kernschmelze. Und ich scheine eine Memme zu sein, ich gewöhne mich nicht daran an die immer mehr schlechten Nachrichten.

Überraschenderweise sagt er mir, die Knoten stören ihn nicht so sehr, mein Gewicht schon viel mehr. Da ist was, was gar nicht gut ist, und dabei sollte man „suchen bis gefunden“. Niemand im Geschäft, eigentlich gar niemand, macht mir, wie es doch eigentlich üblich ist, Komplimente für meine Gewichtsabnahme. Alles Feiglinge! (Und es zeigt mir, jeder hat mein Krustentierchen im Hinterkopf, habe ich ganze Arbeit geleistet.)

Also trabe ich einen Tag nach der Chemo zum PetCt. Und es macht mich platt, fix und foxi. Während ich früher so eine Röhre quasi zwischen Kaffee und Kuchen im Vorbeiweg mitnahm, schaffe ich jetzt fast nicht den Weg zum Auto im Parkhaus. Meine Arbeitskollegen sind richtige Goldschätze, und ich darf zu Hause bleiben. Und ich liege und schlafe, schlafe und liege den ganzen Tag, und auch die Nacht.

Und nun warten, wieder mal warten, was die Röhre sagt.

Dieser Eintrag wurde am 22. September 2018 veröffentlicht. 5 Kommentare

Wirklich schön

war die Blumeninsel. Die Leute sind überdurchschnittlich nett, dass Essen sehr gut und auch günstig, und die Temperaturen einfach top. Ich habe gut daran getan den Ratschlag meine Kollegen ernst zu nehmen und ein Auto zu mieten mit ein bisschen mehr PS. Die Strassen sind wirklich rauf und runter. Aber mit Rückenwind, Schwung und Heimweh schafft man es im ersten Gang überall rauf. Einfach nicht halten müssen. 22 % Steigung finde ich für ein normales Auto doch schon ausreichend. Relativ schnell empfiehlt es sich auch, die Breite des Autos im Griff zu haben, weil, wie gesagt, stehen bleiben und wieder losfahren könnte eine Herausforderung werden. Ganz egal, wie gut man es mit der Handbremse im Griff hat. STOP’s werden von allen nur als gut gemeinter Ratschlag angesehen, die Meisten, eigentlich fast Alle, legen einen eleganten Rollstop hin. Grund: siehe oben. Weil man ordentlich von Natur umgeben ist, wird man auch von der Natur geweckt, von Hähnen. (Schreibt man das so?). Und nicht nur von einem, nein, da legen schon mal drei los, und testen auf die Schnelle zwei Stunden lang, wer es länger aushält. Wir umkreisen die Insel und nächtigen, wo es uns passt. Darf schon mal ein fünf-Stern-Schuppen sein, und das nächste Mal ein bescheidenes, dafür heimeliges B&B. Durch und durch schön, nicht zu viele Touristen, praktisch kein Rudelverkehr, wir fühlen uns wirklich wohl und sind uns einig: Es war die Reise wert.

Natürlich habe ich meinen treuen Begleiter stets mit dabei, mein Krustentierchen. Und ich ertaste nun auch auf der rechten Seite des Halses Knoten. Es lebt sich einfacher, wenn man ausgeglichen ist, sagt man. Lasse es Onki wissen, und bin fast ein wenig enttäuscht, dass er mir zu meiner Ausgeglichenheit nicht gratuliert. Auch hinter dem Ohr ist da was, was nicht sein soll. Es geht Richtung oben. Oh, das wird nicht gut enden.

Gut so

Habe also wieder mit den Blutverdünnernn begonnen, und mein Kellergewölbe ist brav. War also das Ganze nicht für nichts.

Lese einen äusserst interessanten Artikel über die Navy Seals. Das sind ja nun nicht gerade die Softies unter den Spezialeinheiten. Kurz wird über die erworbene (so sie nicht von Anfang an vorhanden war) Resilienz berichtet. Zwei, bzw. drei Sachen scheinen mir doch sehr logisch, und auch hilfreich für mich.

Erstens sollte man nie nach einem Schuldigen suchen, wenn einem etwas Schlimmes widerfährt. Damit gibt man sein Schicksal in fremde Hände, lässt es praktisch zu, dass andere über das eigene Leben bestimmen. Und damit ist Hilflosigkeit und Verzweiflung vorbestimmt.

Es ist nie der Körper, der aufgibt, sondern der Kopf. Das klingt natürlich zum Teil auch ein wenig plakativ aber hat sicher auch was. Was machen wir nicht manchmal für ein Theater um unseren Körper, und vergessen ganz und gar, wieviel der menschliche Körper durchmachen kann, und auch sich selbst heilen. (Muss ja nicht gerade von einem Krustentierchen sein…). Eine Kollegin erzählt mir, ein Zehen sei bei ihr ein wenig dicker, dass lässt sie nun abklären, tut nicht weh, gar nichts. Es wäre mir gar nicht aufgefallen, wenn sie es mir nicht gezeigt hätte. Natürlich kann man so auch nach Wehwehchen suchen, die eigentlich gar nicht weh tun.

Und zum Schluss nicht die ganze Aufgabe auf einmal gedanklich zu erledigen versuchen, sondern in kleinen Schritten. Ja, da kann ich nur zustimmen. Von Tag zu Tag lebe ich. Natürlich, manchmal frage ich mich, wie es zum Schluss sein wird. Aber regeln kann ich das jetzt noch nicht. Es kommt so oder so ohne grosse Einwirkung von mir.

Ich denke, der Mensch kann viel, wenn er muss. Natürlich, manchmal wäre es einfacher, sich gehen zu lassen, irgend jemanden das Leid aufs Auge zu drücken, welches man durchmacht. Doch haben wir das Recht dazu? Andere mit unseren Sorgen zu belasten? Jeder muss doch sein eigenes Leben geregelt kriegen. Und niemand kann einem die Sorgen und Probleme abnehmen. Nein, ich denke, es sollte schon jeder erst Mal für sich schauen.

So gönne ich mir mal wieder etwas schönes. Bald geht es los, eine Woche Ferien, bin ja schon viel zu lange zu Hause gehockt.

Fertig jetzt

Mein Kellergewölbe nervt, und zwar so sehr, dass ich mir von Onki einen Termin bei meinem Profischlitzer machen lasse. Mein Profischlitzer ist auch ein hervorragender Höhlenforscher, und von ihm erhoffe ich mir, dass da mal klar Schiff gemacht wird. Als ich meinem herkömmlichen Höhlenforscher sagte worum es geht, und dass dies mal kontrolliert werden sollte hat er grosszügig abgewunken. So mit Chemo, Blutverdünner usw. sollte sich das mal ein Spezialist ansehen. Bitteschön, bin ich also zum Spezialisten.

Es kann nicht angehen, dass ich mittlerweile zwei Monate non stop genervt werde von meinem Untergeschoss.

Porfischlitzer sieht sich das ganze mal an und ruckzuck schaufelt er mir einen Termin für eine kleine Restaurierung unten herum frei. Fünf Tage später bin ich im Spital. Vorschriftsmässig habe ich für den Eingriff und die entsprechende Narkose ab Mitternacht des vorherigen Tages nichts mehr gegessen und getrunken. Mein treuer Fahrdienst steht mir wieder treu zur Seite und so bin ich am Vormittag bereits im Krankenzimmer. Bevor ich mich umziehe mache ich noch einen kleinen Umweg über die Toilette, dann schlüpfe ich in mein Op – Kostüm.

Den Port habe ich schon in der Onkologie anstechen lassen. Die Damen dort schaffen es mit drei Promille immer noch besser als die Damen und Herren im Spital. Ist halt auch Übungssache.

Während der Port in der Onkologie brav seine Dienste tut, auch Blut hergibt, streikt dieser im Spital. Man versucht es über die Venen, muss auch zwei Mal rumstochern. Ich telefoniere mit der Onkologie, ob sie meine Blutproben noch haben, ich bin nicht mehr gewillt, etwas von meinem edlen Saft herzugeben. Doch, sie hätten die Proben noch, aber halt auch zu wenig, und wenn nötig kommt eine Chemodame selber vorbei und zapft mir noch was ab. Man versucht es nochmals im Spital und es klappt doch noch.

So liege ich also im Bett und warte, bis ich abgeholt werde. Eine Krankenschwester kommt mit einem kleinen Becherchen in’s Zimmer und meint, ob ich noch auf’s WC kann, sie sollten noch einen Schwangerschaftstest machen. Ich falle vor Lachen fast aus dem Bett. Ich streike, frage, ob sie meine Krankenakte gelesen hat. Eine Assistentsärztin kommt, und erklärt mir das ganze nochmals. Ich erkläre es ihr auch nochmals. Und wieder, ich kriege fast keine Luft vor lachen. Nein, mache ich nicht. Ich bin seit zweieinhalb Jahren auf der Zielgeraden in die Grube, und die kommen mir mit einem Schwangerschaftstest. Man möge doch bitte auch ein klein wenig gesunden Menschenverstand walten lassen. Doch, schlussendlich ist sie auch meiner Meinung. Unglaublich, man arbeitet nach Schema F und fertig und aus. Nicht mit mir.

Als ich in den OP komme stelle ich fest, alles nur Damen. Hm, da könnte man doch, wenn alles vorbei ist, gemeinsam losziehen und eine Flasche Prosecco köpfen?

Es geht alles gut, nach einer halben Stunde ist alles vorbei und ich komme in den Aufwachraum. Dort werde ich wunderbar mit Mittelchen zugedröhnt, und so schlafe ich den Schlaf der Gerechten. Schlussendlich doch wieder ins Zimmer, und so langsam kommen meine Beine und der Rest wieder zurück ins Leben. Etwas zu Essen kriege ich auch noch. Das war nicht so wichtig, aber trinken, bitte etwas zum trinken.

Mein treuer Fahrdienst kommt, und wir machen uns auf nach Hause. Keine Probleme, kein Kopfweh und was mir noch alles vorhergesagt wurde. Erledigt, nun hoffe ich nur, dass das Ganze auch den erwünschten Erfolg bringt. Wir werden sehen – wenn ich wieder mit den Blutverdünnern beginne.

Lästig

Irgendwas passt da nicht, zwischen meiner momentanen Chemo und den Blutverdünnern. Nasenbluten, Zahnfleischbluten, und das Kellergewölbe zickt auch. Nun setze ich, in Absprache mit Onki natürlich, die Blutverdünner ab. Damit die Bluterei rundherum aufhört. Tut sie auch, also fast. Aber damit kann ich leben. Was dafür jetzt wieder rumspinnt ist mein Bein. Und ich weiss, wie sich Thrombosen anfühlen. Also beginne ich in Eigenregie wieder mit der Einnahme der Blutverdünner. Onki muss ich das dann irgendwie auch noch verklickern, dass ich meine Medikamentation selbstständig geändert habe. Aber eine Thrombose kann ich nun jetzt wirklich nicht brauchen. Wobei, Strumpf angezogen und eine tägliche Spritze und fertig. Da gibt es Schlimmeres, was frau zu behandeln hat.

Die Tumormarker sagen, meine Chemo wirkt. Die Knoten an meinem Hals sagen das Gegenteil. Mir scheint, die Dinger spriesen was das Zeug hält. Onki hat den Grössten vermessen, 3.5 cm. Und mittlerweile steinhart. Immer noch warte ich darauf, dass es irgendwann mal eng wird in meinem Hals. Wäre blöd, weil es ja doch praktisch ist, wenn die Luft- und Speiseröhre ihre Dienste ohne Behinderungen machen können.

Im grossen und ganzen finde ich, mein Körper wird lasch. Wenn es gerade mal passt, kann ich ungesehen an 20 von 24 Stunden rumliegen und auch schlafen. Enorm schwer, dann wieder hoch zu kommen. Als gesunder Mensch, finde ich, ist man doch irgendwann ausgeschlafen, und man zieht los, den Tag mit nützlichen, oder auch unnützen Sachen, zu verbringen. Bei mir nehmen andere Tage zu, bedenklich zu, finde ich. Versuche, dagegen anzugehen, aber es ist nicht einfach.

Ein Kollege erzählt mir von einer Krebsklinik in Arizona, welche angeblich hervorragende Heilungen schafft. Nun, die Informationen, die er hat, sind dürftig. Welcher Krebs? Weiss er nicht. Wer erzählt davon? Er hat es irgendwo mal gehört. Welche Behandlung? Keine Ahnung. Ja, so kommen sie zustanden, die Gerüchte über Heilungen, und dort und da muss man hin, die können helfen. Eigenartig finde ich, dass Laien so oft glauben, von Heilungen, Hilfe, Behandlungen zu wissen, und Leute, die damit beruflich zu tun haben – Onkis, z. B. – würden davon nichts wissen? Ich denke, es wird schon auch Sinn machen, dass sich Onki von Zeit zu Zeit auf Onkologenkongressen herumtreibt. Er wird dies wohl nicht nur zum Kaffee trinken nutzen, hoffe ich.

Ich glaube nicht mehr an Heilung, habe ich von Beginn an nicht geglaubt. Und auch wenn es mir immer noch verhältnismässig gut geht, versuche ich langsam zu akzeptieren. Es gelingt mir nicht immer gleich gut. Auch hier, ich arbeite daran.

Mir scheint, es gibt Menschen, die wollen ums verrecken wissen, wie es mir nun „wirklich“ geht. Kann ja nicht sein, dass ich immer so fröhlich bin, und gut drauf, und und und. Wenn die betreffenden Personen gar nicht mehr aufhören zu fragen, zu bohren, werfe ich ihnen halt einen Knochen hin. Und sie sind zufrieden.

Manchmal schaffe ich es nicht, vom Büro bis zum Auto, ohne die Beherrschung zu verlieren. Dann halte ich den Kopf gesenkt, und will nichts und niemanden sehen oder zufällig treffen. Es ist mir lieber, man hält mich teilweise für unhöflich weil ich ohne grüssen vorbei gehen, als eine Heulsuse.

Dieser Eintrag wurde am 19. August 2018 veröffentlicht. 2 Kommentare