Gut und auch böse

Seit einer guten Woche schaffe ich es ohne Sauerstoffschlauch. Das ist schon ein sehr weiter Fortschritt für mich. Und sehr befreiend. Der Chemo habe ich es zu verdanken. Ja, es mag wohl eigenartig klingen, MIR helfen meine Chemos meist aus einer mehr als misslichen gesundheitlichen Situation heraus, damit es mir wieder besser geht. Andere Personen leiden unter der Chemo. Wobei, die momentane Chemo ist ein hinterhältiges Luder. Zuerst hat sie mir doch mal geholfen. Sogar Silberrücken ist geschrumpft. Und nun? Die Haare sind nun zum dritten Mal weg, dämlich, dass es wieder zur kalten Jahreszeit passierte, aber das ist ok. Und die Mundschleimhäute sind zutiefst beleidigt. Zuckerbrot und Peitsche. Zuerst helfen, und damit ich ja nicht zu übermütig werde, dort und da noch im höchsten Grad unerwünschtes verursachen. So spielt sich die Chemo mit mir. Auf die Schnelle zeigen, wer das Sagen hat. Es ist ein persönlicher Kampf zwischen ihr und mir.

Onki war mit mir, bzw. meinem „Zustand“ auch nicht wirklich zufrieden und meinte „Sie gefallen mir gar nicht“. Mit der mir angeborenen Zurückhaltung stellte ich es klar „Sie müssen mich auch nicht heiraten“. Ja, weil es wahr ist. Und ich musste mich ordentlich zusammen nehmen mit reden, weil ich auch in der Onkologie Sauerstoff aus der externen Lunge erhielt. Onki hat es wohl bemerkt, und sich dementsprechend verhalten. Mit dem Gespür eines Trüffelschweines merkt er ohne grosse Worte, wenn ein verbaler Schlagabtausch nichts bringt – dieser macht nur Spass, wenn Beide auf der Höhe sind.

Kürzlich sass ich mal zu Hause und fragte mich, kann Onki ausser reden auch noch was? Ok, er hat mir schon die Lunge abgehört und abgeklopft, aber grundsätzlich erlebe ich ihn ja redend. Nehme mir also vor, dass nächste Mal zu fragen. Gedacht, getan. Er schmunzelt. Vielleicht habe ich den falschen Tag erwischt um so was zu fragen. Zwischen Tür und Angel habe ich mitgekriegt, dass er vor dem Gespräch mit mir eine Knochenmarkpunktion durchführte. Bleibt mir nur zu hoffen, dass er seine Fähigkeiten – neben der Gesprächsführung – bei mir nie unter Beweis stellt. (stellen muss).

Heute hatte ich ausnehmend netten Besuch. Meine Besucher sind immer nett. Der Heutige kam unangemeldet und habe ich vor Jahren das letzte Mal gesehen. So kenne ich es von zu Hause, man geht vorbei, hat man Zeit geniest es, und ist auch nicht beleidigt, wenn nicht. Unkompliziert und spontan, spricht nichts dagegen.

Dieser Eintrag wurde am 9. Oktober 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare

Wieder weiter machen

Ja, ich bin noch da. Und ja, ich weiss, in letzter Zeit war ich ziemlich faul hier mit schreiben. Es ging und geht mir nicht so gut, muss ich zugeben.

Zuallererst merkt man ruckzuck, wie man quasi entmündigt wird. Oder mache ich es selber? Auf jeden Fall sind die Zeiten vorbei, in denen ich Hilfe ablehnte. Für mich einkaufen, aber gerne. Die Einkaufstaschen in die Wohnung tragen, immer gerne. Mich zur Chemo fahren, ins Spital, in den Notfall, ja, ja, und ja gerne.

Die Pleurodese habe ich hinter mir, der Eingriff war kein Problem, genützt hat er nicht. Wasser, dieses Mal auf der linken Seite der Lunge abziehen, hat auch nichts gebracht, und auch über vier Liter aus dem Bauch gezogen war für nichts. Die Atembeschwerden bleiben. Und es liegt an meiner Lunge. Sie ist kaputt. Bestrahlungsschäden, Ableger mit 2cm und grösser, die Ableger haben sich auch in den Leitungen der Lunge breit gemacht. Somit ist die Lunge überfordert, bzw. nicht in der Lage, genügend Sauerstoff aufzunehmen. Und ich schnaufe, verfalle in Schnappatmung, und es nützt nicht viel. Es ist ziemlich beängstigend, wenn man das Gefühl hat, nicht genug Luft zu kriegen. Langsames ersticken, quasi. Kein schönes Gefühl.

Onki freut es auch, dass es mir Dank Chemo ein klein wenig besser geht. Seine neue Praxis ist recht gross, und ich schaffe es, ohne Sauerstoff von seinem Besprechungszimmer bis zum Chemostuhl zu wackeln. Das mag hier banal klingen, aber es ist nun mal so, wenn das rudimentärste nicht mehr funktioniert, bzw. Belastung ohne Ende bedeutet, ist man froh, wenn es auch nur ein klein wenig besser geht. Vielleicht, vielleicht kann ich auch wieder mit dem Auto fahren beginnen. Seit rund zwei Monaten habe ich es sein gelassen.

Momentan nehme ich hochdosiertes Cortison, Codein, Morphin, Schmerztabletten, Magenschoner, Blutverdünner, Calcium, D3, plus Immunsupressiva wenn Chemo ansteht. Ich finde es nicht vernünftig, mit diesem Giftcocktail hinter das Steuer zu sitzen, dass muss mir kein Arzt „verbieten“. Allerdings beginne ich immer erst am späteren Vormittag mit der Einnahme von dem ganzen Mist, also vielleicht sitze ich doch mal morgens hinter das Steuer – wenn nötig.

Dieser Eintrag wurde am 19. September 2020 veröffentlicht. Ein Kommentar

Vielleicht in der Zukunft

Wir haben die Tumormarker getestet, und siehe da, es geht nach oben, steil nach oben. Trotz Chemo. Dass heisst im Klartext, Krustentierchen ist aktiv. Merke ich auch an meiner Lunge. Schritte im flachen Terrain sind schon ordentliche Arbeit. Meine Treppe von der Tiefgarage in die Wohnung ist mein Gradmesser. Und hier sind immer mehr Stops angesagt.

Ich erzähle Onki von meinen Atembeschwerden und flugs holt er sein Hörrohr hervor. Er klopft noch zusätzlich auf meinem Rücken rum und meint, ja, da ist Wasser eingelagert. Hier hilft nur Frechheit! Ich frage ihn, wie gut er mit der Rückenklopferei sei? Er meint “ Ganz schlecht“. Er weiss genau, warum ich ihn das frage. Zusammen mit dem Wasser auf der Lunge und den gestiegenen Tumormarker ist es eine recht eindeutige Sache.

Röhre ist angesagt. Und wohl auch Pleurodese. Und ein Wechsel der Chemo. Nach Aussage von Onki mit zügigen Nebenwirkungen. Das hat er nun noch nie gemacht – mich über die Nebenwirkungen aufzuklären. Also, nicht so im Detail. Das heisst, die Kacke könnte ordentlich dampfen.

Ich meine, am liebsten gestern mit CT, Pleurodese und evtl. neuer Chemo beginnen.. Onki meint, in ein paar Wochen, er hätte Ferien, und er wäre gerne vor Ort, wenn ich den Eingriff vornehmen lasse. Gut, dann schieben wir. Zur Überbrückung kriege ich noch Wassertabletten. Eine Sorte mehr von den weissen, runden, kleinen Helferchen für mein Schüsselchen zu Hause. Nehme diese auch brav, nur, die Lunge zeigt sich davon nicht sonderlich beeindruckt. Mal schauen, wenn es mir zu nühsam wird, werde ich nochmals Wasser abziehen lassen. Das kann ich mir gut selber orgenisieren, entweder mit Hilfe von MPi oder mit meinem Lungendokti hier gleich um die Ecke. Von ihm habe ich die Direktwahl. Nette Leute lernt man kennen wenn man krank ist. Ich würde gerne nette Leute kennen lernen, welche nicht immer irgendwie an meinem Körper rummachen.

Dieser Eintrag wurde am 22. Juli 2020 veröffentlicht. 4 Kommentare

Mal nachschauen

Dies und das zwickt bei mir. Manchmal die Beine, manchmal der Bauch, jenachdem wie ich liege auch in Höhe der Lunge. Trotz Chemo und Antikörper scheint es rund zu gehen in meinem Luxusbody. Bemaile Onki das ich der Ansicht bin, ein PetCT wäre mal wieder nötig. Jetzt. Und nicht erst Ende Chemo, was in achtzehn Wochen wäre.

Auch bin ich recht grosszügig mir gegenüber wenn es um kleine, runde Helferchen geht, sei es bei Schmerzen oder Schlafschwierigkeiten. Her mit allem, was mein Medikamentenschüsselchen bietet. (Man könnte es auch als Schüssel bezeichenen).

Covid-19 ist zäher als ich dachte, muss ich zugeben. Die Leute sind aber dümmer als erlaubt, dass ist auch sicher. In einen vollen Club rein und abfeieren, aber sicher. Wie dämlich ist das denn. Vermutlich können mehrere Erdenbewohner das Wort Eigenverantwortung nicht mal buchstabieren. Und weil man uns ja alles wie einem kleinen Kind vorschreiben muss, nein, dass darfst du nicht, doch, das darfst du, ist es natürlich sehr einfach, der Regierung die Schuld zu geben. Selber mitzudenken ist enorm unbequem. Wie ich gehört habe gehen die ganz Cleveren nach Tel Aviv zum Feiern bis der Arzt kommt. Egal, dass israelische Politiker vor laufender Kamera gestehen, es nicht mehr im Griff zu haben.

Seit ein paar Monaten schlagen wir uns mit diesem Virus rum. Und so wie es scheint, sind Psychiatrien und deren Mitarbeiter zum Teil überfordert. Wir, in unserer Überflussgesellschaft, haben nun etwas, dass uns zum Nachdenken anregt, keine Frage. Plötzlich läuft es nicht mehr so easy going. Und schon knickt der eine oder andere ein. Es ist ja auch für jeden von uns so selbstverständlich, dass alles immer läuft wie geplant, Sicherheit ist fix und unsere persönliche Freiheit ist grenzenlos. Arbeit, die wir uns aussuchen, wir ziehen an, was wir wollen, dürfen sagen, was wir denken, soziale Fairness ist gegeben (mir fällt kein Land ein, in welchem es besser läuft), wir gehen hin, wo wir wollen, seit über fünfzig Jahren kein Krieg mehr. In unserer Spassgesellschaft haben wir uns tatsächlich angewöhnt zu denken, es sei unser Recht, so zu leben, wie wir es konnten. Es ist ein Geschenk, so leben zu dürfen. Und nun jammern wir vor uns hin, weil wir nicht mehr problemlos rund um den Globus in die Ferien fliegen können, eine Maske zu tragen, da stellen wir uns an, als ob man uns das Auto weg genommen hat, und weil es so praktisch ist, sind immer die anderen schuld, egal an was.

Lernen

Nun kommt mir wieder langsam in den Sinn, warum ich bei der vorletzten Chemo den achten Zyklus nicht mehr reintrichtern lies. Sie macht mich kaputt, sie schafft mich. Und nun bin ich eben wieder an dieser Chemo dran und muss mir diese hart verdienen. Nach jedem Zyklus etwas mehr. Momentan sind es Gliederschmerzen, welche ich mit Schmerzhelferchen niederknüppel. Das doofe daran ist, dass entweder diese kleinen, weissen Helferchen auf meine Nieren gehen, oder, wenn ich andere einnehme, auf mein 12-Finger-Darm-Gschwür. Irgendwas wird immer gefordert, je nachdem, welcher Wirkstoff vertreten ist. Die Knoten am Hals sind fast verschwunden und schmerzen nicht mehr. Der Kopf hingegen zickt unregelmässig rum. Der Magen meldet sich auch von Zeit zu Zeit, irgendwas ist immer, und zwar immer mehr. Und dank Chemo nun Gliederschmerzen, nur noch müde und platt bringe ich die Tage hinter mir.

Von Zeit zu Zeit schmökere ich immer noch im Internet rum. Also, nicht Börsendaten sind es, die mich anziehen, sondern Geschreibsel über mein Krustentierchen. Und überraschend stelle ich fest, dass ich nicht mehr jedes zweite Wort googeln muss, so vereinzelt verstehe ich ich schon beim ersten Mal, was da steht. Das Wasser auf der Lunge ist z. B. ein lupenreiner Beweis, dass mein Krabbler aktiv ist. In meinem Fall hochaktiv, daher musste ich auch zum Teil innerhalb einer Woche zwei Mal abziehen. Aber natürlich muss Onki mir fachlich noch ein wenig auf die Sprünge helfen. (Wund) Wasser wird im Körper normalerweise über die Lymphbahnen abgeleitet. Die Lymphknoten sind aufgefädelt wie Perlen auf einer Schnur und sind quasi der Filter, welche Giftstoffe usw. rausfiltern. Auch Tumorzellen erzeugen Wundwasser, Exsudat genannt, welches sich einen Platz in meinem Körper gesucht hat. Und dies war die Körperhöhle zwischen Lungen- und Rippenfell, was zum Pleuraerguss führte. Hat man Wasser auf der Lunge kann diese sich beim atmen nicht mehr entsprechend entfalten und man hat das stete Gefühl, zu wenig Luft zu kriegen. Das ist nicht schön.

Hier ist auch der Grund, warum ich nonstop in Behandlung sein muss. Mir würde ein Krustentierchen reichen mit, sagen wir, Chemo, OP und Bestrahlung, und dann ist mal gut für ein halbes Jahr, oder sogar ein Jahr. Bei mir wird mindestens alle drei Wochen Gift in den Körper geleitet. Einzig warten auf die Studie hat zwei Mal vier Wochen behandlungsfreie Zeit gebracht. Und dafür auch Wasser auf der Lunge.

Es ist ein ewiges drehen im Hamsterrad, und manchmal habe ich das Gefühl, es dreht immer schneller.

Probleme

Wir alle haben sie, kleine und grosse Probleme. Für manche ist es ein Problem, wenn „die Töchter“ eines Landes in der Hymne nicht erwähnt werden, sondern nur „die Söhne“. Also wird dies mittels Gesetzesbeschluss geändert. Oder ein Schaumgebäck, hier Mohrenkopf genannt, im Ausland auch Schwedenbombe, muss aus dem Regal, damit sich niemand diskriminiert fühlt. Wie gesagt, jeder hat sie, die Probleme.

Mein Vordringliches sind momentan Kopfschmerzen. Und das hatte ich nun wirklich nie in meinem Leben. Mit einer Schmerztablette, und so um fünf Uhr morgens auch gerne mal eine Schlaftablette geht es auch mit schlafen. Ich hoffe inständig, dass ich nur wetterfühlig geworden bin, sprich, dass ich mich aufs Wetter raus reden kann. Machen ja genug andere Erdenbewohner auch. Meist sind es Frauen, wenn ich so darüber nachdenke. Warum eigentlich? Hirnmedas sind Endstadium. Mir geht wieder Mal der Reis wie es im Buche steht. Man kann auch sagen, in der Summe pfeifts. Aber wie!

Onki hat mir zugesichert (welch ein tolles Versprechen), dass spätestens nach Ende der Chemo wieder Mal ein PetCt ansteht. Verflixt und zugenäht, ich muss es bis zum Dez. schaffen, ich muss! Damit ich aufrecht vor Onki hinstehen kann und sagen – ha, noch lebe ich! Die fünf Jahre sind rum, ich habe es geschafft. Wenn nötig, meinte Onki, können wir mich auch früher in die Röhre schicken. Das Gammaknife (eine Bestrahlunsmethode) sehe ich über meinem Kopf kreisen. Ehrlich, muss ich denn alles erfahren. Darf es nicht auch mal nur was Gewöhnliches sein?

Es kann ja wohl auch nicht sein, dass so ein Hirn wächst und plötzlich gegen die Schädeldecke drückt, oder? Die, die mich kennen, werden jetzt wohl ziemlich laut lachen, ja, ja, schon klar, MEIN Hirn wächst ganz sicher nicht.

Kürzlich bin ich tatsächlich auf einen Zeitgenossen gestossen, welcher mich mal fragte, was denn nun bei mir eigentlich los sei. Brustkrebs, war meine Antwort. Ja, aber jetzt sei gut, meint er. Das sind schon manchmal die Momente wo ich vermutlich ziemlich belämmert aus der Wäsche schaue. Nein, es sei nicht gut, meine ich. Ob man nicht operieren könnte, meint er. Alles gemacht, ratzfatz weg. Er will mehr wissen. Also gut, ich beginne aufzuzählen. Ich kann nicht mal alle acht Stellen mit den Ablegern aufzählen, von den Gallensteienen, 12-Finger-Darm-Geschwür, den Nierenzysten usw. gar nicht zu reden. Beim sechsten Ableger winkt er ab wie es normal gemacht wird, wenn man dem Gegenüber seine Plaudereien nicht abnimmt. Man glaubt mir nicht? MAN GLAUBT MIR NICHT? Nun, ich bin ja nicht bei einem Bewerbungsgespräch wo ich meine Glaubwürdigkeit schon eher vertreten würde. Also reden wir halt über etwas anderes.

Und manchmal würde ich mir auch wünschen, dass mich in meinem Leben nur stört, dass der Mohrenkopf Mohrenkopf heisst.

Todesmutig

Spätestens seit es WC Papier im Angebot gibt, darf man doch davon ausgehen das Covid-19 ein wenig rückläufig ist. Also höchste Zeit sich wieder  unters Volk zu mischen. Ich lande bei lieben Kollegen im Garten. Es wird spät und später und es gibt ein Abendessen, auch im Garten. Die Katze des Hauses  stromert im Freien rum, plötzlich begleitet von einer Maus. Und was für eine Maus! Ca. drei cm klein aber aggressiv wie ein Wasserbüffel. Mehr als verblüfft sehen wir alle, wie diese der Katze zum Teil richtiggehend ins Gesicht springt. Die Katze spielt munter mit Jerry-Maus weiter und lässt sie bis zu 30 cm durch die Luft purzeln. Ich würde mal sagen, so eine halbe Stunde dauerte die Show bestimmt. Man stelle sich nur mal die Grössenverhältnisse auf uns Menschen übertragen vor. Der durchschnittliche Homosapien stirbt doch da schon an einem Herz-Zick-Zack. Die Geschichte endete der Natur entsprechend mit einer kleinen Schmauserei für die Katze.

Es hat sich mal wieder gezeigt, Mut ist manchmal für gar nichts gut ausser Verlängerung eines ohnehin zeitlich beschränkten Lebens. Merke ich mir!

In meiner Mailbox finde ich eine Nachricht von Mpi. Aha? Bevor ich sie geöffnet habe denke ich schon daran, ob wohl eine passende Studie ansteht? Immerhin habe ich ihn wissen lassen, wenn sich etwas anbietet, ich bin wieder dabei. Andererseits, Onki wüsste es bestimmt schon und hätte mich sicherlich in irgendeiner Form vorgewarnt. Es war keine Mitteilung über eine neue Studie, was mich ein wenig enttäuschte, es war eine Frage zu meinem Wohlbefinden, was mich hingegen doch wieder sehr freute. Soll mir auch Recht sein, blauschen MPi und ich ein wenig online.

Chemo und Antikörper machen gute Dienste. Silberrücken & Co sind schon fast weg, Lunge arbeitet auch gut, und so kann ich nicht klagen. Das letzte Mal wurden die Haare  dünn und dünner. Also, das letzte Mal als ich mit dieser Chemo zugetrichtert wurde. Nun bin ich schon rund fünf Wochen dran und die Haare sind immer noch vor Ort. Ich habe mein Durcheinander auf dem Kopf satt und mache mich auf den Weg zu einem Profi. Es wird dran rumgeschnetzelt und auch mit Farbe spart man nicht. Wenn mein Körper nicht mit irgendwelchem medizinischen Mittelchen vergiftet wird habe ich ziemlich viel Haare auf den Kopf. Diese werden nun ausgedünnt, der Profi nennt es auch effilieren. Mit dem Ergebnis bin ich eigentlich zufrieden. Erst auf dem nach-Hause-Weg frage ich mich, war es nun schlau, die Haare ausdünnen zu lassen, wenn in den nächsten Wochen das Ganze von selber passiert? Ja, nachher ist man immer schlauer, in meinem Fall auch eine schöne Stange Geld los.

Verwirrend

Manchmal überraschen mich Fragen. Als ich vor kurzem einer Kollegin erzählte, dass da wieder Chemo in mich reingetrichert wird, und diese auch schon geholfen hat, kommt doch tatsächlich die Frage zurück, ob mein Port (der unter der Schulter eingesetzte Infusionskatheder) immer noch brav seine Dienste tut? Ich verstehe zuerst gar nicht, worum es geht? Erst beim Nachfragen stelle ich fest, sie will tatsächlich wissen, ob mein Port noch tut wie er soll. Ja, tut er. Eigenartig, dass wurde ich noch nie gefragt. So ein Port ist schon eine feine Sache. Meine Venen sind für die Tonne. Es ist nicht so lässig, wenn am Fuss Blut abgezapft werden muss, weil die Venen davonrollen, platzen, was auch immer, auf jeden Fall nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, wären meine Chemos immer über die Venen am Arm gelaufen, wären diese nach viereinhalb Jahren wohl komplett verbrannt, kaputt, aus und fertig damit. Aber so bin ich da fein raus.

Kann es sein, dass es irritierend ist, wenn ich sage, dass es mir seit Beginn der Chemo wieder besser geht? Vermutlich klingt es eher anders, wenn sich jemand mit Gift regelmässig auffüllen lässt? Nun ist es tatsächlich so, dass die Schmerzen zurück gegangen sind, die Knoten am Hals, bis auf Silberrücken, bereits weg und  der Husten momentan recht selten geworden ist, und auch die Schmerzen im allgemeinen verschwunden sind. Am Telefon plausche ich mit einer Kollegin, und ebendies erzähle ich ihr. Sie verstummt und meint dann schliesslich „Ich lass‘ das mal so stehen“. Ja, eine andere Möglichkeit hat das Mädchen auch nicht. Ich bin kein Held, wenn es mir schlecht geht, sage ich dies, und wenn es mir (wieder) besser geht, auch. Da sehe ich keinen Grund hin und her zu flunkern, warum auch?

Eine Bloggerei ist manchmal doch eine recht praktische Sache. So darf ich feststellen, dass ich mir ewiges Gerede über mein Krustentierchen bei Kollegen ersparen kann, auch wenn ich diese schon länger nicht mehr gesehen habe. Sie lesen hier mit, und so können wir uns den schöneren, lustigeren, unterhaltsameren Themen widmen. Weil es ja halt doch recht oft immer die gleiche Leier bei mir ist, wie schon ein paar Mal geschrieben. Wieder mal Chemo, Antikörper nontstop, da und dort ein Zipperlein mehr, Ableger  und das Beigemüse, was soll’s. Und ja, mittlerweile bin ich tatsächlich soweit, dass ich schneller bin, wenn ich aufzähle, welche Organe, Körperregionen bei mir noch nicht betroffen sind. Krustentierchen hat die Überhand gewonnen. Das ich manchmal ganz leichte Kopfschmerzen habe, verdränge ich erst Mal. Ich will nocht keine Kopfmetas, ich will einfach nicht. Weiss gar nicht, ob ich es Onki erzählen soll. Und ich weiss auch nicht, ob er hier mitliest. Was auch egal ist, er weiss ja eh meist vor mir und meinem Körper, was als Nächstes ansteht. Hirnmetas – Endstadium bei Brustkrebs, bitte (noch) nicht. Andererseits, ich bin schon recht lange ziemlich fix unterwegs für die Art von Untermieter. Und ich gebe es zu, mittlerweile bin auch ich überrascht, dass es mir doch verhätlnismässig lange so gut geht. Da habe ich zu Beginn was ganz anderes erwartet.

Ein Bekannter von mir hat es mal auf den Punkt gebracht. War bei ihm zu Besuch, wir waren eine recht fröhliche Runde am Tisch, nur war er für seine Verhältnisse ziemlich schweigsam. Da helfe ich ihm auf die Sprünge, finde ich, und frage, ob er denn heute nichts zu sagen hätte? Da meint er doch in seiner allseites bekannten, charmanten Art „Nein, dir nicht, weil so etwas wie du normalerweise schon lange tot ist“. Und das reicht nicht, eigentlich geben ihm alle am Tisch Recht. Da hat er Pech, noch bin ich hier ihn zu ärgern, lasse ich ihn wissen. Alle am Tisch, incl. mir, verstanden, dass es für seine Verhältnisse ein ordentliches Kompliment war, so im Stil “ Es freut mich aufrichtig, dass es Dir immer noch so gut geht, auch wenn es fast nicht zu glauben ist“. Seine Aussagen kommen bei ihm nie im herkömmlichen Stil über die Lippe, nein, er packt es immer in schmissige Sätze, was er zu sagen hat. So ist es mir auch lieber.

Nach Hause kommen

Ja, ein klein wenig war es wie nach Hause kommen, als ich wieder in Onkis Laden eindrudelte. Nach drei-monatiger-Abwesenheit kennen mich immer noch alle beim Namen. Na ja, vier Jahre hatten sie ja Zeit, sich diesen zu merken. Der Chemoraum ist leer und ich darf mir einen Stuhl aussuchen. Mein allererster wird es, da, wo ich zu Beginn rund fünf Stunden gesessen bin. Sämtliches Lesematerial ist nicht mehr vorhanden, (wie komme ich jetzt zu meinem wöchentlichne GEO – Artikel?), der Kaffee kommt im Einwegbecher daher, und alle Mitarbeiter tragen einen Mundschutz. Bei Eintritt in die Praxis wird zuerst die Temperatur gemessen. Hm. COVID-19 all over.

So liege ich also etwas gelangweilt am Tropf und belästige via WhatsApp ein paar Bekannte. Irgendwann huscht Onki im Stechschritt vorbei. Hui, ihm brennt der Hut, will heissen, sieht aus, als ob er wirklich viel zu tun hätte. Die eine oder andere Chemodame kommt auf einen Schwatz vorbei. Auch Onki setzt sich irgendwann auf ein kleinen Plausch zu mir. Wir hatten offiziell keinen Gesprächstermin, er hat schlichtweg zuviel zu tun. Mir aber ist es lieber wenn nach fünf Wochen behandlungsfreier Zeit doch mal wieder Gift in mich geleitet wird, wenn es sein muss auch ohne Plauscherei mit Onki.  Wir gehen im Schnelldurchgang die letzten 12 Wochen durch, was passiert ist usw., auf beiden Seiten.

Husch husch frage ich ihn noch wie es denn nun mit meinem Silberrücken aussieht, wenn der weiterhin so weh tut muss was gemacht werden. So geht das nicht. Mein Vorschlag, das Ungemach rauszuschnetzeln kommentiert er mit, „voerher verbraten wir ihn“. Ja klar, warum habe ich nicht daran gedacht. Bestrahlung ist des Rätsels Lösung. Aber nun warte ich zuerst ab, wie und ob die Chemo, so wie das letzte Mal, die Dinger an meinem Hals schrumpfen lässt. So Bestrahlung ist ja nun auch nicht ein Zuckerschlecken. Flugs hat Onki einen Handschuh übergestreift und tastet an meinem Hals rum. Ja, hart isser, und gross geworden, Ich weiss, laufe ja täglich mit ihm rum. Warten, wie die Chemo tut. Auch wenn ich weiss, die Chemo hilft immer weniger. Sie hilft, aber eben, immer weniger. Sonst hätte ich keinen Schlenker zur Studie gemacht.

Zytostatiken Studien werden immer von der Herstellerfirma finanziert. Gut, das werden alle Medikamentenstudien. Bei regulären Studien werden die Probanden auch bezahlt. Bei Krebsmittel werden einem die Fahrkosten erstattet, mehr nicht. So zumindest stand es in den rund 22 Seiten der Studienunterlagen. Ich erhalte auch eine Abrechnung für die Fahrten mit der Bitte, diese für gut zu befinden und meine Bankverbindung anzugeben. Habe den IBAN auch schon reingehackt als ich auf die Summe schaue. Ne, oder? Die wollen mich mit einer Pauschale abfertigen? Da rufe ich doch mal im Spital an. Ja, das Spital rechne mit mir ab, überweist mir das Geld und fordert es anschliessend vom „Sponsor“, wie sich die Medikamentenbude nennt, ein. Nun weiss man ja, so Mediläden nagen nicht wirklich am Hungertuch. Ich hätte doch bitte gerne die schriftlich zugesicherte Entschädigung für die Fahrten. Man wird nachfragen. Und tatsächlich, es klappt. Die Summe  wird fast verdreifacht. Es geht nicht um die Summe als solches, aber seien wir ehrlich, so eine Pharmabude kommt nicht in die roten Zahlen, wenn sie ihren Versuchskaninschen das korrekte Fahrgeld ausbezahlt. Hätte das Spital die Kosten übernommen, wäre ich ruhig geblieben. Das Spital und seine Mitarbeiter hat einen wirklich guten Job gemacht, das reicht mir schon.

Streiten um Geld mache ich immer gerne, die Höhe der Summe ist mir da egal. Korrekte Rechnung macht gute Freunde, ist meine Devise.

Nun also seit ein paar Tagen wieder Chemo in mir. Und ein ganz eingenartiges Gefühl von Sicherheit macht sich in mir breit. Ich weiss, die Chemo geht gegen die Tumorzellen, also hoffentlich auch gegen die dämlichen Dinger in der Lunge, und der Antikörper bremst Her2 ein. Ich weiss auch, wie es zu und her geht. Die erste Nacht liege ich rund 16 Stunden flach trotzt Kortison, nur hat mir MPi ein Schlafmittel besorgt, dass mich platt macht. Und das ganze Gestell tut weh. Auch das kenne ich. Also Schmerzmittel rein. Und das Codein für gegen den Husten. Ja, wie schon ein paar Mal gesagt, ich zicke nicht mehr gross rum mit Medis, wenn mir etwas hilft nehme ich es und fertig und aus. Nach zwei, drei Tagen sind es vor allem die Schultern, die schmerzen. Das habe ich dem Kortison zu verdanken. Aber, aber, alles ok, so lange nicht erbrechen und solange es auf der Lunge hilft. Man wird bescheiden und für ein wenig Hilfe dankbar, stelle ich fest. Und das die herkömmlichen Chemos immer weniger helfen, schon helfen, aber halt immer weniger – ich schiebe es zur Seite. Es ist das Einzige, was ich noch machen kann.

Falls das Wasser wieder auftaucht werde ich doch eine Pleurodese machen lassen müssen. Eine liebe Kollegin von mir, und sie ist quasi vom Fach, hat dies prosaisch mit „Lungenpickerei“ umschrieben. Ja, ist es im Prinzip auch.

Hatten wir schon

Die Entscheidung ist gefallen. Die Chemo mit Antikörper wird es werden. Nächste Woche geht es los, wieder bei Onki.  Und erfahrungsgemäss legt mein Krabbler zu wenn da nichts an Gift in mich hinein getrichtert wird. Dies ist nun schon fünf Wochen der Fall und üblicherweise meldet sich die Lunge. Und mein Schnauforgan lässt mich auch jetzt nicht im Stich, will heissen  das Atmen wird zusehends schwieriger. Erfahrungsgemäss geht es schnell, wenn es los geht. Also, MPi muss her. Und zwar MPi deswegen weil er mich dort kann anmelden, wo das abziehen des Wassers für meine Begriffe etwas schmerzfreier funktioniert. Die Herrschaften kenne ich dort bereits, zur Corona Zeit haben wir begonnen uns fusselnd zu begrüssen während wir uns fröhlich anlachen. Auf jeden Fall geht dort eine Anmeldung ruchzuck, Anruf bei MPi, Anruf der Disposition der Pneumologie und am nächsten Tag steht der Termin, Blutverdünner absetzten nicht vergessen. Eigentlich könnte ich mich auch direkt anmelden. Herr Disponent und ich kennen uns von einer kleinen Plauscherei, und er hat versprochen, ich darf jederzeit und immer anrufen für einen Termin. Jedenfalls wird der Ultraschall ans Licht bringen, ob es Wasser ist, welches mich tief schnaufen lässt – oder doch die wachsenden Ableger. Wasser abziehen wäre sofort die Lösung. Für die Ableger hoffe ich auf die Chemo.

Manchmal denke ich mir schon, irgendwo sitzt da oben einer, der will mir ganz fürchterlich eines auswischen. Was ich wohl angestellt habe, dass ich nie vergessen werden, wenn es wieder schlechter wird? Neben meiner Lunge ist es mittlerweile auch Silberrücken, der sich bemerkbar macht. Für die Desinteressierten und sporadisch Mitleser, mein Silberrücken ist der mittlerweile rund 5 cm grosse Lymphknoten linksseitig an meinem Hals, und steinhart. Er wird treu begleitet von vier weiteren Knoten, dafür kleiner. Gut sichtbar und auch spürbar. Auf jeden Fall ist Silberrücken nun gut spürbar, auch im sitzen, wenn ich mich nicht bewege. Das ist neu. Und nach rund fünf Minuten gehen oder laufen beginnt er enorm weh zu tun, so weh, dass ich mir die Schulter hochziehe und den Kopf schräg lege. Das dies total bescheuert aussieht, damit kann ich leben, aber ich frage mich, wann chronische Rückenschmerzen treue Begleiter werden, wenn ich immer so verbogen rum laufe. Bis anhin kenne ich keine Rückenschmerzen, worüber ich ziemlich froh bin. Und natürlich, allwissend wie ich bin, weiss ich auch warum dies so ist. Ich habe im grossen und ganzen immer einen weiten Bogen um High Heels gemacht. Mit meiner Grösse schaffe ich die Durchschnittsgrösse des Mannes, mit High Heels bewaffnet reduziert sich ein für mich in Frage kommender Mann grössentechnisch gesehen trastisch. Also habe ich diese Dinger meist weg gelassen. Falls die Chemo keinen Einfluss auf die Grösse von Silberrücken hat werde ich Onki mal anfragen, ob man diesen auch raus nehmen kann. Meine Erklärung für die Schmerzen ist, dass er mittlerweile zu viel Platz braucht oder/und irgendwo auf einen Nerv drücken. Man wird sehen.

Covid-19 ist meinen Finanzen zuträglich. Schaffe es momentan nicht, gleich viel Geld wie normalerweise üblich auszugeben. Aber ich bin erfinderisch und investiere das Überbleibsel in Telefongespräche. International, weil es sich sonst ja nicht lohnt. Aber natürlich auch national. Eine liebe Kollegin von mir wohnt sehr idyllisch, praktisch in den Bergen. Das kann ich von mir nicht behaupten. So wie sie mir erzählt hat, wird die Bergregion wochenends praktisch von uns Flachländern überrannt. Das ist noch verständlich, da man endlich mal raus will. Was nun schon eher das wahre Gesicht von uns Menschen zeigt, unseren Egoismus, ist, dass trotz Feuerverbot oft und gerne die Wurst über einem kleinen Feuer gebraten wird. Sieht aus, als ob das offizielle Feuerverbot nur um die eigene Adresse herum einzuhalten wert ist. Passenderweise lese ich auch irgendwo, dass Littering, also das liegen lassen von Abfall, zunimmt. Auch davon erzählt mir meine Kollegin. Ja, so sauber und ordentlich wir es gerne zu Hause haben, sobald wir glauben, niemand sieht uns, verändern wir unser Verhalten dahingehend, dass wir es öffentlich nie zugeben würden. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, würde solches Verhalten weit in Abrede stellen. Es sind immer die Anderen.

Mein hochoffizielles Arbeitsverbot würde mir ermöglichen, dass ich losziehen könnte, in die Bergregieon, wo unter der Woche nicht ganz so viele Flachlandindianer rumschleichen. Nur, mit meiner Lunge bin ich schon froh, wenn ich es von der Tiefgarage in meine Wohnung schaffe. Und nun bin ich wieder dort wo ich heute begonnen habe – meine Hoffnung ist die Chemo.

Dieser Eintrag wurde am 2. Mai 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare